Ausgabe 
4.2.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 30.

Erstes Blatt.

Insertionspreis: Die einspaltige Betttzeile für ganz Ober­effen, die Kreise Weylar amb Marburg 10 Pfg. fenft 15 Mfg. Reklamen bie Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanfchluk Nr. 862.

Samstag, den 4. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Cratt8betlagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der Krieg in Oftalien.

Von beiden friegführenden Parteien werden weitere Einzelheiten über die letzten schweren Kämpfe veröffentlicht, die jedoch keinen genügenden Aufschluß über den Grund zu dem unerwarteten Vorstoß Kuropatkins, noch über die jetzige strategische Lage geben. Vielleicht bringt aber das nach­folgende Telegramm, das ein italienischer Korrespondent aus dem japanischen Hauptquartier über Fusan seinem Blatte zugehen läßt, Aufklärung. Er schildert

die Lage am Hunho

und die Beweggründe Kuropatkins zu seiner Attacke fol­gendermaßen:

Auf der ganzen Front dauert das Artilleriefeuer an, auf dem linken japanischen Flügel finden weitere heftige Kämpfe statt. Man sieht eine allgemeine Schlacht voraus. Kuropatkin wurde zu seinem Vorgehen bewogen, weil sein rechter Flügel sehr schwach war und von den Japanern bedroht wurde. Gelang es den Russen, Pahotai auf dem westlichen Hunufer zu nehmen, so war dagegen der linfe japanische Flügel merklich in Gefahr.

Dieser Darstellung widerspricht nicht die folgende Schil­derung aus russischer Quelle, die

Einzelheiten über die letzten Kämpfe bringt. Es heißt darin: Auf dem äußersten rechten Flügel dauert das Artilleriefeur fort, auch finden weiter kleine Zu­sammenstöße bei verschiedenen Dörfern statt. Die Kämpfe bei Sandepu hatten den Erfolg, daß unsere Avantgarde auf dem rechten Flügel bis zu den Dörfern Holontai, Futsja­tschiantsi, Tsintschatun und Baitadsi vorrückte. Durch die Besetung dieser Positionen erhielten unsere Truppen die Möglichkeit, das Artilleriefeuer auf die Befestigungen von Sandepu und Lidiatun zu konzentrieren. Auf den neuen Positionen werden Batterien aufgestellt. Die letzten Kämpfe galten dem Besitz des Dorfes Tschantanhenau auf dem linken Hunhoufer. Ein Angriff der Japaner in der Nacht des 1. d. Mts. wurde mit bedeutenden Verlusten für dieselben zurückgeschlagen, unser Verlust betrug gegen 100 Mann. Am Tage beschossen die Japaner das Dorf, besetzten es, uns zurückdrängend, wurden aber von uns aus einem großen Teil des Dorfes wieder verdrängt. Die japanische Artil­Ierie beantwortet in den letzten Tagen unser Feuer östlich von der Eisenbahn fast gar nicht.

Die Verluste.

Nach Nachrichten aus Tokio belaufen sich die japanischen Verluste auf ungefähr 7000 Mann. Die feindlichen Ver­Iufte seien beträchtlich. Gefangene sagen aus, vier russische Infanterieregimenter wären Leinahe vernichtet; bei ihnen feien viele Kompagnien auf 20 bis 30 Mann reduziert; darnach müßten die russischen Verluste mindestens 10 000 Mann betragen.

Gerüchte über bevorstehende

Kommandoveränderungen bei den Russen werden in Ermangelung besseren Stoffes von den Bericht­erstattern folportiert.

Die Einen wollen den General Kuropatkin demnächst bom Oberkommando abgesett wissen, weil er die in ihn gefeßten Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Anderen wagen sich nicht so hoch hinauf, sondern begnügen sich, den General Griepenberg mit Abberufung und Kriegsgericht zu bedrohen, weil er ohne Not und namentlich ohne Erfolg 10 000 Soldaten geopfert habe. Die ganz Bescheidenen halten sich an den heimkehrenden General Stössel, dessen Heldenruhm um so mehr verblaßt ist, je weiter er sich von Port Arthur entfernt hat. Admiral Jessen hat an die Witwe des in Port Arthur gefallenen Generals Kondratenko ein Beileidstelegramm gerichtet, in dem er sagt: lebte Ihr Mann noch, Port Arthur wäre unbezwungen. Diese Aner­fennung für den Toten kann allerdings als für die Ueber­Tetenden weniger schmeichelhaft aufgefaßt werden, ist wohl auch nicht als eine Schmeichelei für diese beabsichtigt ge­wesen. Doch in Rußland macht das unter Kameraden" nicht viel aus und muß nicht gerade große Konsequenzen Hasen. Einstweilen ist General Stöffel vor dem Kriegs­gericht noch sicher. Die aus 4 Kreuzern und drei Torpedobooten bestehende ruffi he Flottille unter dem Geschwaderchef Petrowosky ist in Begleitung von 18 Transportschiffen in der Richtung auf Madagaskar in See aegangen.

Reformpläne in Russland.

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rungen beraten, die in dem Manifest des Zaren vom 25. De­zember v. J. anbefohlen waren. Uns liegt darüber folgen­der eingehender Bericht vor:

Der Schutz der Gefetzgebung.

Petersburg, 3. Februar.

Heute sind die Arbeiten des Ministerkomitees zur Ein­führung einer Reform der Gesetzgebung und der Verwaltung zu einem ersten Abschluß gekommen. Es handelt sich dabei um eine Neuerung, die überall anderwärts die selbstverständ­liche Grundlage aller Staatsverhältnisse bildet, um die Fest­legung von Grundsäßen, die sogar in einem autokratisch regierten Staat für unentbehrlich gelten sollten. Man darf sagen, daß die Reform, die zum größten Teil auch schon die Gutheißung des Zaren gefunden hat, den Schutz der Gesetz­gebung selbst bezweckt. Es soll bestimmt werden, daß Geseze nur in einer gewissen Form zu veröffentlichen sind, ebenso zarische Ufase und Erlasse, und daß in jedem Falle eine unabhängige Behörde, der Senat, prüfen müsse, ob die neuen Gesetze, Ukase, Erlasse die gehörige Form hätten und nicht mit geltenden Gesetzen in Widerspruch seien. Der Senat, jetzt schon die oberste Justizbehörde des Reichs, soll vom Ministerium getrennt, die Rechtsprechung mit besseren Rautelen umgeben, die Klage gegen pflichtvergessene Be­amte erleichtert und gesichert werden.

Während oder vielmehr kurz nach der blutigen Nieder­werfung des Aufstandes wenn man den Prozessionsgang unbewaffneter Arbeiter zur Ueberreichung von Bittgesuchen Aufstand nennen darf die alles öffentliche Leben in Petersburg scheinbar aufhören machte, haben die Mitglieder des russischen Ministerkomitees die reformatorischen Neue­

Es muß übrigens hinzugefügt werden, daß der Senat als oberstes Gericht bisher schon großes Ansehen genossen hat, beinahe wie ein europäisches Gericht. Der Zar hat den Vorstellungen des Ministerkomitees entsprechend bereits an­geordnet, daß der Justizminister ein Gesetz über die zivil­und strafrechtliche Verantwortung der Beamten ausarbeiten und der Reichsrat den Entwurf unverzüglich durchsehen solle. Geschieht, was hier verheißen wird, so ist eine wirkliche und wertvolle Reform im Anzuge, eine Reform, die viel­leicht mehr wert ist, als eine Repräsentativverfassung, und dieser jedenfalls vorausgehen müßte.

*

Die Arbeiterunruben.

Die Unruhen unter der russischen Arbeiterbevölkerung berlieren allmählich wieder an Intensität, gewinnen aber zusehends an räumlicher Ausdehnung. Jezt flackert das Feuer auch in Südrußland an vielen Orten auf, doch ist es bisher zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht nir. gends gekommen.

In Batum gehen keine Güterzüge mehr ein, auf der Eisenbahn lagern die Ladungen, die Dampfschiffe werden nicht gelöscht, infolge wovon ernste Schwierigkeiten zwischen den Kapitänen und den Schiffsagenten und große Verluste entstanden sind. In Samara haben die Fabrikherren den Arbeitern verkürzte Arbeitszeit und höheren Lohn zu­gestanden, zahlen ihnen auch den Lohn für die Dauer des Streits. Danach wird die Aufforderung des Gouverneurs, Massenansammlungen auf den Straßen zu vermeiden und den Polizeivorschriften zu gehorsamen, wohl Beachtung finden. In Tiflis haben die Arbeiter in den Werk­stätten der transkaukasischen Bahn, in den mechanischen Ha­briken und Druckereien, 3000-4000 an der Bahl, die Ar­beit seit Dienstag eingestellt. Nur eine Zeitung erscheint weiter, der Pferdebahnbetrieb war unterbrochen und konnte erst unter militärischem Schuß wieder aufgenommen wer­den. Es sind zahlreiche Verhaftungen vorgekommen.

Ein Kuriosum ist es und ein Zeichen dafür, wie in Nuß­land die Gegensätze sich berühren, daß der Stadthauptmann von Odessa die Zulassung von Frauen zu den städtischen Vorwahlen angeordnet hat.

Die Zustände in Ruffifch- Polcn. Kattowitz, 3. Februar.

für sich. Die Eisenbahnbrucken, die man eine Zeit lang für bedroht hielt, sind unversehrt, die Züge von Sosnowice nach Deutschland und Desterreich verkehren wie immer. Da­gegen ist in Kalisch an der russisch- posenschen Grenze all­gemeiner Ladenschluß und allgemeine Arbeitseinstellung. Die Theater spielen nicht, und sogar die Schüler des philolo­gischen Instituts sowie die Schülerinnen des Gymnasiums haben den Besuch des Unterrichts eingestellt.

Per vierzig Jahren würde eine Bewegung, wie die jetzige in den vormals polnischen Gebieten Rußlands un­meifelhaft eine regelrechte polnische Insurrektion" hervor­gerufen haben. Daß die jetzige Bewegung fast nirgend einen nationalpolnischen Anstrich bekommen hat, ist unge­mein auffallend und läßt sich nicht allein damit erklären: die Polen in Rußland handelten so aus Klugheit, um nicht Preußen und Desterreich gegen sich auf den Plan zu rufen. Solche Klugheit findet sich bei Volksbewegungen sonst nicht, und polnisch- national ist sie auch nicht.

Von den Zuständen in Warschau aber werden recht un­erfreuliche Schilderungen entworfen. Die Zeitungen dort erscheinen entweder überhaupt nicht oder müssen sich darauf beschränken, die amtlichen Berichte aufzunehmen, deren Kre­dit nicht sehr groß ist. Es wird zugestanden, daß es 600 Tote und über 600 Verwundete gegeben hat. Man weiß außerdem, daß die Hauptstraßen ohne Beleuchtung sind, daß die Schwierigkeit der Ernährung für die friedlichsten Bürger anhält, die sich nicht auf die Straße hinauswagen, daß Durchreisende empfindlichen Belästigungen ausgesetzt sind, und daß endlich Brandstiftungen sich häufen.

Zur Zeit hat die Bewegung zwei Zentren: in Warschau und in Sosnowice. In Sosnowice hat sie vergleichsweise noch harmlose Gestalt, wenn auch Vorsichtige in nicht ge­ringer Zahl sich und ihre Familien über die preußische Grenze nach dem nahen Kattowitz gebracht haben, wo sie sicherer zu sein glauben, als in der russischen Heimat, sogar unter dem Schutz der Kosaken. Der Schrecken hat übrigens bald nachgelassen. Trotzdem in Sosnowice und Umgegend an 20 000 Mann streiken, blieb es im ganzen still, stellen­weise sogar ruhiger, als sonst an Feiertagen. Bemerkens­wert ist, daß die Arbeiter, die sonst die Einstellung der Tätig­feit erzwangen, die Bäcker arbeiten ließen, und nicht bloß

Die Dolitik.

Noch immer wollen sich keine Anzeichen einstellen, daß der Bergarbeiterstreik dem Ende zugeht. Die Bemühungen zur Herbeiführung einer Verständigung sind bisher vergeb­lich gewesen, in Westfalen ebenso wie in Schlesien. In das Ruhrrevier haben sich jetzt die Minister des Innern, Freiherr v. Hammerstein, und des Handels, Herr Möller, begeben, der eine, um sich von dem Stand der zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung getroffenen Maßregeln zu über­zeugen, der andere, um auf die streitenden Parteien persön­lich einzuwirken. Es scheint, daß die beste Arbeit von der im Werden begriffenen Novelle zum Berggesetz wird getan werden müssen, da die Grubenbesizer auf dem Standpunkt schroffer Ablehnung verharren. Sie haben an Herrn Möl­ler ein Telegramm gerichtet, in dem sie gegen die jüngsten Aeußerungen des Staatssekretärs Grafen Posadowsky pro­testieren, denen zufolge sie sich arge Uebertreibungen hin­sichtlich der angeblichen Ausschreitungen der Streifenden gegen Arbeitswillige hätten zu Schulden kommen lassen. Der Protest ist insofern richtig adressiert, als Graf Posa­dowsky sich ausdrücklich auf die Berichte des Herrn Handels­ministers Möller berufen hatte. Herr Möller wird das Mögliche tun, beide Teile zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Gelingt ihm das bei den Bergwerksbesitzern nicht, so wird er sich wohl entschließen müssen, nach der Klinke der Ge­setzgebung" zu greifen. Eile tut not, weil die Kohlenvo räte ihrer Erschöpfung nahe sind, weil die Wirkungen auf andere industrielle Betriebe durch den Kohlenmangel sich schwer fühlbar machen, und weil einzelne Gruben bereits dauernden Schaden durch Einbruch von Gewässern genom­men haben. Die Ruhe ist tatsächlich an keiner Stelle ge­stört worden. Die Verhandlungen werden auf Seiten der Arbeiter mit anerkennenswerter Sachlichkeit geführt, womit nicht gesagt ist, daß ihre Forderungen überall berechtigt sind. Auch ist es nicht zu billigen, daß sie in Oberschlesien wie in Westfalen ohne Bedenken kontraktbrüchig geworden sind, in­dem sie die Arbeit ohne Innehaltung der vorgeschriebenen Kündigungsfrist verließen. Der Kontraktbruch wird ein­fach als selbstverständlich betrachtet. Die Leitungen der staatlichen Gruben in Schlesien sind flug genug gewesen, diesen Punkt nicht allzusehr zu betonen. Freilich ist troy­dem ihren Verständigungsverhandlungen ein Erfolg bisher versagt geblieben.

Oefterreich- Ungarn.

Der Parteienstreit in Ungarn bietet dem aufmerksamen Beobachter stets neues Material zu Betrachtungen. Graf Julius Andrassy hat glücklich erreicht, daß sein Freund Graf Tisza vom Ministerpräsidium zurücktreten und ihn als Nach­folger vorschlagen mußte. Aber die Freude ist nicht unge­trübt: er selbst ist nicht der Führer seiner Mehrheit, sondern Kossuth ist es, der Sohn des Revolutionärs, der auch in der Verbannung nicht aufgehört hat, davon zu fräumen, daß die ungarische Krone auf ihn übergehen würde. Kossuth Sohn, der Erbe der Habsburgerfeindschaft, ist jetzt nach dem Schema des Parlamentarismus der nächste Anwärter darauf, vom Kaiser Franz Josef empfangen und in die kommende Mi­nisterkombination einbezogen zu werden. Das ist nicht ohne Humor. Kaiser Franz Josef, der flügſte Staatsmann in seinem Reich, wird sicherlich Sinn für diesen Humor haben und Herrn Kossuth die Verlegenheit nicht ersparen, Minister des Fürsten zu werden, dem er die Krone genommen sehen möchte. Sehr ernst ist Kossuth Sohn nie genommen wor­den doch als Minister wäre er geradezu eine komische Figur. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Andrassy und Genossen, denen Kossuth in den Sattel geholfen, den Helfer abschütteln, indem sie ihn lächerlich und dadurch unmöglich machen. Der ungarische Parteienstreit ist wesentlich ein Streit weniger Aristokratenfamilien. Wer sich da vordrän­gen wollte, fönnte zu seltsamen Erfahrungen kommen. Er wird als Eindringling behandelt, und solche Behandlung ist in aller Welt nicht eben erhebend. Davon macht Ungarn feine Ausnahme.