Ausgabe 
4.11.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 260

Zweites Blatt.

Jasertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­beffen, bie Kreife Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 refp. 40 Pfg. Rebaftion u. Haupterpedition: teßen, Selterweg 83. Fernsprechanichink Nr. 362.

Samstag, den 4. November 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblafen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Londons neuefter Ehrenbürger.

William Booth, der General" der Heilsarmee. Während in Deutschland das Wohlwollen für die Be­strebungen der Heilsarmee" infolge der nicht einwands­frei widerlegten Behauptungen über innere Schäden der Vereinigung etwas im Schwinden begriffen ist, scheint in England die immerhin ziemlich sonderbare militärisch­religiöse Organisation gerade in letzter Zeit sehr an An­sehen gewonnen zu haben. Beweis dafür ist die Ernennung des betagten Führers der Heilsarmee, des 80jährigen ehe­maligen Methodistenpredigers William Booth, zuni Ehren­bürger der Londoner City. Es ist das keine alltägliche Ehrung. Wer zum Ehrenbürger oder Freimann" der City in London avanciert, muß eine genau vorgeschriebene Erklärung abgeben. Darin verpflichtet sich der in den City- Bürgerſtand Aufzunehmende für seine Person, den Frieden aufrechtzuerhalten und keine Ruhestörungen zu be­gehen. Zu nächtlichen Skandalszenen und sonstigem ruhe­störenden Lärm ist Herr Booth nun wohl die letzte Person Große Heiterkeit entstand denn auch in der zu dem feier­lichen Akt des Gelöbnisses erschienenen Versammlung, als der General" versprach, keinerlei Ruheſtörungen und Aufruhr" zu erregen. Mehr wie tausend seiner Offiziere hatten den obersten Feldherrn vorher vom Hauptquartier der Heilsarmee in Queen Victoria Street zur Guildhall geleitet. Natürlich fehlten in dem Aufzug auch die schmet­ternden und schallenden Marschweisen nicht, deren sich die Salutisten zur Erhöhung ihres religiösen Eifers zu be­dienen pflegen. Mit Jubel wurde Booth von den die Guild­hall umdrängenden Menschenmassen, mit Zuruf und Be­grüßung von den in der Halle versammelten Honoratioren empfangen. Der Schriftführer der City verlas den Be­schluß der City- Weltesten, William Booth, den Begründer und Leiter des großen religiös- philantropischen Unter­nehmens, bekannt unter dem Namen Heilsarmee, zum Frei­mann der City zu machen, in Anerkennung seiner ernsten und gewissenhaften Bemühungen für die moralische und soziale Hebung der bedürftigen Klassen, nicht nur des eng­lischen Weltreiches, sondern aller Rassen und Nationen der Welt.

Die Begrüßungsrede hielt Sir Joseph Dimsdale. Er sagte, der Name William Booth werde von zahlreichen Generationen ebenso geehrt werden, wie von ungezählten Tausenden unter den heute lebenden Erdenbürgern. Das war vielleicht etwas fräftig ausgedrückt, aber Festredner haben von jeher das Vorrecht, ohne Widerspruch Starte Farben auftragen zu dürfen.

Die Männer der City, die Millionenkaufleute der eng­lischen Metropole, find nobel, wenn es sich um das An­sehen des Standes und der Stadt handelt. So pflegen sie den Bürgerbrief sonst in goldener Kassette zu überreichen.

Aber William Booth wollte davon nichts wissen. Er be­gnügte sich mit einem Kasten aus Eichenholz, der aus einem Dachsparren der Guildhall hergestellt war. Dafür über­wiesen ihm die Cityherren 100 Pfund Sterling, also 2000 Mark, als Gabe für die Heilsarmee. Das Geld wurde in echtem Heilsarmeestil verwandt. 5000 Arbeitslose hatte General Booth zu einem Festessen laden lassen. Die Leute waren in hellen Haufen erschienen. Sie ließen sich Speise und Trank natürlich nur Soda- und Fruchtwasser, bei­leibe keinen Alkohol- wohlschmecken und hörten mit Dank­barkeit den Reden der oberen und unteren Offiziere zu. Booth selber, unermüdlich wie ein Jüngling, meinte, wenn ihm die Regierung Land und Geld zur Verfügung stellen wollte, würde er sich verpflichten, mit allen Trunkenbolden des Landes fertig zu werden. Wieder ein starkes Wort, aber darauf kommt es bei solchen Gelegenheiten, wie gesagt, nicht an. Der gute Wille des greisen Führers ist jedenfalls anzuerkennen, ebenso wie die Erfolge, welche die Heilsarmee auf vielen Gebieten errungen hat. Ob mit der Ausbreitung der Bewegung nicht innere Erkrankungen auftreten oder auftreten müssen, soll dahingestellt bleiben bis zur vollstän­digen Klärung der in Deutschland neuerdings laut gewor­denen Angriffe auf die Heilsarmee. Es gibt in der Ge­schichte genug Beispiele von dem allmählichen Zerfall heftig auftretender extrem- religiöser oder philantropischer Er­scheinungen. Man braucht dabei nicht einmal an die Massensuggestionen des Flagellantentums oder der Kinder­freuzzüge im 13. bis 15. Jahrhundert zu denken, mit denen die Heilsarmee- dee zweifellos einige Berührungs­punkte hat,

Neue Reformkleider.

( Von unserer ständigen Korrespondentin.] Sobald man die Grenzen Deutschlands überschritten hat, sieht und hört man nichts mehr von der Bewegung, die der Frau eine neue gesundheitsmäßige Tracht verschaffen will. Auf meiner jüngsten sechswöchentlichen Reise ins Aus. land traf ich eine einzige Dame in einem Reformkleide und zwar in Venedig. Aber diese Frau war eine Berlinerin. Die Dame, eine reizende, überaus schlanke Blondine, er. regte überall Bewunderung, und ihr braunes Reformkleid mit einem braunen, am Halse geöffneten spig zulaufenden Sammetsattel zog die Blicke auf sich. Es hatte auch einen ganz besonderen Attraktionspunkt in Gestalt einer vor der Brust befestigten Schleife aus bunt schillerndem Brokatband, deren Enden lang herabflatterten. Diese Dame widerlegt gründlich die viel verbreitete Ansicht, daß man im Auslande die Deutsche als häßlich und plump bezeichnet, und daß man ihr noch geringeren Beifall zollt, wenn sie sich im Reform­gewande zeigt. Dieses letzte Argument spielen alle Gegner der Reformtracht aus. Daß sie viele Geaner hat und natur.

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gemaß haben muß, ist selbstredend. Denn erstens stößt alles Neue stets auf Widerstand und zweitens sieht man so viele schlecht sitzende Reformkleider. Die Trägerinnen gehen oft von dem falschen Gedanken aus, daß ein Reformkleid leicht zu schneidern ist, und daß sie es sich trotz ungeübter Hände jelbst anfertigen können. Dadurch entstehen dann die vielen jack- und schlafrockähnlichen Kleider, welche ihre Trägerinnen entstellen. Für einen großen Teil der Frauen bedeutet die Befreiung von dem festen Fischbein wieder eine Erleichte­rung, vielleicht eine Erhaltung ihrer Gesundheit. Darum ist es mit Befriedigung zu begrüßen, wenn die Förderer dieser Bewegung immer wieder neue Anregung zur Verbesserung und Verschönerung der künstlerischen Kleidung durch Herbei­führung von Ausstellungen bieten.

Der deutsche Verein für Volkshygiene hat gegenwärtig in Berlin im Architektenhause eine solche Ausstellung ar­rangiert. Aus allen Teilen Deutschlands sind beachtens­merte Kleider eingegangen. Ein prünefarbenes Tuchkleid muß jedem Beschauer gefallen. Der in Falten gelegte Sat­tel der Taille wird vorn und im Rücken begrenzt von zwei Reihen im Zickzac aufgesetzten prünefarbenen Taffetblenden. Diese Blendengarnierung wiederholt sich auf dem Schlepp­rock, auf den Manschetten des Puffärmels. Zu diesent Kostüm gehört ein kleiner Hut aus prünefarbenem Sammet. Die hintere Krempe ist aufgeschlagen und mit einer matt­lila Seidenrosette von beträchtlicher Größe mit daran sich anlehnenden fein abschattierten rosa Rosen verziert. Der Kopf des Hutes zeigt als einzigen Schmud rosa und röt­liche Rosen. Die Beschreibung dieses Anzuges beweist, daß man redlich bemüht ist, an die herrschende Mode, soweit es die Tendenz der Reformtracht verträgt, sich anzulehner, und daß man Farbensinn besißt. Das Hauptkönnen ent­falten die Erfinderinnen in der Anbringung von wertvollen, in ihren Mustern und Farben fesselnden Stidereien, mit denen die Gewänder besetzt werden. So hat Grete Hart eine Jade aus in Falten gelegtem, rehfarbenen Tuch aus­gestellt, die vorn und rückwärts einen Sattel aus bunter Weberei hat. Diese feintönige in Hellblau gehaltene We­berei ist von Fräulein G. Witte entworfen und angefertigt worden. In diesem Sinne zeichnen sich auch die Toiletten der Frau Bürgermeister Reide aus, welche alle ihre Kleider selbst zeichnet. Ausgestellt ist unter anderm ein hellgraues Crêpe de Chine- Gewand, dessen blusige Taille à la Konigin Luise unter der Brust mit einer eigenartigen Goldspize be­die spannt ist. Darin sind an verschiedenen Stellen Goldspite geht auch über die Schultern und bildet einen dreiedigen Ausschnitt- goldene Broschen mit großen blauen Steinen befestigt. Auch der berühmten Schauspielerein Luise Dumonts Kleid ist aus Wiesbaden zur Ausstellung gesandt worden. Es ist ein weißes, plissiertes Crêpe de Chine- Kleid, dessen vierediger Sattel born und hinten mit rosa Bändern bespannt ist. Diese Bänder sind an den bier Seiten mehrmals verflochten und hängen dann bis auf den Gaum herab.

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