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Nr. 240.
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Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Donnerstag, den 12. Oftober 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die thüringischen Staaten.
Das Thüringer Land ist vier verschiedenen Herren untertan. Roburg und Gotha, Weimar, Meiningen, Altenburg sind selbständige deutsche Staaten, die im Bundesrat je eine Virilstimme haben, wie sie früher eine solche im Bundestag hatten. Die vier thüringischen Staaten, ein Großherzogtum und drei Herzogtümer, sind noch nicht die fleinsten im Reich. Aber die buntesten sind sie. Die nicht schr ausgedehnten Territorien hängen nicht einmal zusam= men, find vielmehr zersplittert. Das fommt aus der Zeit, da man Länder bei der Vererbung nicht viel anders behandelte als die Landgüter. Waren mehrere Söhne vorhanden, so wurde das Land in die entsprechende Anzahl Teile zerschnitten. Zuweilen sogar in noch mehr Teile. Eine von landesherrlichen Bedenken nicht eingeschränkte Elternzärtlichkeit zerfetzte das Territorium förmlich in kleine Stücke, damit nur ja jedes einzelne Kind gleichwertiges Erbe erlange. Was auf solche Weise unter Verleugnung jedes staatsmännischen Sinnes und jedes Staatsgedankens entstanden war, das blieb und besteht jetzt zu Recht, ist historisch begründet wie nur irgend ein anderes Recht. Aber die Konsequenzen werden als ein Uebelstand empfunden. Handelte es sich um Rittergüter, so hätte man längst Abhilfe geschaffen und nach preußischem Muster zwangsweise Arrondierungen durch Austausch vorgenommen, wobei niemand zu kurz zu kommen brauchte. Heutzutage aber dürfen Länder nicht mehr wie Landgüter behandelt werden, bei Austausch und Arrondierung müssen alle Beteiligten, auch die Bewohner durch ihre Vertreter, befragt und um ihre Zuſtimmung angegangen werden, und in Staats- Sprengseln hat sich neben der persönlichen Anhänglichkeit an das Herrscherhaus, die beiden Teilen Ehre macht, erstaunlicherweise auch eine Art historischen Staatsgefühls herausgebilbet, das sich von dem, was historisch geworden ist, nicht trennen mag.
In den vier thüringischen Staaten haben sich einige Einrichtungen erhalten, die man anderwärts nicht wiederfindet. Da ist in Kranichfeld und Ruhla ein Kondominium, eine Sweiherrschaft, die eine Anomalie bildet. Da ist die Unibersität Jena, die einen gemeinsamen idealen Besitz der vier thüringischen Staaten darstellt. Gerade aus den Kreisen dieser gemeinsamen thüringischen Universität kommt jetzt
übrigens nicht zum erstenmale- die laute Klage, daß Thüringen unter seiner staatlichen Zerrissenheit leide, nicht am wenigsten in materieller Hinsicht, daß seine Verwaltung überteuer sei. Daran schließt sich die Forderung, daß man im deutschen nationalen Interesse auf die Beseitigung der Duodesstaaten bedacht sein müsse.
Wir zögern feinen Augenblick, uns gegen diese Forde: rung und gegen ihre Begründung mit dem Hinzufügen zu erklären, daß selbst eine bessere Begründung uns nicht veran laffen könnte, dem Vorschlag beizustimmen. Wir sagten oben schon, daß das Recht der deutschen Kleinſtaaten historisch so unanfechtbar ist, wie irgend ein anderes Recht. Ein solches Recht kann wohl freiwillig aufgegeben, es kann aber nicht genommen werden, es sei denn infolge eines Krieges. Das Beispiel freiwilliger Aufgabe haben die Fürsten von Hohenzollern- Hechingen und Sigmaringen gegeben, die aus eigenem Antrieb auf ihre Souveränität verzichteten. von einem Krieg unter Bundesfürsten nicht die Rede sein fann, so bleibt zur Beseitigung der Duodesstaaten einzig der Weg des freiwilligen Verzichts offen. Es will uns aber unter allen Umständen im höchsten Grade unschicklich er
Da
Send aus 7 Zimmern nebf heinen, zu solchem Verzicht, der nur das Ergebnis unbe Sör und füdlichem Neben einflußter freier Entschließung sein kann, zu drängen, urd f1. Oftober, auf Wunsch leberredung dazu zu leiten und durch die Behauptung darauf üher, zu vermieten. Nähere hinzuwirken, daß das Wohl des Landes den Verzicht ver.
er Bürgermeisterei, Zim.
Wolfengaffe
Freundl. 2-3im. Wohn u bermieten.
lange.
leine Wohnung fof. ju be die Kleinstaaterei, nicht zuletzt gerade die thüringische Klcin
Gießen, Tiefenweg
Freibant
Beate
Schweinefleisch 50 darunter, und Hamburg nicht? Mecklenburg- Strelik wohl,
Stadt- Cheat
Giessen.
Diese Behauptung ist übrigens beweislos. Wir sehen in der Kleinstaaterei kein Jdeal; wir müßten aber blind und undankbar sein, wollten wir verkennen oder vergessen, daß flaaterei, dem Deutschtum größten Gewinn und Segen in mehr als einer Epoche gebracht hat. Dazu kommt, daß die Grenze für den Begriff des Kleinstaats schwer zu ziehen ist. Fällt Lübeck darunter, und Bremen nicht? Fällt Bremen und Mecklenburg- Schwerin nicht? Sollten die kleinen Staaten zu einem neuen Mittelstaat zusammengelegt werden oder Teile eines größeren deutschen Staates bilden? Wir können den Vorschlag, der angeblich aus Jenaer Professorenkreisen kommt, überhaupt nicht ernst nehmen. Die Klagen über Kostspieligkeit der Verwaltung, über Störungen, die sich aus der Rücksicht auf die krausen und von Teil übertrieben, zum Teil lassen sie sich abstellen, ohne daß man historisches Recht antastet und zu Gewaltmitteln, zu sogenannten„ heroischen Kuren" greift. Oben ist bereits das Rondominium, die Zweiherrschaft in Kranichfeld und Ruhla ertvähnt. Diese Zweiherrschaft ist das Ergebnis alter Ungervißheit von Rechtsverhältnissen. Es ist kein rechtliches Sindernis vorhanden, daß die beteiligten Staaten aus freier Entschließung ein besseres Kondominium in mehr als einer Beziehung einrichten, namentlich hinsichtlich der Verwaltung
Dir: Germann Steingott der Willfür gezogenen Landesgrenzen herschreiben, sind zun
Freitag, den 13. Oftob
2. Freitags,
Abonnements- Vorstellung
Konna Vann
Schauspiel von M. Maeterl
und des Justizdienstes. Die thüringischen Staaten haben von alters her die Universität Jena gemeinsam. Diese Gemeinsamkeit hat der Universität nichts geschadet und das Recht der thüringischen Staaten nicht beeinträchtigt. Nichts steht im Wege, daß sie solche Gemeinsamkeit freiwillig noch ausdehnen.
Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Die Konferenz in Berlin über die Eisenbahnbetriebsmittel- Gemeinschaft begann gestern. Wie verlautet, sind von bayerischer Seite neue Vorschläge eingebracht worden. Um die bisher bestandenen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, wird die bayerische Verwaltung vorschlagen, die Gemeinschaft auf das durchaus notwendige Maß zu beschränken. Es handelt sich dabei unter anderem um den Widerstand Bayerns gegen die von Preußen gewünschte Verlegung des bayerischen Konstruktionsbureaus nach) Berlin.
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Es hat den Anschein, daß General von Trotha in Deutsch- Südwestafrifa keinen Nachfolger in dem Posten eines militärischen Kommandeurs erhalten soll. An General von Trotha erging eine Ordre, die Geschäfte dem Gouverneur von Lindequist sofort nach dessen Ankunft zu übergeben. Ueber die Einsetzung eines neuen Kommandeurs ist fein Beschluß gefaßt. Beim Zusammenwirken der Truppen regelt sich die Sache nach dem allgemeinen Branche, daß der älteste Stabsoffizier den Befehl hat.
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* Neue Unruhen sind in Deutsch- Ostafrika bei Kondutschi in der unmittelbaren Nähe von Dar- es- Salam ausgebrochen. Eine Abteilung der Schuttruppen ist nach dort abmarschiert. Kondutschi ist eine Ortschaft unmittelbar an der Küste. Der ,, Bussard" hat den Hafen von Zanzibar verlassen und dampfi nach Kondutschi und Mbueni, um dort Truppen zu landen.
* Die diesjährige Hauptversammlung des Evangelischen Bundes wurde gestern in Hamburg von dem Ehrenvorsitzenden Graf Winzingerode mit einer Ansprache eröffnet und im Auftrage des Senates von Senatssekretär Hagedorn, im Auftrage des Kirchenrates der Hamburger evangelischen Kirche vom Senior Behrmann begrüßt. Der von Professor Nippold- Jena gehaltene Hauptvortrag behandelte die internationale Lage des Protestantismus. Hierauf gelangte eine von Professor D. Scholz- Berlin begründete Resolution, die sich gegen den Toleranzantrag des Zentrums richtet und eine andere vom Superintendenten D. Meyer- Berlin begründete Resolution zur Annahme, welche die Lage der evangelischen Kirche in Desterreich zum Gegenstand hat.
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* Es besteht die Absicht, ein Bistum Kolmar zu begründen. Die gemeinsame Romreise der Bischöfe Korum, Benzler, Frißen und Zorn von Bulach gilt der Förderung dieses Planes.
Oefterreich- Ungarn
** In Prag fanden große Demonstrationen für das allgemeine Wahlrecht statt, die von tschechischen und deutschen Sozialdemokraten veranstaltet waren. An der Kundgebung, die in ungestörter Ordnung verlief, beteiligten sich etwa 60 000 Menschen. An den Statthalter und den Oberstlandmarschall wurden Deputationen entsandt, die von beiden Herren empfangen wurden. Die Garnison war konfigniert, doch fand sich kein Anlaß zum Einschreiten.
frankreich.
** Der Kriegsminister will keine Truppen gegen Streikende mehr verwenden. Der Minister erklärte, daß er zui Aufrechterhaltung der Ordnung in Ausstandsgebieten in Zu funft keine Truppen, sondern ausschließlich Gendarmerie verwenden werde. Die Kosten für eine erhebliche Verstär fung des Gendarmeriekorps würden zwar ziemlich bedeutend sein, doch müßte die Geldfrage angesichts der Wichtigkeit der Angelegenheit in den Hintergrund treten. Ein Gesezent wurf darüber, der von den Leitern der Ministerien des Krieges, des Junern, der Justiz und der Finanzen geprüf werden werde, solle schon zu Beginn der nächsten Session hem Parlamente unterbreitet werden.
Dänemark.
** Im Folkething erklärte der Minister des Auswärtigen, das Verhältnis zu Deutschland habe sich für Dänemark we sentlich gebessert. Das Bestreben der Regierung sei, die guten Beziehungen aufrecht zu erhalten.
Belgien.
** Der belgischen Regierung wird die Absicht zugeschrie. ben, den Kongostaat annektieren zu wollen. Ein englisches Blatt behauptet, der König der Belgier habe verschiedenen hochstehenden Politikern geheime Mitteilungen gemacht von der Absicht, den Kongostaat unverzüglich für Belgien zu an nektieren wegen der Bloßstellung des Verwaltungssystems im Kongo und der Enthüllungen de Brazzos über die Er.
gebnisse der in wenigen Jahren mit dem Verwaltungssystem in Französisch- Kongo gemachten Versuche.
Balkan- Staaten.
** Die bulgarischen Unruhestifter werden immer anmaßender. Wie aus Belgrad gemeldet wird, erhielt das englische Konsulat in Monastir von bulgarischen Komitat. this einen Drohbrief, daß alles im Konsulat ermordet mer. den würde, wenn nicht bis zum 14. Oftober 5000 Pfund beblt würden. Es wird wirklich Seit, daß endlich dem Unwesen ein Ende gemacht wird.
Spanien
** Die Deputiertenkammer wurde mit einer Thronrce gestern eröffnet. Die Rede erwähnt die MarokkoverhandInngen. Spanien habe sich an diesen Verhandlungen lebhaft beteiligt; es habe dem Plane einer internationalen Ko.. ferenz, welche über die zwischen den Mächten streitigen Punkte entscheiden soll, zugestimmt und sich damit einve:- standen erklärt, daß die Konferenz auf spanischem Boden abgehalten wird.
*
Ruisland.
Fortgesetzt widersprechen sich die Nachrichten über die Vorgänge im Zarenreiche. Während die offiziösen Berichte immer wieder alle ernstlichen Unruhen in Abrede stellen, bleiben die sonstigen Meldungen dabei, daß überall im Lande Aufruhr, blutige Kämpfe und Verschwörungen im Gange sind. Neuerdings will man sogar von einem cinheitlich organisierten, weit verzweigten Komplott wissen, das eine höchst gefährliche Agitation entfalte. In Mos= kau dauern die blutigen Zusammenstöße fort; allmählich versuchen dunkle Elemente von der Straße Besitz zu ergreifen. In Rodom versuchte ein früherer Gymnasiast, gegen einen Offizier eine Bombe zu schleudern, und als diese nicht explodierte, erschoß er den Polizisten, der ihn verhaften wollte, und schnitt sich dann den Hals durch In Dom= browa wurde ein Gendarm auf dem Bahnhofe von einem Unbekannten mit Revolverschüssen getötet. In Helsing fors gelang es dem Mörder des Prokurators Johnson, während der Nacht aus dem Gefängnisse zu entfliehen.
Soziales Leben.
Einigungsverhandlungen im Berliner Arbeitskampf. Die Bemühungen zur Herbeiführung von Einigungsverhand lungen sind von Erfolg gekrönt gewesen. Zwischen Vertre tern des Verbandes Berliner Metallindustriellen und Dele. sind Ver. gierten des Deutschen Metallarbeiterverbandes handlungen in die Wege geleitet worden. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß diese Verhandlungen zum Ziele führen werden, bevor die Generalaussperrung in Kraft treten würde Die Arbeitervertreter haben sich bereit erklärt, bis spätestens Freitag abend eine definitive Antwort dahin zu geben, ob die Arbeiter mit dem Anerbieten der Arbeitgeber sich zu frieden geben werden.
Die Bewegung im sächsisch- thüringischen Textilgewerbe. Die Fabrikanten in Gera haben beschlossen, allen Webern zu fündigen, wenn in den vier gekündigten Betrieben bis heute nicht eine genügende Anzahl Weber ihre Bereitwilligkeit zum Weiterarbeiten zusagen. Die Arbeiter rüsten sich zu Gegenmaßregeln. In Greiz und Ronneburg fanden stark besuchte Arbeiterversammlungen statt. In beiden sammenkünften wurde der Lohntarif abermals als unannehmbar bezeichnet. In Greiz sprachen die Arbeiter in einer Resolution ihr Einverständnis mit dem Vorgehen der Geraer Arbeiterschaft aus und beschlossen, die weitere Behandlung des Lohnkampfes in die Hände des Deutschen Tertilarbeiterverbandes zu legen.
Zu
Münzarbeiter- Streik in Frankreich. Da die Gießer der französischen Münze, welche seit einiger Zeit ausständig sind, die Wiederaufnahme der Arbeit verweigert haben, wurden sämtliche Münzwerkstätten geschlossen. Eine amtliche Note erklärt, daß die Interessen des Staates durch den Ausstand vorläufig keine Einbuße erfahren, da gegenwärtig feine neuen Münzprägungen notwendig seien und auch keine dringenden Medaillenbestellungen seitens der Privatindustrie vorliegen.
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Hof und Gesellschaft.
Für die Silberne Hochzeit des Kaiserpaares hat die Stadtverordnetenversammlung in Düsseldorf die Summe von 100 000 Marf bewilligt. Mit ihr soll eine Ledigenheim- Stiftung unter dem Namen„ Wilhelm- und Auguste Victoria- Stiftung" begründet werden.
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Die Verlobung des Prinzen Eitel Friedrich ran Preußen mit der Herzogin Sophie Charlotte bon Oldenburg hat, wie bekannt wird, bereits vor drei Wochen stattgefunden. Sie war geheim gehalten und ist erst jetzt offiziell bekannt gegeben. Die Prinzessin, die sich der zweite Sohn des Kaiserpaares erforen hat, ist die einzige Tochter des Großherzogs Friedrich August von Oldenburg und seiner im Jahre 1895 verstorbenen ersten Gemahlin.


