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Meister Wolfram, meine Stiefel, ich muß durchaus meine Blumen so gern hast, und dann es ist nur gut, daß du Stiefel haben, kann doch nicht in Morgenschuhen zur Ma- wieder da bist." Etwas wie Sonnenschein gleitet über die verwitterten Der Gastwirt Schneider hatte sich, nachdem sein Haus- Züge der Alten; für alle Liebe und Aufopferung, die sie gistratssigung gehen." knecht mit dem Bescheid zurückgekehrt war, es öffnete ihm während ihrer ganzen Ehe geübt hat, fühlt sie sich in diesem niemand auf sein Klopfen, selbst auf den Weg gemacht, um Augenblick belohnt. die ihm nötige Fußbekleidung zu holen.
Allmählich ermunterte sich der Langschläfer.„ Ja, warum hat mich denn Mutter nicht geweckt?" wollte er gerade sagen, da fiel sein Blick auf das unberührt gebliebene Bett seiner besseren Hälfte. In seinem wüsten Kopf dämmerte das Bewußtsein von deren Abwesenheit auf.
Wenn er sonst aufstand, hatte seine Frau den Kaffee auf den Tisch gestellt. Nur Geduld, warum sollte er das Kunststück, Feuer zu machen, nicht auch fertig bringen. So leicht wurde ihm dies denn doch nicht, und als der alte Mann es nach vielen vergeblichen Bemühungen im Herd knistern und prasseln hörte, befand er sich in der denkbar schlechtesten Laune. Im Zimmer sah es auch recht unordentlich aus; er hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß ein solcher Anblick so unangenehm sein konnte.
Als am Nachmittag Meister Wolfram verdrossen bei seiner Arbeit saß, trat ein junges Mädchen zu ihm in die Stube. Ob denn ihre Stiefel noch nicht fertig seien, fragte sie. Das hatte er total vergessen, sonst erinnerte ihn stets seine Frau an so etwas.
Dann geben Sie mir nur meine Stiefel wieder, wie sie sind," meinte die Jungfrau, suchte sich ihr Eigentum aus einem Haufen reparaturbedürftiger Stiefel heraus und ging davon. Gleich darauf konnte der Meister sie im Laden seines Konkurrenten verschwinden sehen. Die Kundin war er für immer los.
Erst ärgerte sich der Schuster ein Weilchen, dann gewann ein unendlich wehleidiges Gefühl die Oberherrschaft über ihn. So sehr er sich auch gegen diese Erkenntnis sträubte, es war jämmerliche Bangigkeit nach seiner treuen Hanne, was ihn so traurig stimmte. Ihm war zu Mute wie jemand, der einen Arm oder Fuß verloren hat und sich nun ohne dieses Glied, dessen Besitz er bisher als etwas Selbstverständliches angesehen, nicht mehr in der Welt fortzuhelfen weiß. Kaleidoskopartig zogen die letzten 35 Jahre seines Lebens an ihm vorüber. Er sah sich wieder mit seiner Lebensgefährtin als junger Ehemann in sein Haus einziehen, dann kamen andere Bilder, Freud und Leid in mannigfacher Abwechselung, und zuletzt die furchtbarste Stunde seines Lebens, wo er hinter dem Sarge des dritten seiner hoffnungsvollen Söhne hergehen mußte. Da war es wieder ihn immer wieder zu trösten suchte:„ Vater, besser so, als seine Frau gewesen, die, den eigenen Schmerz bekämpfend, ob es Vagabunden geworden wären."
Hatte er nicht auch den behaglichen Wohlstand zur Hälfte der Sparsamkeit und dem Ordnungssinn seiner Frau zu
danken?
Am nächsten Morgen suchte Meister Wolfram den einAbends fühlte er keine Sehnsucht, in die Kneipe zu gehen. zigen Gärtner des Städtchens auf, von dem er wußte, daß er in seinem Treibhaus stets einige blühende Pflanzen vorrätig hielt. Er erſtand irgend einen Blumentopf und trug ihn wie einen kostbaren Schatz nach Hause. Dann setzte er sich auf seinen Schemel und arbeitete fleißig drauf los; nur ab und zu glitt sein Blick verstohlen nach der Uhr.
Jetzt sechs harte Schläge der Schwarzwälderin. Der alte Mann öffnet das Fenster und horcht hinaus. Ein durchdringender Pfiff vom Bahnhof her, dann ein allmählich verhallendes Rollen. Ruhig schließt der Meister das Fenster, ſtellt den Blumentopf auf den Tisch, setzt sich hin und wartet. Nicht lange darauf tut sich die Tür auf:„ Guten Abend, Vater," sagt eine bekannte Stimme.
Guten Abend, Mutter! Gut, daß du wieder da bist," erwiderte der Alte.
" Ich soll auch schön grüßen von den Kindern," fährt die Frau fort, es ist alles gesund, und im Auguft werden sie uns besuchen. Sie wollten mich durchaus nicht fortlassen, aber ich hatte keine Ruhe; mir war gestern, als riefst du mich, und dann dachte ich, die Pauline hat ihren Mann und ihre Kinder, aber du hast niemand, als mich."
Aber die schöne Blume," unterbrach sie sich, die ist doch nicht etwa für mich? Und woher wußtest du denn, daß ich heut' schon kommen würde?"
Ein Ausdruck hilfloser Verlegenheit erschien auf dem Gesicht des Mannes. Nun ja, Mutter, ich dachte, weil du
AUS FERNEN ZONEN
Brauffang in Lappland.
In Lappland wird kein Verbrecher, außer einem Mörder, so hart bestraft, wie ein Mann, der ein Mädchen gegen den Willen seiner Eltern heiratet. Es kommt aber niemals vor, daß ein junges Mädchen gezwungen wird, einen Mann zu heiraten, der ihr nicht gefällt. Ist ein Bewerber zu den Eltern des Mädchens gekommen, der ihnen gefällt, so sprechen sie:„ Wenn der Mann auch unserer Tochter gefällt, wollen wir ihn zum Schwiegersohn annehmen. Es werde entschieden, wie an dem Tage, wie Lulea vom Tal sich im Laufe umwandte und das Haupt vor Lapp- Alten beugte." Alsdann wird dem Mädchen gesagt, daß ein Freier um sie wirbt. Bisweilen kennt sie ihn, oft ist er ihr gänzlich fremd. Es wird nun ein Gastmahl veranstaltet, bei dem die jungen Leute einander gegenüber siten und sich mit einander unterhalten dürfen. Nach der Mahlzeil begeben sich alle auf einen freien Platz, wo die Jagd auf die Braut stattfindet. Es wird eine Entfernung von etwa tausend Meter für den Wettlauf abgesteckt, und man gibt dem Mädchen einen Vorsprung von etwa dreihundert Metern. So ist es ihr, falls es nicht ungewöhnlich schlecht zu Fuß sein sollte, recht gut möglich, jedem Bewerber, der ihr nicht gefällt, davon zu laufen; denn wenn es das Ziel vor ihm erreicht, bleibt es frei, und der Bewerber darf das Mädchen nie wieder belästigen. Hat der junge Mann ihr aber gefallen, oder ist er wohl schon seit langem ihr guter Freund, so braucht sie sich beim Laufen nicht anzustrengen und wird schnell genug von ihrem Liebhaber eingeholt.
Bunte Blätter.
Die kältesten und die heißesten Quellen finden sich sehr ungleich As die kälteste Quelle ist wohl ein auf dem Erdkreise verteilt. Wasser anzusehen, das unter 73% Grad nördlicher Breite im Taimurlande entspringt, bei welchem der Reisende Middendorf Ende Juni nur 0,8 Grad Celsius fand. Obgleich dies Wasser/ 10 Grad unter Null abgekühlt war, ſah er in demselben dennoch die sogenannte Blasenschnecke munter herumkriechen. In einer irländischen warmen Quelle von 43 Grad Celsius fand Sternſtrug merkwürdigerweise auch lebende Schnecken, die zur Gattung der Lungenſchnecken gehören, fröhlich gedeihen. Die heißesten Quellen hat Japan aufzu weisen, da die dort bei Uryno entströmenden Wasser 100 Grad Celſius, also die Siedhiße erreichen; die Temperatur des Strokke auf Irland liegt etwas niedriger. Die heißeste Quelle in Deutschland ist die Schwefeltherme von Burtscheid, welche 77 Grad Celsius hat. Uebrigens kommen auch auf Neuseeland heiße Quellen vor, deren Heilkraft bei rheumatischen Leiden und Keuchhusten von den Eingeborenen ſeit undenklicher Zeit ausgenutzt wird.
Ein eigentümliches Exerzierreglement. Henri Moser, der be kannte Schweizer Reisende, der sich wiederholt längere Zeit in Buchara aufhielt, gibt in seinem Buche: A travers l'Asie centrale" folgendes lustige Geschichtchen zum besten: Jm buchariotischen figurierte ein sehr gelungenes Manöver: auf ein Trompetersignal sette sich die Truppe im Laufſchritt in Bewegung; auf ein zweites Signal hin warf sich die Mannschaft zur Erde nieder, legte sich auf den Rücken und fing an aus Leibeskräften in die Luft emporzustrampeln Ich konnte mir den Zweck dieses sehr erheiternd wirkenden Manövera nicht recht zurechtlegen, bis mir später ein russischer Offizier, welcher der Eroberung Samarkands beigewohnt hatte, eine glaubwürdige Erklärung gab. Die Russen mußten nämlich den Sarafschan, an dessen anderem Ende buchariotische Truppen standen, durchwaten: drüben angekommen beeilten sich die Russen zuerst, das Wasser aus ihren großen Schuhen herauszubekommen, indem sie sich auf der Rücker legten und die Beine gen Himmel streckten. Dann griffen sie die Feinde an und schlugen sie gründlich. Die Bucharioter glaubten nun, dieses Beinestrampeln sei schuld am Siege der Russen gewesen, und führten darum dieses nüßliche Manöver schleunigſt in ihrer Armee ein.
J.J
Nr. 142
Samstag, den 25. Junt.
1904.
Oberbessische Familienzeitung
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
der
Gießener Neueste Nachrichten.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.
(( 9. Fortjehung.),
Die Adjaren.
Originalroman von Arthur Gundaccarv. Suttner.
Wieder gab er sich so unwillkürlich einer kurzen Träumerei hin, als ein Geräusch an seine Ohren schlug. Rasch war er ernüchtert, und sein erster Blid fiel auf das Haus, aus dessen Richtung das Knarren gekommen war. Er bemerkte sogleich, daß in oberen Stockverfe ein Fenster geöffnet worden war, und es dauerte nicht lange, so wurden die Umrisse einer Gestalt in der Deffnung sichtbar. Leise spannte der Mann den Hahn seiner Flinte und hielt die Waffe schußfertig vor sich hin: suchte der Belagerte zu entfliehen, so hatte er ohne Zweifel das Recht, seinen Schuß auf ihn abzugeben.
Vorläufig blieb die Gestalt ruhig am Fenster stehen und schien zu überlegen, wie die Sache anzustellen sei, während der Wächter unverrückt die Stelle fixierte, wo zu erwarten stand, daß man in wenigen Minuten den entscheidenden Shritt unternehmen werde.
So geschah es auch: Elisba hatte mit einer raschen Benregung die Beine über die Brüstung geschlagen; jetzt ließ er sich sachte ein Stück herunter und blieb eine Sekunde lang am Fensterrahmen hängen, um dann langsam an einem Seil herabzuklettern ein Schuß hallte durch die Nacht und er stürzte schroer ins Gebüsch, das unten das Haus umfäumte. Der Wächter rief durch einen Pfiff seine Kameraden herbei, die übrigens schon auf den Schuß herangeeilt kamen, und er schrie ihnen zu, daß der Flüchtling erschossen im Buschwerk liege. Unterdessen öffnete sich an der freigewordenen Hinterseite des Hauses geräuschlos eine Tür, eine Gestalt schlüpfte heraus und suchte in großen Sprüngen das Weite, während die Wächter den Leichnam aus dem Gebüsch zerrten und zu spät entdeckten, daß sie da einen Pack Stroh und Tücher erbeutet hatten, den man in Kleider gesteckt hatte, um ihm das Aussehen eines Menschen zu geben.
Der Führer stieß eine wütende Verwünschung aus; ihm war es auf der Stelle klar, daß man die ganze Sache nicht zum Zeitvertreib in Szene gesetzt hatte; dieser Moment war offenbar vom Belagerten benüßt worden, um sich in SicherDie Leute verteilten sich wohl schnell heit zu bringen.
und durchstreiften das umliegende Dickicht, aber vom Gesuchten war keine Spur zu finden, und so blieb denn nichts anderes übrig, als sich nach der Station zu begeben, um zu melden: der Mörder hat sich der Gerechtigkeit durch die Flucht entzogen.
Noch vor Tagesanbruch pochte Jordane an Elisbas Haus, nachdem er sich überzeugt, daß der Feind den Platz geräumt hatte.
Bessarion fragte, wer draußen sei.
Ich, Jordane," war die Antwort. Schnell, sag' der Herrin, sie möge sich sogleich zur Reise rüsten; der Büffelfarren steht bereit; wir wollen alles aufpacken, was für ihre Person von Wert ist. Die übrigen Karren werden in einer Stunde hier sein, und auf diese bringst du den Rest der Sachen; wenn die Henkersknechte kommen, sollen sie das Nest bis auf die Mauern leer finden."
Jordanes Anweisungen wurden auf der Stelle befolgt. Alles, was sich an Geld, Schmuck und sonstigen Kostbar.
( Nachdruck verboten.!" feiten vorfand, wurde eiligst in Truhen geworfen und auf den Karren gebracht, dann bestieg Efa ihr Pferd, um unter des Pächters und mehrerer Diener Geleite den Marsch anzutreten.
Drei Stunden später folgten ihnen noch mehrere hochbeladene Karren, und hierauf ward alles still um das Haus. Djambet war, sobald er dem fliehenden Freunde die Hand gedrückt, nach Hause gesprengt, um nur ein paar Stunden zu rasten und dann seine Barke zu besteigen. In Batum angekommen, war sein erster Wag zu Artschil, den er noch anzutreffen hoffte, bevor er sich in sein Amt begab.
Der Oheim schüttelte bedenklich den Kopf, nachdem ihm Djambek den ganzen Vorfall mit Ausnahme der Flucht mitgeteilt hatte.
Da hat sich Elisba eine schlimme Geschichte auf den Hals geladen. Geh du nur schnell zu Jussuf- Effendi, um ihm Elisbas Angelegenheit zu übertragen. Der Mann ist ein schlauer Armenier, der schon manchen verzweifelten Prozez gewonnen hat; vielleicht gelingt es ihm auch diesmal, seinen Schüßling aus der Schlinge zu ziehen. Vergiß aber nicht, daß der gute Jussuf wie ein Seelenverkäufer auf das Geld geht; willst du ihn dir gewogen machen, so heißt es, ihm vor jeder weiteren Anrede eine Rolle in die Hand drücken."
Diambek begab sich nun zu dem Geschäftsmann, der seine Gelder verwaltete, um sich dort mit dem Nötigen zu versehen, dann eilte er nach der Wohnung des Rechtsanwalts. Der Mahnung Artschils eingedenk legte er bei seinem Eintritt mit Ostentation eine Rolle auf ein Nebentischchen, und die Wirkung war in der Tat eine augenblickliche. Jussuf- Effendi, der ihn im ersten Augenblick mißtrauisch gemustert hatte, schnellte von seinem Stuhl empor und begrüßte den ihm völlig fremden Ankömmling, als wäre derselbe einer seiner ältesten Freunde.
Ach, wie freue ich mich, dich zu sehen!" rief er grinsend. „ Du warst noch ein Knabe, als ich mit deinem guten Vater - du bist doch der Sohn- hmhm-
Ja, der Sohn des Dimitri Taguiridze," kam ihm Djambek zu Hilfe, da er wußte, daß der Mann weder ihn noch den Vater je gesehen.
" Freilich, der gute Zaguiridze! Ein ausgezeichneter Mann; er lebt doch in
„ Er ist schon vor längerer Zeit gestorben."
Ei, was du sagst! So ein vortrefflicher Mensch! Ja, siehst du, mein bester Dimitri
,, Djambek," verbesserte der andere.
Djambek wollte ich sagen- Gott, ich bin oft so zerstreut! Also siehst du, mein teuerster Djambek, ich kenne so viele Menschen, daß ich nicht jedesmal gleich weiß, mit wem ich zu tun habe. Nun, es ist schön von dir, daß du dich wieder einmal blicken lässest. Ich vermute, daß du meiner bedarfst; sprich, ich stehe dir mit Vergnügen zu Diensten."
Djambek stattete seinen Bericht ab, und der andere lieh ihm ein aufmerksames Gehör. Dann, nachdem der junge Mann geendet hatte, nahm Jussuf- Effendi einen Bogen
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