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Vorstand:

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Nr. 38.

Jufertionspreis: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­offen, die Kretse Meblar unb Marburg 10.fg. fenft 15 Big. Reklamen ble Betitzeile 30 refp. 40 Big.

Redaktion u. Haapterpettion: Stegen, Selbersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 14. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bra., in's Hess gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen bierteljährl. M. 1.50. Grattsbellagen: Oberheffische Familienzeitung( t? glich) und die Gießener Seifenblafen( mögentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der Sohn des Diktators.

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Zum Empfang Kossuths durch Kaiser Franz Josef. Wer ist Franz Kossuth? Vor wenigen Jahren wußte es kein Mensch. Als Ludwig Kossuth, der Führer der unga­rischen Revolution im Jahre 1849, im hartnäckig festgehal­tenen Eril gestorben war, erfuhr man, daß es einen Franz Rossuth gab, einen Sohn des weiland Diktators, der nicht mit seinem Vaterland noch mit seinem Landesherrn Frieden machen wollte, weil er einmal geträumt hatte, selbst Herr jeines Vaterlandes zu werden. Von einem Traum zu zeh ten, ist nicht jedermanns Sache. Man kann es Franz Kossuth nicht verargen, daß er nicht von dem Traum seines Vaters ehren mochte. Zunächst war ihm der Name des Vaters eine weit bessere Erbschaft, in der Heimat eine vortreffliche Emp­fehlung, ein Programm und beinahe ein Freibrief. Er trat wie ein Prätendent auf. Das wäre ihm vielleicht nicht ganz gut bekommen, wenn er nicht verstanden hätte, durch beruhi­gende Unbedeutendheit mit sich zu versöhnen. Er zeigte sich so wenig hervorragend, daß keine Eifersucht gegen ihn aufkom­men konnte. Er durfte einer Partei den Namen seines Va­ters geben; doch wußte er den Vorteil zu nußen, der darin lag, daß der Name seines Vaters auch sein Name war. So wurde er der Namengeber einer Partei und ohne all sein Verdienst und Würdigkeit um des Namens willen ihr Führer.

Er war fein strenger und unbequemer Führer. Seinen Leuten gab er gern nach. Die kriegerischen Naturen unter hnen ließ er ohne Widerstreben, zwar nicht die Ehren der Führung, aber die Last der Verantwortung auf sich nehmen und fich im männlichen Streit abnüßen und verbrauchen und unmöglich machen. Er selbst blieb in jedem kritischen Mo­ment tapfer im Hintergrund hierin dem Vater nicht ganz unähnlich, der während der ungarischen Revolution ein Rück­zugs- Feldmarschall gewesen. Seine Partei wurde ein förm­licher Taubenschlag, als im vergangenen Jahr die Minoritat des Abgeordnetenhauses durch Obstruktion die Mehrheit ter­torisierte und die Fortführung der Geschäfte des Landes hin­berte. Er billigte die extreme Obstruktion nicht- kein Mensch fragte nach seiner Billigung er widerstrebte ihr nicht fein Mensch hätte darauf geachtet- er ließ die Dinge gehen, wie sie wollten. Wer von der liberalen Partei abfiel, aus welchem Grund immer es geschah, der fand im Kossuthklub einen Sammel- und Rückzugsort. Dieser Klub der Unzufriedenen erlangte bei den jüngsten Wahlen zum ungarischen Abgeordnetenhaus mehr Stimmen, als irgend eine andere Partei, allerdings noch lange nicht die absolute Mehrheit. Die unzufriedenen Magnaten der Kossuth- Frat­tion trafen mit einigen anderen Gruppen ein Abkommen, das zur Mehrheitsbildung führte, und nun stand ês fest, daß sie vom Kaiser Franz Josef zur Bildung unes neuen Ministe­riums berufen werden mußten. Graf Julius Andrassy er­schien vor dem Monarchen doch erhielt er den Auftrag zur Kabinettsbildung nicht. Kaiser Franz Josef, der klügste unter allen Staatsmännern Desterreich- Ungarns, nahm den streng­fonstitutionellen Standpunkt ein, indem er nach dem Führer der Kossuth- Fraktion verlangte. Der Kaiser war 23, der Franz Kossuth als diesen Führer bezeichnete.

Das war eine böse Ueberraschung, zu der aber die Ueber­raschten gute Miene machen mußten. Der Mann, der ihnen nur den Steigbügel halten sollte, dessen Klub sie lediglich als ein Sprungbrett angesehen hatten, war plößlich ihr erklärter Führer, dem die Beute des Sieges zugesprochen wurde, und das gerade vom Kaiser, bei dem sie unüberwindliche Abnei­gung gegen Franz Kossuth vorausgesetzt hatten. Sie glaub­ten, sich einen bequemen Diener ausgesucht zu haben, und Sie hatten sich einen Herrn gewählt; sie hatten Kossuth wie eine Kulisse vorgeschoben, und nun stand diese Kulisse vor ihnen, ein Hindernis für sie selbst.

Kaiser Franz Josef hat den Sohn des Diktators in der Wiener Hofburg empfangen. Damit ist Franz Kossuth in die vorderste Reihe der Minister- Prätendenten gerückt. Er hat sich beeilt, nach der Audienz zu verkünden, daß man ihm zu unrecht Feindschaft gegen die Dynastie nachgesagt habe.

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Treue ergeben und auf dessen Festigung bedacht. Er wolle auch an der Personalunion mit Desterreich festhalten, nur solle Ungarn wirtschaftlich, politisch und militärisch selb­

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Kaiser Franz Josef wiederum hat durch den Thron­folger Erzherzog Ferdinand Franz bekannt gegeben, daß Roffuth auf ihn einen guten Eindruck gemacht habe.

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Franz Kossuth ist nun als ungarischer Minister ,, mög­rischen Magnaten, die nicht an seine Nachfolgerschaft gedacht hatten, als sie das vorige Ministerium stürzten. Es wäre poreilig, wollte man glauben, daß Kossuth schon am Ziel sei. Die lette Stunde kann neue Ueberraschungen bringen.

Die Lage in Russland.

St. Petersburg, 12. Februar.

Für den heutigen Sonntag hatte man wieder Unruher befürchtet. Aufs neue hat sich bestätigt, daß angekündigt Butsche auszubleiben pflegen. Die Arbeiter streiken zwai zum Teil noch, aber sie halten sich von Gewalttätigkeiten fern, veranstalten nicht einmal Umzüge. Auch die Gerüchte aus Warschau lauten im ganzen befriedigend, wenngleich nicht geleugnet werden kann, daß noch immer Zündstoff in Menge borhanden ist, daß polnische und russische Arbeiter gleich mäßig in dauerndem Erregungszustand sich befinden. Noch am Samstag hat das in Warschau dazu geführt, daß strei­kende Arbeiter, die Arbeitswillige am Eintritt in die Fabri­fen hindern wollten, erst durch Kolbenstöße von ihrem Be­ginnen abgehalten werden mußten.

Allmählich erfährt man wenigstens die annähernde Wahrheit über die Zahl der von den Krawallen erforderten Opfer. Auf den Friedhöfen von Lodz allein sind 144 dieser Opfer beerdigt worden, und 200 Verwundete liegen noch in den Krankenhäusern der Stadt. In Lodz sind allerdings die Unruhen am größten und nachhaltigsten gewesen, ist die Arbeit auch aufs neue unterbrochen worden. Die Straßen­bahnen, die am 28. Januar den Verkehr eingestellt haben, sind immer noch nicht wieder in Betrieb gesest.

Außer Zusammenhang mit diesen Erscheinungen steht ein Vorfall, der aus Opotschka im Gouvernement Pskow gemel­det wird. Dort hat man in den Kasernen des Reservebatail­lons Proflamationen mit dem Stempel des Rigaer sozial­demokratischen Komitees gefunden, in denen zum Wider­stand gegen die Entsendung nach dem Kriegsschauplatz auf­gefordert wird.

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Die Adelsgenossenschaften in den Provinzen sich ebenso wie in den Hauptstädten als Anhänger des selbst­herrscherlichen Regiments. Wenigstens tun sie das in ihren offiziellen Kundgebungen.

Herr v. Witte hat einem Interviewer gegenüber toieder einmal erklärt, daß er sich vom politischen Leben gänzlich zurückziehen wolle. Den Zeitpunkt des Rücktritts aber hat er vorsichtigerweise nicht angegeben. Bei dieser Gelegenheit soll sich Witte auch dahin geäußert haben, daß er für den Frieden sei, allerdings nicht für den Frieden um jeden Preis. Zur Bewilligung einer Kriegsentschädigung dürfe man dem Baren nicht raten. Das muß der frühere russische Finanz­minister allerdings wissen.

Die Jahresverfammlung der Landwirte.

Berlin, 13. Februar.

Die Generalversammlung des Bundes der Landwirte ist am Montag im hiesigen Zirkus Busch zusammengetre­ten. Sie war von etwa 7000 Personen besucht und hatte den üblichen Verlauf. Der kräftige Wille kam zum Aus­druck, an den Zielen festzuhalten, die sich der Bund gesteckt jat. Man gab willig zu, daß in den Handelsvertragsent vürfen manches erreicht sei; doch wurde ebenso fest betont, daß man nicht verzichten dürfe, noch weiteres zu erreichen. Man freute sich, daß der Stand der Landwirte von der Re­zierung als gleichberechtigt anerkannt sei. Doch wies man zugleich darauf hin, daß jezt schon Fürsorge zu treffen sei ür die( Meistbegünstigungs-) Verträge mit den Staaten, mit Senen wir Konventionaltarif- Verträge nicht abschließen. Auch komme es dem Bund der Landwirte zu, auf die wirt­schaftliche Gesetzgebung des Reichs fortdauernd Einfluß zu üben, damit hier nichts geschähe, was den berechtigten Inter­essen der Landwirte abträglich sei. Die im Werk befind­liche Reform des Börsengesezes dürfe nicht dahin führen, daß der Börse wieder die Möglichkeit einer Verteuerung des Brotes gegeben werde. Die Versammlung sprach sich nicht inbedingt für die Annahme der Handelsverträge aus, ließ iber in der folgenden Resolution erkennen, daß sie ihnen ie endliche Zustimmung nicht versagen werde.

Die Generalversammlung des Bundes der Landwirte erkennt an, daß die vom Reichstage vorgelegten Handels­verträge in mancher Hinsicht eine Verbesserung der land­wirtschaftlichen Produktionsbedingungen herbeiführen kön­nen. Unbedingte Voraussetzung dessen ist aber eine um­fichtige Handhabung der Verträge. Sie betrachtet die Tendenz der Verträge immerhin als einen ersten Schritt der Abkehr von der Caprivischen einseitigen Exportpolitik, stellt aber fest, daß eine große Reihe berechtigter Wünsche der Landwirtschaft eine Berücksichtigung nicht erfahren hat. Sie gibt sich der Hoffnung hin, daß die verantwortlichen Leiter der Politik des Reiches und der Einzelstaaten in fortschreitender Erkenntnis der Notwendigkeit der Erhal­tung und Stärkung des deutschen Bauernstandes mit Ernst und Entschiedenheit bemüht sein werden, seine Eri­stenzbedingungen wieder so zu gestalten, daß der notwen dige und berechtigte Ausgleich mit denienigen bergestelli

wird, die den anderen Berufsständen im Deutschen Reich eingeräumt werden."

Das Hoch auf den Kaiser brachte der Präsident des Bun bes Freiherr v. Wangenheim aus.

Die Dolitik.

O Die vom König von Stalien gegebene Anregung zur Einrichtung einer internationalen Landwirtschaftskamme in Rom ist in Berlin natürlich mit dem entgegenkommenden Wohlwollen aufgenommen worden, das die Rücksicht auf seinen Ursprung erheischt. Das schließt aber nicht aus, daß man die Sache selbst zugleich mit einer gewissen Vorsicht be­trachtet. Von einem hervorragenden Staatsmann ist unserem Berliner CB- Mitarbeiter auf dessen Befragen gesagt wor den: Die Absichten des Projektes sind unzweifelhaft die besten. Doch die nächste und vielleicht die einzige Wirkung vürde die sein, daß die Zahl der beamteten Stellen und das Schreibewerk sich noch vermehrten, während uns eine Ver minderung sehr not tut. Auch sind die gemeinsamen Inter essen des Ackerbaus in verschiedenen Ländern wegen der Verschiedenheit der klimatischen Verhältnisse, der wirtschaft lichen Gewöhnungen und Bedingnisse sehr gering. Könnt man wenigstens die klimatischen Verhältnisse aufheben, sc ieße sich ein Anfang machen, wäre eine Strecke gemeinsamer Weges denkbar. Das ist aber nicht möglich, und so bleib Die Fürsorge für die Landwirtschaft naturgemäß national jegrenzt. Immerhin wird diesseits das Tunliche geschehen, am dem Wunsch des Königs von Italien Befriedigung zu verschaffen."

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Am Sonntag hielt der Bund der Handwerker seine dies­ährige Generalversammlung ab, zu der sich Delegierte aug illen Teilen des Reiches einfanden. Wichtigster Gegenstand Der Tagesordnung war ein Antrag auf Verschmelzung des Bundes mit der Deutschen Mittelstandsvereinigung. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen.

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Ein englischer Politiker, Sir Thomas Barcley, wird Im Mittwoch auf dem deutschen Handelstag in Berlin als Bast erscheinen. Sein Besuch ist schon seit längerer Zeit ingekündigt, auch der Zweck seines Besuches: die deutsch­englischen Beziehungen namentlich von der Be­ölferung aus in freundlichem Sinne zu beeinflussen. Das Bestreben ist jedenfalls lobenswert und verdient Unter­tügung. Es fan als Tatsache hingenommen werden, daß wei Völker, wie das deutsche und das englische, bei der Gemeinsamkeit vieler Wünsche und Betätigungen manche Reibungsfläche finden, manchmal auch Interessen- Divergenzen, Die zu Mißstimmungen führen. Es ist ferner eine Tatsache, es nicht wenig Personen giebt, die sich förmlich ein Bewerbe daraus machen, jeden entstehenden Mißklang erstärkend zu betonen, aus jeder leisen Empfindlichkeit eine chwere Reizung zu machen, hier den Glauben zu erwecken, Daß dort eine grimmige Feindschaft vorhanden sei. Ein Teil der englischen Presse, die Londoner, Times" voran, benutzt jede Gelegenheit zur Verhetzung und politischen Brunnenbergiftung, erfindet sogar solche Gelegenheiten, und beharrt in solchem Verfahren, trotzdem ihre Angaben schon unzählige Male Lügen gestraft worden. Wir wollen nicht perhehlen, daß man auch bei uns in der analogen Richtung Jefehlt, das englische Nationalgefühl manches Mal verletzi hat. Es ist erfreulich, daß der Versuch gemacht wird, ein Begengewicht zu schaffen. Daß auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden ist, beweist die Reise Sir Thomas Barcleys nach Berlin, beweist der sympathische Empfang, den der Genannte in Deutschland findet

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Im Ruhrrevier darf die Rückkehr zu normalen Verhält nissen als gesichert angesehen werden. Von Tag zu Tag nehrt sich die Zahl der anfahrenden Bergarbeiter, in man hen Bergwerken gibt es Ausständige überhaupt nicht mehr. Der Streit ist glücklicherweise von so kurzer Dauer gewesen, daß die Bergwerke selbst nicht gelitten haben. Nur ver einzelt find Vorarbeiten zur Wiederherstellung der Arbeits möglichkeit notwendig gewesen.

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Ueber die Kaisermanöver im Jahre 1905 bestimmt eine Kabinettsorder: Das 8. und das 18. Armeekorps halten Ma­növer gegeneinander vor dem Kaiser ab. Das 8. Armee­torps wird durch die 68. Infanterie- Brigade, das Ulanen­Regiment Graf Haeseler( 2. Brendenburgisches) Nr. 11 und die 34. Feldartillerie- Brigade, das 18. Armeekorps durch die 55. und 56. Infanterie- Brigade, das 3. Schlesische Dragoner­Regiment Nr. 15 und die 28. Feldartillerie- Brigade verstärkt. Beiden Armeekorps wird je eine Luftschifferabteilung zuge­teilt. Die weitere Mitteilung der Kriegsgliederungen der beiden Korps erfolgt durch den Chef des Generalstabes der Armee.