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Schnabel ein Korn oder ein unsichtbares Insekt auf und ,, Glocke" sezten dann ihre langsame, aber sichere Suche fort. sah ihnen zu, ohne an etwas zu denken; dann kam ihm mehr in den Magen, als in den Kopf der Gedanke, eines dieser Tiere müsse doch, auf einem Feuer von Reisigholz gebraten, recht gut schmecken.

Der Gedanke, er begehe damit einen Diebstahl, berührte ihn nicht. Er ergriff einen Stein in seiner Nähe, und da er geschickt war, so warf er die nächste Henne sofort tot. Das Tier fiel auf die Seite und schlug mit den Flügeln. Die anderen entflohen, auf ihren dünnen Füßen hin- und her­wackelnd, und Glocke ergriff von neuem seine Krücken und machte sich daran, seine Beute aufzuheben, wobei er ähnliche Bewegungen wie die Hennen machte.

Als er an den kleinen schwarzen, am Kopf rot gefärbten Körper herangekommen war, bekam er einen so schrecklichen Stoß in den Rücken, daß er seine Stäbe fallen ließ und zehn Schritt weiter niederstürzte. Dann sprang der Pächter Hiquet wütend auf den Dieb zu und schlug wild, wie ein Besessener auf ihn los; er schlug mit Faust und Knie dem Krüppel, der sich nicht verteidigen konnte, auf dem ganzen Körper herum.

Die Leute aus dem Pachthofe kamen ebenfalls und prügelten im Verein mit ihrem Herrn auf den Bettler los. Als sie dann des Schlagens müde waren, hoben sie ihn auf, trugen ihn fort und schlossen ihn in die Holzkammer ein, während sie die Gendarmen holten.

Glocke" blieb halbtot, blutend und vor Hunger sterbend, auf dem Erdboden liegen. Der Abend kam, dann die Nacht, dann die Morgenröte, und er hatte immer noch nichts ge­gessen.

Gegen Mittag erschienen die Gendarmen und öffneten vorsichtig die Tür, denn sie erwarteten einen Widerstand, weil Hiquet behauptete, der Lump hätte ihn angegriffen, und er hätte sich nur mit großer Mühe verteidigen können. No, vorwärts, aufstehen!" rief der Brigadier.

Doch Glocke" konnte sich nicht mehr rühren; er versuchte wohl, sich auf seinen Stöcken aufzurichten, doch es gelang ihm nicht. Man glaubte an eine Finte, eine List, an den bösen Willen eines Verbrechers, und die beiden Männer des Gesebes rüttelten ihn, packten ihn und stellten ihn mit Gewalt mit Hilfe seiner Krücken auf die Beine.

Die Furcht hatte ihn gepackt, die angeborene Furcht vor den gelben Wehrgehängen, diese Furcht des Wildes vor dem Jäger, die Furcht der Maus vor der Katze, und mit über­menschlicher Anstrengung gelang es ihm, sich aufrecht zu halten.

,, Vorwärts!" rief der Brigadier und ging fort. Das ganze Personal des Pachthofes sah dem Bettler nach. Die Weiber zeigten ihm die Faust; die Männer lachten und schimpften; endlich hatte man ihn gefaßt! Jetzt war man ihn glücklich los!

Er entfernte sich zwischen seinen beiden Wächtern. Er fand die erforderliche verzweifelte Energie, um sich noch bis zum Abend hinzuschleppen, er war ganz vertiert, wußte nicht mehr, was ihm passiert war, und war zu betäubt, um über­haupt etwas zu begreifen.

Leute, denen man begegnete, blieben stehen, um ihn vor­übergehen zu sehen, und die Bauern murmelten:

,, Das ist' n Dieb!"

Gegen Nacht kam man in den Hauptflecken des Bezirkes. Wie war er so weit gekommen. Er stellte sich nicht einmal vor, was ihm passieren würde, noch was überhaupt passierte. Alle diese unvorhergesehenen Schrecknisse, diese neuen Häuser und Gesichter versetzten ihn in tiefste Bestürzung.

Er sprach kein Wort, denn er hatte nichts zu sagen und begriff nichts mehr. Uebrigens sprach er seit so vielen Jahren mit niemand und hatte fast den Gebrauch der Zunge ver­loren; auch waren seine Gedanken zu verworren, um sich in Worten ausdrücken zu lassen.

Man schloß ihn in das Gefängnis des Fleckens. Die Gendarmen dachten nicht daran, daß er vielleicht essen müßte; und so ließ man ihn ohne Nahrung bis zum nächsten Morgen. Doch als man fam, um ihn zu verhören, fand man ihn bei Tagesanbruch tot auf der Erde.

Diese Ueberraschung!

EINST

UND O JETZT

Die eiserne Jungfrau. Wer einmal Gelegenheit hat, in einem Museum die Folter­werkzeuge zu sehen, welche im Mittelalter bei den peinlichen" Verhören in Anwendung gebracht wurden, den muß es schaudern, nicht nur in dem Gedanken an die entsetzlichen Dualen, welche den armen Opfern gemacht wurden, sondern vor allem im Hin­blick auf die bodenlose, unmenschliche Grausamkeit der Richter jenes Zeitabschnittes.

Unter den Folterwerkzeugen war besonders eines so furchtbar und zeugte so sehr von der bestialischen Verrohung des Menschen­geschlechtes, daß Schrecklicheres kaum gedacht werden kann. Das war die ,, eiserne Jungfrau", eine Foltermaschine, die nur die fanatischste und wollüſtigste Grausamkeit erfunden haben konnte. Es ist nit alleweg gut, die Jungfer zu küssen", heißt ein altes Sprüchwort, welches auf die eiserne Jungfrau hinweist, die ihre Opfer auf das Grausamste zerfleischte. Es gab in jenen dunklen

-

Zeiten eine große Zahl solcher eisernen Jungfrauen, die zwar nicht alle von gleicher Konstruktion, aber doch schließlich von gleicher Bestimmung waren. Nach den meisten Berichten und Ueberliefe= rungen war die Jungfrau" ein aus Eisen zusammengesetztes Werk in der Gestalt eines weiblichen Wesens, dem man auch ein menſch­liches Gesicht und menschliche Kleidung gegeben hatte. Dem armen Opfer dieser Maschine wurde befohlen, sich auf eine vor derselben befindliche eiserne Platte zu stellen und die Jungfer zu küssen. Hatte dies der Unglückliche getan, so breitete die Jungfrau die Arme aus, die sich langsam um ihn schlossen und die in den eisernen Händen des Bildes befindlichen Dolche gruben sich all­mählich in den Leib des Verurteilten. Ebenso langsam sah dieser mit Grausen aus dem Eisenkörper zwei spitze Schwerter hervor= dringen, welche sich ruhig und sicher auf seine Augen zu bewegten, ohne daß er im stande gewesen wäre auszuweichen und lang= sam, langsam bohrten sich die Schwerter in die Augen des Bedauerns­werten, der unter den fürchterlichsten Qualen seine Seele aus­hauchte. Hatte die Jungfrau" ihr grausiges Werk vollendet, so öffnete sie auf einen Druck seitens des Henkers ihre Arme wieder, die Platte, auf welcher die zerfleischte Leiche stand, schob sich unter deren Füßen fort und der entseelte Körper fiel in einen tiefen Schacht, aus dessen Wänden eine große Anzahl scharfer Messer ragte, welche den hinabfallenden Körper in lauter kleine Stücke zerteilte, welche in den Fluß fielen, der unten vorüberfloß so verschwanden die, welche verurteilt waren, die eiserne Jungfrau zu küssen. Obgleich dieses scheußlichste Werkzeug ursprünglich nur als Foltermaschine dienen sollte, die namentlich bestimmt war, durch die auf die Augen sich richtenden Schwerter das Opfer zu ängstigen und zu einem Geständnis zu bringen, wurde die eiserne Jungfrau" doch hauptsächlich zur heimlichen qualvollen Ermordung unbequemer Leute benutzt, denen man die Freiheit nicht wieder zu geben wagte.

Bunte Blätter.

Der Geburtstag unseres Kaisers ist zugleich dadurch ein denkwürdiger Tag, daß am 27. Januar viele berühmte deutsche Männer geboren sind. Es sind dies: Kaiser Heinrich II. 1165, Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg 1546, Mozart 1756, Schilling 1775, Chamisso 1781, David Strauß 1808.

*

Ein origineller Beweis. August der Starke von Sachsen hatte einen höchst originellen Generaladjutanten, den General von Kyau. Einst fragte ihn der König bei Tisch, wie es wohl komme, daß sich aus den Zöllen so geringe Einkünfte ergäben. Da nahm Kyau aus einem vor stehenden Kühlgefäß ein Stück Eis und gab es seinem Nachbar, einem Minister, und bat diesen, dasselbe weiter zu geben bis es an den König gelange. So ging es durch die Hände sämtlicher anwesenden Minister und anderer Würdenträger, aber so sehr sie sich auch beeilten es weiter zu geben, kam doch nur ein ganz winziger Rest des Eises beim König an. Auf solche Weise, Ew. Majestät," sagte Kyau ,,, werden die Zölle zu Wasser!"

Nr. 70.

Dienstag, den 29. März.

LIUM.

Oberbessische Familienzeitung.

Cägliche Unterhaltungs- Beilage

bez

Gießener Neueste Nachrichten.

dab Berlag ber Stabenes Berlagsbenderet, vorm. Bih. Keller'ichs Dubinderst( gegr. 1779); soran: II leie

( Schluß.)

Der Goldmarder.

Original Roman von M. Bezold.

Martin las den Brief weiter: Ein unseliger Zufall ließ mich in jenen Tagen die Münzensammlung besuchen, ich hatte die Annonce des Brüsseler Juweliers gelesen, der Ver­ſuchung konnte ich nicht widerstehen. Jener Herr hat Ihnen die Wahrheit gesagt, ich weiß seinen Worten nichts hinzuzu­fügen. Als der erste Schritt geschehen war, wurden die anderen mir leichter, die Schlüssel zum Kabinett hatte ich von einem Schlosser in Berlin anfertigen lassen. Das Geld, das ich auf diesem Wege gewann, befreite mich einige Zeit aus meiner drückenden Verlegenheit, und wenn ich an die Entdeckung des Raubes dachte, so beruhigte ich mich stets mit der Vermutung, daß ich dann vielleicht nicht mehr unter den Lebenden sein werde. Aber wenn auch zu meinem Lebzeiten noch der Raub entdeckt wurde, so konnte doch auf mich kein Verdacht fallen, im schlimmsten Falle wurde ich für den Schaden verantwortlich gemacht, weil mir die Sammlung anvertraut gewesen war. Wenn Sabine v. Derendorf meine Gattin geworden wäre, so hätte ich den Schaden ersetzen können. Es kam leider anders. Der Kustos wurde verhaftet, aber er wäre nicht verurteilt worden, denn ich hatte den Verdacht auf seinen Sohn gelenkt, der in fernen Landen weilte und nicht verurteilt werden konnte. Mag man mich schelten deshalb, ich war mir selbst der Nächste und meiner Kinder wegen mußte ich die Schande mir fern halten. Ueb­rigens war es meine ernste Absicht, den Kuſtos zu ent­schädigen und für seine Zukunft zu sorgen, sobald ich dies tun durfte, ohne Argwohn zu erregen. Gerade jetzt stand reich und mächtig geworden, dann hätte ich mich sofort der ich vor dem Ziele meines Strebens, ich wäre wahrscheinlich Familie des Gefangenen angenommen und dem Fürsten aus eigenem Antrieb vollen Schadenersatz angeboten, es würde mir dann auch nicht schwer geworden sein, den Prozeß gegen die Brüder Schönbach niederzuschlagen.

Ueber die Armbandgeschichte könnte ich mit Schweigen hinweggehen, aber ich will auch hier der Wahrheit die Ehre geben.

Der Kupferstecher Peter Schönbach hatte unsere Familie beschimpft, seine bösen Worte verrieten seinen Haß, dadurch forderte er auch meinen Haß heraus. Der Gedanke stieg in mir auf, ob ich nicht auf ihn den Verdacht lenken könne, wenn das Verschwinden der Münzen früher oder später an den Tag kam. Ich sah ihn aus Ihrem Hause herauskommen, mein Plan war rasch gefaßt, und Sie erleichterten mir die Ausführung desselben.

Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, die Folgen meiner Handlung muß ich tragen.

Wohin soll ich flüchten? Ich habe nicht die Mittel, um den Rest meines Lebens sorgenfrei zu gestalten, und von Almosen mein Dasein friſten zu sollen, wäre mir schrecklich. Ich bin ein Bettler, meinen Kindern hinterlasse ich nur Schulden, es ist anders gekommen, wie ich es wollte und hoffte.

Ich sage der Welt Lebewohl, ohne Bedauern scheide ich von ihr. Mögen meine Kinder mir verzeihen, ich hatte stets nur ihr Wohl im Auge, suchte ich es auf ungesetzlichem Wege zu erreichen, so muß ich selbst nun dafür büßen.

( Nachdruck verboten.),

Sie wollen dem Fürsten meine Schuld enthüllen, bitten Sie ihn in meinem Namen und meiner Kinder wegen um Verzeihung. Ich habe sein Vertrauen schmachvoll miẞ­braucht, aber ich weiß, er denkt edel genug, dies meine armen Kinder nicht entgelten zu lassen.

Und ich weiß auch, daß Sie Irma nicht verlassen wer­den, das gereicht mir zur Beruhigung, machen Sie mein Kind glücklich, und wenn Sie können, verschweigen Sie ihm meine Schuld, halten Sie meinem Namen die Schande fern!

Mein Sohn mag arbeiten, ich habe an seiner Erziehung nichts gespart, er besitzt Kenntnisse genug, um sich fort­zuhelfen, die Not muß nun seine Lehrmeisterin sein, und ich hoffe, Sie werden ihm Ihren Rat nicht vorenthalten.

Leben Sie wohl, Ihnen will ich nun alles überlassen. Urteilen Sie nicht zu scharf, dem reichen Manne fällt es nicht schwer, auf gesetzlichem Wege zu bleiben, bedenken Sie meine Mittellosigkeit, meinen Ehrgeiz und die Versuchung, die so verlockend vor mich hintrat! Joachim Spangenberg."

*

In dem Hause Spangenbergs herrschte unheimliche Stille, die Handwerker waren fortgeschickt worden, die Dienstboten schlichen auf den Fußspitzen durch die halbdunklen Korridore. Als Martin ins Wohnzimmer trat, eilte Irma schluchzend in seine Arme.

Das Unglück ist über uns hereingebrochen," klagte sie, mir ahnte schon seit einigen Tagen, daß es drohend auf unserer Schwelle ſtand, aber niemand wollte mir glauben. Wer hätte auch an diesen plötzlichen Todesfall denken können!" erwiderte er beruhigend. Geduld, Geliebte, die Beit und meine treue Liebe werden auch diese Wunde heilen."

Ich habe jetzt nur noch dich!" flüsterte sie, sich enger an ihn schmiegend, verlaß mich nicht, Martin!"

Wie magst du nur an diese Möglichkeit denken?" fragte er betroffen.

Ich weiß nicht, ich kann meinen bangen Ahnungen noch immer nicht gebieten, sie flüstern mir zu, dieses Unglück komme nicht allein­

So höre nicht darauf," bat er, pas auch kommen mag, ich bin bei dir, wir tragen es gemeinsam. Habt ihr schon zum Arzt geschickt?"

Adolph wird bereits im Sterbezimmer sein, Gustav und Hermann sind bei ihm, Anna wird auch sogleich kommen," erwiderte Irma, ihre Tränen trocknend. Der Vater wurde heute morgen tot im Bette gefunden, er muß sanft und schmerzlos hinübergeschlummert sein, denn seine Züge sind unverändert. Wenn du ihn noch einmal sehen willst, so gehe in sein Schlafzimmer, ich kann dich nicht begleiten, mir ist der Anblick schrecklich. Aber bitte, komme bald wieder."

Gewiß, mein armes Lieb," sagte er, während er leise die Tür öffnete und hinausging.

Auf der Treppe, die zum Schlafzimmer führte, begegnete ihm Adolph, die beiden Freunde verständigten sich durch einen Blick und gingen in den Speisesaal, in dem alle Vorberei­tungen zur Festtafel schon getroffen waren.

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