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Nr. 271.

Jasertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­beffen, die Kretse Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Bfg.

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Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluß Rr. 362.

Freitag, den 17. November 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Die Anfprüche der ruffifchen Polen.

Als der Krieg in Ostasien für Rußland eine üble Wen­bung nahm, war man nicht wenig erstaunt, zu sehen, daß die polnische Bevölkerung Rußlands im ganzen eine tadellos loyale Haltung bewahrte. An keiner Stelle Kongreßpolens zeigte sich auch nur der leiseste Anlauf zu einer Ausnügung der russischen Notlage. Man fand das sehr klug, und es war auch flug. Denn die russische Regierung hatte trotz des Krieges Militär genug in Polen, um jeden Versuch eines nationalen Aufstandes dort unverzüglich niederzuwerfen. Was man in der breiten Deffentlichkeit nicht wußte, war: daß die polnischen Führer in Galizien, Paris und anderwärts nicht müde wurden, ihre Landsleute in Kongreßpolen zu be­schwören, fie möchten sich von jedem Gewaltstreich fernhalten, vielmehr durch Beweise von Loyalität sich den Dank der russischen Regierung zu verdienen, welcher Dank in Form der Gewährung von Autonomie gar nicht ausbleiben könne. Die brieflichen Beschwörungen hatten den Erfolg, daß alle Ver­schwörungen unterlassen wurden, obwohl im Verlauf des ost­asiatischen Feldzugs die Versuchung wuchs. Jene Er­mahnungen mögen eine recht wirksame Unterstützung noch dadurch erfahren haben, daß in Kongreßpolen sich eine Art Mittelstand, wenn auch nicht sehr breit, gebildet hatte, dem es materiell recht gut ging und der deshalb zu unbesonnenen Streichen wenig Neigung hatte. Den unteren Schichten freilich ging es gar nicht gut. Bei der Industriali­fierung Kongreßpolens war der ärmere Teil der Bevölkerung übel weggekommen. Die Löhne niedrig, von sozialer Für­forge teine Spur, die Hygiene vollkommen vernachlässigt bie Fabritstadt Lodz hat bei 400 000 Einwohnern nur ein einziges Krankenhaus der Unterricht verwahrlost, die Aus­ficht auf friedliche Entwickelung zum bessern abgeschnitten. Als in Sosnowice die Bewegung losbrach, zeigte es sich, daß sie ausschließlich eine Arbeiterbewegung war. Die national­polnische Frage spielte dabei in feiner Weise mit, sie wurde nicht einmal nachträglich angeregt und in die Bewegung hineingezogen. Natürlich tam es zu Gewaltszenen, zu häu­figem Blutvergießen. Die Dynamitbomben waren ein regel­rechtes Kriegswerkzeug geworden. Polizei und Arbeiter rangen miteinander. Häufig mußte das Militär eingreifen. Kugel und Kantschu wurden die Hauptsächlichsten Regierungs­instrumente.

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Jezt endlich regte sich das Polentum. Die Gym­rafiaften und die Böglinge der höheren Töchterschulen ver­langten fategorisch nach polnischer Unterrichtssprache, sonst wrden sie wie alle Welt streiken. Und sie streiften. Man kann sich denken, mit welchem glühenden Gifer die Schul­jugend sich einer Begeisterung hingab, die ihr Ferien ohne Ende verschaffte. Es war rührend. Allerdings auch etwas lächerlich. Das Beispiel der Knaben und Mädchen blieb nicht ohne Nachahmung. Die Bahnbeamten verlangten die pol­nische Dienprache. Sie wurden in aller Freundlichkeit barauf aufmerksam gemacht, daß das nicht angehe, daß die Herren Petenten sich doch damit genügen lassen sollten, unter einander soviet polnisch zu sprechen, als ihr Herz begehrte. Und sie ließen sich wirklich genügen. Die Flammen des pol­nischnationalen Patriotisus schlugen wirklich nur in die Kinderherzen, die Schulfreiheit meinten, wenn sie von pol­nischer Freiheit schwärmten. Das währte monatelang. Im ganzen europäischen Rußland loderte das Feuer der Revo­lution empor, die Regierungsgewalt lag am Boden, die staat­liche Autorität war niedergesunken, in Finland ertropte die Bevölkerung die Wiederkehr des vorigen Zustandes, die Rück­gabe der alten Autonomie. Nur in Kongreßpolen war die Revolution eine Arbeiterrevolution, nur in Kongreßpolen blies fie es vollständig, nur in Kongreßpolen tauchte der Nationalismus nach den erwähnten, teils lächerlichen, teils Schüchternen Versuchen nicht mehr empor.

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Da geschah etwas ganz seltsames: Nachdem der Zar sich entschloffen hatte, dem russischen Volke die Grundrechte, dem russischen Reich eine Repräsentationsverfassung zu geben, nachdem der Frieden geschlossen und Graf Witte zum Minister­präsidenten ernannt war, nachdem die Wogen der Revolution nicht mehr so hoch gingen und es wieder eine Regierung im Lande gab erschien plötzlich eine polnische Deputation in Petersburg bei dem Grafen Witte, um für Polen politische Selbständigkeit zu verlangen. Graf Witte, der in Portsmouth fein diplomatisches Meisterstück gemacht, zeigte, daß er unter Uniständen auch ganz undiplomatisch sein, der Vater des rus­fischen Parlaments, daß er auch ganz unparlamentarisch reden toine. Er nannte die polnische Forderung eine unverschämt­heit, eine Frechheit; und als die armen polnischen Delegierten eine Einwendung machen wollten, schlug er krachend auf seinen Schreibtisch und erklärte mit unzweideutiger Handbewegung die Angelegenheit für erledigt.

Damit war die polnische, nationale Erhebung vom Jahre 1905 beendet. Intriguen und Ränke spinnen, das mögen die Polen noch fönnen, aber zur Revolution ist ihnen die Luft vergangen und die Kraft ausgegangen.

Von diesen Intriguen und Ränken wird man bei uns bald genug spüren. Das Spiel hat sogar schon begonnen. Daß Kongreßpolen feinen Aufstand machte, daran war nur Kaiser Wilhelm schuld, der mit 5 Armeekorps an der Grenze ftand und 15 000 Mann ins Land geschickt bätte, um es

dauernd zu beseßen und nie wieder herausgegeben. Daß jezt Graf Witte die Selbstständigkeit für Kongreßpolen ver­weigerte, daran war wiederum Kaiser Wilhelm schuld, der unter Drohungen dem Grafen Witte seine Haltung aufge= zwungen hatte. Natürlich glaubt das kein Mensch. Nicht einmal die englischen Blätter glauben es, die diese Märchen auf polnisches Geheiß verbreiten.

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Zum Ueberfluß wurde in Berlin an amtlicher Stelle erktärt, daß alle solche Gerüchte auf plumper Erfindung be­ruhen. Die deutsche Regierung hat darnach seit vielen Jahren überhaupt keinen Gedankenaustausch mit der en sischen Re­gierung über polnische Angelegenheiten gepflege. soll nun den Polen die Erfindung derartige: tollfieu Erfindungen können den Polen it denn das Wort Kosciuszkos ist wahr geworden niae das Ende Polens ist gekommen. Bauern- Unruben und Streik- Wirren.

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Nieren,

Die dunkeln Gerüchte aus dem Innern Rußlands finden ihre Bestätigung. Die Bauern brechen los. Damit wird die Lage, die schon durch den wieder um sich greifenden Streif stark gefährdet erscheint, aufs Aeußerste gespannt, und man kann dem Grafen Witte nicht Unrecht geben, wenn er in dem Gegensage Anarchie oder Militär- Diktatur die Zukunft Rußlands ausgedrückt erachtet.

Diese Annahme erfährt durch die vorliegenden Berichte ihre Bestätigung.

Die ländlichen Zustände.

Die Nachrichten, die aus den ländlichen Distrikten vor­liegen, deuten, so spärlich sie bislang fließen, auf höchst be= denkliche Zustände hin. Eine Nachricht aus Petersburg, die nur einen Distrikt betrifft, lautet:

Aus Kirsanow( Prov. Tambow) wird gemeldet, daß die Unruhen unter den Bauern immer mehr um fich greifen und sich in Brandstiftungen, Plünderungen von Grund­besitz und Getreidediebstahl äußern. 25 Staatsgüter find berwüstet, andere werden noch durch die energische Gegen­wehr ihrer Einwohner vor der Verwüstung geschützt. Die Truppen erweisen sich als nicht ausreichend.

Was hier aus der einen Provinz berichtet wird, spiegelt zweifelsohne die gesamte Lage im entlegenen Innern wieder. So hört man aus dem Gouvernement Saratow, daß dort eine förmlich organisierte Räuberbande in den Ort Malinkowa im Distrikt Serdobsk eindrang, um Vieh zu rauben. Als sie sich von den Bauern ertappt und verfolgt sahen, flüchteten die Räuber mit den Tieren in die Kirche. Die aufs Aeußerste ergrimmten Bauern drangen in die Kirche ein und töteten sämtliche Räuber auf dem Kirchenplage, indem sie sie teils mit Knüppeln totschlugen, teils ihnen mit den Sensen die Köpfe glatt abschlugen.

Streik und Straßenkämpfe.

Der Streit ist nur der Anfang neuer gewaltiger Kämpfe Mit dieser Eventualität wird überall in den russischen Städten gerechnet. Man bereitet sich auf das Schlimmste vor. Handel und Wandel stockt. Die Läden sind geschlossen, die Schaufenster mit Brettern vernagelt. Die Straßen in Petersburg sind abends in Dunke! gehüllt; und in dieser Finsternis brütet das Unheil Entseßliches aus. Denn die sogenannten Chuligans, jene Bestien in Menschengestalt, die vor den fürchterlichsten Greueln nicht zurückschrecken, bereiten sich zu einem neuen Ausbruch vor. Diese Schwarzen Hun­dert", wie sie fich nennen, find plötzlich auf unerklärliche Weise in Besiz großer Mengen von Wodka gelangt, und wessen sie im Rausch fähig sind, haben die früheren Aus­schreitungen erwiesen.

An der Spitze des Streits stehen wieder die Eisenbahner. Aber auch in den meisten Fabriken, Buchdruckereien, Elektri­zitätswerken ruht die Arbeit. Die Regierung bereitet sich auf alle Möglichkeiten vor. Es wird darüber aus Peters­burg gemeldet:

Ganze Batterien Artillerie sind auf den Straßen der Städte aufgepflanzt, unt eine von der Leitung der Revo­lutionären angefündigte Massen- Demonstration zu hindern. Die Behörden treffen überall energische Maßregeln, die Umstürzler auf der Straße niederzukämpfen und die Massen mit Gewalt zu unterdrücken, wenn auch Tausende dabei das Leben verlieren sollten.

An der Spitze der Streifenden sollen zahlreiche frühere Beamte stehen, die sich der Revolution angeschlossen haben und dieser durch ihre Kenntnisse der Regierunas- Maschinerie Nußen bringen. Wer irgend fortkommen kann, flieht aus Rußland. Schon ist es zum Kampfe auf der Straße ge= fommen. Streifende warfen auf dem Newsky- Prospekt eine Bombe auf eine Infanterie- Patrouille und wurden schließlich von den einhauenden Kosafen auseinander getrieben.

Lynch- Justiz.

Es fehlt nicht an Fällen, in denen das Volk gegen die Hezer zur Selbsthilfe greift. So wird aus Libau berichtet, daß dort ein Polizeibeamter namens Kluge, der nach durch­zechter Nacht durch Geldspenden zu einer Judenheze aufreizte, von der Volksmenge vor ein improvisiertes Gericht gestellt und erschossen wurde.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Der seit längerer Zeit erwartete Wechsel in der Leitung des Kolonialamts ist nunmehr nach halbamtlichen Nachrichten Tatsache geworden. Der Direktor der Kolonial­abteilung Wirfl. Geh. Leg.- Rat Dr. Stübel ist für einen Ge­sandtenposten designiert. Für die Leitung der Kolonialver waltung ist der Erbprinz Ernst zu Hohenlohe- Langenburg in Aussicht genommen. Der Erbprinz hat von August 1900 bis zum Sommer d. J. die Senentschaft des Herzogtums Sachsen­Koburg- Gotha geführt. G ist der älteste Sohn des Fürsten Hermann zu Hohenlohe- Langenburg, Kaiserlichen Statthalters in Elsaß- Lothringen, und wurde am 13. September 1863 ge­boren. Erbprinz Ernst hat eine Kousine des Kaisers zur Frau. Er vermählte sich am 20. April 1896 mit Alexandra, Prinzessin von Sachsen- Koburg und Gotha, einer Tochter des Herzogs Alfred von Sachsen- Koburg, Bruders der verstorbenen Kaiserin Friedrich.

Wie ein schlesisches Blatt wissen will, ist zum Nach­folger des scheidenden preußischen Justizministers Schön­stedt der Oberlandesgerichtspräsident Beseler in Breslau bereits ernannt.

* Der wegen Aufreizung zum Klassenhaß zu zwei Monaten verurteilte polnische Reichstagsabgeordnete Kulerski wurde in Graudenz verhaftet, wahrscheinlich, weil er sich zur Verbüßung der Strafe nicht stellte.

Norwegen.

** Nach einer Zeitungsmeldung wird der Name des neuen Königs nicht Haton, sondern Karl V. sein. Die Königsflagge soll purpurrot mit einem golden Löw sein.. Der Storthing sagte mit 100 gegen 11 Stimmen die Apa­nage des Königs auf 700 000 kronen jährlich fest. Türkei.

** Das zu der Flottendemonstration in der maze­donischea Frage beſtimmte österreichische Geschwader soll Emnabend nach der Besita- Bai abgeben, falls die Pforte bis Freitag das Ultimatum der Mächte nicht annimmt. Die Auf­forderung der sechs Vertreter der Mächte an die Pforte, ihr Verlangen ohne weiteres Zögern anzunehmen, widrigenfalls Bressionsmittel eintreten würden, ist Mittwoch abend erfolgt. Perlangt werden die Annahme der Finanztommission für die Srei mazedonischen Provinzen sowie das von den Botschaftern penehmigte Reglement, ferner die Verlängerung der Voll­machten des Generalinspektors Hilmi Pascha und die Erneu­erung des Kontraktes der an der Reorganisation der Gen­drmerie beteiligten fremden Offiziere, in beiden Fällen auf zmei Jahre. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat die dentiche Regierung sich allen Maßnahmen der Mächte ange= schlossen. Ein Kriegsschiff wird dagegen von Deutschland nicht abgesandt.

** Nach einer Versicherung des Chess Veliselos werden die Aufständischen in Kreta am tommenden Sonntag die Waffen niederlegen. Die Erklärung gab Veliselos in einer Unterredung mit den Konsuln der Schußmächte ab.

Ralkan- Staaten.

** Das Unwesen der griechischen Banden an den bul­gar h- türkischen Grenzen nimmt ungemein dreiste und ge= fahrliche Formen an. Eine große angeblich aus 10) Mann bestehende griechische Bande hat dieser Tage in Gorno­Mevoljan, Wilajet Monastir, eine buigarische Hochzeitsgesell­schaft überfallen. Das Haus wurde niedergebrannt. Zwölf Männer und ein Mädchen wurden getötet und acht Frauen und Kinder verwundet.

Alim.

** Der japanische Gesandte in London, Vicomte Hayashi, erklärte in einer Rede, seit der Beendigung des Kriege sei Japan entschlossen, alles zu tun, was in seiner Macht stehe, um den allgemeinen Frieden aufrecht zu erhalten. Der erste Schritt sei der Abschluß des englisch- japanischen Bündnisses. Eingeweihte Leute pflegen derartigen Versiche­rungen teinen allzugroßen Wert beizumessen.

** Das Reich der Mitte mat in leger Beit lebhafte Anstrengungen, sich der europäischen Kultur anzupassen. Jezt soll der Kaiser von China auf Reisen gehen. Sueng­paoli, der bisherige chinesische Gesandte in Paris, wurde nach Peking zurückberufen. Er se der Kaiserin Wite be­richten, welche Aufnahme der Kaiser finden würde, wenn er seine Absicht, die europäischen Hauptstädte zu besuchen, aus führen werde. Die Kaiserin ist durchaus nicht mehr gegen Ben Reiseplan.

Hof und Gesellschaft.

** Prinz Adalbert von Preußen ist zum Reichsma­rineamt fommandiert worden. Er hat seinen Dienst dort bereits angetreten.

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** Der deutsche Kronprinz hat in Bad Kreuth, wo er als Jagdgast des Herzogs Karl Theodor in Bayern weilt, die geplanten Gemsenjagden wegen der dort herrschenden Schneestürme aufgegeben und ist nach Potsdam abgereift.