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Nr. 186.

* sertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­en, bie Kreise Wehlar unb Marburg 10 Bfg. sonst 15 Bfg. Reklamen die Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Rebaftion u. Saupterpebition: tegen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 10. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen biertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Betreff: Schorinerotlauf in Elpenrod.

Bekanntmachung.

Nachdem die in einem Gehöft zu Epenrod ausgebrochene Schweinerotlauffeuche( Backsteinblattern) erloschen ist, haben wir die über dieses Gehöft verhängte perre wieder aufgehoben.

Alsfeld, den 8. August 1905.

Großh. Kreisamt Alsfeld. Dr. Melior.

Betreff: Backsteinblattern in Homberg a./D.

Bekanntmachung.

Nachdem in einem Gehöfte zu Homberg unter den Schweinen die Backsteinblattern ausgebrochen sind, haben wir über dieses Gehöft die Sperre verhängt.

Alsfeld, den 5. August 1905

Großh. Kreisamt Alsfeld. Dr. Meltor.

Schätze unter der Erde.

In dem neuesten Statistischen Jahrbuch findet sich eine Busammenstellung der Schäße, die menschlicher Fleiß im bergangenen Jahr aus der Tiefe der Erde zu holen weiß. Nach Verdienst und Würden muß zuerst der schwarze Dia­mant" genannt werden, die Kohle, die die Mutter fast aller Industrien und somit fast aller Reichtümer ist. ni Jahr 1904 hat Nordamerika 318,6 Millionen Tonnen Stein­fohle( zu 1000 Kilogramm oder 20 Zentner) zutage ge­fördert. Das ist die größte Leistung eines einzelnen Länder­gebiets. Großbritannien kommt mit 236 Millionen Tonnen am nächsten, Deutschland steht mit 120,8 Millionen in dritter Reihe, in weitem Abstand folgt Frankreich mit 33,8 Millionen an vierter Stelle. England und Deutschland zu­sammen produzieren( 357 Millionen) erheblich mehr als Nordamerika( 318,6 Millionen), obwohl angeblich in Ame­rika die Kohle nicht aus der Tiefe geholt zu werden braucht, sondern auf weiten Strecken förmlich zutage liegt. Auch wird von den Amerikanern das dortige Kohlengebiet als dem europäischen an Ausdehnung um ein Vielfaches über­legen hingestellt. Das kann unmöglich richtig sein, da die amerikanische Förderung hinter der englisch- deutschen so er­heblich zurückbleibt. Bei amerikanischen Statistiken, die diesseits nicht nachgeprüft sind, muß man immer mit einer stattlichen Dosis Bluff" rechnen. Nicht ohne Grund ist das nationale Spiel der Amerikaner der Poker" oder der Bluff", bei dem es im wesentlichen darauf ankommt, die Mitspieler zu verblüffen, indem man bei ihnen den Glauben erweckt, daß man weit bessere Karten in Händen habe, als taisächlich der Fall ist. Aber wenn auch Amerika weder so reich noch so mächtig ist, wie die Amerikaner in ihrem an fich sehr anerkennens- und rühmenswerten Patriotismus une cinreden möchten, reich und mächtig ist es doch. Wir haven feine Ursache, es zu beneiden, aber respektieren müffen wir es.

In der Erzeugung von Roheisen stehen die Vereinig­ten Staaten von Amerika gleichfalls voran. Sie haben im bergangenen Jahr 16,8 Millionen Tonnen produziert, wäh­rend es Deutsch I and auf 10,1, Großbritannien auf 8,7, Frankreich auf 3,0, Belgien auf 1,3 Millionen Tonnen brochte. Auch hier muß man bei der Abschätzung der ange­führten Produktionszahlen und ihrer Bedeutung sich gegen­wärtig halten, daß die Vereinigten Staaten von Amerika noch immer über 20 Millionen Einwohner mehr haben als Deutschland, und daß ihre Ausdehnung die Ausdehnung Deutschlands um das Vierzehnfache übersteigt. Wenn man das beachtet, so wird man zu dem Urteil kommen, Deutschland keine Ursache habe, sich von dem Gott, der Eisen wachsen ließ, vernachlässigt oder zurückgesetzt zu glauben.

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In der Zinkproduktion hat Deutschland mit 193 100 Tonnen die Führung. Die Vereinigten Staaten folgen mit 169 400 dicht auf, das kleine Belgien behauptet mit 140 000 den dritten Plaz, an vierter Stelle ist Großbritannien mit 46 200 Tonnen. Dagegen nimmt in der Bleiproduktion wieder Amerika die Spize. Mit einer Erzeugung von 262 000 Tonnen übertrifft es Spaniens 175 100, Deutsch­Lands 141 900, Meritos 100 000 und Australiens 95 000 Tonnen. Ganz unbedingt ist die amerikanische Ueberlegen­heit auf dem Kupfermarkt. Diesem führen die Vereinigten Staaten allein 366 500 Tonnen zu, während alle übrigen Staaten zusammen es nur auf 260 900 Tonnen bringen. Dobon entfallen 54 700 auf Großbritannien, 52 500 auf Merifo, 33 000 auf Chile, 32 000 auf Japan, 30 900 auf Deutschland, 30 400 auf Australien und 27 400 auf Spanien. Nicht nach Tonnen, sondern bescheidener nach Kilogramm rednet man die Ernte an Edelmetallen, Gold und Silber, bezüglich deren Deutschland nicht bevorzugt erscheint. In Betreff des Goldes ist der Boden Australiens zurzeit am reichsten; er gab 130 169 Kilogramm her. Beinahe ebenso­biel, 129 501 Kilogramm, lieferte der Boden Afrikas. Nur um ein geringes blieben die Vereinigten Staaten von Ame­rifa mit 127 218 Kilogramm zurück. In weitem Abstande hält sich Rußland mit 33 903 Kilogramm. Canada mit

25 579, Merifo mit 16 329, China mit 11 021, Desterreich­Ungarn mit 3378, Japan mit 3013 Kilogramm. Den Be­schluß macht Deutschland mit 97 Kilogramm, die mehr um der Kuriosität als des Gewinnes willen aus einzelnen Flüssen herausgewaschen werden. Schwarzburg- Rudolstadt hat einen eigenen Münzwäscher, der aus dem Sand der romantischen Schwarza genug Gold holt, um die jährliche Ausprägung eines schwarzburg- rudolstädtischen Zwanzig­markstücks zu ermöglichen. Diese Doppelfrone ist recht teuer. Das österreichisch- ungarische Gold stammt aus den Bergwerken von Kremsier, deren Ausbeutung zuerst- nicht zu ihrem Schaden die Fugger übernahmen. Die Krem­fierer hatten seinerzeit guten Kurs. In der Silber­gewinnung hat Meriko mit 2 239 450 Kilogramm die Führung. Ihm, zunächst kommen die Vereinigten Staaten mit 1 667 240 Kilogramm. Australien behauptet mit 295 483 Kilogramm die dritte Stelle, es folgt Bolivia mit 279 044 Kilogramm, den fünften Plak hat Deutsch= I and Segen des Mansfelder Bergbaus-- mit 180 736 Kilogramım. Spanien schließt sich mit 127 267, Canada mil 115 664, China mit 80 804, Beru mit 54 339, Desterreich Ungarn mit 50 524 Kilogramm an, Japan macht mi 16 875 Kilogramm den Schluß.

Der Minister mit der Tarnkappe.

( Eig. Bericht.)

Rom, 8. August.

Der frühere italienische Unterrichtsminister Nasi hat, wie erinnerlich, vor zwei Jahren mit einiger Plöglichkeit sein hohes Amt niederlegen müssen, weil er beschuldigt wurde, wirtschaftliche Fähigkeiten ganz eigener Art an den Tag gelegt zu haben, die für ihn mehr als für den Staat vorteilhaft waren und die selbst vor der Duldsamkeit der hiesigen Moral nicht als schicklich gelten fonnten. Man sagte ihm nach, daß er jeden privaten Bedarf aus den Amts­kassen deckte, indem er Anschaffungen von märchenhafter Un­möglichkeit vorspiegelte. Wollte man seinen Rechnungen glauben, so brauchte er, um nur eine Kleinigkeit zu erwäh­nen, täglich einige tausend- Visitenkarten. Das allein hätte den Staat nicht arg geschädigt; man darf aber an­nehmen, daß der sonstige Gebrauch dem fingierten Gebrauch von Visitenkarten entsprach. Kurz: Nasi mußte gehen. Und dabei hatte es nicht sein Bewenden. Als ein guter Freund Nasis verzweifelt Hand an sich gelegt hatte, was als eine Art Schuldbekenntnis für sich und den Ueberlebenden ange­schen werden mußte, schritt der Staatsprofurator gegen den Erminister ein. Dieser aber hatte sich mit dem ungerechten Mammon Freunde gewonnen und war populärer denn zu­vor. Man hielt es für einen anmutigen Scherz von ihm, als er verschwand und die Staatsanwaltschaft zum Aufgebot

natürlich vergeblicher Steckbriefe zwang. Seine Ver­borgenheit hinderte ihn nicht, seinen Prozeß wahrzunehmen. Aus Gründen, die er allein kennt, wollte er nicht vor den Ge­schworenen erscheinen. Nur der Senat, meinte er, sei zu= ständig, über ihn zu urteilen. Die vorgeschriebene Form ver­langte, daß er diese Berufung an den Senat notariell in Gegenwart zweier Zeugen beglaubigen lasse. Als ehemaliger Minister besaß Nasi zuviel Achtung vor dem Gesetz, als daß cr eine Formverlegung begangen hätte. Seine Anwälte reichten das Appellationsgesuch ein, und diesem Gesuch war die notariell beglaubigte, von zwei Zeugen bestätigte Er­flärung Nasis beigegeben! Nasi, der steckbrieflich Verfolgte, der in Rom vermöge seiner amtlichen Stellung eine bekannte Figur war, dessen äußere Erscheinung überaus stattlich und gar nicht unauffällig ist, ist also in Rom gewesen, hat sich dort am lichten Tage zu einem Notar begeben, der ihn fennen mußte, und hat dann Rom verlassen können, ohne angehalten zu werden! Er muß eine Tarnkappe besitzen, wahr und wahrhaftig eine Tarnkappe. Daß er selbst unsicht­bar geblieben, könnte man sich zur Not noch erklären. Es gibt Verkleidungen und es gibt gute Freunde. Nasis Tarn­fappe muß aber die besondere Gabe haben, nicht bloß Per­sonen, sondern auch Sachen unsichtbar zu machen. Denn seit Nasis Besuch in Rom sind seine gesamten Anklage­aften verschwunden und unauffindbar!

Naji braucht nur zu: wollen, und sein alter Wahlkreis schickt ihn wieder in die Deputiertenkammer, mit Jubel und mit Hurrah. Ein Deputierter, der eine Tarnkappe hat cinen besseren Vertreter kann man sich gar nicht wünschen. Noch ein Weilchen, und Nasi ist das Opfer politischer Feinde. gewesen und verklagt seine Ankläger wegen Verleumdung!

Der Krieg in Oftafien.

Alle möglichen und unmöglichen Gerüchte über die gegen­jeitigen Friedensbedingungen werden von eifrigen Bericht­erstattern verbreitet. In Wirklichkeit ist weder von japa nischer noch russischer Seite irgend etwas Positives an die Deffentlichkeit gedrungen und wird wohl auch nicht vor dem definitiven Abschluß bekannt gegeben werden. Selbst die mit großer Sicherheit austretenden Meldungen von per­sönlichen Aeußerungen des russischen Ministers Witte sind nur it Vorsicht aufzunehmen. Selbstverständlich wird der Diplomat sich von vornherein nicht festlegen, sondern mög lichst viel zu erlangen suchen. Auf der anderen Seite haber

die Japaner das gleiche Bestreben lierten Angaben phantasievoller Depeschenfabrikanten be­alle bestimmt formu­ruhen also vorläufig auf Vermutungen.

Die Verhandlungen haben begonnen.

Die Friedensdelegierten sind mittlerweile in Portsmouth an die Arbeit getreten. Den Bevollmächtigten wurden ihre Zimmer in einem Marine- Gebäude zugewiesen. Admiral Mead hat die strengsten Weisungen zur Sicherung vollſtän­diger Geheimhaltung der Bergtungen der Bevollmächtigten erteilt. Minister Witte erklärte bei einem Interview, er sei mehr als je von dem Wunsche beseelt, alles in seiner Macht Liegende zu tun, uni den Friedensschluß herbeizu­führen, aber alles werde davon abhängen, was die Japaner erwarteten zu erlangen. Er werde indessen nichts unver­sucht lassen, um das gewünschte Ziel zu erreichen, und im Falle des Fehlschlagens werde die Welt das Urteil darüber fällen, wen die Verantwortung treffe. Der chinesische Gesandte dinierte bei Präsident Roosevelt und legte ihm in der Lage der Hautau- Eisenbahn den Standpunkt Chinas flar. Wie der Herald erfährt, setzt die Morgan Company die Verhandlungen über den Verkauf der Eisenbahn an die Chinesen fort. Die Friedensdelegierten berieten geſterit nachmittag darüber, in welcher Sprache die Verhandlungen zu führen sind. Außer den vier Bevollmächtigten werden nur die Sekretäre und womöglich einige Attachees beider Gesandtschaften zugezogen.

Das Eisenbahnunglück bei Spremberg.

Wie antlich festgestellt ist, wurden bei der Katastrophe vierzehn Personen getötet und vier verletzt. Nachträglich wurden noch als getötet identifiziert: Witwe Gabriele Hille, geb. Wagner, 53 Jahre alt, aus Schönlinde bei Rumburg, Fräulein Margarete Grünig aus Görlig, der sechs Jahre alte Sohn des Dr. Neezke aus Landeshut.

Die genaue Liste der Verunglückten konnte erst gestern richtig gestellt werden. Getötet sind: Justizrat Rockau­Görlitz und dessen Sohn, Dr. Neeyfe- Landeshut, dessen Frau und sechsjähriger Sohn, Oberamtmann Grünig- Görlitz und dessen Tochter Margarete, Heinrich Pelas Graf von Plauen, Oberstleutnant a. D. Cretius- Berlin, Witwe Gabriele Hille aus Schönlinde bei Numburg( Böhmen), Hilfsschaffner Noack aus Ströbit bei Rottbus, Lokomotivführer Weiden­Kottbus, Heizar Walter- Kottbus, Lokomotivführer Krug­Kottbus. Verletzt wurden Heizer Fröse und Schaffner Sagen- Kottbus, Backmeister Hefter aus Hirschberg und Fräulein Hildegard Rockau aus Görlig.

Von den Verwundeten hat Heizer Fröse- Kottbus eine schwere, durch Berbrühen verursachte Kopfwunde und schwebt in Lebensgefahr. Schaffner Hagen- Kottbus hat leichtere Verlegungen durch Verbrühung, Packmeister Hefter- Hirsch­berg Unterleibsquetschungen erlitten Fräulein Hildegard Rockau hat einen Knöchelbruch davon getragen.

Der Kaiser hat den Opfern des Unglücksfalles durch den Regierungspräsidenten telegraphisch sein Beileid aus­drücken lassen.

Die Wiederaufnahme des Verkehrs ist auf der ganzen Linie erfolgt. Die Strecke Kottbus- Görlitz ist bei Milomtr. 140,5 zwischen Spremberg und Schleife seit Dienstag spät abends wieder passierbar. Der regelmäßige Betrieb ist auf­genommen.

Politifche Rundschau.

Deutfches Reich.

* Der Bundesrat beginnt am 5. Oktober seine Plenar­siẞungen. Reichsstaatssekretär Graf Posadowsky fehrt Ende dieses Monats vom Sommerurlaub nach Berlin zurück.

* Die Vorsitzenden der Preußischen Landwirtschafts­kammern sind auf kommenden Freitag bei dem Landwirt­schaftsminister v. Podbielski zu einer Konferenz eingeladen, in der über Umfang, Ursachen und Wirkungen der Fleisch­teuerung, namentlich der hohen Schweinefleischpreise, beraten werden soll. Wie verlautet, wird man bei dieser Gelegenheit auch die Preisnotierung auf den Schlachtviehmärkten und die Mitwirkung der Kammern bei der Bekämpfung der Viehseuchen erörtern. In Berlin und Vororten haben am Dienstag Abend 26 von den Sozialdemokraten berufene Volksversammlungen gegen die Begünstigung der Groß­agrarier durch die Regierung" protestiert.

Afrika.

** In Portugiesisch- Westafrika haben die Eingeborenen einen Aufstand gemacht. Im Bezirk Caconda, nördlich von Deutsch- Ovamboland, haben 6000 Ruanjanas mehrere por­tugiesische Ansiedlerdörfer angegriffen, alle Häufer ver­brannt und die meisten Bewohner getötet. Drei französische Missionare, die weggeschleppt waren, sind wieder entkommen. Auch aus Südkamerun kommen ungünstige Nachrichten, denen aber die Bestätigung noch fehlt. Die menschenfresse=

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