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Nr. 139.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen bie Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Freitag, den 16. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der foziale friede.

Man schreibt uns: Der Evangelisch- soziale Kongreß, der eben jetzt in Hannover getagt hat und ganz gewiß nicht von radikalen Stürmern und weltunkundigen Theoretikern besucht war, hat sich mit sozialen Tagesfragen beschäftigt und zu ihnen Stellung genommen. Daß er weit davon ent­fernt ist, einen Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung z wünschen, oder schroffen Umwälzungen freundliche Ge­finnung entgegenzubringen, bekundete er durch das grund­Sägliche Befenntnis zu den faiserlichen Erlassen vom Fe­bruar 1890, die, wie erinnerlich ist, noch die Gegenzeichnung allerdings dem Abschied des Fürsten Bismard trugen, des Altreichskanzlers unmittelbar voraufgingen, und die Einleitung zur Berufung des internationalen Arbeiterschutz­fongresses nach Berlin bildeten. Nach diesem Bekenntnis gab der evangelisch- soziale Kongreß die Erklärung ab, daß er in den modernen Arbeiterorganisationen eine für unser Wirt­Schaftsleben notwendige und für unsere Kultur bedeutungs­bolle Erscheinung erblicke. Mit solcher Anerkennung sollte aber feineswegs gesagt sein, daß die Arbeiterorganisationen mit allen ihren Begleiterscheinungen unbedingte Billigung fänden, daß man der politischen Richtung zustimme, die fe vielfach genommen haben. Andererseits mißt man den Arbeiterorganisationen nicht a Ile Schuld daran bei, daß sie den Fehlweg eingeschlagen haben, sondern schiebt einen Teil der Schuld dem Umstand bei, daß Unternehmer, Regierung und öffentliche Meinung den Arbeitern und ihren berechtigten Bestrebungen nicht das wünschenswerte Maß von Entgegen­tommen gezeigt haben. Daraus wird natürlich für die radikalpolitischen Tendenzen feine nachträgliche Berechtigung hergeleitet, es wird nur die Erklärung dafür gegeben, wie es geschehen konnte, daß die verärgerten Massen sich denen anschlossen, die ihnen maßlose Versprechungen machten. War doch die Unerfüllbarkeit der Versprechungen nicht auf der Stelle zu kontrollieren, und hatten doch die Wortführer unter allen Umständen die Möglichkeit der weiteren Vorspiegelung, daß die Erfüllung nur durch die Bosheit der feindlichen Klassen vereitelt worden sei.

Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Vorwurf mangelnden Entgegenkommens, soweit er gegen Regierung und öffentliche Meinung sich richtet, sich auf eine gehn Jahre und darüber zurückliegende Zeit bezieht. Denn die Reichsregierung hat nie aufgehört, in Gemäßheit der kaiserlichen Erlasse vom Februar 1890 sozial tätig zu sein, Die Sozialgesetzgebung zu erweitern und auszubauen. Von Seiten der Reichsregierung ist auf diesem Gebiet das Mög­liche geschehen, nicht mit zurückhaltendem Zögern, sondern mit bahnbrechender Entschiedenheit. Tatsächlich sind ihr so­gar Vorhaltungen nicht erspart geblieben, daß sie zu rasch borangegangen sei, manchesmal einen Sprung ins Dunkle gewagt und die Höhe der den Unternehmern zugeschobenen Belastung nicht hinreichend berücksichtigt habe. Auch die öffentliche Meinung verdient den Vorwurf unzulänglichen Entgegenkommens nicht. Sie hat der berechtigten Arbeiter­bewegung ebensoviel Verständnis wie, Wohlwollen entgegen­gebracht, und nicht die Arbeiter sind es, die sich über man­gelnde Sympathie zu beklagen haben. Sogar die Unter­nehmer verdienen in ihrer großen Mehrzahl den Vorwurf längst nicht mehr, daß sie sich sträubten, erneuter Zeiten Lauf zu bedenken und in ihren Fabriken u. s. w. den Arbeiter­organisationen Recht und Raum zu versagen. Viele, ja die meisten von ihnen haben sich mit überraschender Selbstüber­windung den veränderten Verhältnissen und Anschauungen angepaßt und auf die patriarchalische Stellung verzichtet, die unhaltbar ist, wenn ihr die Anerkennung von der anderen Seite fehlt. Selbstverständlich ist der Unternehmer Partei. ganz wie der Arbeiter auch, und darum hat er gleich der anderen Partei die natürliche Neigung, in seinem Interesse sein Recht zu sehen. Daß aber das Interesse fein untrüg­licher Führer und Berater in Rechtsfragen ist, braucht nicht erst nachgewiesen zu werden.

Endlich hat der Evangelisch- soziale Kongreß der Hoff­nung Ausdruck gegeben, daß die Zugeständnisse, die die preu­der Kongreß nannte diese Zugeständnisse mager"

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ein durch die Not des Augenblicks ertrogtes Gelegenheits­eine zielbewußte und beharrlich durchgeführte Politik, die den verständigen Forderungen der Arbeiter gebührende Ge­rechtigkeit widerfahren läßt.

Es unterliegt schwerlich einem Zweifel, daß die Arbeiter­organisationen als gleichberechtigte Faktoren neben den Un­ternehmerorganisationen immer mehr Anerkennung finden werden. Sie werden das um so sicherer und leichter tun, je früher und entschiedener sie sich aus einseitiger Parteiver­strickung befreien. Denn nicht Kampf-, sondern Friedens­organisationen sollen jene Vereinigungen sein, Werkzeuge der Verständigung, nicht des Streites. Es ist nicht ihre Auf­gabe, die Welt zu ändern, denn das liegt nicht in ihrer Kraft. Wohl aber haben sie die Aufgabe und die Kraft, manche bessernde Einrichtung zu treffen.

Der Krieg in Oftafion.

Der erste Bunkt der Friedensvorbereitungen scheint sciner Erledigung entgegen zu gehen. Wie es heißt, wird Washington Sitz der Friedenskonferenz

sein. Aus London wird dazu gemeldet:

Zum Ort der Friedensverhandlungen ist gutem Ver­nehmen nach Washington ausersehen worden. Der rus­sische Bevollmächtigte v. Rosen hat sich bereits von Havre aus dahin eingeschifft. Die Wahl Washingtons erfolgte auf Wunsch Rußlands troß des anfänglichen Sträubens Präsident Roosevelts.

Amtlich ist bisher in Washington nur bekannt gegeben, daß die russische und die japanische Regierung Washington, Haag und Genf als Ort für die Verhandlungen in Er­wägung zögen. Es ist ja aber immerhin möglich, daß sich die Stimmen schon auf den erstgenannten Play geeinigt haben. Ob damit aber für den Abschluß des Friedens wirk­lich schon viel erreicht ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Skeptizismus, mit dem man Rußlands Aufrichtigkeit in Zweifel zieht, greift ständig um sich. Die Ableugnungen des russischen Botschafters in Washington, Grafen Cassini, daß Stockungen in den Verhandlungen eingetreten seien, ändern daran nichts. Russische Blätter, die der Regierung nicht fern stehen, treten denn auch schon energisch für Fort­setzung des Krieges ein und behaupten immer wieder, daß es Japan sei, das des Friedens bedürfe, nicht Rußland.

Auf dem Kriegsschauplatz dauern inzwischen die Vor­posten fämpfe weiter an. Aus größeren japanischen Kavallerieunternehmungen auf den russischen Flanken will man die Gewißheit entnehmen, daß die japanische Heeres­leitung zu neuen entscheidenden Schlägen ausholt. Weiter ist eine Meldung über

die Gesamtverluste Japans zur See während des Krieges von allgemeinem Interesse. Danach sollen die japanischen Flottenverbände in sämtlichen Aktionen und durch Unfälle folgende Einbuße gehabt haben: Tot: 221 Offiziere und 1782 Mann, verwundet 170 Offi­ziere und 1497 Mann.

Die Mannschaft des deutschen Dampfers Tatartos" aus Flensburg, den der russische Hilfskreuzer Don" auf der Reise von Japan nach Tientsin in den Grund bohrte, ist in Batavia gelandet worden. Die Reederei erklärt, daß das Schiff keine Kriegskonterbande führte und nach einem neu­tralen chinesischen Hafen bestimmt war.

1 500 000 Rubel über Bord.

Aus Nagasaki wird über den Verbleib der Kriegskassen, die sich an Bord weggenommener russischer Schiffe befanden, gemeldet: Der erste Zahlmeister an Bord des Nikolai I." versuchte, das Geld an die Unteroffiziere zu verteilen. Der Kapitän und sein Stab verhinderten dies und verlangten die Aushändigung des Geldes an die Offiziere. Der Zahl­meister leistete dem Befehl Folge. Der Zahlmeister der ,, Drel", der ebenfalls von den Offizieren aufgefordert wurde, ihnen das Geld auszuhändigen, weigerte sich, dies zu tun: und warf die ganze Summe es sollen 1 500 000 Nube. gewesen sein über Bord.

*

Petersburg, im Juni.

Die ruffifchen Gefangenen in Japan. ( Eig. Bericht.) Der Vertreter des Rußi", I. S. Balet, schickt seinem Blatte einen ausführlichen Bericht über seine Besuche bei russischen Kriegern, die in japanische Gefangenschaft ge= raten sind. Balet schreibt: Ich habe die russischen Gefange­nen zum erstenmal vor einem Jahre besucht, im Mai 1904. Es war nach dem Kampfe bei Kjulentscheng. Die über den leichten Erfolg erstaunten Japaner hatten damals noch nicht die Zuversicht, die sie später erworben haben. Sie hatten für die Gefangenen nur ein Depot in Mazujama eingerichtet und waren durchaus nicht der Ansicht, daß dies zu wenig sein werde. Nachdem sich aber die Stadt Mazujama als allzu­flein für die Unterbringung aller Gefangenen erwiesen hatte, wurden nach und nach neue Sammelplätze eingerich­tet. Größtenteils werden die Gefangenen in besonderen Barackenlagern unter Garnisonsbewachung untergebracht, zuweilen aber auch in Tempeln und Schulen. Das größte und schönste Lager befindet sich bei Hamadera zwischen Osaka und Wakujama. Vor drei Monaten gaben neue Regeln den Offizieren mehr Freiheit wie früher. Sie dürfen in Pri­bathäusern wohnen und ihr Leben nach ihrem Gefallen ein­richten, aber sie haben nicht das Recht, Waffen zu tragen und unzensierte Briefe abzuschicken. Die größte, entsetzlichste Strafe für die Gefangenen ist die Langeweile. Das voll­ständige Fehlen von Zerstreuungen und die erzwungene Un­tätigkeit rufen bei den meisten Gefangenen schlechte Stim­mung und Gereiztheit hervor. Die Japaner machten den Versuch, öffentliche Arbeiten zu organisieren. Sie hofften so mit einer Klappe zwei Fliegen zu schlagen: die Gefange­nen zu beschäftigen und zugleich größere Arbeiten durchzu­führen. Diese Versuche hatten aber keinen Erfolg; nach awei bis drei Tagen verließen die Gefangenen die Werkstät­

ten, die zu sehr an das Leben von Zwangssträflingen erin­nerten. Wie sich die Bevölkerung zu den Gefangenen ver­hält? Ich muß hier den Feinden Rußlands verdientes Lob spenden; sie sind korrekt und musterhaft höflich gegen die gefangenen Russen. Sogar in der Gefangenschaft geben die Generale von Port Arthur das traurige Schauspiel des Ha­ders und der Feindschaft. Auf der einen Seite stehen die Gegner Stössels, auf der anderen seine Verteidiger. Gene­ral Ssmirnow steht an der Spitze der erstgenannten, Gene­ral Fock an der Spike der zweiten Partei. Die Japaner waren genötigt, die Parteien zu teilen; die Parteien sore­chen nicht miteinander und grüßen sich nicht. Manche Offi­ziere, wie z. B. der alte Oberst Fürst S.. suchen sich eine harmlose Zerstreuung. Der Oberst beschäftigt sich mit der Zucht von Nachtigallen. Als ich dort durchreiste, war er in großer Trauer: eine seiner besten Nachtigallen war ge­storben. Der Fürst bat die Gewohnheiten eines Mannes der vornehmen Welt bewahrt und kleidet sich dreimal am Tage um. Des Morgens ist er in Uniform, am Tage im Rockanzug und des Abends immer im Frack, selbst wenn er allein ist. Manche Offiziere beschäftigen sich mit auker­ordentlichem Eifer mit dem Studium der japanischen Sprache, und das ist das allerbeste..."

Die Politik.

Daß Herr v. Lucanus die Absicht hat, seinen Rücktritt als Chef des Kaiserlichen Zivilkabinetts zu nehmen, ist schon so oft verkündet und umgehend dementiert worden, daß es sich eigentlich kaum der Mühe lohnt, neuen Auflagen dieser Gerüchte entgegenzutreten. In den letzten Tagen hatten sie sich aber so verstärkt, daß auch weniger Leichtgläubige sich fragten, ob nicht doch etwas daran wäre. Wie unser CB. Mitarbeiter auf Grund von zuverlässigen Informationen erfährt, ist jedoch diesmal ebensowenig Wahres an der Mel­dung, wie an ihren Vorgängern.

*

Eine Vorlage zur Aenderung der württembergischen Verfassung ist vom Ministerpräsidenten Dr. v. Breitling in der Abgeordnetenkammer zur schleunigen Beratung einge­bracht worden. Die Grundlinien des Entwurfes bestehen in der Beibehaltung des Zweikammersystems, in der Um­wandlung der Zweiten Kammer in eine ausschließlich aus Erwählten des allgemeinen Stimmrechts zusammengesezte Volkskammer, sowie in der zeitgemäßen Erneuerung und Verstärkung der Ersten Kammer. Ein Ersatz für die aus der Zweiten Kammer ausscheidenden Privilegierten ist nur in­sofern vorgesehen, als die Zahl der Abgeordneten der Stadt Stuttgart auf 6 vermehrt wird, welche durch Proportional­wahl gewählt werden sollen. Damit wird die Abgeordneten­fammer fünftig aus zusammen 75 Abgeordneten gegen bis­her 93 bestehen. Was den Wahlmodus anbetrifft, so soll das bisherige System der Stichwahlen beseitigt und für den zweiten Wahlgang das System der verhältnismäßigen Mehr­heit eingeführt werden. In die Erste Kammer sollen neu eintreten: 6 Mitglieder der Ritterschaft, 4 Vertreter der evangelischen Geistlichkeit, 2 Vertreter der katholischen Geist­lichkeit, ferner je ein Vertreter der Universität Tübingen und der Technischen Hochschule Stuttgart und schließlich je zwei Vertreter des Handels- und Gewerbestandes und der Land­wirtschaft. Die letzteren vier sollen vom Könige ernannt werden.

Defterreich- Ungarn.

Die Skandalszenen im Reichstag werden nachgerade zu einer ständigen parlamentarischen Einrichtung. Gleich die erste Sigung nach einmonatiger Pause brachte einen recht häßlichen Zusammenstoß zwischen dem Grafen Sternberg und dem Sozialdemokraten Schumeier. Sternberg nannte Schumeier einen gebildeten Hausknecht", wofür sich dieser damit revanchierte, daß er meinte, ein solcher mache dem Parlament mehr Ehre, als ein verlotterter Graf, der sich in anrüchigen Nachtlokalen umhertreibe. Als Sternberg darauf mit einem Lump!" reagiert, wird ihm von Schumeier in Aussicht gestellt, daß er im künftigen sozialen Staat das Irrenhaus oder das Säuferasyl als Wohnsitz angewiesen erhalten würde. Darauf Sternberg: Verleumder!", und zum Schluß Schumeier: Verkommenes Subjekt!" Die sach­liche Debatte, die sich um das Einkommen der niederen Geist­lichkeit drehte, fonnte natürlich durch die Belastung mit der­artigem persönlichen Injurienschwall nur verlieren. Und so wird es allen Vorlagen gehen, welcher Art sie auch seien, bis nicht eine gründliche Remedur der parlamentarischen Unfitten ins Werk gesezt ist. Vorläufig wird das aber wohl ein frommer Wunsch bleiben. Alle Ansäße dazu haben sich bisher als Sisyphusarbeit erwiesen.

England.

* Der militärische Warenschwindel in Südafrika, über den jetzt der Kommissionsbericht der Deffentlichkeit übergeben morden ist, übersteigt noch bei weitem das, was bereits in die Presse durchgesichert war. Es steht fest, daß 120 Mil­lionen Mark vergeudet sind. Der Hauptschuldige ist Oberst Morgan, der von Lord Kitchener, als dieser 1902 Südafrika berließ, an die Spitze des nach Veendigung des Burenkrieges eingerichteten Verpflegungs- und Transportdepartements