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Nr. 62.

Sufertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­Beffen, die Kreise Wehlar amb Marburg 10 Bfg. fenft 15 Pfg. Reklamen bie Petitzeile 30 resp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanfchluk Nr. 362.

Dienstag, den 14. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Ungarische Zollpolitik.

Der österreichisch- ungarische Botschafter am Berliner Hof, Graf Szögyenni, hat sich nach Budapest begeben, nicht in diplomatischer, sondern in selbstgegebener politischer Mission. Gu will auf seine Freunde in der Heimat belehrend ein­wirken, daß sie von dem Versuch Abstand nehmen, dem Han­delsvertrag Schwierigkeiten zu bereiten, der zwischen Deutsch­land und Desterreich- Ungarn vereinbart worden. Er will den Magyaren sagen, was sie nicht zu wissen scheinen, daß die maßgebenden Faktoren und Parteien Deutschlands dem deutsch- österreichischen Vertrag, wenn er durch ungarisches Verschulden zum Scheitern kommen sollte, keine Träne nach­weinen würden. Er will sie darauf aufmerksam machen, daß man bei den deutschen Landwirten lebhaftes Vergnügen empfinden würde, wenn die nach den Wünschen der Ungarn bereinbarte Vichseachenkonvention nicht in Kraft träte, viel­mehr der Landwirtschaft in Deutschland die Möglichkeit ge­geben würde, sich gegen die Konkurrenz des ungarischen Vich­exports durch eine Viehsperre gründlich und für immer zu schüßen. Er will ihnen endlich flar machen, daß es viel leichter sei, eine Handelsvertrags- Vereinbarung zu nichte zu machen, als sie herbeizuführen, und daß die Begleichung der Kostenrechnung immer dem zufäme, der den Schaden ange­richtet.

Ob Graf Szöghenyi Erfolg haben wird, bleibt abzu­Darten. Die politischen Wirren, in denen sich Ungarn be­findet, unterstützen sein ternehmen insofern, als ein Poli­fiber, der Verantwortlichkeitsbewußtsein hat, ohne äußerste Not nicht auf sich nehmen wird, die vorhandene Mishellig­feit, die sich auf die Ordnung der Staatsverfassung bezieht, burch Heraufbeschwörung wirtschaftlicher Gegensätze und hümpfe noch zu komplizieren.

In der Tat hat selbst Franz Kossuth angefangen, eine Art Einsehen zu zeigen. Er scheint erkannt zu haben, daß fei ne staatsrechtlichen Theorien, die eine Losreißung der Jen? Am Morgen, ungarischen Armee aus dem Verband der Gesamtmonarchie ſtlich entwickelt eine bezwecken, zunächst wenigstens teine Aussicht auf Verwirk­it und ist deshalb lichung haben. Er will sich deshalb bescheiden und als guter welche während des Kaufmann den Schmerz seiner magyarischen Resignation sich n, zu neutralisieren. durch wirtschaftliche Zugeständnisse lindern lassen. Er hat ehen; vergißt man sie sich ausgedacht, daß zwischen Desterreich und Ungarn ein wöhnlich in der Nacht Zollvertrag abgeschlossen werden soll, der nur für eine kleine re Uhr zur Verfügung Arzahl Industrieartikel Schutzölle feststellt, im übrigen die Zeit. Zieht man aber, namentlich für die ungarischen Rohprodukte, Zollfrei­allenfalls mitten im het weiter bestehen läßt. Dem Einwand, daß die Meist­die richtige Zeit ermit begünstigungsklausel, die in den Vertragstarifen enthalten it der dritte Grund zu ſein pflegt, einer solchen Ordnung hinderlich sei, begegnet berreizten und müden Franz Kossuth mit dem Hinweis darauf, daß die österreichiſch­ht wird. Am Morgen ungarische Personalunion den fremden Mächten die Not­iertes kommt bei man wendigkeit einer besonderen Berücksichtigung der internen ch des Morgens regel mitſchaftlichen Beziehungen Desterreich- Ünorens eingängig

berlegt.

machen werde. Das ist freilich unsinnig, denn feinen dritten Staat geht an, was Desterreich und Ungarn miteinander borlaben. Wenn diese beiden sich gegenseitig als gesonderte Wirtschaftsgebiete betrachten und behandeln, jo fehlt für den dritten jede Veranlassung zu einer anderen Betrachtungs­reise. Über Desterreich- Ungarn oder, wenn die Beteiligten lieber wollen, Lesterreich und Ungarn sind souverän und

niffion einzufi förmen Handelsverträge ganz ne Meistbegünstigungs­

freisärztliches

flausel oder mit beschränkter Meistbegünstigung abschließen - wofern sie Kontrahenten unter jolcher Bedingung finden. Das ist nun freilich in hohem Maße fraglich, namentlich jetzt,

ger an Gebrechen lada rund um Desterreich- Ungarn ein Nez von Handelsver­find, z. B. Lavi trägen ausgespannt ist, das Desterreich- Ungarn wirtschaftlich

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ftesschwäche usw., and beglaubigte 3e ifters, Geistlichen, orhandensein vo rklärung bon mind n zu erhärten.

böllig isolieren würde.

Franz Kossuth wird sich roch weiter von seinem Brin­ip" abdrängen lassen müssen, das zurzeit einmal undurch­führbar ist. Es ist ganz anerkennenswert von ihm, daß mit seiner Duldung Vernunft wieder zu sprechen angefan­gem hat, und deshalb ist es der Hoffnung wohl auch ge­stattet, wieder zu glühen. Graf Szögyenyi wird es jeden­finkchen zur Flamme anzublasen. Uns soll es recht sein

csönlich teilzunehmen, falls an Bemühungen nicht fehlen lassen, das Hoffnungs­hen Bürgermeistere aber wir können es abwarten.

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Der Krieg in Oftalien.

Trotz der großen Anstrengungen, die die Japaner machen, um ihren Sieg am Hunho zu einer Katastrophe für das russische Heer zu machen, scheint es, als ob Kuropatkins Früchte des Sieges entreißen wird, indem die Hauptmacht des

Gasthaus Zum Rap benährte Rückzugsstrategie ihnen auch diesmal die schönsten , im Rathaus zu sischen Heeres das rettende Tieling erreicht. Von dort pril, in der Restaurd nach Petersburg telegraphiert: annschaften der Reticling. Die Japaner rücken nördlich von Mukden in

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zweiten Aufgebot tlich ihrer häusliche gen Referbiften und

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Die russischen Truppen nähern sich den Stellungen bei Abteilungen langsam vor.

Daß Kuropatkin eine Zeitlang tatsächlich in Gefahr ge= besen ist, umzingelt zu werden, wird jezt auch von russischer Seite zugegeben. Meldungen aus englischer Quelle wollen sogar wissen, daß Lieling auch schon von den Truppen Das Entkommen des russischen Gros

iten Aufgebots, sowie die Oyamas stark bedroht oder gar umzingelt sei. her Verhältniffe eine ist dadurch ermöglicht worden, daß Kuropatkin jelber bei

Falle einer Einberufung

auben, an den bezel erfcheinen und ihre Ge

Mukden mit einein Teile seiner Streitmacht auf das ener­gischste stand gehalten hat und es damit dem Gros der Armee ermöglichte, sich vom Schaho loszulösen. Er benutzte dabei die Hügel im Norden des Flusses als eine schüßende Wand, hinter der der Rückzug begonnen werden konnte. Dieser begann in der Nacht des 10. März und wurde ohne Unter­brechung Tag und Nacht bis zum 12. fortgesetzt. Es hat dabei nicht an

kritischen Momenten

gefehlt. Als die Trains der verschiedenen russischen Korps auf der Mandarinenstraße zurückgingen, fielen plötzlich die Granaten der japanischen Artillerie, der es gelungen, von Süden her durch die Linien der dort kämpfenden russischen Truppenteile heranzukommen, auf sie. Dadurch brach eine Panik aus, die geradezu verhängnisvoll zu werden drohte, weil gerade in diesem Zeitraum ein furchtbarer Wirbelſturm ganze Wolken von Staub daherjagte, so daß man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Indessen, naturgemäß litten unter diesem Naturereignis die Japaner in gleicher Weise, und nach zwei bangen Stunden war die Ordnung einiger­maßen wiederhergestellt, und die von den Trainkolonnen zurückgedrängten Truppen vermochten sich zu sammeln und die höchst notwendige Deckung herzustellen.

Es wird jetzt darauf ankommen, wieweit es Kuropatkin gelingt, genügend Truppen bei Zieling zusammenzuziehen, um den zurückflutenden russischen Heeresteilen Aufnahme gewähren und den zum Angriff heranrückenden Japanern standhalten zu können. Man erwartet eine

neue Schlacht bei Tieling,

die erst die eigentliche Entscheidung bringen würde. Darauf zielen zurzeit die japanischen Operationen hin. Die Hoff­nungen der japanischen Kriegsleitung spiegeln sich in folgen­dem Telegramm aus Tokio wieder:

Die Verfolgung der russischen Heere wird fortgesetzt. Man vermutet, daß ein neuer Kampf in der Nähe von Tieling statthaben wird, wo die Russen den raschen Vor­marsch der Japaner aufzuhalten versuchen werden. Die Japaner stehen schon bei Tieling. Die Russen sind augenscheinlich ermüdet und in Unordnung; auch sollen sie wenig Lebensmittel und wenig Munition haben.

Während die Spiten der japanischen Heeressäulen mit aller Wucht vorstoßen, finden fortgesezt Einzelfämpfe mit den versprengten russischen Armeeteilen statt. Sogar bei Mukden wird noch gekämpft, während nördlich vom Hunho die dort retirierenden Russen für ihre Rettung das Aeußerste leisten. Ganze Massen von Russen sind nach einem Berichte Ohamas besonders beim Uebergang über den Buho nach einem schweren Kampfe, der zum Handgemenge ausartete, umzingelt, so daß ihnen schließlich nichts übrig blieb, als sich zu ergeben.

Die Opfer der Kämpfe

gestalten sich immer schrecklicher. Ueber 25 000 tote Russen liegen auf dem weit ausgedehnten Schlachtfelde. Besonders groß ist die Zahl der Gefangenen, die in japanische Hände fielen. Sie wird auf 100 000 angegeben. Man rechnet jett einen Gesamtverlust auf russischer Seite von nahezu 300 000 Mann heraus. In den russischen Lazaretten, die den Ja­panern in die Hände gefallen sind, sollen mehrere hundert verwundete Japaner ihre Befreiung aus der Kriegs­gefangenschaft gefunden haben. Eine Depesche aus dem ja­panischen Hauptquartier berichtet über die Beute:

Die Russen ließen in dem Gebiete, beginnend 13 Mei­Ien von Kaolitun entfernt bis südlich von Clinolikuku und westlich der Eisenbahn bis auf eine Entfernung von 16 Meilen nördlich von Mukden, zahllose Wagen mit Mundvorräten und Munition im Stich. Wir hatten Teine Zeit, die Mengen festzustellen. Die Fahne des Wilna­regiments wurde erbeutet, ebenso in Sinminting viele weitere Vorräte, welche für die Russen bestimmt waren. Ob ein Teil dieser Wagen, wie behauptet wird, die rus­sische Kriegskasse enthält, wird sich bald zeigen.

Je mehr sich die Zusammenstöße dicht an der chinesischen Grenze häufen, desto ernstlicher droht eine

Einbeziehung Chinas

in die Kriegswirren. Die Russen kennen bereits keinerlei Schonung mehr. Sie haben den chinesischen General­gouverneur von Mukden mit sich fortgeschleppt, da er ihnen im Verdacht stand, daß er ins geheim den Japanern Vor­schub leiste. Auch die Japaner nehmen die chinesische Ver­waltung ohne weiteres für sich in Anspruch. Sie haben die Einstellung des Dienstes auf der Bahn Inkou- inmintin durchgesetzt, die für die Beförderung der Munition und der Vorräte für die japanischen Truppen in Beschlag genommen ist. Von russischer Seite ist bereits eine diplomatische Aktion in Pefing eingeleitet, die sich auf die Beschuldigung stützt, daß reguläre Truppen des chinesischen Generals Ma mit den Tschuntschusenbanden in den entscheidungsvollen Kämp­fen bei Sinmingting gegen die Russen gekämpft hätten. Was tut Rußland?

Das ist jetzt die allgemeine Frage, und die Meldungen von einem nahe bevorstehenden Friedensschluß erscheinen an­gesichts der Meldungen aus Petersburg allzu optimistisch.

Dort hat die Kriegspartei noch immer das Heft in der Hand, und es ist allen Ernstes von der Entsendung einer neuen großen Armee die Rede. Diese soll aber nicht Kuropatkin hingegeben werden. Der unglückliche Feldherr wird, wenn die Meldungen richtig stehen, abberufen und ein Großfürſt wird seinen Bosten übernehmen.

Die Politik.

Am 30. März, fo wird aus London berichtet, wird Kaiser Wilhelm in Gibraltar sein, won ein zweites eng­lisches Geschwader sich mit atlantischen vereinigen wird. Zum Empfang des Kaisers werden großartige Vorbereitun­gen getroffen.

On bäuerlichen Kreisen wird lebhaft gegen die Jagd­gesegnovelle agitiert, die augenblicklich dem breußischen Ab geordnetenhaus vorliegt. Von jener Seite verlangt man daß die Jagdgenossen den Jagdvorsteher wählen und auf Verpachtung und Bildung der Jagdbezirke Einfluß haben sollen. Sie wollen auch die Befugnis, den Zuschlag zit er­teilen, dem gewählten Jagdvorsteher zugewiesen wissen.

Die Entschädigung deutscher Ansiedler auf Samoa ist trop der Geringfügigkeit der in Betracht kommenden Forde rungen ins Stocken geraten. Es handelt sich um die Grund­eigentumsbeschädigungen, die bei den jüngsten Unruhen durch die Truppen verursacht worden sind und von deutscher Seite auf 65 000 Dollars angegeben werden. Die Engländer und Amerikaner wollen nur 25 000 Dollars anerkennen.

Von England aus werden immer wieder Nachrichten verbreitet, die glauben machen wollest, daß Deutschland geheime Absichten in Ostasien, wenn auch nicht für sich allein, verfolge. Die neueste derartige Meldung weiß von einem Gerücht zu erzählen, wonach Deutschland mit Frank­reich und Rußland ein geheimes Abkommen getroffen habe. daß sich auf die Provinzen Schwantung, Kwangsi, Man­dschurei und Mongolei beziehe; auch habe bereits ein Mei­nungsaustausch mit dem chinesischen Auswärtigen Amt stattgefunden. Die ganze Meldung ist frei erfunden. Eine geheime Abmachung irgend welcher Art zwischen den genannien Mächten besteht nicht.

Balkan- Staaten.

* Die bulgarische Regierung stellt die Vegünstigung der Bandenbildung entschieden in Abrede, doch gibt man zu, daß bei der großen Ausdehnung der Grenze, bei den zahlreichen Gebirgspässen der Uebergang einzelner Banden wenigstens nicht unbedingt ausgeschlossen sei. Jedenfalls würden die in Sofia sich aufhaltenden Führer der mazedonischen Be­wegung, Tsontschew, Sarafow usw., aufmerksam beobachtet. Freilich ist mit der Beobachtung noch nichts für die Auf­rechterhaltung von Ruhe und Ordnung geschehen.

Türkei.

In Konstantinopel sind Verschwörungsgerüchte im Um. Iauf. Man spricht davon, daß ein Kammerherr, zwei Ad. jutanten des Sultans, ein Divisions- und ein Brigade­general verschwunden sind. Sie sind nicht beseitigt worden. sondern entflohen. Im Yildiz Kiosk ist man deswegen in lebhafter Erregung.

Amerika.

Wieder einmal ist die Republik Venezuela in Gefahr. Der venezolanische Konsul in Philadelphia selbst macht das der Welt bekannt. Er will durch seine Geheimpolizei von furchtbaren Vorbereitungen zu einem Aufstand gegen den Präsidenten Castro erfahren haben. Binnen kurzem solle mus Philadelphia ein Dampfer mit Waffen und Schießbedarf, ausreichend für mehr als tausend Mann und einen langen Feldzug, nach Venezuela abgehen, mit Geschützen und Vor­räten an Bord, die den Dampfer in ein schwerbewaffnetes Kanonenboot umzuwandeln geeignet seien. Das bene­zolanische Kanonenboot Restauraour" solle unverzüglich zur Repuratur auf die Werft von Crany gegeben werden, imm dann vem geheimnisvollen Dampfer folgen und feine Durch­suchung in den venezolanischen Gewassern erzwingen zu können, falls dessen Abfahrt nicht ourch die Regierung der Union gehindert werde. Es überlauft einen ordentlich falt, wenn man das liest. Man braucht aber nicht zu er­schrecken. Solche Geschichten gehören zum venezolanischen Hausbedarf.

Ruffifches Getangenenleben in Japan.

Die japanischen Zeitungen haben mehrfach Gelegenheit genommen, über Ausschreitungen und Fluchtversuche russi­scher Gefangener zu flagen. Sie verlangen, daß die zu große Milde, die den Gefangenen gegenüber walte, einer strengen Disziplin weiche, wenn diese ihre Lage vergessen. Gefangene seien Gefangene und keine eingeladenen Gäste. Es könne nur den Spott der Welt herausfordern, wenn man sich bemühe, gegen die Russen, die in das Land als Ge­fangene gebracht sind, freundlich und verbindlich zu sein, wie das die Beamten und die Bevölkerung der Provinzen