Ausgabe 
30.1.1904 Zweites Blatt
 
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Humoreske von Reinhold Ortmann.

Fräulein Ilse Neuburger saß in ihres Vaters Privat­kabinett vor dem großen Schreibtisch und öffnete die Um­schläge der mit der Morgenpost eingelaufenen Briefschaften. Sie war noch mitten in ihrer Arbeit, als der Postbote ein Telegramm brachte, das Fräulein Jlse erbrach. Es lautete: Brief infolge zeitweiliger Abwesenheit verspätet erhalten. Acceptiere die angebotene Partie unter den vereinbarten Be­dingungen, wenn Beschaffenheit nach jeder Richtung hin tadellos. Sende sofort meinen Sohn behufs Besichtigung nach dort. Diskretion selbstverständlich. Franz Herbold."

Auf der weißen Stirn des jungen Mädchens waren einige frause Fältchen des Nachdenkens erschienen. Plötzlich aber flammte ein brennendes Rot in ihren Wangen auf, und mit einer Geberde der Entrüstung schleuderte sie das Blatt auf den Tisch.

Ah, das ist schändlich das ist unerhört!" kam es von ihren Lippen. Man will mich verhandeln wie eine Ware!"

Ihre Entrüstung war vollkommen berechtigt, denn wenn ihr Vater mit seinem alten Geschäftsfreunde Franz Herbold über eine Partie" verhandelte, so konnte damit selbstver­ständlich keine andere gemeint sein, als sie. Darum also hatte er in der letzten Zeit so auffallend häufig von der ausgezeichneten Familie Herbold und namentlich von den Eigenschaften des jungen Georg Herbold gesprochen!

Aber man sollte sich in ihr getäuscht haben. Fräulein Ilse gehörte nicht zu den Mädchen, die sich besichtigen" und verhandeln lassen wie eine Sklavin.

Eine Stunde später stand der Erwartete vor ihr, ein großer, hübscher, junger Mann mit einem flotten Schnurr­bart und einem jugendlich frischen Gesicht, das sie unter anderen Umständen sicher sympathisch gefunden haben würde. " Ich hörte soeben zu meiner Ueberraschung, daß Ihr Herr Vater abwesend sei, und ich fürchte beinahe, daß meine Reise nun zwecklos gewesen ist. Denn das geplante Geschäft hätte ich doch wohl nur mit ihm selbst abschließen können."

" Ihre Reise wäre zwecklos gewesen, auch wenn Sie meinen Vater angetroffen hätten. Denn aus dem geplanten Geschäft" sie begleitete dieses Wort mit einem wahrhaft zermalmenden Blick ,, wird unter keinen Umständen etwas werden.'

"

Wie?" fragte er verwundert. Ihr Herr Vater zieht also seine Offerte zurück? Ja, hat er denn Sie überhaupt von der Sache unterrichtet, mein Fräulein? Und hat er Sie ermächtigt, mir eine solche Erklärung abzugeben?"

" Ich übernehme jedenfalls die volle Verantwortung da­für, mein Herr!"

Und die Gründe? Sie sehen mich einigermaßen er­staunt. Denn aus dem Briefe Ihres Herrn Vaters schien hervorzugehen, daß ihm sehr viel an dem Zustandekommen der Sache gelegen sei. Und es handelt sich schließlich doch um ein Geschäft, das für ihn mindestens ebenso vorteilhaft wäre, als für uns."

Sie werden nicht im Ernst erwarten, mein Herr, daß ich Ihnen auf das Gebiet derartiger Erörterungen folge. Ich betrachte die Angelegenheit als erledigt und habe Ihnen nichts weiter zu sagen."

Das war eine Verabschiedung, die an Deutlichkeit aller­dings nichts zu wünschen übrig ließ. Und jetzt endlich schien dieser Herr Herbold begriffen zu haben, wie die Dinge hier für ihn lagen.

" Ich vermag zwar nicht einzusehen, mein gnädiges Fräulein, weshalb Sie Ihrer Ablehnung eine so unfreund­liche, ich möchte beinahe sagen, beleidigende Fassung geben müssen, aber ich nehme sie nunmehr jedenfalls für eine end­giltige und werde Ihnen nicht weiter lästig fallen."

Er schritt zur Tür, aber ehe er seine Hand auf den Drücker legte, drehte er sich noch einmal um, und in dem Blick seiner hübschen Augen war ein so schmerzlicher Zug von Bedauern, daß Ilse sich davon eigentümlich betroffen fühlte.

Der folgende Tag war ein Sonntag, und das Kontor der Firma Neuburger blieb geschlossen. Fräulein Ilse hüllte sich in ihr schmudes Radlerkostüm und schwang sich auf das

Stahlroß, um einer von Spaziergängern beinahe niemals aufgesuchten Gegend in der Umgebung der Stadt zuzustreben.

Beim Dahinfliegen durch den schönen, angenehm kühlen Herbsttag wurde ihr bald um vieles froher und ruhiger zu Mute. Und als sie nach ein- oder zweistündiger Fahrt das anheimelnde Dach der Lindower Försterei vor sich auftauchen sah, verspürte sie einen rechtschaffenen Hunger.

Mit einem eleganten Schwunge lenkte sie ihr Nad der fleinen grünumsponnenen Veranda zu. Und eben machte sie Miene, graziös aus dem Sattel zu springen, als ihr Blick auf einen hochgewachsenen, schnurrbärtigen jungen Herrn fiel, der sich hinter dem langen Tisch erhoben hatte, um sie mit einer höflichen, aber stummen Verbeugung zu begrüßen. Mit einem Schlage waren Fräulein Ilses gute Laune und ihr gesunder Appetit verflogen. Sie wandte dus Köpfchen, wie wenn sie den Grüßenden gar nicht gesehen hätte, und die Gewißheit, daß es in weitem Umkreise keine andere gast­liche Stätte gab, hielt sie nicht ab, auf der Stelle und zwar mit erheblich vermehrter Geschwindigkeit, ihren Weg fort­zusetzen. Sie trat in die Pedale, daß der Boden unter ihr förmlich hinweg zu fliegen schien, und als sie von der Ve= randa her einen Zuruf bernahm, der keiner anderen als ihr zu gelten schien, da trieb die Entrüstung über solche Dreistig­keit sie nur noch zu größerer Anstrengung an.

Aber sie hätte doch wohl besser getan, den Zuruf zu beachten. Denn es war eine Warnung gewesen, und eine sehr berechtigte obendrein. Der Weg senkte sich gleich hinter der Försterei ziemlich steil in ein kleines Waldtal hinab. Che sie noch recht wußte, wie ihr geschah, hatte sie schon die Pedale unter den Füßchen verloren und es war kaum mehr denn eine Minute vergangen, als die tolle Reise mit einem fürchterlichen Stoß, der Fräulein Ilse in weitem Bogen aus dem Sattel warf, ihr gewaltsames Ende erreichte.

Für eine kleine Weile wußte sie nicht mehr, wo sie sich befand, und was mit ihr geschah. Aber als sie nach Verlauf einiger Minuten die Augen wieder aufschlug, sah sie das Antlitz des jungen Herrn Herbold dicht vor dem ihrigen und hörte ihn mit dem Ausdruck sorgenvoller Teilnahme sagen: Gott sei Dant, daß Sie wieder bei Besinnung sind, mein Fräulein! Sie haben sich doch nicht ernstlich verletzt?"

" Ich glaube, es ist weiter nichts, als daß ich mir den Arm gebrochen habe," sagte sie, indem sie zugleich einen Versuch machte, sich aufzurichten. Aber nun fühlte sie doch in allen Gliedern so empfindliche Schmerzen, daß sie einen leisen Wehlaut nicht unterdrücken konnte, und daß sie un­willkürlich nach dem Arm des jungen Mannes griff. Es war schrecklich, daß sie sich so ganz auf seinen Beistand ange­wiesen sah: aber es ließ sich doch mun einmal nicht ändern. Als er sie, ohne viele Worte zu machen, bis zum Förster­hause geführt hatte eigentlich war es schon mehr ein Tragen gewesen stellte sich heraus, daß alle männlichen Bewohner abwesend seien, und daß für die nächste Stunde weder ein Fuhrwerk noch ein Bote aufzutreibei sein würde, den man zum Arzt schicken könne.

" Dann werden Sie mir gestatten müssen, mein gnädi­ges Fräulein, Ihnen nach dem Maße meiner bescheidenen Kenntnisse die erste Hilfe zu leisten."

Was blieb ihr nach diesem Anerbieten anders übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und sich ihm anzuver= trauen!

Georg Herbold hatte bald festgestellt, daß der Arm nur verstaucht sei. Er hatte ihn ein wenig massiert und dann einen Verband umgelegt, der die Schmerzen wirklich linderte. Es blieb jetzt nur noch zu entscheiden, auf welche Art Fräulein Ilse nach Hause gelangen sollte. Auch hier zeigte sich Georg Herbold von der ritterlichsten Seite.

,, Natürlich werde ich mich sofort aufmachen, Ihnen einen Wagen zu besorgen," sagte er. Meine Anwesenheit ist ja hier nicht länger von Möten, und" es war das erste Mal, daß er eine Anspielung auf ihre gestrige Unterredung machte ,,, Sie werden sich, wie ich vermute, nicht ungern von meiner Gesellschaft befreit sehen. Ich werde Ihnen also den Wagen schicken, und da ich vermutlich auf einem anderen Wege in die Stadt zurückkehren werde, sage ich Ihnen gleich jetzt Lebewohl. Sie werden mir gestatten, mich nach einigen Tagen bei Ihrem Herrn Vater nach Ihrem Befinden zu erkundigen."

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seine Freude an dem Ereignis. lobten von Spißbergen". Sein Gesicht strahlt, er hat selber tän mit lautschallender Stimme das Hoch aus auf die Ver­Gesellschaft ist auf dem Boden gelagert, da bringt der Kapi­Morgenfrüh auf Spißbergen eingenommen wird, die ganze Als das Frühstück von Bord herüber geschafft, in der

werden. Stück Glückskohle" bei sich. scharfsinnigsten Nachstellungen entgehen zu können. gegenstände" bei der Entlassung aus der Haft wieder zugestellt und oft bemühen sie sich, auszubedingen, daß ihnen diese Wert­der Gefahr glauben, trennen sie sich davon auch nur sehr ungern Raubgesellen an den Schutz durch solche Dinge in der Stunde Glückssteine und Ringe nebst verrosteten Hufnägeln. So wie die findet man auch bei der Visitation von Dieben ein Stück Kreide, verschiedener Gerichte führt der professionelle Einbrecher oft ein Macht von Zaubermitteln und Amuleten. Nach den Erfahrungen tiefeingewurzelten Glauben an Talismane und die schützende Mit dieser glaubt er auch den Zuweilen

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ganz mit Frühlingsblüten überschüttet. wer zu ihr gesprochen hatte, und sie lächelte und ging weiter, es fast dunkel war und sie sich nicht umwandte, wußte sie doch, ,, Nicht! Lassen Sie! Das gehört zu Ihnen!" Und obschon Stimme dicht an ihrem Ohr, leise und leidenschaftlich bittend: fühlte auf einmal ihre Hand sanft festgehalten und eine dastand und die hellen Flocken von sich abschütteln wollte, (( Nachdruck verboten.)]

Wirtin spielen! senkten sich herab, um sich Tokio anzusehen Wind blies leicht die Kronen der Bäume an, während unten die Dunkelheit rasch zunahm. ganz aus den Augen verlor, wollte sie schon die gastfreie aber ehe ihr Gatte nach Yokohama herüberfuhr, wo sie ihn Unterdessen war es spät geworden, weiche Abendschatten war verabredet worden, daß Hilda noch bleiben sollte, der Himmel blieb eigentümlich hell, war ihr durchaus nicht gemütlich, da taumelten Ein frischer

mut!" aus. Du hast doch etwas Zeit für mich?" Tokio unter Gottes freiem Himmel oder in einer Teebude gekommen und schläft vermutlich seinen Sake- Rausch in hat mich im Stich gelassen, er ist einfach gar nicht nach Hause Worten zu dem Senior ins Zimmer trat, Eintreten scheint dich erschreckt zu haben, aber mein Hot- sumi ,, Verzeih', daß ich mich nicht melden ließ, mein rasches Locken um die Stirn gewellt, in seines Vaters Wohnzimmer. Bigarrette im Munde, die reichen blonden Haare in feuchten und trat nun in einem dünnen, hellseidenen Hausrock, die ein Bad bereiten lassen, ein leichtes Souper zu sich genommen hate sich nach der Heimkehr von Tokio, gleich seinem Vater, Uhr auf dem Kamin die zehnte Abendstunde. Norden junior Es war Hellmut, der nach leichtem Klopfen, mit diesen gerade schlug die

Du bist doch noch auf, lieber Vater?"

Hüte, den Frauen auf Haar und Gewand stimmiges Lachen gab's, ein Girren, wie von zahllosen auf­zu tausenden die Kirschblüten herab, den Männern auf die geschreckten Tauben, und Hilda, die ganz weiß überschneit ein vielhundert­

Wochen hierher nach Yokohama gekommen ist?" du liebst strengung heraus du liebst" genau ich sie kenne, sie und dein ganzes Wesen! Nicht wahr, nicht! Du vergißt, welch beredte Augen du hast und wie " Ich glaube zu wissen, Hellmut, und daher frage ich dich ,, dies fremde Mädchen, das vor einigen die Worte kamen offenbar mit An­

schwer. Schaufelstuhl empor. Wieder tiefe Stille sinken und richtete sich mit erstauntem Gesicht in seinem Stimme dazwischen. Er ließ die Hand mit der Zigarrette ausgeübt hat, so hat das seinen ganz besonderen Grund!" ,, Und du fragst mich nicht?" kam endlich Hellmuts Wenn das Feſt diesmal einen eigenen Zauber auf mich Jugend!" sagte Hellmut mit etwas unsicherer Stimme. ,, So dachte ich auch vor einem Jahr, trok meiner der ältere Mann atmete laut und

Hellmut endlich an. herabhing, hören konnte. des vielarmigen Kronleuchters, der von der Zimmerdecke daß man das leise Sausen der Flammen in den Glaskelchen Kaminwand und sah zu Boden. Es war so still im Zimmer, seiner Zigarrette. Der Vater lehnte mit dem Rücken an der Schaufelstuhl gleiten und tat ein paar heftige Züge aus ,, Danke!" Der Sohn ließ sich in einen niedrigen, tiefen ,, Ein animierter Tag heute!" fing

anders! wir hier bereits erlebt!" meinen Augen durch nichts von den zwölf Vorgängern, die spiels immer noch Vergnügen, in meinen Jahren ist das Jugend macht die häufige Wiederholung desselben Schau­Dies Frühlingsfest in Uyeno unterschied sich in Hm! Das hängt von der Auffassung ab! Bei deiner

,, Die habe ich immer, du weißt es ja! Setz dich doch, Hell­