Ausgabe 
30.1.1904 Zweites Blatt
 
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den 30. Januar

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1904

Berechtigt.

Bäuerin( zu ihrer Kuh): ,, Scheck, Scheck, sei nur nit gar zu b'scheiden, gibst täglich sechs Liter Milch un machst so a simples G'sicht, als gäbst nur zwei! Glei' schaust proziger drein!"

Er verbeugte sich, als ob er wirklich fest ent­schlossen sei, zu gehen. Fräulein Ilse aber nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte: Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, Herr Herbold, und haben sich meiner so freundlich angenommen, daß- δαβ

Daß Sie mir beinahe meinen gestrigen Ge= schäftsbesuch verzeihen könnten?"

" Ach, sprechen Sie nicht davon!" sagte sie flehentlich. Weshalb müssen Sie mich daran er­innern, daß Sie etwas so häßliches tun konnten." Aber, was, um des Himmels willen, habe ich denn so Schreckliches getan? Daß ich hierher kam, um eine Partie Häute zu kaufen, die Ihr Herr Vater uns angeboten hatte

,, Was sagen Sie da? Weshalb wären Sie gekommen? Um eine Partie Häute zu kaufen? Und die wollten Sie besichtigen nicht mich?"

Das letztere war ihr ganz gegen ihren Willen herausgefahren; aber nun, da es einmal ausgesprochen war, ließ es sich nicht mehr zurücknehmen. Und in der Verwirrung über das ungeschickte Wort war Fräu­lein Jlse reizender denn je zuvor. Herbold aber gab ihr Gelegenheit, aufs neue den feinen Takt zu be= wundern, mit welchem er der Aufklärung des drolligen Irrtums alles für ihr mädchenhaftes Empfinden Be­schämende zu nehmen wußte. Als sie ihn mit glühen­den Wangen bat, ihr wegen des unfreundlichen Be­nehmens nicht länger zu zürnen, füßte er ihr statt aller Antwort die Hand, so lange und so warm, daß sie hinsichtlich seiner Verzeihung in der Tat voll­fommen beruhigt sein konnte. Georg Herbold kehrte nicht, wie beabsichtigt, auf anderem Wege in die Stadt zurück, sondern an Fräulein Jlses Seite in dem von ihm requirierten Wagen. Und der Blick, mit dem sie sich in die Augen sahen, als endlich der Moment der Trennung gekommen war, ließ vermuten, daß bis zu Herrn Neuburgers Rückkehr nicht nur das Geschäft mit den Häuten, sondern auch noch jener andere Ab­schluß perfekt geworden sein würde, den Fräulein Ilse um jeden Preis hatte verhindern wollen.

Degrußen inn aber aua) um seiner voraussättimen woealen Wirkung willen. Durch die Nachprüfung der erlassenen Haft­befehle gewinnt die Justizbehörde einen besseren Ueberblic über die Praxis der Untersuchungsrichter als seither und diese selbst werden in Zweifelsfällen Bedenken tragen, eine Verhaftung zu verfügen, die unter Umständen zu einer Er­sazpflicht des Staates und einer Kontrolle über ihre per­sönlichen Qualifikationen führen kann.

Nach Südweftafrika!

Kurze Dankba keit.

Verbrecher( welcher soeben hin= gerichtet werden soll): Bitte, Herr Scharf­richter, machen Sie es bloß gut, ich will Ihnen Zeitlebens dankbar sein!"

k

In der Artistenkneipe.

Kellner: Was wollen Sie essen, Mister Darnley?"

Ventriloquist: Einen Moment, ich konferiere hierüber noch mit meinem Bauch."

Innige Neigung.

*

Auch ein Menschenfreund. ,, Du, Hannes, hast Du denn auch schon ein Mal aus purer Herzensgüte etwas für Deine Mitmenschen getan?" ,, Gewiß, Herr Pfarrer! Wissen Sie, in der Gallerie darf man nicht rauchen. Wenn nun Herren ihre Zigarren dort weglegen, so zieh ich von Zeit zu Zeit dran, daß sie nicht ausgehn."

,, Sie verlangen die Hand meiner Tochter, welche meinen Ste denn ich habe ja drei."

,, Nun, wenn jede dasselbe mitbekommt, so ist es mir ganz gleich."

Der neue Truppentransport für Südwestafrika ist unter­wegs. Unter dem 30. Januar wird aus Hamburg gemeldet: Die zur Abfahrt mit dem Dampfer Adolph Wörmann" be­stimmten Truppen für Deutsch- Südwestafrika sind heute früh Uhr hier eingetroffen und am Bahnhofe auf Kosten des Senats bewirtet worden. Von dort wurden die Truppen nach dem Peterskai gebracht, wo die Einschiffung an Bord des Dampfers erfolgte. Gegen 10% Uhr erschien der Komman­dierende General des 9. Armeekorps Generalleutnant b. Bock und Polach an Bord des Dampfers zum Abschied von den Truppen. Gegen 12 Uhr verließ der Dampfer Adolph Wörmann" unter lebhaften Rundgebungen der ausreisenden Mannschaften und der am Kai versammelten Menge den Hafen.

Die Chancen der militärischen Operationen lassen sich an nachstehendem Situationsbilde ermessen: Wind­huf ist gegen Norden abgeschnitten, Okahandja von allen Seiten und ebenso Otjimbingme. Bis Karibib sind die Deutschen Herren der Bahn, aber Regengüsse und die da­durch hervorgerufenen Ueberschwemmungen haben im Tal des Khanflusses die Stred zerstört. Der Kommandant des Habicht" hofft bis Anfang Februar die Linie wiederher­stellen zu können, eventuell will er aber auch zu Fuß vor= rücken. Vielleicht wäre es angebracht, da nach des Ober­leutnants v. Bülow letten Meldungen Okahandja noch einige Zeit gehalten werden kann, zu warten, bis der am 3. Februar in Swakopmund eintreffende Verstärkungs­transport angelangt ist. Windhuk ist nach sachverständigem Urteil für die Aufständischen als uneinnehmbar zu betrach­ten und mit 230 Gewehren genügend verteidigt, trotzdem das Fehlen der Geschütze vor dem groot roer" haben die Eingeborenen beillose Anast natürlich schmerzlich em=

tommen pflegt: der nächste Tag, die nächste Stunde kann anders und ernster lautende Meldungen, ja kann selbst die Kriegserklärung bringen.

Was drängt Japan zum Kriege?

Man war und ist der Ansicht, Japan könne gar nicht Arieg gegen Rußland führen, weil es kein Geld habe. Dieser Ansicht tritt soeben der Militärschriftsteller Major v. Bruch­hausen entgegen. Manchmal sei gerade die Ebbe in der Kriegskasse der Grund für eine schleunige Kriegserklärung. So schlug Serbien im Jahre 1885 trog völligen Geldmangels gegen Bulgarien los, weil es ihm an dem nötigen Klein­geld zur Aufrechterhaltung der kostspieligen Kriegsbereit­schaft fehlte. Also gerade dieser Ebbe wegen. In eine ähnliche Zwangslage könnte Japan geraten sein. Wie viele Millionen hat es nicht schon der Kriegsmöglichkeit geopfert! Seit Monaten sind die Urlauber zu den Fahnen eingezogen, die Arsenale sind in fieberhafter Tätigkeit. Zwei neue Kreuzer wurden gegen Barzahlung im Auslande gekauft; von dort bezog man auch große Getreide und Kohlenvor­räte. Der Handel stockt. Der Wohlstand und das Gedeihen des Landes leiden unter dem lähmenden Kriegsdruck. So sieht sich Japan ganz abgesehen von seinen starken foreanischen Interessen in die Lage eines Kaufmannes versezt, der sich in einer Unternehmung derart festgelegt hat, Er daß ihr Aufgeben seinen finanziellen Ruin bedeutet. muß sie durchbiegen, wenn sein Tun auch einem Va- banque­Spiel gleicht. In bezug auf I a pan fann obendrein von einem solchen Spiele gar nicht die Rede sein. Das Land hat gute Erfolgschancen für sich: ein gerüstetes, in seinem militärischen Werte nicht zu unterschäßendes Land­heer und eine schlagfertige, einheitlich zusammengesette, mo­derne Flotte. Gerade jezt hasardiert Japan am wenigsten, wenn es in den früher oder später anscheinend unvermeid­lichen Krieg mit Rußland tritt. Seine Machtmittel werden nach menschlicher Voraussicht im Laufe der kommenden Jahre nicht in dem Maße wachsen wie die Rußlands im fernen Osten. So ist es dem vielfach überschäßten aber in letter Inselvolke nicht zu verdenken, Zeit auch viel verläſterten wenn es losschlägt.

Die Politik.

A Den Dank des Kaisers an sein Volk für die Kund­gebungen au Kaiſersaeburtstag bringt folgender Erlak an

13. Jahrgang.

rtionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober 1, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 fg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Bostzeitungsliste No. 3269.

ftion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88, Fernsprechanschluß Nr. 362.

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bießener Zeifung)

ür Gießen und Umgebung

r Behörden von Oberhessen.

skanzler, der im Reichsanzeiger veröffentlicht wird. er hebt hervor, daß alle Stände, Alt und Jung, ge­haben, ihm ihre Freude über seine glückliche Ge­uszusprechen. Er sei durch diese Aeußerungen treuer ne und liebevoller Anhänglichkeit hoch beglückt und spreche allen Gratulanten seinen wärmsten Dank Solano Gott der Herr mir Leben und Gesundheit -- so schließt er- werde ich nicht aufhören, meine i den Dienst des Vaterlandes zu stellen und auf das ehen des deutschen Volkes in allen seinen Schichten ufen von Herzen bedacht zu sein."

n einer endgiltigen Aussöhnung des Hauses Cum­mit dem deutschen Kaiserhause weiß ein Münchener melden. Die Aussöhnungsbestrebungen seien soweit daß die bevorstehende Hochzeit des Großherzogs flenburg- Schwerin mit der Prinzessin Alexandra für Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Herzog Ernst die Gelegenheit abgeben werde. Der erfolgreiche er zwischen den beiden so lange sich entfremdet ge= deutschen Fürstenhäusern war kein anderer als der nig Christian von Dänemark. Der alte König 1, von dem man weiß, daß er einer der aufrichtigsten erer des Kaisers ist, soll überfroh sein, daß es ihm in dieser schwierigen Frage mit Erfolg zu ver=

irch Kabinettsorder haben die Gewerbe- Inspektions­en den Titel Gewerbereferendare", die Gewerbe­onsassistenten den Titel Gewerbeassessoren" er=

1s. Anlaß des Thronwechsels in Anhalt steht eine bevor, welche dem Vernehmen nach einen Straf­r die Strafen bis zu drei Jahren enthält.

er Zwist zwischen der deutschen Acrzteschaft und den kassen wird, wie vorauszusehen war, durch die Be­des Leipziger Krankenkassentages nur noch heftiger werden. Schon jetzt sieht man die Wirkung der idlichen Leipziger Resolution in dem zielbewußten tenschluß zwischen den bisher getrennt marschieren­tlichen Interessentengruppen, wie er allerorten zu­tt. Selbst in Berlin, wo der Boden für die Ab­er Kassenvorstände bisher noch am günstigsten war, uf den Appell an ihre Kollegialität hin sämtliche rzte die bereits auf 5 Jahre eingegangenen Ver­igen den Kassen gegenüber rückgängig gemacht. Eine Je zufriedenstellende Lösung der Frage ist im Inter­Kranken recht bald herbeizusehnen, um so mehr, ch Ankündigungen des Grafen Posadowsky die bersicherung immer weiter ausgedehnt zu werden jt. Der Staatssekretär erkannte die Berechtigung nstboten und der ländlichen Arbeiter, an den Wohl­taten der Versicherung teilzunehmen, im Prinzip vollkommen an. Wenn sich aber schon jetzt bei den städtischen Kassen diese Mißhelligkeiten herausstellen, wie soll es erst auf dem Lande werden, bei den erschwerten Verkehrsverhältnissen, die höhere Aufwendungen unabweislich nötig machen?!

A Nimmt der Volkswohlstand in Deutschland ab oder zu? Diese Frage ist so alt wie die Forderung nach sozialen Ge­setzesmaßnahmen. Eingehende Berechnungen berufener Stellen haben ergeben, daß der Wohlstand des deutschen Volkes im Wa ch sen begriffen sei. Folgende Zahlen mögen die vorstehende Behauptung illustrieren: 1902 waren in den Städten einkommensteuerfrei, weil das Einkommen den Be­trag von 900 Mt. nicht überschreitet, 50,80%, 1903 nur 48,78%, auf dem Lande 1902 67,04%, 1903 nur 66,85%, also insgesamt 1902 59,66%, 1903 nur 58,92%. Gegenwärtig haben also bereits über zwei Fünftel der Bevölkerung ein Einkommen von 900 Mt. Da­bei ist zu berücksichtigen, daß zu dem Reste von 58,92%, dessen Einkommen über 900 Mt. nicht hinausgeht, ohne Zweifel noch eine große Anzahl von Personen gehört, die durchaus nicht den unbemittelten Schichten zuzurechnen sind, so z. B. Söhne und Töchter wohlhabender Bauern, die in fremder Haus- und Landwirtschaft ein eigenes, aber 900 Mk. nicht überschreitendes Arbeitseinkommen erwerben, oder Kinder reicher Leute, die ein eigenes, der Verfügung des Familienoberhauptes nicht unterliegendes Zinseinkommen bon nicht mehr als 900 Mk. besitzen. Es sei noch hervorge­hoben, daß der Teil der Bevölkerung mit über 3000 mt. Ein­fommen ebenfalls im Wachsen ist; so waren in der Gesamt­bevölkerung 1903 4,36% gegen 4,34%, in den Städten 7,37% gegen 7,39%, auf dem Lande 2,01% gegen 1,99% im Vorjahre.

Italien.

Der Führer der jüdisch- zionistischen Bewegung, Dr. Theodor Herzl aus Wien, weilt gegenwärtig in Rom, wo er nicht bloß vom König, sondern auch vom Papst em­pfangen wurde. Papst Pius zeigte lebhaftes Interesse für die Bestrebungen des Zionistenführers.

Rufsland.

Die Russifizierung Finlands wird mit allen erdenk­lichen Gewaltmaßregeln fonsequent durchgeführt. Der rus­sische Gouverneur General Bobrikoff läßt sich keine Gelegen­heit entgehen, den Finländern nachdrücklich und in beleidi­gendster Form zu zeigen, daß es mit jedem Restchen der alten Selbstverwaltung ein für allemal vorbei ift. Seti