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Der Neuen Berliner
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1904
Nr. 26
bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., n's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertelfährlich Mr. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 1. Februar 1904
Gießener
13. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Obes hefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 kg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88, Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Entschädigung unfchuldig Verhafteter.
CB. Durch den Gesezentwurf über die Entschädigung unschuldig Verhafteter, der dem Reichstag jetzt zugegangen st, ist endlich eine langjährige Forderung aller Parteien in Erfüllung gegangen. So richtig es ist, daß der einzelne Staatsbürger den allgemeinen Zwecken sich unterwerfen und bielleicht auch der allgemeinen menschlichen Unvollkommenheit seinen Tribut zahlen muß, ebenso richtig ist es doch auch andererseits, daß die organisierte Gesellschaft, die man Staat nennt, für materielle Schädigungen infolge von Justiziertümern aufkommen muß. Wer unschuldig in Untersuchungsoder Strafhaft genommen worden ist, hat ohnehin schwere seelische Beklemmungen durchzumachen und vielleicht auch Gemütsstörungen dauernder Art zu erleiden, die sich materiell nicht berechnen und demgemäß auch nicht entschädigen lassen. Der Staat hat aber um so notwendiger für die tatjächlichen und nachweisbaren Verluste an Eigentum und Vermögen aufzukommen.
Die Berechtigung zur Geltendmachung einer Entschädigungsforderung ist naturgemäß an gewisse Sicherungsbefiminungen geknüpft. Vor allen Dingen muß der Unschuldsbeweis in zweifelsfreier Form geführt sein. Demgemäß werden auch Entschädigungen durch Wiederaufnahme des Verfahrens hinfällig und durch den Eintritt einer Verurteilung annulliert und können, sofern sie bereits ausgezahlt sind, vom Staate nach dem Verfahren wie bei eingeklagten Forderungen wieder eingezogen werden. Zu der Geltendmachung der Entschädigungsforderung sind naturgemäß auch diejenigen berechtigt, deren Unterhalt dem unschuldig Verhafteten oblag. Ausgeschlossen von der Berechtigung sind im Falle erwiesener Unschuld Personen, deren Schuldkonto bereits mit Borstrafen belastet ist, weil es doch wohl entschieden dem allgemeinen Rechtsgefühl widersprechen würde, wenn Personen mit einem getrübten Vorleben in ihren materiellen Rechtsansprüchen mit unbescholtenen Persönlichfeiten auf gleiche Stufe gestellt würden. Weiterhin sind diejenigen Personen ausgeschlossen, die vorbedachterweise die Verhängung einer Untersuchungshaft herbeigeführt, oder durch Unterlassung von notwendigen Gegenbeweisen die Verhängung nicht verhindert haben. Der Staat will offenbar durch diese Bestimmung verhüten, daß sich eine förmliche Entschädigungsindustrie entwickelt. Eine wesentliche Beslimmung des Gesezentwurfs aber geht dahin, daß die Berechtigung für Entschädigungsforderungen nur auf wirkliche Einkommens- oder Vermögensverluste und nicht auf habituelle oder ideelle Entschädigungen erstreckt wird.
Wir begrüßen, wie gesagt, den Gesezentwurf als die Verwirklichung einer durchaus gerechten Volksforderung. Wir begrüßen ihn aber auch um seiner voraussichtlichen idealen Wirkung willen. Durch die Nachprüfung der erlassenen Haftbefehle gewinnt die Justizbehörde einen besseren Ueberblic über die Praxis der Untersuchungsrichter als seither und diese selbst werden in Zweifelsfällen Bedenken tragen, eine Verhaftung zu verfügen, die unter Umständen zu einer Ersazpflicht des Staates und einer Kontrolle über ihre persönlichen Qualifikationen führen kann.
Nach Südweftafrika!
Der neue Truppentransport für Südwestafrika ist unterwegs. Unter dem 30. Januar wird aus Hamburg gemeldet: Die zur Abfahrt mit dem Dampfer Adolph Wörmann" bestimmten Truppen für Deutsch- Südwestafrika sind heute früh
pfunden werden wird. Lebensmittel und frisches Wasser sind in Hülle und Fülle vorhanden. Die Lage ist bei alledem sehr gefährlich, da zu den Hereros noch Bergdamares gestoßen sind, der Rest der Urbevölkerung Südwestafrikas. Doch handelt es sich hoffentlich nur um Splitter dieses Stammes, die von den Hereros zum Anschluß gezwungen worden sind. Dagegen ist die Bastardbevölkerung, ein Mischlingsvolk aus Buren und Hottentotten, uns treu geblieben. Da sie landeskundig und an das Klima gewöhnt sind, wird ihre Unterstützung für die operierende Truppe von größtem Vorteil sein.
6½ Uhr hier eingetroffen und am Bahnhofe auf Kosten des Senats bewirtet worden. Von dort wurden die Truppen nach dem Peterskai gebracht, wo die Einschiffung an Bord des Dampfers erfolgte. Gegen 10% Uhr erschien der Kommandierende General des 9. Armeekorps Generalleutnant b. Bock und Polach an Bord des Dampfers zum Abschied von den Truppen. Gegen 12 Uhr verließ der Dampfer ,, Adolph Wörmann" unter lebhaften Kundgebungen der ausreisenden Mannschaften und der am Kai versammelten Menge den Hafen.
Karl Peters über die Lage.
Der bekannte deutsche Kolonialpolitiker Dr. Karl Peters beleuchtet in dem Londoner" Daily Expreß" die Lage in Deutsch- Südwestafrika. Es sei ungerecht, so erklärt er mit Entschiedenheit, die deutsche Kolonialverwaltung oder den Gouverneur von Deutsch- Südwestafrika für den Aufstand berantwortlich zu machen. Dr. Peters ist der Meinung, daß die abgesandten Verstärkungen vollkommen ge= nügen, um der Rebellion ein Ende zu machen, aber er gibt sich auch keinem Zweifel darüber hin, daß eine geraume Zeit verstreichen wird, ehe die Massen konzentriert sind. Und mittlerweile werde das übliche Abschlachten" die Reihen der weißen Ansiedler dezimieren, auch die der Frauen und Kinder. Wir alle erinnern uns der Grausamkeiten während des Matabele- Aufstandes. Dieselbe traurige Geschichte wird nun aus Deutsch- Südwestafrika berichtet. Die Buschmänner, die sich mit den Hereros bereinigt haben, zeichnen sich durch grausame Kriegführung aus. Selbstverständlich eilen die Ansiedler in den Schutz der Konzentrationslager, aber sie sind über ein weites Gebiet verstreut, und viele werden sicher in die Hände des Feindes fallen, ehe sie den Zufluchtsort erreichen. Wer die Verhältnisse in Afrika kennt und der Verfasser kennt sie ficher von Grund aus, kann sich eines Schauderns nicht erwehren, wenn er an das Schicksal der Frauen und Kinder denkt.
Die Chancen der militärischen Operationen lassen sich an nachstehendem Situationsbilde ermessen: Windhuf ist gegen Norden abgeschnitten, Okahandja von allen Seiten und ebenso Otjimbingme. Bis Karibib sind die Deutschen Herren der Bahn, aber Regengüsse und die dadurch hervorgerufenen Ueberschwemmungen haben im Tal des Khanflusses die Stred zerstört. Der Kommandant des Habicht" hofft bis Anfang Februar die Linie wiederherstellen zu können, eventuell will er aber auch zu Fuß vorrücken. Vielleicht wäre es angebracht, da nach des Oberleutnants v. Bülow letzten Meldungen Okahandja noch einige Zeit gehalten werden kann, zu warten, bis der am 3. Februar in Swakopmund eintreffende Verſtärkungstransport angelangt ist. Windhuk ist nach sachverständigem Urteil für die Aufständischen als uneinnehmbar zu betrach ten und mit 230 Gewehren genügend verteidigt, trotzdem das Fehlen der Geschütze vor dem groot roer" haben die Eingeborenen beillose Anast natürlich schmerzlich em=
Die Antwortnote Russlands.
Wie lautet Rußlands Antwortnote an Japan? Bringt sie Krieg oder Frieden? Keiner weiß es zur Stunde, alle stüßen sich auf Kombinationen. Aus Washington liegen diplomatische Nachrichten vor, wonach die russische Antwortnote für Japan befriedigenden Charakters sein soll. Es wird angenommen, daß Rußland, wenn diese Nachricht auf Wahrheit beruhe, gewisse Konzessionen gemacht habe, und daß England Japan überreden werde, sie als befriedigend anzunehmen. Allein, wie das in so kritischer Zeit vorzukommen pflegt: der nächste Tag, die nächste Stunde kann anders und ernster lautende Meldungen, ja kann selbst die Kriegserklärung bringen.
Was drängt Japan zum Kriege?
den Reichskanzler, der im Reichsanzeiger veröffentlicht wird. Der Kaiser hebt hervor, daß alle Stände, Alt und Jung, gewetteifert haben, ihm ihre Freude über seine glückliche Genesung auszusprechen. Er sei durch diese Aeußerungen treuer Teilnahme und liebevoller Anhänglichkeit hoch beglückt worden, und spreche allen Gratulanten seinen wärmsten Dank 0112 Solange Gott der Herr mir Leben und Gesundheit schenkt so schließt er werde ich nicht aufhören, meine serajte in den Dienst des Vaterlandes zu stellen und auf das Wohlergehen des deutschen Volkes in allen seinen Schichten und Berufen von Herzen bedacht zu sein."
Von einer endgiltigen Aussöhnung des Hauses Cumberland mit dem deutschen Kaiserhause weiß ein Münchener Blatt zu melden. Die Aussöhnungsbestrebungen feien soweit gefördert, daß die bevorstehende Hochzeit des Großherzogs bon Mecklenburg- Schwerin mit der Prinzessin Alexandra für eine erste Begegnung Kaiser Wilhelms mit dem Herzog Ernst August die Gelegenheit abgeben werde. Der erfolgreiche Vermittler zwischen den beiden so lange sich entfremdet ge= wesenen deutschen Fürstenhäusern war fein anderer als der greise Knig Christian von Dänemark. Der alte König Christian, von dem man weiß, daß er einer der aufrichtigsten Bewunderer des Kaisers ist, soll überfroh sein, daß es ihm gelang, in dieser schwierigen Frage mit Erfolg zu ver= mitteln.
Man war und ist der Ansicht, Japan könne gar nicht Krieg gegen Rußland führen, weil es kein Geld habe. Dieser Ansicht tritt soeben der Militärschriftsteller Major v. Bruchhausen entgegen. Manchmal sei gerade die Ebbe in der Kriegskasse der Grund für eine schleunige Kriegserklärung. So schlug Serbien im Jahre 1885 trop völligen Geldmangels gegen Bulgarien los, weil es ihm an dem nötigen Kleingeld zur Aufrechterhaltung der kostspieligen Kriegsbereitschaft fehlte. Also gerade dieser Ebbe wegen. In eine ähnliche Zwangslage könnte Japan geraten sein. Wie viele Millionen hat es nicht schon der Kriegsmöglichkeit geopfert! Seit Monaten sind die Urlauber zu den Fahnen eingezogen, die Arsenale sind in fieberhafter Tätigkeit. Zwei neue Kreuzer wurden gegen Barzahlung im Auslande gekauft; von dort bezog man auch große Getreide und Kohlenvorräte. Der Handel stockt. Der Wohlstand und das Gedeihen des Landes leiden unter dem lähmenden Kriegsdruck. So sieht sich Japan- ganz abgesehen von seinen starken foreanischen Interessen in die Lage eines Kaufmannes versetzt, der sich in einer Unternehmung derart festgelegt hat, daß ihr Aufgeben seinen finanziellen Ruin bedeutet. Er muß sie durchbiegen, wenn sein Tun auch einem Va- banqueSpiel gleicht. In bezug auf Japan fann obendrein von einem solchen Spiele gar nicht die Rede sein. Das Land hat gute Erfolgschancen für sich: ein gerüstetes, in seinem militärischen Werte nicht zu unterschäßendes Landheer und eine schlagfertige, einheitlich zusammengesetzte, moderne Flotte. Gerade jezt hasardiert Japan am wenigsten, wenn es in den früher oder später anscheinend unvermeidlichen Krieg mit Rußland tritt. Seine Machtmittel werden nach menschlicher Voraussicht im Laufe der kommenden Jahre nicht in dem Maße wachsen wie die Rußlands im fernen Osten. So ist es dem vielfach überschäßten aber in letter Inselvolke nicht zu verdenken, Zeit auch viel verlästerten wenn es losschlägt.
Die Politik.
A Den Dank des Kaisers an sein Volk für die Kundgebungen au Kaisersgeburtstag bringt folgender Erlak an
Durch Kabinettsorder haben die Gewerbe- Inspektionsaspiranten den Titel„ Gewerbereferendare", die GewerbeInspektionsassistenten den Titel„ Gewerbeassessoren" erhalten.
Aus Anlaß des Thronwechsels in Anhalt steht eine Amnestie bevor, welche dem Vernehmen nach einen Straferlaß für die Strafen bis zu drei Jahren enthält.
* Der Zwist zwischen der deutschen Aerzteschaft und den Krankenkassen wird, wie vorauszusehen war, durch die Beschlüsse des Leipziger Krankenkassentages nur noch heftiger geschürt werden. Schon jest sieht man die Wirkung der ärztefeindlichen Leipziger Resolution in dem zielbewußten Zusammenschluß zwischen den bisher getrennt marschierenden ärztlichen Interessentengruppen, wie er allerorten zutage tritt. Selbst in Berlin, wo der Boden für die Absichten der Kassenvorstände bisher noch am günstigsten war, haben auf den Appell an ihre Kollegialität hin sämtliche Kassenärzte die bereits auf 5 Jahre eingegangenen Verpflichtungen den Kassen gegenüber rückgängig gemacht. Eine endgiltige zufriedenstellende Lösung der Frage ist im Interesse der Kranken recht bald herbeizusehnen, um so mehr, als nach Ankündigungen des Grafen Posadowsky die Krankenversicherung immer weiter ausgedehnt zu werden verspricht. Der Staatssekretär erkannte die Berechtigung der Dienstboten und der ländlichen Arbeiter, an den Wohltaten der Versicherung teilzunehmen, im Prinzip vollkommen an. Wenn sich aber schon jetzt bei den städtischen Kassen diese Mißhelligkeiten herausstellen, wie soll es erst auf dem Lande werden, bei den erschwerten Verkehrsverhältnissen, die höhere Aufwendungen unabweislich nötig machen?!
A Nimmt der Volkswohlstand in Dentschland ab oder zu? Diese Frage ist so alt wie die Forderung nach sozialen Gesetzesmaßnahmen. Eingehende Berechnungen berufener Stellen haben ergeben, daß der Wohlstand des deutschen Volkes im Wa ch sen begriffen sei. Folgende Zahlen mögen die vorstehende Behauptung illustrieren: 1902 waren in den Städten einkommensteuerfrei, weil das Einkommen den Betrag von 900 Mt. nicht überschreitet, 50,80%, 1903 nur 48,78%, auf dem Lande 1902 67,04%, 1903 nur 66,85%, also insgesamt 1902 59,66%, 1903 nur 58,92%. Gegenwärtig haben also bereits über zwei Fünftel der Bevölkerung ein Einkommen von 900 Mt. Dabei ist zu berücksichtigen, daß zu dem Reste von 58,92%, dessen Einkommen über 900 Mt. nicht hinausgeht, ohne Zweifel noch eine große Anzahl von Personen gehört, die durchaus nicht den unbemittelten Schichten zuzurechnen sind, so z. B. Söhne und Töchter wohlhabender Bauern, die in fremder Haus- und Landwirtschaft ein eigenes, aber 900 Mt. nicht überschreitendes Arbeitseinkommen erwerben, oder Kinder reicher Leute, die ein eigenes, der Verfügung des Familienoberhauptes nicht unterliegendes Zinseinkommen bon nicht mehr als 900 Mk. besitzen. Es sei noch hervorge hoben, daß der Teil der Bevölkerung mit über 3000 Mt. Einfommen ebenfalls im Wachsen ist; so waren in der Gesamtbevölkerung 1903 4,36% gegen 4,34%, in den Städten 7,37% gegen 7,39%, auf dem Lande 2,01% gegen 1,99% im Vorjahre.
Italien.
Der Führer der jüdisch- zionistischen Bewegung, Dr. Theodor Herzl aus Wien, weilt gegenwärtig in Rom, wo er nicht bloß vom König, sondern auch vom Papst empfangen wurde. Papst Pius zeigte lebhaftes Interesse für die Bestrebungen des Zionistenführers.
Rufsland.
Die Russifizierung Finlands wird mit allen erdenklichen Gewaltmaßregeln konsequent durchgeführt. Der russische Gouverneur General Bobrikoff läßt sich keine Gelegenheit entgehen, den Finländern nachdrücklich und in beleidigendster Form zu zeigen, daß es mit jedem Restchen der alten Selbstverwaltung ein für allemal vorbei ift. Seti


