Ausgabe 
23.9.1905 Zweites Blatt
 
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Jeder Bürger darf sich dort zweimal im Jahre öffentlich be­trinken. Beim drittenmal aber gerät er in Strafe. Auf Grund dieses Gesetzes werden in Massachusetts alljährlich zirka 16 000 Räusche gerichtlich verziehen. Wird jemand betrunken aufgegriffen, so kann er nach Hause taumeln, ohne besorgen zu müssen, daß er zu gerichtlicher Verantwortung gezogen werde, sobald die Akten ergeben, daß er nicht schon zweimal innerhalb des Jahres eines Rausches wegen ver. haftet war.

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Die Waschanstalt der Schiffsgesellschaft. Wenn ein Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd von Newyork in Bremerhaven anlegt, so liefert er jedesmal etwa 37 000 Stüd gebrauchter Wäsche ab. Natürlich hat der Norddeutsche Lloyd, um diese Wäschemengen jederzeit sofort waschen lassen zu können, eine eigene große Waschanstalt, die sich in Bremen befindet. In derselben sind 10 Waschmaschinen, 7 Zentri­fugen und 7 Dampfmangeln in Betrieb und werden etwa 140 Personen beschäftigt.

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Die Cholera und die Korrespondenz nach Rußland. Auf den russischen Grenzstationen Granija, Alexandrowo und Sosnowizy ist jetzt die Desinfektion sämtlicher auslän­dischen Korrespondenz, die ins Zarenreich hinübergeht, an­geordnet worden. Diese Maßnahme bedeutet eine neue Verzögerung in der Zustellung der Briefschaften, Zeitungen u. s. w. Dazu aber wird auch dem zufälligen und beabsich­tigten Verlust der Korrespondenz Tür und Tor geöffnet, und darunter hat man in Rußland auch ohne Desinfektion wahr­haftig schon schwer genug zu leiden.

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Ein neuer Industriezweig. Einem amerikanischen Fa­brikanten soll der lange vergeblich gebliebene Versuch geglückt sein, aus Torf Papier herzustellen. Nach einem Gutachten find 66 Prozent der zur Herstellung des Papiers verbrauch­ten Masse Torf. Der Mann hat 30 000 Mark in seiner Torfpapier- Industrie angelegt und beschäftigt 50 bis 60 Arbeiter. Falls sich das Verfahren bewähren sollte, könnte angesichts der Torfmengen, die es in Deutschland gibt, eine neue ergiebige ländliche Industrie sich daraus entwickeln.

Menterycie Telephonistinnen. In dem Haupttele­graphenamte in der Rue Guttenberg zu Paris hat eine förmliche Meuterei der Telephonistinnen gegen ihre Auf­seherin stattgefunden. Eine Telephonistin feuerte sogar einen Revolverschuß gegen ihre Vorgejette ab, obue indessen zu treffen. Die strafgerichtliche Untersuchung ist eingeleitet.

Explosion im Unterseeboot. In Toulon ervlodierter im Unterseeboot Gymnote", das wegen einer Reparatur auss Land gebracht war, die Akkumulatoren. Ziver Majch. nisten wurden verletzt, beide werden wahrscheinlich das Augenlicht verlieren.

Das Hospiz- Auto. Auch die Mönche des berühmten Hospizes auf dem Großen St. Bernhard beschlossen, sic) des modernsten Fahrzeuges zu bedienen. Aus Vorsicht, um Volk und Vich mit dem neuen Verkehrsmittel bekannt zu machen, geschah die erste Fahrt zum St. Bernhard mit Vorspann eines Pferdes. Die Schwere des Wagens darf 4000 Kilo nicht übersteigen, da das Automobil verschiedene Brücken beschreiten mußte, die nur 6000 Kilo Tragfähigkeit besigen. Der Kraftwagen machte mit seinem Verspann den Weg von Martinach bis zum Hospiz in 22 Stunden, brachte es somit auf 4 Kilometer die Stunde.

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Ein Kongreß der Sträflinge. In Paris fand bei dem Sekretär der Liga zum E., uz der persönlichen Freiheit ein Kongreß gewefener Sträflinge statt. Darunter waren vier frühere Zuchthäusler, die natürlich alle unschuldig zu ihrer Strafe gekommen sein wollten. Drei waren persönlich er­schienen, einer, ein altersschwacher Greis, hatte einen Ver­treter entsandt. Einer mit Namen Chales eröffnete den Reigen, er ist 68 Jahre alt, hat 29 Jahre wegen Ermordung einer Witive im Zuchthaus verbracht und ist schließlich be­gnadigt worden. Wie die übrigen, von denen der cine feinen Stiefvater ermordet haben soll, bestritt er jede Teil­nahme an der Bluttat. Der Kongreß endete mit einer Protestresolution der Ersträflinge, die nun bald ihr Recht zu finden hoffen.

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= Deutsches Theater in Mexiko. Eine deutsche Theater­gesellschaft aus St. Louis hat es unternommen, eine Gast­spielreise durch die Republik Meriko zu machen. Die Tournee verlief durchaus erfolgreich, obwohl es in Meriko nur wenig deutsche Ansiedler gibt. Der finanzielle Erfolg war von einigen hervorragenden deutschen Firmen in der Stadt Meriko gesichert. Der ersten Vorstellung wohnten fast alle einheimischen Honoratioren bei. Die Mitglieder der Truppe wurden von den Bürgern, von denen die meisten der deutschen Sprache nicht mächtig sind, gut aufgenommen.

Aus dem Gerichtsfaa!.

Vor dem } Cn neues Zeugniszwangsverfahren. Schöffengericht in Hanau stand eine Beleidigungsklage von elf Hanauer Stadtverordneten gegen einen sozialdemokra­tin Stadtverordneten zur Verhandlung. Der dabei als Zeuge vernommene Redakteur Zielowski erklärte, er lehne es ob, ir and welche Angaben über den Verfasser der bei der Klage in Detracht kommenden Artikel zu machen. Das Gericht verurteilte ihn darauf zu 300 Mark Geldstrafe und or nete seinen sofortige Abführung zum Zeugniszwangs­be. ahren an..

§ Juſtizirrtum. Großes Aufsehen erregt in München ein Fall fortgesetten Justizirrtums. Die 21 Jahre alte Tochter ist mehrfach wegen Diebstahls im Rückfalle verur­teilt worden. Der Verteidiger beantragte stets die Wieder­aufnahme des Verfahrens, da das Mädchen nicht zurech nungsfähig sei. Die Anträge wurden jedesmal abgelehnt. Neuerdings brachte der Verteidiger das Gutachten einer Reihe von Frrenärzten bei, wonach die Verurteilte an aus­gesprochener frühzeitiger Verrücktheit leide und für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden könne. Daraufhin hat nun der Staatsanwalt den Antrag gestellt, das Mädchen von der Anklage des Diebstahls in zwei Fällen freizusprechen und der Staatskasse die Verpflichtung aufzu­erlegen, für 14 Monate unschuldig erlittene Gefängnisstrafe die entsprechende Entschädigung zu zahlen.

§ Das Attentat auf den König von Spanien. Vor die Pariser Anklagekammer wurden die Anarchisten Harvey, Vallina, Malato und Caussanel verwiesen, und zwar die beiden erstgenannten unter der Anschuldigung des Mord­versuches gegen den Präsidenten Loubet, den König von Spanien und 18 Soldaten der Eskorte sowie der Anschuldi­gung, eine verbrecherische Verbindung zur Anfertigung von Explosivstoffen eingegangen zu sein, die beiden leztgenann­ten wegen Mitschuld an diesen Verbrechen

Der Landwirt.

mp Zur Pflaumen- Ernte. Alle Zwetschgen( Pflaumen), die gedörrt werden sollen, müssen möglichst lange am Baum hängen bleiben und den vollkommensten Grad der Neife erlangt haben, ehe sie abgeerntet werden. Diesen vollkom­menen Reisegrad haben sie dann erreicht, wenn die sonst glatte Haut am Stiel zusammengeschrumpft und runzelig wird. Das Ernten der Zwetschgen darf nur bei gutem, trockenem Wetter geschehen; ist zur Zeit der erlangten Hoch­reife häufiges Regenwetter, so müssen alle Seräfte benutzt werden, um in einigen regenfreien Stunden die Einerntung zu vollziehen. Mehrfach wird empfohlen, die Früchte bei der Ernte nicht zu schütteln, sondern zu pflücken; es ist dies aber nur bei den sehr großen und schweren Früchten der englischen und italienischen Zwetschgen sowie im allgemeinen dann nötig, wenn die Zwetschgenbäume auf scholligem oder festem Boden stehen, da in diesen Fällen die Früchte sonst teils beschädigt, teils beschmutzt werden. Die meisten Bäume stehen aber auf Grasboden, und da hat das Abschütteln durchaus nichts Nachteiliges. Beim Auflesen vom Boden tut man gut, angefaulte, zertretene oder angestochene sowie nicht völlig reife oder sehr kleine Zwetschgen nicht unter die guten zu bringen, sondern in einen besonderen Korb zu wer­fen, um dieselben nicht zum Dörren, sondern zum Brennen von Branntwein zu benutzen. Zum Sammeln der gesunden

und vollkommenen Früchte benutzt man möglichst flache Körbe, da in hohen die Zwetschgen durch Druck leiden und an Saft verlieren würden.

Ein brennender Wald.

Ein bedrohter ungarischer Badeort. Fünf Wochen lang hat es gebrannt in den ausgedehnten Waldungen, die an der Grenze von Ungarn und Rumänien liegen. Nun ist es endlich gelungen, dem Brande ein Ziel zu setzen. Freilich wohin die Flammen ihre gierigen Zungen gestreckt hatten, da mußte der Mensch dem entfesselten Ele­ment weichen. Aber den fast übermenschlichen Anstrengun gen und dem Opfermute des braven ungarischen Militärs ist es geglückt, der weiteren Verbreitung des Feuers Ein­halt zu tun.

Das aber war die höchste Zeit. Denn langsam wohl, aber scheinbar unaufhaltsam troch die Feuerschlange vor­wärts, immer auf den berühmten ungarischen Badeort Her­fulesbad zu. Die heilkräftigen Wasser, die so manchem Erdensohn in seinem Leiden Linderung und Hilfe gebracht, hatte sie sich als Ziel ersehen. Tief aus dem unwegsamen rumänischen Forstgebiet hatte sie ihren Weg genommen. Dort war sie durch die Unvorsichtigkeit von Hirten entfesselt. Hui, sprang sie ins trockene Moos und fraß sich weiter und weiter. An der Grenze des Ungarlandes wartete die Schar der Bewohner, sie einzufreisen und zu vernichten. Da froch das glühende Ungeheuer in die Spalten und Risse der zer­flüfteten Felsen. Dort nistete es sich ein, dort fand es reich­lich Nahrung in dem trockenen Moos und Blätterwerk, das dort seit Jahrhunderten lag und moderte. Unbemerkt kroch es zwischen den Felsen unter dem Laubwerke weiter. Und dann kam ihr Bundesgenosse, der gleich ihr das Gebild aus Menschenhand haßt, der tolle Geselle, der Sturm und peitschte sie auf, die lohende Schlange und bis auf die höchsten, un­gangbarsten Felsfuppen hinauf trieb er sie, und ihr Best­hauch kündete in den Straßen des eleganten Badeortes ihr Kommen und erfüllte die dort Weilenden mit Angst und Entsetzen.

Da warf sich die bewaffnete Macht, die des Schutzes des Landes waltet, auf die flammende Feindin. Achthundert Mann vom 33. Regiment aus Arad gingen ihr zu Leibe. Aber immer wieder mußten auch sie der Rasenden weichen, und immer näher rückte dem Badeorte das Verderben. Nicht nur der Wald brannte- meilenweit die Luft mit dichtem Qualm erfüllend, daß die Sonne sich verhüllt sah; auch die Mutter Erde selber fiel der Glut zum Opfer. Von den neben Herkulesbad belegenen Felsenhöhen stürzten die bon der Hitze ausgedörrten Kalkfelsen herab. Mitten unter die mit Todesmut dem Feuer den Boden abgrabenden Sol­daten stürzten und rollten die glühenden Felsmassen. Da liegen zwei Brave zerschmettert auf der glühenden Erde, mehrere werden tödlich verlegt davongetragen, einer stirbt den Helfern bald unter den Händen, eine ganze Reihe an­derer wankt verwundet davon.

Und immer weiter schleicht das Verderben. Da verlassen die Menschen, die von weither gekommen, dort Heilung zu fuchen, die Stätte des Qualms und des Grauens, und noch vom Bahnzuge aus, der sie in die Heimat trägt, fällt der Blick auf das schaurige und doch so grandiose Schauspiel. Mächtigen Fackeln gleichen von der Ferne aus die ragen­den Fichten in den tausendjährigen Waldbeständen, bis sie, vom Feuer verschlungen, in sich zusammenstürzen, die Nach­barn in ihrem Falle entzündend.

Doch neue Kräfte rücken an, 400 weitere Truppen sind zur Stelle. Wie das gräbt und schaufelt und so der feurigen Lohe den Weg zu verlegen sucht. Bis auf 300 Meter war sie an Herkulesbad heran. Wenn jetzt der Sturmwind hcianfegte, dann war jede Rettung ausgeschlossen. Glück blieb er aus. Und so gelang es, das Feuer einzu­freisen. Was brennt, ist dem Verderben verfallen. Aber das Bad ist gerettet. Freilich ist die Rettung mit drei Menschenleben erfauft.

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Nr. 223.

Samstag, den 23

September

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1905.