Ausgabe 
5.8.1905 Zweites Blatt
 
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= Vom Goldgräber zum Millionär. In den Vereinigten Staaten steht zurzeit die Geschichte des neuen Minenkönigs Walter Scott in aller Munde. Auf diesen berühmten Namen hört ein einundzwanzigjähriger junger Mann, der in Sali­fornien sein Glück als Goldgräber versuchte und dort im " Thal des Todes" auf eine wertvolle Gold- und Silbermine stieß. Ohne ein Wort über seinen Fund zu verlieren, brachte er schleunigst das Terrain für ein Billiges in seinen Besit. Schon hat dem glücklichen Finder eine Gesellschaft fünf Mil­lionen Dellars für seine Mine geboten. Allein Walter Scott hat den Preis auf 20 Millionen festgesetzt. Gegenwärtig ist er auf der Reise nach Chicago und Newyork, und zwar be­nutt er einen Erpreßzug, der alle bisherigen Eisenbahn­refords brechen soll. Im leichtesten Negligee sitzt der junge Millionär in dem Aussichtswagen seines Zuges, der täglich Tausende von Dollars kostet.

= Der Chomann im Keller. Ber dem Mailänder Ge­richt spielt rzlich eine Verhandlung ab, die einen gan­zen Roma in ich schließt. Der Wirt einer Wein- Wirtschaft glaubte entdeckt zu haben, daß seine Frau sich mit seinem Nachbarn einem Friseur, in seinem, des Ehemannes, Wein­feller zum Stelldichein träfe. Um ganz sicher zu gehen, erzählte er seiner Frau, er wolle auf ein paar Tage ver­reisen, und verbarg sich dann in Keller hinter den Fässern, wo er es sich, mit einem Quantum Lebensmitteln und eini­ger Lektüre versehen, bequem machte Gegen Abend schlich auf leisen Sohlen richtig das Liebespärchen ins Gewölbe. Nun stürzte der betrogene Ehemann hervor und stach mit seinem Delch blindlings darauf los. Der haarkräuselnde Liebhaber entfloh, die Frau aber blieb schwer verwundet liegen. Das Gericht billigte, trotzdem die beiden Ertappten nach Kräften jede Schuld in Abrede stellten, dem Ehemann mildernde Umstände zu und verurteilte ihn daraufhin zu einem halben Jahr Gefängnis.

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Chikagos Stolz und Größe. Eine Statistik, die jüngst in Chikago ausgearbeitet wurde, gibt einen Begriff von dem Leben, Treiben und Wesen dieser Riesenstadt, die von ihren Einwohnern mit Stolz die Mammuth- Stadt" genannt wird. Danach zählt man in Chicago eine Geburt alle acht Minuten 27 Sekunden einen Todesfall alle 15 Minuten; einen Mord alle 70 Stunden, einen Selbstmord alle achtzehn Stunden; einen Unglücksfall, der oen Tod eines Menschen im Gefolg hat, alle 5 Stunden, eine Messerstecherei alle 26 Minuten; einen Einbraich alle drei Stunden; einen Ueberfall auf offener Straße alle sechs Stunden; einen gro= ben Unfug auf der Straße alle sechs Sekunden; eine Ver­haftung alle 7 Minuten 30 Sekunden; eine Feuersbrunst und drei Heiraten alle zwei Stunden, sonstige Katastrophen alle 55 Minuten, einen Ausbruch von kommunalem Größen­wahn jeden Augenblick; alle 75 Minuten wird ein neues Gebäude fertig und alle 78 Minuten stürzt ein neues Ge­bäude ein.

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§ Der Diesseits"-Prozeß. Auf Befragen des Verteidi­gers des Angeklagten Neumann erklärte vor dem Schöffen­gericht zu Lage der Zeuge Kammerherr Kekulé von Stra­donit, daß er bei seiner Einmischung in den lippeschen Thron­streit und der Absendung der Diesseits"-Depesche an den Vizepräsidenten des lippeschen Landtags, den Stärkefabri­lanten Hoffmann, in niemandes Interesse gehandelt habe, sondern daß er nur ein wissenschaftliches Interesse an der ganzen Angelegenheit habe. So will er auch das Wort ,, diesseits" in der Depesche aufgefaßt wissen. Er habe sagen vollen: Als besondere Gefahr werde von ihm( Herrn von Stradonitz) die Einmischung des Reichstags in den Thron folgestreit angesehen. Da habe er statt der zwei Worte von mir" das Wort diesseits" gewählt. Der Verteidiger be­merkte dazu unter großer Heiterkeit, das Wort diesseits" sei also nur gewählt, um 5 Pfennige zu sparen. Im wei­teren Verlaufe des Verhörs gab Herr von Stradonik zu, daß er seit dem Sommer 1903 von Bückeburg eine Ent­schädigung" für seine wissenschaftliche Mitarbeit zugunsten der Bückeburger Linie erhalten habe. Aus den ferneren Verhandlungen ist noch von Interesse, daß der Privatkläger Hoffmann darauf aufmerksam machte, daß die Erklärung des Staatsministers Gevekot vor dem Gericht in Lage am Abend verlesen wurde, während die Berliner Abendblätter, die um 5 Uhr nachmittags herauskommen, die wörtliche Er­klärung des Ministers schon veröffentlichen konnten.

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= Der Millionär als Sonderling. In einem Prozeß, der or furzem in Newyork um das Testament eines im acht­zigsten Jahre verstorbenen Millionärs namens Samuel Dun lop geführt wurde, machte dessen Haushälterin ebenso er­staunliche wie erheiternde Aussagen über die Lebensweise ihres Herrn. Sie erzählte, daß der alte Herr ein großer Freund von Kognak, Whisky, Champagner, Rotwein und Genever gewesen sei. Sein durchschnittliches Tagesquantum bestand aus einer Flasche Whisky und vier Flaschen Cham­pagner. In jeder anderen Beziehung war der Millionär außerordentlich sparsam. Seine Haushälterin mußte ihm monatlich einmal das Haar schneiden und das abgeschnittene Haar zur Auffüllung einer Matraße benutzen. In den letz­ten 40 Jahren kaufte sich Mr. Dunlop einen einzigen An­Mit zug, ein Paar graue Hosen und zwei Ueberzieher. bier Strohhüten, die nicht teurer sein durften, als eine Mark, reichte er 16 Jahre. Als sein schwarzer Rock im Laufe der Jahre grün geworden war, schnitt er die Schöße ab und trug ihn als grüne Jacke. Seinen Lieblingshund Jacob fütterte der Sonderling im Sommer mit Eiscrême. Er ver­ließ seine Wohnung nur, um geistige Getränke einzukaufen. Während des spanisch- amerikanischen Krieges blieb Dunlop neun Monate lang nüchtern, weil er in beständiger Furcht schiebte, die Spanier könnten seine eventuelle Trunkenheit dazu benutzen, ihn in die Luft zu sprengen.

Hus dem Gerichtsfaal.

§ Verurteilter Mörder. Im März d. J. wurde in Eng­land ein entsetzliches Verbrechen entdeckt. Die Frau und die Zwillingsbrüder des Apothekergehilfen Devereur fand man als Leichen, in einem Blechfoffer verpackt, bei einem Spe­diteur. Als Täter wurde Devereur selber verhaftet. Er leugnete bis zum Schluß, wurde aber jezt in London nach dreitägiger Verhandlung als schuldig erklärt und zum Tode berurteilt. Er ist ein naher Verwandter der Exkaiserin Eugenie, der Gemahlin Napoleons III.

Denkmal für die China- Gefallenen. In Tientsin ist ein Denkmal zu Ehren der in den Jahren 1900 und 1901 in China gefallenen deutschen Soldaten und Matrosen ent­hüllt. Der deutsche Gesandte in Peking, Freiherr Mumm on Schwarzenstein, wohnte der Feier bei.

Standesamt- Nachrichten der Stadt Gießen.

Geborene.

Am 23. Juli. Dem Kutscher Christian Burt eine Tochter, Anna; 26. Bierbrauer Franz Buchberger ein Sohn; expedierenden Weichensteller Eberhard Schmidt ein Sohn, Helmut Wilhelm Eberhard; Kaufmann Jakob Althaus ein Sohn, Karl; 27. Schuhmacher Adam Döbus ein Sohn, Friedrich Johannes Adam; Mechanifer Heinrich Figler ein Sohn; 28. Hilfstelegraphisten Karl Geiß ein Sohn, Erich Konrad Heinrich Karl; Geschäftsreis nden Peter Kaspar eine Tochter, Erita; Friseur Karl Hermann Schent ein Sohn, Karl Hermann; 30. Fabrikanten Jos ph Areuter Zwillinge, Franz und Friedrich; Lackierer Theodor Sepp ein Sohn. Aufgebote.

Am 29. Juli. Dr. Karl Bolfings, Großh Gerichts­assessor in Fürth 1./D. mit Julie Luise Wilhelmine Hellwig dahier. Heinrich Karl Otter, Schaffner dahier mit Elisabethe Horft hierselbst. 31. Balthaser Opper, Bäcker dahier mit Johanna Nuhaus in Krofdorf. Am 2. Auguft. Johann Markert, Kellner dahier mit Antonie benze hieiselbst. Eheschließungen.

Am 28. Juli. Julius Dreifus, Kaufmann in Frank­furt a. M. mit Anna Kaan dahier. Am 1. August. Oskar Salomon Lipper, Kaufmann in Brüssel mit Lilli Kaz dahier. Gestorbene.

Am 29. Juli. Andreas Krug, 36 Jahre alt, Taglöhner dahier. Am 1. Arthur Grallert, 30 Jahre alt, Braumeister dahier. 3. Karl Retter, 32 Jahre alt. Kaufmann dahier.

Verantwortlich für die Politik und den Inseratenzet!: Ibin Klein, für den übrigen Inhalt: Georg Horn, belbe in Bieken.

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Am Mittwoch, den 6. September 1905, vormittags, findet auf den städtischen Marktanlagen nächst der Rodheimerstraße Fruchtpressen, Bohnenschneider, Pferdemarkt statt. Für Stallungen in der Nähe des Marktes ist ausreichend Sorge getragen; wegen derselben wolle man sich an Herrn Hoflohnkutscher Huhn- Gießen wenden.

Für die Prämiierung des besten Pferdematerials stehen 1670 Mt. zur Verfügung. Der Brämiierungsplan ist von Herrn Weinhändler August Schwan zu Gießen zu beziehen. Die Breisverteilung erfolgt im Anschluß an die Prämiierung um 121/2 Uhr. Omnibusverbindung von dem Bahnhof nach dem Marktplatz und Von 10 ühr ab Konzert und Restauration auf dem

zurück. Marktplay.

Am 7. September, nachmittags 2 Uhr, findet in der Turnhalle der Stadtknabenschule eine

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statt von Pferden. Wagen, landwirtschaftlichen Maschinen und Gerät= schaften, Fahrrädern, Nähmaschinen, Haushaltungs- und Gebrauchs­gegenständen.

Der Generalvertrieb der Lose á 1 Mr. ist dem Herrn Richard Buchacker zu Gießen übertragen. Gießen, den 20. Juli 1905.

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