Ausgabe 
23.9.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 224.

Zweites Blatt.

Jasertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­beffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 refp. 40 Pfg. Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Samstag, den 23. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Vfa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Grattebeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Flatt ericheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Wollen und Vollbringen.

[ Politische Wochenschau.]

Nationalliberalen mit aller Wahrscheinlichkeit wieder ala Sieger hervorgehen wird. Die Sozialdemokraten dürfen zum erstenmal seit den allgemeinen Wahlen einen Stimmen. zuwachs verzeichnen, den sie aber in der Hauptsache der Nach. wirkung des jüngsten Bergarbeiterstreifs zuzuschreiben haben, nicht ihrer eigenen propagandistischen Tätigkeit. Die Christlich- Sozialen fallen für die Hauptwahl aus.

Die Konferenz in Karlstad, die scheinbar unter schlimmen Auspizien begann, scheint zu gutem Ende zu kommen, zur friedlichen Auseinandersetzung zwischen Schwe den und Norwegen zu führen. Es waren im Grunde wohl mehr die Mienen gewesen, die auf beiden Seiten eine Er. bitterung zur Schau trugen, für die es an einem gerechten Anlaß fehlte und die man aufstecken zu müssen glaubte, weil man sonst leicht dazu gelangt wäre, die Notwendigkeit einer Trennung der Union überhaupt zu bezweifeln. Man hel in Norwegen die Trennung gewollt, und der Wille mußte statt des Grundes gelten. Man hat schließlich den Willen durchgesetzt, und nun bleibt abzuwarten, ob das vollbrachte Werk den Täter lobt.

Die ungarische Opposition ist vom Kaiser Franz Josef, der seine Leute kennt, wieder auf Wartegeld gesetzt worden. Das Abgeordnetenhaus ist bis zum 10. Oftober vertagt. Bis dahin wird die Opposition sich darein gefunden haben, den Grafen Julius Andrassy mit der Lei tung des Ministeriums betraut zu sehen. Sie muß sich den Grafen Julius Andrassy gefallen lassen, denn dieser gehört zur Mehrheit. In Wirklichkeit freilich ist es nur ein ver­ärgerter Liberaler. Ein komisches Zwischenspiel mag er­vähnt sein: Ein in der Schweiz lebender Professor Stein, der sich plötzlich auf sein Ungartum besann, machte den nairen Vorschlag, Kaiser Franz Josef solle mit der Oppo­ition das Abkommen treffen, daß die obwaltenden Streit­ragen bis nach seinem Tode vertagt werden. Der Pro­feffor mußte mit seiner gloriosen dee" vor den Toren der Hofburg kehrt machen. Der brave Mann ist ganz stolz Barauf, daß er etwas gewollt hat. Zum Vollbringen hat's

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Wenn die politisch stillen Tage gekommen sind, in denen bie Weltgeschichte stillzustehen scheint, die Haupt- und Staatsaktionen ausseßen und die Parlamente feiern, dann chicken sich die Parteien und Verbände zur rednerischen Seerschau an, um sich selbst zu mustern, ihre Anhänger anzu­euern, fünftige Taten vorzubereiten. Ob die Taten wirk­lich zur Reife gelangen, bleibt freilich in Frage. Doch schon die Rede hat einen Wert. Sie hat anregende Kraft, sie führt zur Ueberlegung, sie schärft das Urteil, läutert die Ansichten, hebt Einseitigkeit auf und bekämpft die Vorein­genommenheit. Es ist am Ende ganz gut, daß nicht jeder Wille zur Tat wird, daß zwischen Vorsaz und Vollbringen sich die abwägende Erörterung stellt, die besserer Einsicht ben Weg bahnt. Die Kongresse, deren Mitglieder gar nicht berufen sind, positive Tätigkeit zu entfalten, weder Macht­haber noch die Wortführer von Machthabern sind, arbeiten feineswegs vergeblich, auch wenn sie in ihren Zusammen­fünften sich darauf beschränken, ihre gemeinschaftlichen An­fainingen, die durchaus nicht neu formuliert, neu begrün­t zu sein brauchen, festzustellen und vor der Oeffentlichkeit darzulegen. Sie schaffen damit eine öffentliche Meinung, die zuletzt doch unwiderstehlich ist, und weisen sie in feste Bahnen. Der Arbeiterversicherungskongre in Wien hat nichts anzuordnen und nichts zu befehlen, und seine Reden sind gleichwohl nicht in den Wind gespro­chen, werden für den Ausbau und nötigenfalls für die Kor­rektur der Sozialgesetzgebung in mehr als einem Lande fruchtbar sein, werden für eine internationale Arbeiterschutz­Gesetzgebung, wie sie Kaiser Wilhelm schon vor fünfzehn Sabren geplant hat, den Grund legen. Was damals der deutsche Kaiser ersonnen und in großen Umrissen gezeichnet hat, das ist nach und nach Gemeingut aller derer gewor den, die sozial zu denken verstehen. Kongresse wie der eben erwähnte sind es, die den sozialen Gedanken erstarken und greifbare Form annehmen, zu bestimmten gesetzgeberischen Vorschlägen sich verdichten lassen. Es gibt keine Instanz, die verschiedenen Staaten gleiche Einrichtungen und Gesetze borschreiben und für ihre Vorschriften sich Gehorsam er­goingen tönnte. Der Wille, der freie Wille aller Staa­ten muß zusammenkommen, und diesen Willen bereiten die Kongresse vor. Auch die Parteitage stehen im Dienste fünf­Higen Vollbringens. Ihre aufklärende Arbeit darf der den Parteien Fernstehende ebenso wie der Zugehörige anerken­nen. Sie sind fruchtbar, selbst wo sie die Ueberzeugung nicht schaffen und nicht bestärken, die sie zu schaffen und zu bestärken beabsichtigen. Der sozialdemokratische Parteitag in ena zeigt in seinem ruhigen Verlauf, daß die ärgerlichen Lärmszenen des vorlegten, Dresdner, Teges nicht ohne erzieherische Wirkung geblieben sind. Das persönliche Gezänk ist in die Heimlichkeit der verschwiegenen Kommissionssikungen verwiesen, wo es still zum Austrag gebracht wird. Das ist um so bemerkenswerter, als es an Aufreizungen zum Gegenteil nicht gefehlt hat. Nicht min­der bemerkenswert ist, daß der diesmalige sozialdemokra­tische Parteitag die sonst bei ihm so beliebten wissenschaft­lichen" Erörterungen unterlassen hat. Bisher hat gerade diese Partei noch jede große Zusammenkunft für die ge­eignetste Gelegenheit gehalten, das ganze Gebäude ihrer Weltanschauung einer Revision zu unterziehen, hier zu be= tätigen, dort zu verwerfen, wobei es an ausgiebigster Ent­faltung der berühmten Gelehrtengrobheit" in der Regel nicht fehlte. Der christlich- soziale Parteitag in Essen ist seinen sanfteren Gepflogenheiten treu geblieben. Auf beiden Tagen ist die Probe darauf gemacht worden, daß die Festigkeit einer Ueberzeugung nicht einzig in der Derb. heit ihres Ausdruckes den gerechten Maßstab findet. Für beide Tage war auch der Ausfall der Reichstagsersazwahl in Essen Anlaß zur Selbsteinkehr. Es kommt, wie im Jahre 1903, zur Stichwahl zwischen dem sozialdemokratischen und dem Zentrumskandidaten, aus der dieser mit Hilfe der

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Der Friedensfongreß in Luzern, der Freunde aus aller Welt vereinigt hat, erfreut sich allge­meiner Sympathien. Man weiß, daß seine Teilnehmer ehrlich wollen, was sie als das Ziel ihres Strebens aus­geben: den allgemeinen Frieden, die Verhütung des Krieges und seiner Schrecken. Die zweite Friedenskon= ferenz im Haag, die Präsident Roosevelt und Zar Niko­laus wetteifernd planen, darf auf gleiche Anerkennung nicht rechnen. Weder dem weiland Reiterobersten in dem Kriege Amerikas gegen Spanien noch dem Urheber des Krieges in Ostasien glaubt man die Friedseligkeit. Wer selbst den Frie­den gebrochen hat, ist zum Friedenspropheten wenig taug lich. Was das Wort verheißen und was die Tat vollbracht hat, steht hier in allzu schroffem Widerspruch miteinander.

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Eine amerikanische Referve- Armee,

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- Die Vermehrung des Militärs in den Unionstaaten. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika wollen zu ihrem wirtschaftlichen und politischen Aufschwung auch eine Vermehrung des waffenfähigen Nationalheeres fügen. Unter dem Regiment des tatenfreudigen Präsidenten Roose­velt, bei dem der imperialistische Gedanke üppig in die Blüte geschossen ist, kann das nicht weiter Wunder nehmen. Eine andere Frage ist es, ob die Volksvertretung für die weitgehenden Pläne zu haben ist.

Vor kurzem ist ein Generalstab als neue Einrichtung ins Leben gerufen worden. Seine eigentliche Aufgabe besteht verläufig darin, Pläne für die Aufbringung einer großen Reservemacht auszuarbeiten. Die Armee der Vereinigten Staaten ist jetzt so organisiert, daß der gegenwärtige Bestand im Notfalle sofort vergrößert werden könnte, bis er die Kriegsstärke von 100 000 Mann erreicht. Sollte aber die Armee auf ihre volle Kriegsstärke gebracht werden, dann be­stände die Hauptschwieriafeit darin, die nötigen 40 000

STOLLWERCK

Mann überhaupt erst aufzutreiben und sie in kurzer Zeit so einzuererzieren, daß sie den Gefechtswert der Gesamt­armee nicht beeinträchtigen würden. Um diese Schwierig­feit zu heben, soll der Bundesfongreß ersucht werden, die Organisierung einer regulären Reserve zu verfügen, welche sich aus 40 000 Mann zusammensezen soll, die einen ehren­vollen Abschied aus der Bundesarmee erhalten haben, und diesen Reservisten, die sich für eine Mobilmachung in Bereit­schaft zu halten hätten, soll eine Summe monatlich aus­gezahlt werden, um sie in beständiger Berührung mit der Militärbehörde zu halten. Ein solches Projekt, hofft man, werde kaum eine ernsthafte Kritik herausfordern und sicher­lich nicht die Furcht vor dem Militarismus rechtfertigen. Nicht so sicher fühlt sich die Regierung in bezug auf die wei­teren Pläne des Generalstabes. Außer der regulären Bundesarmee von 60 000 Mann und der regulären Reserve von 40 000 geschulten Soldaten beabsichtigt man, eine ledig­lich dem Rufe des Kongresses unterstehende Nationalreserve von 100 000 Mann zu organisieren, die aus Bürgern be­steht, die nicht Soldaten waren, wohl aber den Militärdienst bis zu einem gewissen Grade als Freiwillige in der Miliz oder in sogenannten militärischen Akademien kennen gelernt haben. Wenn dann diese organisierte Miliz der auf diese Weise dem Bundespräsidenten und dem Kongresse unter­stellten Streitmacht hinzugefügt würde, stände den Ver­einigten Staaten Nordamerikas eine dienstfähige Macht von wenigstens 250 000 Mann zur Verfügung. Man ist überzeugt, daß ein solches System in ganz bedeutendem Maße zur Leistungsfähigkeit des militärischen Apparats der Vereinigten Staaten zu verhältnismäßig geringen Kosten für das Land beitragen würde.

Es wird sich darum handeln, was der Kongreß zu allen diesen Plänen sagen wird. Bei der angeblichen Stimmung im Lande ist möglicherweise nur geringer Widerstand zu erwarten. Für die europäischen Mächte, denen die Mon­roedoktrin schon Kopfschmerzen genug gemacht hat, ist die Absicht der Heeresvermehrung nur eine weitere Bekräftigung des Bestrebens der Vereinigten Staaten, die Omnipotenz für den aanzen amerikanischen Weltteil zu eringen.

Vermischtes.

Erst Schauspieler, dann Droschkenfutscher. Der Schau­spieler Abelard in Paris, der an 20 000 Mark jährlich ver­diente, hat seinen einträglichen Beruf aufgegeben und ist Droschkenfutscher geworden. Das tat er, um seine von ihm geschiedene Frau zu ärgern, die überall, wo er auch war, seine Gage pfändete. Die einzige Beschäftigung, in der seine Frau machtlos gegen ihn ist, ist die eines Droschkenfutschers, da er kein Gehalt bezieht und für die Droschke bezahlen muß. Der ehemalige Schauspieler erklärt, daß er sich ganz glück­lich fühle und sein gutes Auskommen habe.

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Ein Conpletsänger als Parlamentsabgeordneter. In Irland ist vor furzem Robert Jasper Martin gestorben. Er war gleich bekannt als Politiker, wie als Coupletdichter und Sänger und erfreute sich im englischen Unterhause seines guten Humors wegen allgemeiner Beliebtheit. Martin war der Verfasser des Ballyhooly" genannten Couplets, das in der gesamten englisch sprechenden Welt zu einer gleichen Bopularität gelangte, wie das berühmte Schunkellied in Deutschland.

Frauen- Emanzipation in China. Auch in das Land der Zopfträger greift das Bestreben der Frauen nach eigener Betätigung über. Während früher der Chinese seine Frau sorgsam behütete und vor jedem Verkehr mit anderen Män­nern bewahrte, konnte man vor einiger Zeit in Schanghai sogar Chinesinnen in einer öffentlichen Volksversammlung erblicken. Die chinesischen Frauen fangen an englisch und japanisch zu sprechen, Klavier zu spielen, europäische Theater zu besuchen. Es regt sich in China in allen Schichten. Man will etwas neues sehen, lernen und genießen.

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Zweimal jährlich ein erlaubter Rausch! Ein merkwür­diges Gesetz besteht im amerifonischen Staate Massachusetts.

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