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Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 15. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Oltafien. Snimer zahlreicher werden die Stimmen in Rußland, die sich gegen den Friedensschluß aussprechen. Ein angeblicher Protest Lenewitschs gegen den Frieden

ift gar zweifellos apokryph, aber er spiegelt trefflich wie­der, was man in leitenden russischen Armeekreisen über die Frage der Fortführung des Krieges denkt. Es heißt darin: u. a.:

Der augenblickliche Moment nach den Schlachten von Mukden und Tsushima ist nicht geeignet zu Friedensver­handlungen. Der Feind wird zweifellos, trunken durch die Erfolge, Bedingungen stellen, die die Ehre unseres Lan­des schädigen. Es ist jedoch kein Grund vorhanden, diese Bedingungen anzunehmen; denn wir sind noch nicht in einer derartigen Notlage. Ich hoffe, im Verlaufe d. Mts. in der Lage zu sein, die Offensive zu ergreifen, durch die die ganze Sachlage geändert werden wird.

Lenewitsch wird, wie gesagt, kaum der Verfasser dieses Dokuments sein, der das Datum des 10. Juni trägt, wo Roosevelts Vorschlag eben erst in Petersburg bekannt wurde. Der Wirkung seiner Beweisgründe tut das aber keinen Ab­bruch. Daß der

Standpunkt der rnssischen Regierung

in der Friedensfrage, wie schon mehrfach betont worden ist. fühl abwartend ist, geht aus der Fassung des offiziellen Ant­morttelegramms an Präsident Roosevelt deutlich hervor. Darin steht: Was die eventuelle Zusammenkunft von russi­fchen und japanischen Bevollmächtigten betrifft, die die Auf­gabe hätten, zu prüfen, bis zu welchem Punkte es den beiden Mächten möglich wäre, Friedensbedingungen auszuarbeiten, so hätte die kaiserliche Regierung im Prinzip nichts gegen einen derartigen Versuch einzuwenden, wenn Japan den Wunsch danach ausdrückte. Es ist kaum anzunehmen, dak die russischen Bevollmächtigten es für möglich finden wer­den, auf den von Japan gewünschten Bedingungen einen Friedensvertrag aufzubauen.

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Die Infel Sachalin.

Im äußersten Osten liegt die Insel Sachalin, der Mün. dung des Amurflusses gegenüber und sie beherrschend, un­wirtlich durch das Klima, unwirtlicher noch durch ihre Be­wohner. Eine Verbrecherbevölkerung hat sich dort nieder­gelassen nicht freiwillig, wie man sich denken kann--, und Einschränkung der Freiheit im Verein mit aussichtsloser wirtschaftlicher Einengung hat ihre Sitten nicht eben gemil­dert. Von der Insel gibt es feine Flucht, und auf der Insel bestünde die Freiheit, d. h. die Entziehung von der Aufsicht, nur in der gesicherten Anwartschaft auf den Tod durch Ver­hungern oder Erfrieren.

Und doch ist die Insel Eachalin ein Gegenstand des Streites. Nicht zum erstenmal. In früheren Zeiten hatten die Chinesen die Oberhoheit über den nördlichen, die Ja­baner über den südlichen Teil. Dann nahm Rußland die Insel in Besit. Vielleicht nur, damit keine fremde Macht in der Lage sei, die Amurmüning in den wenigen eisfreien Sommermonaten zu sperren. Die russische Herrschaft hat Die schwersten Verbrecher nach Sachalin gebracht, an der Be­irtschaftung der Insel aber nichts geändert. Eine Gesell­schaft organisierte dort den Kohlenbergbau. Die Sträflinge waren die Arbeiter, die sich mit dem färglichsten Lohn be­gnügen mußten und deren Leistungen sich in den entsprechen­den Grenzen hielten. Ihren Gewinn zog die Gesellschaft in der Hauptsache aus der entlohnten Gefälligkeit der Gouver­neure, die durch einen seltsamen Vertrag in der Lage waren. durch Entziehung von Arbeitern den Unternehmern Entschä­digungen aus der Staatskasse zuzuführen. Konnte der Gou­berneur eine gewisse Zahl von Sträflingsarbeitern nicht stellen, so mußte der Staat an die Gesellschaft ein Bestimmtes zahlen. Gesellschaft und Gouverneur haben nie Klage ge­führt. Der Kohlenbergbau blieb freilich nach Art und Um­fang recht fümmerlich.

Die Japaner wollen jeßt, wie es heißt, die Insel Sachalin als Siegespreis in Anspruch nehmen. Da die Insel be= gehrt wird, steigt sie plößlich in der Schäßung. Nicht blok Kohlen, auch Edelmetalle und Diamanten berge sie in ihrem Schoß. So wird behauptet, und niemand ist in der Lage, die Richtigkeit dieser Angaben in Abrede zu stellen. Man fennt eben die Bodenbeschaffenheit der Insel heute so wenin wie früher. Die Russen haben nichts getan, fie aufzu­schließen, und die Vorbesitzer haben es auch nicht getan. Möglich, daß es anders wird, wenn jetzt die Japaner wieder die Herrschaft übernehmen. Denn die Japaner selbst sind mittlerweile andere geworden: gewerbefleißig und gewerbe­fundig, in jeder Technik aeübt und erfahren. Sie werden jedenfalls ehrlichere Mirtschafter sein, selbst wenn sie entschließen, die russischen Deportierten als freie Kolonisten zu behalten.

Die Politik.

Die Auswanderung über deutsche Häfen war in den ersten fünf Monaten dieses Jahres besonders stark. Insge= lamt wanderten über Hamburg 66 815 Personen( 6241

Deutsche), über Bremen 106 295( 6408 Deutsche) aus. Für Hamburg wird diese Ziffer in den letzten fünf Jahren nur vom Jahre 1903 übertroffen, wo 73 635 Personen in den ersten fünf Monaten auswanderten; dagegen läßt die Bre mer Auswanderungsziffer dieses fünfmonatigen Zeitraums alle übrigen Jahresziffern mit 52 433( 1904), 83 448 ( 1903), 72 259( 1902) und 55 566( 1901) weit hinter sich. Weitaus die meisten Auswanderer gingen nach den Ver­einigten Staaten.

A Die diesjährige Hauptversammlung der deutschen Ko. lonial- Gesellschaft, die in Essen unter dem Vorsitz des Her. zogs Johann Albrecht zu Mecklenburg- Schwerin zusammen. trat, stand fast ganz im Zeichen Süd in e sta fritas. Wie in Koloniaaltreisen verlautet, soll der Vizepräsident des Reichstags, Dr. Paasche, die Absicht haben, demnächst zum Studium der einschlägigen Verhältnisse nach Ostafrika zu reisen.

frankreich.

Die günstige Wendung, die die offiziellen Beziehungen zu Deutschland genommen haben, spricht sich in einer Maß­regel aus, die der französische Marineminister getroffen hat. Er gab dem Marineattachee der deutschen Botschaft in Paris. Konteradmiral Siegel, die Erlaubnis, den Kriegshafen und die Marineetablissements in Brest eingehend zu besichtigen. Das ist eine überaus zuvorkommende Haltung, die bisher nicht geübt wurde und nicht nur nach Courtoisie, sondern nach einem gewissen Vertrauen schmeckt. Die Pariser Presse hebt denn auch das Verfahren des Marineministers als eine ganz besondere Freundlichkeit gegen Deutschland hervor.

Niederlande.

Die Kämpfe in den Kolonien wollen kein Ende nehmen. Auf der Insel Celebes wurde die Festung Barah- Bareh von Aufständischen angegriffen, die allerdings mit Hinterlassung bon 500 Toten zurückgewiesen wurden, während die hollän dische Garnison nur zwei Verwundete hatte. Daß die rebellischen Eingeborenen aber wirklich bezwungen werden daran ist vor der Hand nicht zu denken. Skandinavien.

Wie zu erwarten war, ist ein Protest König Oskare gegen die Neuordnung der Dinge in Norwegen jezt auch in ausführlicher Form erfolgt, nachdem der König gleich zu Anfang in einem kurzen Telegramm seine Absetzung für un­giltig erklärt hatte. In einem längeren Schreiben an das Storthing führt er jetzt aus, daß er dem Konsulatsgesetz nicht seine Zustimmung hätte erteilen dürfen, da es gegen die Verfassung verstoßen hätte. Den Beschluß des Storthing, die Union zu lösen, beze- hnet er als unverbindlich für ihr und für Schweden. Erfi der schwedische Reichsrat würde entscheiden, ob dieser Beschluß zur Aufhebung der Union führen solle oder nicht. In Christiania hat man die könig­liche Kundgebung höflich aber mit kühl ablehnender Ruhe entgegengenommen. Die provisorische Regierung ist fest ent­schlossen, auf dem einmal beschrittenen Weg weiter zu gehen, und wird darin durch ungezählte Sympathiekundgebungen aus dem Lande bestärkt. In ihnen allen wird versichert, daß die Bevölkerung bereit wäre, jedes Opfer zu bringen, das zur Durchführung der vom Storthing und der Regierung getroffenen Maßnahmen gefordert würde.

Russland.

Der Ausschluß der Juden aus der künftigen Volks. vertretung soll nach zuverlässiger Quelle unabänderlich be­schlossen sein. Der Entwurf Bulygins erklärt, daß es ein unlösbarer Widerspruch sein würde, die Israeliten bei dem Bestehen ihre Rechte beschränkender Geseze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit in der Volks. bertretung zuzulassen.

Griechenland.

O Der Ministerpräsident Th. P. Delyannis ist ermordet worden. Ein 80jähriger Greis, dessen große Berdienste um sein Vaterland nicht geleugnet werden können, trotzdem die von ihm inaugurierte großzügige Politik in der Kretafrage in dem unglücklichen Kriege mit der Tärkei einen schweren Stoß erlitt, ist dem Messer eines Rowdys erlegen. Der Mörder Delyannis' handelte nicht aus politischen Motiven, wie man in der ersten Bestürzung annahm. Charakaris, so heißt er, ist ein berufsmäßiger Spieler und wollte sich an dem alten Herrn, rächen", weil dieser vor einiger Zeit die Schließung der Spielhäuser herbeigeführt hatte. Deshalb lauerte er ihm am Eingang zur Deputiertenkammer auf. Er sprach sein Opfer, als es aus dem Wagen stieg, erst an, grüßte, füßte ihm die Hand und stieß ihm dann plötzlich das Messer in den Unterleib. Der Mörder war übrigens s. Rt. wegen Tötung seiner eigenen Frau zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Afrika.

Daß Deutschlands Eintreten für die Aufrechterhaltung des status que in Marokko beim Sultan dankbare Ge­sinnungen erweckt hat, hat seinen äußeren Ausdruck in der Tatsache gefunden, daß die Konzession zum Ausbau des Hafens von Tanger einer deutschen Firma verliehen worden ist. Die Zahlung für die Arbeiten soll ohne Zinszuschlag auf einen Zeitraum von zehn Jahren verteilt werden.

A Aus Sansibar kommt die Nachricht, daß Tippo Tipp ge

storben ist. Tippo Tipp war ehemals Sklavenhändler und hat in Aequatorialafrika bis zu seinem Tode große Macht und Ansehen genossen. Er unterstüßte Stanley und Wiss­mann bei ihren Forschungsreisen. Von Stanley wurde 1887 mit ihm im Namen des belgischen Königs Leopold ein Ver­trag behufs Aufrechterhaltung der Souveränetät des Kongo­staates am oberen Kongo geschlossen. Tippo Tipp wurde darin zum Gouverneur der Station Stanleyfalls ernannt. Seine eigentliche Residenz" war im Kasongoreich am Lua­laba. Eigentlich hieß Tippo Tipp Hamed ben Mohammed und war arabischer Abkunft. Als die Kongoregierung ener­gisch auf Aufgabe des Sklavenhandels drängte, verließ Zippo Tipp seine Station und siedelte sich in Sansibar an.

Deer und flotte.

Der deutsche Kriegerbund hat soeben seinen 30. Geschäfts­bericht, der die Jahre 1903 und 1904 umfaßt, heraus­gegeben. Dem Bericht entnehmen wir die Daten, daß der Bund am 1. April 1905 16 967 Vereine mit 1 458 923 Mit­gliedern, darunter 271 826 Veteranen, gezählt hat. 358 062 Mark hat der Bund in den beiden Berichtsjahren für Kame­raden oder ihre Witwen gezahlt, außerdem wurden für die vier Kriegswaisenhäuser weitere 401 788 Mart aufgewendet, so daß der Bund 759 850 Mark in zwei Jahren für seine Wohlfahrtspflege ausgegeben hat.

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Hof und Gesellschaft.

Der Kaiser hat dem Chef der französischen Spezial­mission, die zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des deutschen Kronprinzen in Berlin anwesend war, eine besondere Ueber­raschung zugewendet. General Lacroix erhielt vor der Ab­reise die Photographie des Kaisers ins Hotel gesandt mit der Unterschrift: Döberißer Lager, den 10. Juni 1905."- Die Gräfin Stefanie Lonyay, die frühere Kronprinzessin von Desterreich, die zum Kurgebrauch in Wiesbaden eingetroffen ist, erhielt vom Kaiser ein Begrüßungstelegramm.

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Bei seinem Aufenthalt in Hannover gedenkt der Kaiser eine Fahrt durch die Lüneburger Heide zu unter­nehmen. Sie soll im Automobil gemacht werden und 4 bis 5 Stunden dauern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Kaiser auch einige industrielle Etablissements in der Heide besichtigen wird. Das Ziel der Fahrt ist Hamburg, wo das Eintreffen des Kaisers am Abend des 17. Juni erwartet wird.

Der Einzug des deutschen Kronprinzen mit seiner Gemahlin, der Kronprinzessin Cecilie, in Potsdam soll schon am 20. Juni erfolgen. Das Kronprinzenpaar be­gibt sich von Schloß Hubertusstock mittelst Bahn nach Berlin und vom Stettiner Bahnhof daselbst per Wagen nach dem Potsdamer Bahnhof. In Potsdam bilden vom Bahnhof bis zum Fortuna- Portal des Stadtschlosses die Gewerke und Schulen Spalier, von dort bis zum Marmorpalais nimmt die Garnison Aufstellung. Dem Publikum soll auch bei der Einholung in Potsdam der weiteste Spielraum gegönnt und ihm namentlich überall der Bürgersteig freigegeben werden. Inzwischen hat das Kronprinzenpaar auch schon einmal einen furzen Abstecher von Hubertusstock nach Wild­park gemacht und war von dort nach dem Potsdamer Bahn­hof in Berlin gefahren, um den Großfürsten Michael von Rußland, den Großvater der Kronprinzessin Cecilie, auf der Durchreise von Baden- Baden nach Petersburg zu begrüßen. Der Schah von Persien ist auf seiner diesjäh­rigen Europa- Reise in Lemberg angelangt, von wo er sich Ende dieser Woche nach Wien begiebt. Er nimmt dort in der Hofburg Wohnung.

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Soziales Leben.

[] Gemeindesteuern in Preußen. Die Statist. Korr." beschäftigt sich mit den Gemeindesteuern der preußischen Städte von mehr als 10 000 Einwohnern und stellt fest, daß von den 245 in Betracht kommenden Städten im Jahre 1903 nur 16 als Gemeinde- und Kreissteuern einen Betrag von 100 und weniger v. H. des staatlich veranlagten Sollauf­kommens der Einkommensteuer erhoben haben, dagegen 86 einen Betrag von 101 bis 150 v. H., 104 einen solchen von 151 bis 200 v. H., 33 einen solchen von 201 bis 250 v. S. und 6 sogar einen solchen von mehr als 250 v. H. Nicht weniger als 58 v. H. aller Städte von mehr als 10 000 Ein­wohnern erheben also mehr als 150 v. H. Kommunalsteuer. [] Aus dem Geschäftsbericht des in Lübeck abgehaltenen 19. Berufsgenossenschaftstages gewinnt man eine inter­essante Uebersicht über den Umfang der beruflichen Unfall­versicherung. Während der jetzt zwanzigjährigen Tätigkeit der Berufsgenossenschaften betragen die gezahlten Unfall­entschädigungen mehr als eine Milliarde Mark, der Reserve­fonds stellt sich auf 170 Millionen Mark, die Zahl der Ver­sicherten hat sich verdreifacht und beträgt jetzt 7,5 Millionen. [] Der evangelisch- soziale Kongreß, der unter Vorsitz des Professors Harnack in Hannover tagte, proklamierte eifrioes Weiterstreben für den Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung.