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Diskretion- Ebrensacbe!

Ein lustiges Geschichtchen von Hans Reis. Grete Lohmann stand am Fenster des eleganten Schweizer Hotels und beobachtete mit lebhaftem Interesse die vor diesem auf und abwogende Menge.

Was war das für ein buntes, lustiges Treiben hier! So etwas hatte sie sich in ihrem kleinen Landstädtchen faum träu­men lassen. Sie öffnete das Fenster, lehnte sich weit hinaus und atmete mit Entzücken die frische, würzige Gebirgsluft ein. Eifrig spähten dabei ihre Augen nach rechts und links. Er­wartete sie doch keinen Geringern als ihren Bruder Fritz, der heute mit dem Nachmittagsschnellzug eintreffen sollte.

Die Blicke des jungen Mädchens wurden plötzlich durch einen eleganten Landauer gefesselt, der vor dem Hotel vor­fuhr und dem ein einzelner Herr entstieg. Sie beobachtete dies mit Interesse. Dann bog sie sich plötzlich hastig vor und unterdrückte nur mit Mühe einen Freudenruf. Mein Der große, Gott, wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? schlanke, blonde Herr, der soeben ange= kommen, das war ja Frik ihr Bruder Fritz!

Sie stürmte zur Tür, den Korridor entlang und die Treppe hinab. Friß, Fritz! Liebster, einziger Fritz!" jubelte sie.

Der junge Mann stutte einen Augen­blick und faßte sie fester ins Auge, dann aber breitete auch er die Arme aus, nahm den Rest der Treppe mit wenigen Säßen und zwei junge, heiße Lippenpaare fanden sich in innigem Kuß.

Plöblich jedoch richtete sich Grete er­schreckt auf. Sie wußte eigentlich selbst nicht, warum; aber der Kuß des Bruders war so eigen gewesen, so- son­derbar. Noch nie zuvor hatte Friß sie so" gefüßt.

Das junge Mädchen starrte dem ver­meintlichen Bruder in das lachende Ant­lib. Mein Gott was war denn das?! Das war ja zwar auch ein großer, schlan­fer, blonder Herr, der auch mit dem Er­warteten einige Aehnlichkeit hatte; aber ihr Bruder Frizz war das nicht!

Mit einem heftigen Ruck befreite sich Grete aus den noch immer sie umschlingen­den Armen, und Tränen des Zornes fun­felten in ihren Augen, als sie in höchster Empörung hervorstieß: Aber, mein Herr das ist ja unerhört! Das ist- eine beispiellose Frechheit!"

Jm Davoneilen hörte sie dann noch, wie ihr der falsche Frizz lachend nachrief: Aber, mein gnädiges Fräulein, Sie" hatten doch die große Güte, mir diesen äußerst liebenswürdigen Empfang zu be= reiten, und

Krachend warf Grete die Tür ihres Zimmers hinter sich ins Schloß. Das mußte sie sich sagen lassen sie- die stolze, tropige Grete Lohmann!

Als der Ersehnte dann eine Viertel­stunde später tatsächlich eintraf, da war der Empfang, den sie ihm bereitete, bei weitem nicht so enthusiastisch, wie er es von der kleinen, lebhaften Schwester sonst gewohnt war. Die deprimierte Stim­inung, in die sie der schreckliche Mensch versetzt hatte, war schuld daran. Hoffent lich reiste er noch heute ab, und sie brauchte ihn niemals wiederzusehen!

Ein tückisches Schicksal hatte es aber doch anders beschlossen; denn als sie sich mit Vater und Bruder zum Abendessen auf der Terrasse einfand, war diese noch ziemlich menschenleer, und unter den

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wenigen saß jener, dem sie nie wieder im Leben zu begegnen hoffte, nur einige Tische von ihnen entfernt.

Beim Anblick des jungen Mädchens überflog ein schmun­zelndes Lächeln sein hübsches und angenehmes Gesicht. Grete errötete vor Zorn und setzte sich so, daß sie dem Verhaßten den Rücken zukehrte. Ein lebhafter Ausruf ihres Bruders bewog sie dann aber, sich wider Willen umzusehen.

Was seh' ich? O, ihr guten Geister! Mein Roderich!" hatte Fritz vergnügt zitiert und war Grete traute ihren Augen nicht mit allen Zeichen des Entzückens auf den blonden Herrn zugestürzt. Dieser erhob sich lebhaft, eilte dem Bruder entgegen und umarmte und füßte ihn herzlich. Mein Gott, das war ja ein Menschenfreund in des Wortes verwegenster Bedeutung! Bei dem schien es Prinzip zu sein, alles, was ihm in den Weg fam, abzuküssen.

Diesen schmählichen Verdacht mußte sie ihm indeß in Gedanken gleich wieder abbitten; denn der Bruder stellte ihr diesen als seinen liebsten Freund aus der Studienzeit, als den Assessor itz Eichstädt, vor. Auf die liebens­würdige Aufforderung des Landgerichtsrats nahm dann der junge Assessor an Gretes Seite Plaz, ohne sich durch das kalte Wesen des jungen Mädchens abschrecken zu lassen.

FRENZ

,, Menschenskind, was machst Du denn da oben?"

Ja, ich muß Heizung sparen; da kriech ich beim Malen immer der Wärme nach!"

Zwischen den drei Herren entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung.

,, Wissen Sie auch, liebster Eichstädt," sagte der Landgerichtsrat in deren Ver­laufe ,,, daß Sie mit meinem Sohne Aehn­lichkeit haben? Es fiel mir gleich auf." Oh, das haben schon mehr Leute gefunden," lachte der Assessor und warf einen Blick auf seine Nachbarin.

" Ja, wahrhaftig," bestätigte Frib. " In Jena wurden mir immer seine unbe­zahlten Rechnungen zugeschickt, und ich follte absolut für den Bruder Leichtfuß blechen."

,, Na, na, untergrabe Du hier nicht meinen guten Ruf," wehrte der Assessor. ,, Uebrigens- habe ich sogar auch in Tester Zeit ein ganz reizendes Beispiel für diese Aehnlichkeit erlebt."

" In letzter Zeit? Nanu? Wie ist denn das möglich? Erzählte doch," drängte Frit neugierig.

Grete warf dem Assessor einen wütenden Blick zu. Um Gottes willen, er würde doch nicht..

Der aber lehnre sich behaglich in sei­nen Stuhl zurück, blies den Rauch seiner Zigarre in funstvollen Ringen in die Luft und meinte dann gelassen: Ja, das war in der Tat das reizendste, kleine Aben­teuer, das ich jemals erlebt habe, und ich möchte es um die Mt nicht missen! Erzählen freilich erzählen läßt sich die Geschichte leider nicht. Es heißt hier: Diskretion Ehrensache!"

Gottlob Grete atmete erleichtert auf. In dieser Beziehung wenigstens schien er ja anständige Gesinnungen zu haben. Da der Assessor schon gut in der Um­gegend Bescheid wußte und sich als vor­züglicher Cicerone erwies, so unternahm man von jetzt ab täglich Ausflüge. Nur Grete blieb häufig der Partie fern.

Vierzehn Tage waren auf diese Weise bergangen, als unsere Kleine Heldin an einem wunderbar schönen Nachmittag ihr Malgerät zusammenpackte und sich auf ihr Lieblingsplätzchen begab, in der Absicht, eine angefangene Skizze zu vollenden.

Um mit dem Kunstgenuß auch einen leiblichen zu verbinden, steckte sie eine riesige Düte Pralinés, die ihr der Assessor gestern verehrt hatte, zu sich. So machte sie sich denn mit einem wahren Feuereifer

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