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Nr. 208.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Dienstag, den 5. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreiſe Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Schluss der Friedensverhandlungen.

Schneller, wie man erwartete, ist der Friedensvertrag in Portsmouth fertig gestellt werden. Er wurde gestern nach­mittag von den beiderseitigen Delegierten, Minister Witte und Baron Komura unterzeichnet.

Der Vertrag besteht aus 17 Artikeln und einer kurzen Einleitung. Ein Auszug aus dem Friedensvertrage wird telegraphisch nach Petersburg und Tokio übermittelt, wäh­rend der tatsächliche Wortlaut den Regierungen in den bei­den Hauptstädten erst nach Rückkehr der Friedensunterhänd­ler bekannt werden wird. Die Ratifikationen müssen inner­halb eines Zeitraumes von 50 Tagen ausgetauscht werden.

Die Japaner wollen heute schon, die Russen morgen aus Portsmouth abreisen. Einige besondere Zusäße zu den Friedensvertrag setzen sest, daß nach dem mit der Unter­zeichnung in Kraft tretenden Waffenstillstand die Armeen nicht mehr vorgehen, wohl aber in ihren Stellungen ver­bleiben dürfen. Genau wird ferner bestimmt, wann beide Teile die Mandschurei räumen müssen. Die Gefangenen sind von ihren Regierungen erst nach der Ratifikation des Friedensvertrages heimzubefördern. Der Mikado erklärt nach dem Wortlaut der Bestimmungen seine Einwilligung an den französischen Gesandten in Tokio, der Zar seine Zustim­mung an den amerikanischen Botschafter in Petersburg. Der Baffenstillstand beginnt sofort nach der Unterzeichnung.

Die Begeisterung bei der russischen Armee auf dem Kriegsschauplab soll unbeschreiblich gewesen sein, als die Nachricht vom Friedensschluß eintraf. Der jetzige Komman­dierende der Mandschurei, Lenewitsch, soll zum Gouverneur son Sibirien auserschen sein, einstweilen aber noch mit seinen Truppen an Ort und Stelle verbleiben, wie es schon im Vertrage bestimmt ist. Der Zar hat an Lenewitsch eine längere Depesche gesandt, die der Armee die Beweggründe erklärt, aus denen der Monarch zur Einigung mit Japan gelangt ist. Der zur Verkündigung an das ganze Heer be­stimmte Erla lobt die Tapferfeit und Mannhaftigkeit der Krieger in den üblichen Wendungen.

In Japan ist die Stimmung im allgemeinen wenig freudig. So hat eine Vereinigung fortschrittlicher Abge­ordneter eine Resolution angenommen, die scharfe Unzufrie­denheit ausdrückt und sagt, die vereinigten Mächte Europas und Amerikas hätten die Bedingungen Japan aufgezwungen und verweigerten dem asiatischen Inselreich die Anerken­nung einer gleichberechtigten Großmacht. Man sei ge­zwungen, fünftig ausschließlich asiatische Politik zu betrei­ben, denn der Portsmouther Vertrag habe eine unüber­brückbare Kluft zwischen Europäern und Asiaten geschaffen. Das römische Blatt Tribuna" weiß sogar von offener Re­bolution in Japan zu berichten. Alle Kabel seien unter­brochen. Doch das sind wohl Uebertreibungen, obwohl eine gewisse Mißstimmung verständlich erscheint.

Was wird aus Alien?

Die Russen haben die vormals chinesische Halbinsel Liao­tong geräumt, Port Arthur preisgegeben, die Stadt Dalny, die ein Kunstprodukt war, den Japanern überlassen, sich aus der Mandschurei zurückgezogen. Damit haben sie auf den Anspruch verzichtet, die Vormacht in Ostasien zu sein. In diese Stellung ist Japan eingerückt, dem jetzt naturgemäß auch der überwiegende Einfluß in Pefing zufällt. Die Chinesen hatten früher schon erfahren, daß ihre gelben Brüder aus dem Lande der aufgehenden Sonne nicht mit sich spaßen lassen. Wären die Mächte bei Shimonoseki den Japanern nicht in den Arm gefallen, China hätte schlimme Tage erlebt und den Anfang einer Teilung, die von einer Bertrümmerung nur schwer zu unterscheiden gewesen wäre. Zwar einer der Intervenienten, Rußland, ließ sich die Hilfe grimmig teuer bezahlen, denn er nahm die Mandschurei. Nur vorläufig freilich. Etwa so vorläufig, wie die Eng­länder Aegypten genommen haben, um es aus dem Auf­stand Arabi Paschas zu retten". Tewfit Pascha heißt ja immer noch Khedive von Aegypten, nur daß er, um mit dem Fürsten von Lippe, seligen und bismarckfeindlichen An­gedenkens, zu reden ,,, nir tau seggen" hat. Jetzt hat Japan das Retteramt übernommen, es hat die Mandschurei aus Rußlands Händen gerettet". Ob für China, steht dahin. Selbst bei nomineller Rückgabe an China wird Japan eine tatsächliche Oberhoheit ausüben. Und hinter Japan steht das mit ihm verbündete, zu Schutz und Truzz verbündete England.

Man müßte von unerlaubter Kindlichkeit des Gemütes sein, wollte man glauben, daß England aus plötzlicher Liebe zu den Japanern sich zu diesem Bündnis entschlossen hätte. Das glaubt auch niemand. Es ist offenbar, daß England seinen Krieg durch die Japaner gegen Rußland hat führen lassen. Das ist immer englische Staatskunst gewesen. Solcher Kunst darf man Anerkennung nicht versagen, auch wenn ihre Ausübung nicht jedermanns Sache ist. Es gehört viel Klugheit und Voraussicht dazu; man muß weiten Blick baben und sehr zielbewußt sein, um sich darin auszuzeichnen.

Schon im Verlauf des russisch- japanischen Krieges trat das deutlich zutage. Sobald die Russen geschlagen waren und ganz gewiß nicht mehr die Kraft besaßen, gegen den Hima­laja vorzurücken, schickten die Engländer eine Expedition zum Dalai Lama, der sich aus seiner heiligen Stadt mit un­rühmlicher, aber verständlicher Eile entfernte. Sie etablier ten dort sich und ihren Einfluß. Unmittelbar darauf ver­fündeten sie mit einer Festigkeit, die sie immer nur dann entwickeln, wenn sie selbst die Arme frei haben, ihr voraus­sichtlicher Gegner aber gefesselt ist, daß sie jedes zentral­asiatische Vorrücken Rußlands und selbst den Bau von Eisen bahnen durch die Russen als einen Akt der Feindseligkeit an­sehen und behandeln würden. Sie sagten das mit einer Ungeniertheit, die ihnen von dem Bewußtsein der augenblicklichen Wehrlosigkeit Rußlands eingegeben war. Auf die unbegrenzte Dauer dieser Wehr­losigkeit durften sie natürlich nicht rechnen. Der Krieg mußte irgendwann einmal ein Ende nehmen; und hatte Rußland die Wunden geheilt, die ihm der Krieg ge­schlagen, so war zu erwarten, daß es seine Revanche neh­men und die englische Ueberhebung heimzahlen würde. Hier mußte vorgesorgt werden, und das ist geschehen, in geradezu genialer Art geschehen, wenn auch diese Art wiederum nicht jedermanns Sache sein mag. Vom englischen Standpunkt aus und nach englischer Ueberlieferung konnte die Sache gar nicht besser gemacht werden. Die Engländer gönnten den Japanern aus dem Kriege großen Gewinn, machten sic aber für diesen Gewinn zugleich schutzbedürftig und boten sich selbst als Schüßer an. Natürlich nicht umsonst. Die Japaner mußten, um den englischen Schutz zu genießen, sich in den Dienst des englischen Interesses stellen. Man hat oft Rußland mit einem Bären, England mit einem Walfisch verglichen. Der Vär ist ein gewaltiges Landtier, der Wal­fisch ein gewaltiges Seetier. Wollen sie gegeneinander, so müssen sie beide Gehilfen aus dem anderen Element haben. Der Bär, um im Bilde zu bleiben, findet keine Wassertiere, die ihm im Kampf gegen den Walfisch beistehen könnten siehe: Frankreichs Haltung im letzten Kriege!- aber der Walfisch hat noch immer Landtiere als Bundesgenossen zu werben verstanden. Eben jetzt die Japaner. Sie sind Eng­lands asiatische Landtruppen geworden. Will Rußland nach seiner Erholung gegen Indien marschieren, so wird es von Japan in der Flanke angegriffen, und die jüngste Erfah­rung hat gezeigt, daß ein japanischer Angriff zu seiner Ab­wehr alle Sträfte erfordert. England aber, als Beherrscherin der Meere, ist nur in Indien angreifbar. Dort ist das Herz seiner Kolonialmacht und eine der Hauptquellen seines Reichtums. Das hat schon der erste Napoleon eingesehen

allerdings vergeblich. Von Aegypten aus wollte er In­dien erobern. Er hat den Plan aufgegeben, so daß seine Ausführbarkeit nicht praktisch erwiesen ist.

Einstweilen ist England Herr über das nichtrussische Asien; im Westen für sich allein, im Osten durch Vermitte­lung Japans, das den Westen decken muß.

Das ist die augenblickliche Lage der Dinge, die aber nicht unverrückbar ist. Japan muß nicht in alle Zukunft der englische Landsoldat bleiben, der Prätorianer, der den in­dischen Kaiserthron des Königs von England bewacht. Am Ende kann ihm doch der Gedanke kommen, daß es besser wäre, er hätte für sich gesiegt und nicht zur Erhaltung der englischen Herrschaft über Asien, und daß es möglich wäre, einen Bundesgossen zu finden, der nicht so genialisch­schlau ist wie England.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Die Marokkofrage ist zwischen Frankreich und Deutsch­land zu beiderseitiger Zufriedenheit so gut wie erledigt. Für die baldige Berufung der Marokkokonferenz, die allseitig gewünscht wird, bildet die Affäre Bu Mzian einen ärger­lichen und möglicherweise verzögernden Zwischenfall. Die Freilassung Bu Mzians, der als geborener Algerier fran­zösischer Untertan ist, als Mohammedaner aber vom Sultan bon Marokko für seine Gerichtsbarkeit in Anspruch genont­men wird, ist in einer Art erfolgt, die Frankreichs Forde­rungen nicht genügt, vielmehr eher als beleidigend aufge­faßt wird Frankreich droht deshalb mit einer Art Eye­fution, und eine solche Gewaltanwendung würde wahr­scheinlich zu Weiterungen führen, deren Verlauf und Ende nicht abzusehen ist. Es besteht aber die Hoffnung, daß es gelingen wird, den Sultan zur Vermeidung jeder Zwangs­einwirkung und dazu zu bestimmen, daß er freiwillig den legitimen Ansprüchen Frankreichs nachkommt.

*

* Die Meldung, daß der Gouverneur von Ostafrika, Graj von Gößen, den Direktor der Kolonialabteilung im Aus­wärtigen Amt, Herrn Dr. Stübel, ersetzen, vielleicht auch an die Spitze eines neu zu bildenden Kolonialamts treten werde, ist zum mindeſten verfrüht und jedenfalls im Augenblick nicht richtig, wie unser CB- Mitarbeiter erfährt. Die Nach­richt ist vielleicht als Vermutung darans entstanden, daß nach dem im Reichstag schon vor längerer Zeit bekannt ge­gebenen Willen des Reichskanzlers Fürsten Bülow im fom­

menden Herbst in Berlin eine Beratung der fachverständigen Männer, zu denen in vorderster Reihe auch Graf Gößen gehört, stattfinden und eine Neueinrichtung der Kolonial­verwaltung bestimmen sollte. Graf Götzen hatte auch schon den Tag seiner Abreise aus Ostafrika festgesetzt. Daraus mag die Konjeftur einer anderweiten dienstlichen Verwen­dung des Grafen Gößen in der angedeuteten Richtung ent standen sein. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich die Konjettur irgendwann einmal bewahrheitet. Einstweilen aber kann davon nicht die Rede sein, schon weil Graf Gößen jest in Ostafrika auf seinem Gouverneurposten unabkömmlich ist und für die Dauer des Aufstandes sein wird.

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Wegen der Choleragefahr hat der Deutsche Ostmarken­verein beschlossen, seine für den 16. bis 18. September in Marienburg geplanten Festlichkeiten zu verschieben.

* Bei dem Festmahl, das die Stadt Danzig zu Ehren der Anwesenheit des englischen Ostseegeschwaders gab, hielt Oberbürgermeister Ehlers eine Ansprache, in welcher er einen geschichtlichen Rückblick auf die Beziehungen Danzigs zu England gab; er erwähnte die Kämpfe Danzigs gegen König Eduard IV. vor 430 Jahren und sprach die Hoff­nung aus, daß weitere 430 Jahre in Frieden vorübergehen werden; beide Nationen müßten sich in gemeinsamer Pultur arbeit zusammenfinden. In seiner Erwiderung nahm. miral Wilson Bezug auf die Ausführungen des Oberbürger meisters über die guten englisch- deutschen Beziehungen in der Vergangenheit und sagte weiter: Ich gedenke der guten Aufnahme, die das Kanalgeschwader überall gefunden hat und hoffe mit Ihnen, daß weitere 430 Jahre in Frieden dahingehen mögen. Das Fest dauerte unter Teilnahme zahlreicher englischer und deutscher Offiziere bis Mitternach;:.

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Ein neuer militärischer Erfolg in Deutschestafrika ist zu berzeichnen. Oberleutnant von der Marwig von der Schutz. truppe schlug die Rebellen im Hinterland von Kilwa gründ lich. Der Feind hatte 40 Tote, sowie zahlreiche Verwundete.

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In Frankfurt a. M. wurde der Kongres der deutschen Mittelstands- Vereinigung eröffnet. In der Eröffnungs­sizung war der Geh. Regierungsrat Lusinsky vom preußi­schen Handelsministerium erschienen, der unter lebhaftem Beifall der Versammlung eine Begrüßungsrede hielt, in der er die Beihilfe des Staates zur Förderung des Mittelstandes in Aussicht stellte und die Wünsche des preußischen Handels. ministers und des Staatssekretärs des Innern übermittelte. Oefterreich- Ungarn

** Kaiser Franz Josef hat sich im engeren Kreise über die ungarische Frage geäußert und soll dabei folgenden ver ständigen Ausspruch getan haben: Der Friede von Ports. mouth wird hoffentlich nicht ohne Einfluß auf die ungarische Krise bleiben. Was zwischen Japan und Rußland möglich war, wird doch hier nicht unmöglich sein. Die ungarische Koalition fann sich an Japan ein Beispiel nehmen und sehen, daß eine der schönsten Eigenschaften des Menschen Mäßigung heißt."-- Ob es etwas helfen wird?

Rufsland.

** Noch immer sind die blutigen Zusammenstöße zwischen Mohammedanern und Armeniern im Zunehmen begriffen. Auch im Gouvernement Jelisawetpol durchziehen tatarische Räuberbanden mordend und plündernd die ländlichen Distrikte. In Schuscha sind aufs neue Unruhen ausgebrochen, bei denen viele Personen ihren Tod fanden und eine Feuers­brunst entstand. Auch in Baku finden Straßenkämpfe statt. Der Naphthapreis hat eine noch nie dagewesene Höhe von 53 Kopefen für das Pud erreicht.- Wie verlautet, sollen die Wahlen für die Reichsduma auf ein Jahr verschoben werden. Durch derartige Maßnahmen wird die Unzufrieden. heit nur noch vergrößert. So hat der Gesamtverband der Berufsverbände der Aerzte, Juristen, Ingenieure usw. die einzelnen Verbände mit der Aufgabe der praktischen Durch­führung des Generalausstandes beauftragt.

Spanien.

** Abermals ist ein Bombenanschlag verübt worden und zwar diesmal in Barcelona. Sonntag mittag Uhr ent­lud sich auf der Ramba flores eine Bombe mit furchtbarer Gewalt. Mehr als 60 Personen wurden verwundet, darun­ter die meisten schwer, zwei Frauen sind getötet. Alle Fenster in der Umgebung zersplitterten, die Bombe war mit Nägeln und Eisenstücken geladen. Die Nachforschungen nach dem Täter waren bisher ohne Erfolg.

Türkei.

** Die Hohe Pforte hat den Finanzreformplan Maze­donien, der von den europäischen Mächten vorgeschlagen wurde, wiederholt abgelehnt. Die Mächte wollen sich aber damit nicht zufrieden geben, sondern im gegebenen Fall die Durchführung ihrer Forderungen erzwingen.

Afrika.

** Die Verwickelungen in Marokko nehmen eine gefahr­drohende Gestalt an. Der Anjerastamm griff mehrere Dörfer