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Mr. 96.
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Dienstag, den 25. April 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
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Vom felt zum Werktag.
Die Ostersonne ist zur Rüste gegangen. Erbauung und Croft hat die christliche Welt geschöpft aus den Tagen, da der Eriumphgesang erscholl von dem Sieg des neuerstandenen Lichts über die Mächte der Finsternis und der Verneinung, on der unvergänglichen Lebenskraft der aus Grabesfesseln rei emporschwebenden Wahrheit. Der Festjubel ist verauscht; nun heißt es wieder mit frischem Mute und ernſtem Etreben an die Arbeit des Alltages gehen. Das soll und uß die Menschheit tun nicht mit Unwillen und Verdrießlicheit, sondern mit fröhlichem Rückblick auf die genossenen Freuden, aber auch mit entschlossenem Vorwärtsschauen auf ie harrenden Aufgaben. Gerade das Osterfest mit seiner wieja chen Bedeutung, dem Obsiegen der göttlichen Liebesehre über Verblendung und Aberglauben, und dem Einzug Des segenspendenden Frühlings, ist geeignet, neue Impulse Fir to tkräftiges Wirken und Schaffen zu geben. Nach der Mube die Arbeit, so ist es recht. Nur dann werden uns die Zeste zu wirklich frohen, nach dem alten Sprichwort, wenn die auren Wochen vorhergegangen sind. Und wird nicht jeder Tag zum Höhepunkt, an dem wir an unserem kleinen Teile der Pflicht genügt haben, die das Schicksal uns zu erillen gab? Da heißt es, den Festtagsrock an die Seite mängen, und mit williger Hand an das Werk gehen, das zu wollenden notwendig ist. Auferstehen muß jeder Staubge= orene an jedem neuen Morgen von den erschlaffenden Zagern der Trägheit, auferstehen aus den Banden der sinnmnebelnden Gewalten, die ihm in trügerischer Weise den mühel osen Genuß als das höchste der irdischen Ziele voraufel.n.
Die Osterzeit ist für ungezählte herangewachsene Menschenfinder der Zeitpunkt, an dem sie hinausgeschickt werDen im die Fluten des brandenden Lebens. Schule und jaus führten sie bisher sicher am Arm der Eltern, der Lehrer iber Untiefen und Klippen. Jetzt werden sie auf sich selbst gestellt. Forschen und suchen müssen sie nun, forschen nach Der Art der Betätigung im wirbelnden Getriebe der Welt, uchen nach der eigenen Festigung und Ueberzeugungstreue. die für die einnmal erfannte Wahrheit auch zu dulden und u leiden weiß. Der Gottessohn, der am Schandpfahle sein Reben für die Wahrheit aushauchte, hinterließ dem kämpfenen Menschen das erhabenste Beispiel. Durch Not und Qual ing der Weg des Gekreuzigten empor zu den lichten Höhen immillischer Vollendung. Per aspera ad astra- zu den Stern en müssen wir unser Angesicht erheben, wenn der Pfad einig und dornenvoll wird, wenn die Hand erlahmen und er Mut sinken will. Die Geschichte der Menschheit ist nicht in Ding des Zufalls gewesen. Vor uns haben Milliarden arbeitet, gehofft und gelitten, nach uns werden Milliarden ingen und bluten, aber aufmärts hat der Weg bisher eführt und aufwärts gehen wir selbst, wenn wir uns geben, treu und ohne Schwanken der Pflicht die erste Seite im Lebensbuche einzuräumen. Nicht der Pflicht. mürrisch getragen wird als ein Joch und eine Bürde, ondern die wir freiwillig und heiter ansehen als die beste Begleiterin, die tröstende Freundin in allem Ungemach, die ansthafte Beraterin bei jedem Zweifel.
Denken wir so, dann wird uns jeder Werktag zum Fest. De Ruhe nach dem fertigen Werk ist um so köstlicher, je mehr wir in uns selbst die Befriedigung tragen und den Wunsch, auch fernerhin mitzuwirken an Kultur und Geeinem verhüllten Patel Fitturug, zu dienen nicht dem nackten Egoismus für das
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ugere Wohlergehen der eigenen Person, sondern ein Wertdaffender zu werden für Jamilie, Volf, Allgemeinheit. Unser Leben währet siebenzig Jahr, und wenn's Hoch ommt, so sind's achtzig Jahr, und wenn's köstlich gewesen iso ist's Mühe und Arbeit gewesen," sagt der Psalmist. Jühe und Arbeit ist köstlich, nur aus ihnen wächst der beer für den Großen und das bescheidene Blümlein des denfens am Grabe desjenigen, der tief unten im Tale bandelt. Arbeiten wir Segen ist der Mühe Preis!
Kretas ,, nationale Wiedergeburt". Dit unwilligem oder mindestens erstauntem Kopfschütteln man in den europäischen Hauptstädten von dem TheaterNotiz genommen, den die fretensische Volksversammlung Szene gesezt hat. Wie es den Anschein hat, wird der ziell proklamierte Anschluß an Griechenland eine pame Erklärung bleiben. Wie gering man in eingeweihten eisen die Kreter und ihr Streben nach ,, nationaler Wiederurt" einschätzt, beweisen die nachfolgenden interessanten führungen eines Deutschen, der lange Zeit in der Lete zugebracht hat und die einschlägigen Verhältnisse aufs auefte tennt:
In dem südosteuropäischen Wetterwinkel gärt es schon ge. Eigentlich gärt es dort immer. Das Gären ist der turzustand bei den„ interessanter Völkerschaften" da en, deren Hand von je gegen jeden erhoben gewesen und en die sich deshalb jedermanns Hand erhoben hat. Nur in cin Starker da ist, vor dem die Rauflustigen zittern, Ruhe gehalten. Ein Starker aber ist nicht mehr im
Lande, seitdem ein Nachkomme des Propheten, Sultan Wah= mud der Prächtige, sich gezwungen gesehen, seine eigene Garde, die Janitscharen, zu seiner Sicherheit niederzumachen. Sultan Mahmud war vielleicht der letzte große und heldenhafte Khalif. Doch es war sein Kismet, daß er sein Heldentum nicht anders anwenden konnte, als zum Verderben der Kraft seines Landes. Sein Grabmal in Konstantinopel, ein wundervolles Mausoleum, ist ohne Absicht ein Symbol seines Wirkens: In der Mitte eines hochgewölbten Raumes steht auf niedrigem, umgitterten Ausbau sein mächtiger Sarkophag. Zu seinen Füßen in fleineren Särgen seine Lieblingsfrauen, und an seiner Seite die Tochter, an der er mit besonderer Zärtlichkeit hing. Rund umher riesige Säulen von Mannesstärke aus Wachs. Es sind brennende Lichtsäulen, die einen merkwürdigen Glanz verbreiten und sich verzehren. So hat Mahmud der Prächtige auch bei Lebzeiten leuchtend sich verzehrt. Sultan Mahmud war der letzte Khalif, der die ,, interessanten Völferschaften" an der Donau und auf der Balkanhalbinsel mit eisernes Faust niederhielt und mit grimmiger Verachtung auf die Besiegten herabsah, die sich für Nachkommen der Römer halten, weil sie die eigene Sprache vergessen, vielleicht auch nie eine besessen haben, oder für Nachkommen der Griechen, weil sie auf den Gräbern der Hellenen ein Räuberleben führen. Seitdem er gestorben, heißt der Herrscher am Goldenen Horn der " kranke Mann", und vor dem fürchten sich die„ Interessanten" nicht, obwohl er in seiner Schwäche selbst ihnen noch weit überlegen ist. Sie wissen eben, daß der„ franke Mann" sie wohl noch besiegen, aber nicht mehr wie Besiegte behandeln darf. So ließen sich die Serben im Jahr 1876/7 einmal ums andere von den Türken niederrennen, bis der ..große slawische Bruder", der Russe, kam und Serbiens Selbständigkeit erkämpfte, was ihm übrigens schwer genug fiel. Fürst Milan war von den Türken buchstäblich zum König geschlagen worden. Im Jahr 1886 machte Fürst Alexander von Bulgarien den Putsch, der Ostrumelien zu Bulgarien brachte, ihn selbst aber seinen Fürstenhut kostete. Der große russische Bruder war diesmal sehr unzufrichen gewesen, und er wußte, warum. Für Serbiens Befreiung hatte er Bosnien und die Herzegowina an DesterreichUngarn hingeben müssen, und er befürchtete eine weitere Verschiebung nach Osten für den Schwerpunkt der habs= burgischen Monarchie. Die Vereinigung Ostrumeliens mit Bulgarien ließ sich freilich nicht mehr rückgängig machen.
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gab es ein neues Ringen. Die Griechen verlangten Mazedonien und die Insel Kreta. Sie brachen den Frieden und... flohen schamlos flohen sie vor den Türken Es fehlte nicht viel, so legten sie ihre Feigheit dem Kronprinzen zur Last. Sie würden ihn vielleicht schlecht behandelt haben, wenn er nicht ein Vetter des Zaren war. Gegen den schmählichen Friedensbruch der Griechen erhob nur einer seine Stimme: der deutsche Kaiser, der laut verkündete, der griechische Flibustierzug dürfe unter feinen Umständen sein Ziel erreichen. Damit war die Vergeblichkeit der griechischen Bemühungen besiegelt. Nur Kreta erhielt eine Art Autonomie. Prinz Georg von Griechenland wurde zum Gouverneur der Insel ernannt; eine internationale Schußtruppe wurde ihm zur Seite gestellt, um ihn vor seinen treuen Untertanen zu schüßen und die Kreter in Ordnung zu halten.
Ob damals die Griechen die hohe Erlaubnis des russischen Vetters zu ihrem Vorgehen hatten, ist im Ungewissen. Jedenfalls durften sie im Fall des Erfolgs auf Verzeihen rechnen. Deutsche Ehrlichkeit hat ihnen das Geschäft verdorben.
Jetzt wird der große russische Bruder weder von Slamen noch von Griechen gefragt. Man fragt ihn nicht erst, denn man fürchtet ihn nicht mehr. Er ist im eigenen Lande und im fernen Often Asiens zu sehr beschäftigt und ernstlich in Anspruch genommen, so daß er nicht die Vorsehung oder den Befreier spielen kann, was seine Lieblingsbeschäftigung allerdings nur im Auslande ausmacht. Das Aergerliche und Störende ist nur, daß die interessanten Völkerschaften alle von Rußlands Mißgeschick wissen, daß sie alle davon profitieren wollen und daß alle dasselbe Bentestück im Auge haben: Mazedonien. Griechen, Serben und Bulgaren sind vollkommen einig in dem Gegenstand ihres Wunsches und darin, daß der andere diesen Gegenstand nicht haben soll. Darum bekämpfen die Griechen-, Serben- und Bulgarenbanden in Mazedonien einander weit wütender als den Türken, der mit unveränderter Verachtung auf sie herabsieht.
Nur in Kreta sind die Griechen ohne Konkurrenz. Die Landesvertretung hat dort einfach den Anschluß an Griechenland beschlossen. Damit ist freilich nichts erreicht. Die internationalen Schußtruppen sind auf der Insel und sorgen dafür, daß diese nationale Wiedergeburt" ihren Begeisterungsausdruck nicht in einer Abschlachtung der muhammedanischen Bevölkerung finde. Denn darin allein sind die Areter, ihrem biblischen Ruf entgegen, feine, faulen Bäuche". Ueber Kretas Schicksal werden die Mächte entscheiden, ohne Rücksicht auf den Aufstand der Kreter. Augenblicklich liegt fein Grund vor, an der Verfassung der Insel etwas zu ändern. Dergleichen vermeidet die internationale Diplomatie gern, schon um nicht neue Ansprüche hervortreten zu lassen.
Die Seefeftung Wladiwoftok. ( Von unserem militärischen Mitarbeiter.) Je weiter die Flotte Roschdjestwenskys nach Osten vordringt, Schritt um Schritt dem großen Ziel: Wladiwostok näherkommt, um so größer wird naturgemäß das Interesse, das man in Rußland diesem Hafenplatz entgegenbringt. Nach dem Fall Port Arthurs ist ja Wladiwostok der einzige befestigte Hafen, über den Rußland in der Nähe des Kriegsschauplages überhaupt noch verfügt, und sein relativer Wert demnach für die russische Kriegsführung unermeßlich. Wladiwostok ist der Stützpunkt für den Rest der russischen Kriegsflotte im Stillen Ozean und muß auch zum Stützpunkt der Baltischen Flotte werden, falls sie bis dorthin gelangt. Aber auch objektiv betrachtet stellt sich Wladiwostok als eine Seefestung ersten Ranges dar, die an Stärke Port Arthur nicht mur ebenbürtig ist, sondern dieses in mancher Hinsicht noch übertrifft.
Die Lage des Hafens ist der von Port Arthur nicht unähnlich. Er befindet sich an der Spike einer Halbinsel ( Murawjew Amurski), die sich 20 Kilometer lang zwischen den Meerbusen des Amur und des Ussuri, die beide Teile der Bai Peters des Großen sind, ins Meer hineinerstreckt. Strategisch ist die Position selbstverständlich weniger bedeutsam als die von Port Arthur, das, um mit einem napoleonischen Wort zu sprechen, eine auf das Herz( Chinas) gesetzte Pistole war. Mit Rücksicht auf die Verteidigung ist jedoch der Wert von Wladiwostok dem von Port Arthur noch überlegen. Der Meeresarm, der sich fjordartig ins Land zieht, wird im Süden durch die große Insel Kazakewitsch gesichert, wodurch zwei Ausgänge geschaffen werden, die nur schwer gleichzeitig blockiert werden können. Ueber dies ist der innere Hafen von großer Ausdehnung und Tiefe, während der von Port Arthur ungenügend war und durch Molen vervollständigt werden mußte, die eine äußere Reede bildeten. Der Umstand, daß diese Arbeiten in Port Arthur zu richtiger Zeit noch nicht vollendet waren, hat die Niederlage der dortigen russischen Kriegsflotte wesentlich beschleunigt. In Wladimostok wäre derartiges nicht zu befürchten, wenn die Verteidiger sich nicht eine ganz außerordentliche Nachlässigkeit zu schulden kommen ließen.
Wegen der Aehnlichkeit mit der Lage von Konstantinopel haben die Russen der Meerenge vor dem Hafen den Namen des östlichen Bosporus und der Reede selbst den Namen Goldenes Horn( Zolotoi Rog) gegeben. Der östliche Bosporus, der die Halbinsel Murawzew von der Nordküste der Insel Kazakewitsch trennt, hat etwa 11 Kilometer Länge von Ost nach West und an seiner engsten Stelle ein Kilometer Breite. Seine Ufer steigen 20 bis 30 Meter hoch aus dem Meer auf, sind felsig und von zahllosen Buchten durchschnitten, die nach Helden des Trojanischen Krieges( Paris, Ajax, Patroklos, Odysseus, Diomedes u. s. w.) benannt sind. In dieser Meerenge finden Schiffe überall trefflichen Ankergrund, aber die Tiefe ist beträchtlich( 27-48 Meter); bei Ostwinden tritt starker Wellenschlag ein. Der westliche Eingang zum Bosporus zwischen den Kaps Tokarem und Larionow ist durch eine lange Sandbank bis auf 500 Meter berengt, der steingang ist viel breiter, 3700 Meter, wird aber durch die Insel Skryplew, einen runden Felsen von etwa 300 Meter Durchmesser, der sich in Klippen fortsetzt, in zwei Teile zerlegt. Die Bucht des Goldenen Horns liegt an der Nordwestseite des östlichen Bosporus und hat an ihrem Eingang 1300 Meter Breite; sie verläuft zunächst zwei Kilometer nördlich und biegt dann nach Osten um. Ihre Gesamtlänge beträgt über 5 Kilometer, ihre mittlere Breite 750 Meter. Einen besser geschütten und auch sonst vortrefflichen Ankerplatz kann man sich kaum denken. Das Arsenal und die Stadt ist gegen ein Bombardement durch ziemlich hohe Hügel geschützt. Der Plaz wäre als Kriegshafen überhaupt vollendet, wenn nicht der Meerbusen sich jeden Winter für die Dauer von vier Monaten mit Eis be= deckte, dessen Dicke freilich meist nicht über 80 Zentimeter hinausgeht, so daß ein Eisbrecher das Wasser bis zum Arsenal hinauf frei halten kann. Gelingt es Roschdjestwensky, auch nur mit einem Teil seiner Flotte nach Wladiwostok zu kommen, so steht den Japanern harte Arbeit bevor.
Roschdjestwenskys Flotte
soll inzwischen die Kamranh- Bucht wieder verlassen haben, wie es heißt, auf einen gelinden Druck seitens der franzö sischen Regierung hin, die sich mit den Japanern nicht wei ter um des russischen Alliierten willen habe verfeinden wollen. Auch fürchtete man in Paris, daß eine Schlacht nahe bevorstehe. Wenn diese in den indochinesischen Gewässern stattfinden sollte und die russischen Schiffe sich in französische Häfen flüchten sollten, könnte Frankreich leicht in den Konflikt hineingezogen werden. Der japanische Gesandte in Paris hatte es an Deutlichkeit in seinen Erflärungen nicht fehlen lassen. Die Erregung in Japan gegen Frankreich dauert an.
Vom Landkriegsschauplatz wird aus Petersburg gemeldet, daß die Japaner ficberhaft die Positionen östlich wie westlich der Eisenbahn befestigen. Diese Arbeiten werden gewöhnlich beobachtet vor einem all
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