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Nr. 131.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz OberHessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. fenst 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Dienstag, den 6. Juni 1905.
Gießener
14. Jahrgang.
Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfs. in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Rokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die Vermählungsfeier am Kaiferhof.
Der Kirchgang.
An die glanz- und prunkvollen Stunden des Einzugs tages der Herzoginbraut reihte sich am Sonntag ernste Sammlung und Erbauung. Am Vormittag wohnten das Kaiserpaar, der Kronprinz und seine Braut, die fürstlichen Gäste und die Deputationen der fremden Staaten, die Wür denträger des Staates, des Hofes, der Armee und der Marine nach ehrwürdigem Herkommen dem Gottesdienste im Dome bei. 11m 9½ Uhr begann die Auffahrt, der Lust garten und die angrenzenden Straßen waren bereits lange vorher von einer dichten Menschenmenge besetzt. Die be fannten Fürstlichkeiten wurden mit Zurufen begrüßt, laut und stürmisch gestaltete sich der Jubel, als der Kaiser und der Kronprinz zu Fuß dem Dom zuschritten. Die übrigen faiserlichen Prinzen schlossen sich an. Die Kaiserin fam mit der Prinzessin Viktoria Luise im Galawagen, so dann ebenfalls im Prunkwagen die Braut, Herzogin Cecilie mit der Großherzogin- Mutter. Die Kaiserin
war in hellgrüner, Herzogin Cecilie in zartrosa Toilette. Als der Kaiser und die Prinzen mit den Damen die Hofempore betraten, intonierte der Domchor den 47. Psalm Frohlocket mit Händen alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall". Die Festpredigt hielt Oberhofprediger D. Dryander. Nach Beendigung des Gottesdienstes kehrte die hohe Festgesellschaft unter den jubelnden Zurufen der Menge ins Schloß zurück.
Galatafel und Fackelzug.
Um 8 Uhr abends begann im Weißen Saale des königlichen Schlosses die Galatafel. Alle anwesenden Fürstlichfeiten, Sondergesandtschaften, Minister, Generäle und Admiräle, die Mitglieder des Bundesrates, die Präsidenten des Reichstages und beider Häuser des Landtages nahmen daran teil. Beim feierlichen Einzuge in den Saal schritt das Brautpaar voran, es folgte der Kaiser mit der Großherzin Anastasia, der Großherzog von Mecklenburg mit der Kaiserin und sodann die übrigen Gäste. Der von der Verliner Studentenschaft dargebrachte Fackelzug bog um 9% Uhr auf den Play vor dem Opernhause ein und unter den schmetternden Weisen der Militärkapellen nahmen die Fackeltröger vor dem Schloß Aufstellung. Es war ein überaus imposanter und prächtiger Anblick, lohten doch nicht weniger als 7000 Fackeln zum nächtlichen Himmel empor. Vor dem Schlosse wurde die Nationalhymne angestimmt. Die fürstlichen Gäste traten an die geöffneten Fenster des zweiten Stockwerks. Auf dem Balkon sah man zeitweise den Kaiser. Der Kronprinz hatte sich mit seiner Braut auf den Balkon an der Schloßapotheke aufgestellt. Der folgende Vorbeimarsch dauerte über eine Stunde und erst gegen 10% Uhr fam der Schluß des Zuges vorüber. Im Kasernenhof wurden die Jackeln unter studentischen Gesängen zusammengeworfen.
Die Empfänge der Deputationen, Familientafel und Festvorstellung.
Montag morgen 11 Uhr begannen die Empfänge der Deputationez des Landes durch das kronprinzliche Brautpaar. Erschienen waren u. a. die Präsidien des Reichstages, des Herrenhauses, des Abgeordnetenhauses, Gesandtschaften der Hansastädte, Abordnungen der Königl. Preuß. Akademie der Wissenschaften, der Universitäten, der Provinzen, sonstiger Landes- und Kommunalverbände, der Armee, der Studenten usw. Dabei wurden die zahlreichen und prächtigen Geschenke der Provinzen und sonstigen Korporationen überreicht. Um 6½ Uhr begann Familietafel in der Bildergalerie des königlichen Schloffes, um 8 Uhr die Festorstellung im Opernhause.
Der Krieg in Oftafien.
Nach den blutigen Ereignissen in der Koreastraße, in der Admiral Togo mit wuchtigen Schlägen Rußlands letzte Hoffnung, die baltische Flotte, zertrümmerte, beginnen die Friedensfreunde wieder ihr Werk. Sie halten jetzt die russische Regierung für gedemütigt genug, um mit Erfolg den Frieden predigen zu können. Ob ihre Worte aber in Petersburg offene Ohren finden werden, ist mehr als zweifelhaft. Schon wird von dort über neue Rüstungen berichtet, die unmittelbar bevorstehen. Es heißt, vier Armeekorps sollen mobilisiert werden. Das klingt nicht gerade wie Friedensschalmeien und eröffnet den Bemühungen der Friedensvermittler keine guten Chancen.
Roosevelt als Friedensvermittler.
An der Spitze derjenigen, die Rußland ihre guten Dienste zur Beilegung des mörderischen Zwistes mit Japan anbieten, steht Präsident Roosevelt. Er hatte mit dem russischen Botschafter in Washington, Grafen Cassini, eine eingehende Unterredung, in der er ihm sein herzliches Verlangen fundgab, als Freund Rußland einen Dienst zu erweisen, sobald es, den Wünschen der gesamten zivilisierten Welt entsprechend und durch Gründe der Humanität geleitet, suchen würde, Frieden zu schließen. Wie aus dem nachstehenden Telegramm über Einzelheiten der Unterreduna hervorgeht,
soll Roosevelt bereits auch über die Friedensbedingungen Japans unterrichtet sein. Aus Washington wird gemeldet:
Der Präsident habe seine Dienste in jeder Art, wie sie Rußland annehmbar sein würden, zur Verfügung gestellt, ebensowohl als Vermittler wie auch als Unterhändler zwischen den Krieg führenden. In allgemeinen Umrissen habe Roosevelt dem Botschafter Cassini auch von den Bedingungen Kenntnis gegeben, die Japan stellen würde, habe aber gleichzeitig erklärt, er halte es zurzeit nicht ebenso wichtig Rußland die Ansprüche Japans zu unterbreiten, als Rußland seine Lage erkennen zu lassen und diesem Lande den Wunsch anzudeuten, auf die Stimmen der Welt zu hören und den aussichtslosen Krieg zu beendigen.
Graf Cassini hat für die guten Absichten Roosevelts mit verbindlichem Dant quittiert, hat aber für seine Person erflärt, er glaube nicht, daß der gegenwärtige Augenblick für Friedensverhandlungen günstig sei. Rußland verliere nichts, wenn es warte. Troß dieses wenig versprechenden Prognostikons hat es Präsident Roosevelt doch für angezeigt gehalten, den Botschafter der Vereinigten Staaten in Petersburg v. Lengerfe- Meyer zu beauftragen, der russischen Regierung seine Ansichten über die Stellung Japans zur Friedensfrage zu unterbreiten. Es scheint also fast, als wollte der Sieger dem Besiegten Brücken bauen, um zu einer Verständigung zu gelangen.
Als weiteres Symptom der Geneigtheit Japans, in Friedensverhandlungen einzutreten und verhältnismäßig günstige Bedingungen zu stellen, wird die
Freilassung Nebogatows
betrachtet. Aus Tokio wird nämlich Londoner Blättern gemeldet:
Der Mikado hat Befehl gegeben, daß Nebogatom freigelassen werde, um dem Kaiser Nikolaus einen Bericht über die Schlacht und die Verlustliste zu überbringen. Man hofft sicherlich in Tokio, daß dem Zaren durch die Berichte über die furchtbaren Einzelheiten der Niederlage, die die völlige Ohnmacht der russischen Flotte ergeben, die Augen darüber aufgehen werden, daß ein weiteres Blutvergießen zwecklos sein würde. Verfehlt wäre es aber, auf ein zu großes Entgegenkommen seitens der japanischen Regierung zu schließen. Die Früchte seines Sieges wird Japan fich bei einem etwaigen Friedensschluß diesmal nicht entreißen lassen, wie s. 3t. im Frieden von Schimonoseki mit China. Seine Staatsmänner verlangen eine völlige Garantie der japanischen Vorherrschaft im Osten.
Admiral Roschdjestwensky
soll sich auf dem Wege der Genesung befinden, wie seiner Gattin durch einen Brief der Oberleitung des Lazaretts in Saselo mitgeteilt wurde. Der Admiral soll nach den Be richten japanischer Augenzeugen, obgleich aus mehreren Bunden blutend, bis zum legten Moment auf der Kommandobrücke des Fürst Ssuwarow" ausgehalten haben. Als dieser in den Fluten verschwand, begab sich der Admiral mit acht anderen Offizieren an Bord des Torpedobootzerstörers Biredovy", der sofort zum Ziel mörderischen Feuers seitens der Japaner gemacht wurde. Als der„ Biredovy" endlich die Flagge streichen mußte, fand man Roschdjestwensky im untersten Raum bewußtlos, Kopf und Brust mit Blut überströmt. Er war auch auf dem„ Biedovy" mehrfach verwundet worden.
Die Friedensaktion, die Präsident Roosevelt durch den Gesandten der Vereinigten Staaten in Petersburg hat er öffnen lassen, scheint in der Nema auf menig Gegenliche 311 stoßen. Wie es heißt, ist die russische Regierung zur Fort. setzung des Krieges bis zum äußersten entschlossen.
Ein außerordentlicher russischer Ministerrat murde in Zarskoje- Sielo abgehalten und kam dem Verneh men nach zu wichtigen Beschlüssen, die in folgendem Te gramm aus Petersburg mitgeteilt werden:
Der Ministerrat in 3arskoje- Sielo riet dem Zaren zur Fortsetzung des Krieges. Der Zar war völlig mit diesem Vorschlag einverstanden. In einer eigens zu diesem Zmed einzuberufenden Landständeversammlung( Semski Sobor) soll die Sanktion des Volkswillens für diesen Plan unt zugleich die erforderlichen großen Mittel gesichert werden. Diese Nachricht ist geeignet, die bereits vor einigen Tagen gemeldeten Gerüchte von neuen großen Mobilisierungen zu bestätigen. Wie es jetzt heißt, follen 200 000 Mann in einer Es wirt Monat nach der Mandschurei entsandt werden. auch ohne Frage der Regierung gelingen, einen Semski So bor zusammenzutrommeln, der sich in heller Begeistering für die Fortsetzung des Kriegs bis aufs Messer auswricht Die wirkliche Volksstimmuma aber würde in dieser Shein. volksversammlung vergewaltigt werden. Sie ist höch be drückt und traurig. Es kam bereits in Petersburg selbst zv öffentlichen
Demonstrationen gegen den Krieg.
In einem großen Konzertsaal, in dem 5000 Perionen bersammelt waren, verlangte das Publikum anläßlich der Niederlage in der Korcastraße einen Trauermarich. Reden gegen den Krieg wurden gehalten. Namentlich das frühere Stadthaupt von Baku, Nowikow, betonte die Notwendigkeit, die Feindseligkeiten sofort einzustellen. Die Polizei drang in den Saal und wollte Monikom verhaften. Dabei kam e zum Handgemenge. Die Polizeimannschaften zogen blank, das Publikum verteidigte sich mit Stöcken und Stühlen, bis es schließlich flüchten mußte. Sowohl unter dem Publifum wie unter der Polizei gab es Verwundete, auch einige Schwerverwundete.
Derartige Kundgebungen des Widerwillens, den breite Volksschichten gegen die Fortführung des blutigen Kampfes im fernen Osten hegen, werden die russische Regierung auf dem einmal fest ins Auge gefaßten Wege nicht aufhalten. Der russische Botschafter in Washington Graf Caffiri ic terredung mit Medic sich denn auch schon bemükigt, seine belt als völlig bedeutungslos hinzustellen. Roosevelt scheint mit der usurpierten Vermittlerrolle keine rechten Geitf mchen zu können.
Toge bei Noschdjestwensky.
Admiral Roschdjeſtmenskn, der verwundet im javaniichen Marinehospital zu Sasebo licat, wird von den siegreichen Geanern mit der größten Sorgfalt und Achtung bebandelt. Blühende Lorbeerzweige umrahmen sein Schmerzenslager und von allen Seiten werden ihm Sympathiebeweise dorge bracht. Auch Admiral Togo besuchte ihn. lobte die Tarfer. fcit und die zähe Ausdauer der Russen, welche sie im ambie an den Tag legten und sprach die Hoffnuna aus, daß Rosch. diestwensky bald nach Rukland werde zurückfchren können. Tief bewegt dankte Roschdiestwensky und beglückwünschte. Japan zu dem Mut und dem Patriotismus seiner Seeleute: der edie Chrafter der Sieger vermindere den Kimmer um die Niederlage. Nach einer Meldung sollen Roschdiestwens. fys Wunden brandia geworden sein, so daß eine Beinampu tation notwendig räre.
Daß in der Seeschlacht in der Korcastraße
Unterseeboote von Jen Javanern verwendet morden find. wird von russischer Geite weiter aufreht er halten. Ans Manila, wo orei in der Schlacht hart mitocnom. mene russische Schiffe cingetroffen find, wird gemeldet:
Die Verluste der drei bier eingetroffenen russischen Schiffe betragen an Toten 22 Offiziere, 45 Manu, an Verwundeten 4 Offiziere, 131 Mann. Die Schriffe scheinen unter der Wasserlinie beschädigt zu sein, auch die Schorn steine waren durchlöchert und viele Kanonen unbranch. bar gemacht. Alle russischen Offiziere erffären, daß sich die Japaner einer großen Zahl Interizebocte bedienten, mit Hilfe derer Verwirrung verursacht und de russische Niederlage besiegelt wurde.
Wie furchtbar die japanischen Sprenggeschoss, mögen fie nun von Torpedobooten oder Unterseebooten lanciert wor den sein, gewiitet haben, erjieht man aus der Tatsache, daß der von den Japanern nach Sasebo geichleppte russische Ban zer Nikolai" mehrere Löder von 3 Fuß. cines aber von 10 Fuß Breite an der Backbordjeite aufweit.
Die Besatzungen der russischen Transportschiffe und ein Torpedojägers, die sich nach Wujung gerettet haben, we: Den auf Ehrenwort freigelassen werden, während ihre Schiffe in dem neutralen Hafen interniert bleiben. Ran erwartet
in Wusung die Anfinit des japanischen Admirals Uriu. Die Grenelizenen an Bord des„ Orel". Mehrfach schon wurde behauptet, daß sich während der Seeschlacht in der Koreastraße an Bord des russischen Pan. zerschiffes Drel" furchtbare Greuelszenen abgespielt hät ten. Die Verwundeten jeien einfach über Bord geworfen worden, weil ihr Aechzen und Wehrlagen angeblich die Herzen der Seeleute deprimiert hätten. Jegt ecen diese Be. richte ihre volle Bestätigung durch die auf dem„ Drel" in Japan eingetroffenen Ueberlebenden. Sie erzählen:„ Der Kommandant gab Befehl, das Verdeck freizuhalten und die Berwundeten über Bord zu werfen. So wurden 150 von ihnen eine Beute des Meeres. Die Leichtverwundeten leiſteten diesen Befehl verzweifelten Widerstand und klammerten sich an Taue und Wände, um Barmherzigkeit flehend. Die Schwerverwundeten wälzten sich in ihrem Blute vom Plate, um ihrem Schicksal zu entgehen. Wir warfen sie alle ins Meer."
Die Politik.
Ein glänzender Erfolg der deutschen Marokkopolitik ist die endgültige Absage des Sultans an den französischen Gesandten Taillandier. Der Sultan weigert sich, in weitere Verhandlungen bezüglich der Reformvorschläge mit dem Vertreter Frankreichs allein einzutreten und verlangt deren Prüfung durch eine internationale Konferenz. Am bemerkenswertesten ist bei diesem Entschluß des Sultans der Umstand, daß er ihn faßte, ohne erst die mittlerweile erfclate Ankunft der englischen Gesandtschaft abzuwarten.
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