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St. 142.

annementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 fg., aus gebracht 60 fg., durch die Poft bezogen viertel­fährt M. 1.50.

atisbellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( whentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittage.

Montag, den 20. Juni 1904.

Gießener

13. Jahrga n

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Obes beffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfa fenit 15 f Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg S Fernsprechanschluß Nr. 362.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Die ,, Ritter der Landftrafse".

CB Der Pastor v. Bodelschwingh hat in einer der letzten Sigungen des preußischen Abgeordnetenhauses einen Initia fivantrag, der bereits früher einmal das Haus beschäftigt jat und damals abgelehnt wurde, wiederholt. Es handelt ich darum, den privaten Samariter dienst für obdachlose Banderer mit öffentlichen Mitteln staatlich zu organisieren und zwar durch Schaffung von Verkehrsasylen mit Arbeits. gelegenheit und Einrichtung von Arbeitsnachweisen, die sick über die ganze Monarchie erstrecken. Die Vertreter der erschiedenen Parteien gaben ihre volle Sympathie für die Borschläge zu erkennen, und auch der Regierungsvertreter perfannte durchaus nicht die menschenfreundliche und wahr. haft christliche Gesinnung, die sich in diesem Antrag zu er tenmen gibt. Aber er vermochte trotzdem keine staatliche Beihilfe in Aussicht zu stellen. Das geschah aus einem rein jozialpolitischen Gesichtspunkte heraus, weil solche Asyle auch Das schlimmste Vagabundengesindet anzulocken pflegen uni daher trop der schärfsten Kontrolle unter Umständen die Wir fung haben, Ritter der Landstraße" förmlich zu züchten. Der Landrat eines rheinischen Kreises hat die privaten Asyle einer gründlichen Erhebung unterzogen und dabei festgestellt, daß nahezu 80 Prozent der Gäste arbeitsscheues fahrendes Boff gewesen sind, das keine Arbeit hat, weil es feine haben will.

Pastor v. Bodelschwingh selbst hat gegen das Berliner Asyl geltend gemacht, daß sich von Jahr zu Jahr die Zu nahme der verbrecherischen Asylgäste in rascherem Tempe teigert. Er glaubt diesem Uebel steuern zu können, wenn die Asyle zugleich Arbeitsnachweise einführen würden und außerdem den Arbeitszwang bei der Gewährung des Asyl rechts. Diese Vorschläge sind im einzelnen gut, im ganzen aber wirkungslos, weil die Fürsorge für die wandernder Arbeitnehmer in ganz andere Bahnen gelenkt werden muß und weil es tatsächlich eine dem Zwecke ganz entgegengesett Wirkung ausüben müßte, wenn der Staat mit seinen reicher Mitteln an der Landstraße Verpflegungsstationen anleger und in diesen Fliegentellern neben dem gutartigen Menschen material das arbeits- und lichtscheue Proletariat sammelr würde. Der Wanderbursche und die Landstraße, die einst Redaktion der Neuen Becum: mals der Poet besang, haben ihre romantischen Reize ver loren. Unsere realistische Zeit steht im Zeichen des Verkehrs und demgemäß muß auch die Organisation des Arbeitsnach weises und der Personenbeförderung zu den Arbeitsstätter auf eine neue Grundlage gestellt werden.

1. Morina.

id du hofftest es nicht mehr. ir verschiebt die Wunschgewähr, enu beglückt, du wärst es nimmer

net ist's, baß der Himmel immer

zehrt.

obschon die Biege weiße Trauben gefressen hatte. feinen Antrag hin wurde die Biege gefeltert. Dabei war nur, daß der gefelterte Moſt Rotwein wurde, Doch die Conzer find nicht die einzigen, die unparteiji ndlich fand ein geistreicher Kopf das Richtige, und auf Beitig au ſeinem verlorenen Traubensafte helfen tönnten. hafte Tier exemplarisch strafen und dem Eigentümer gleich­Die Richter fannen hin und her, wie sie das nasch­Wunderbar

Wir behaupten mit gutem Grund, daß derjenige Ar­beiter, der sich heute auf die Landstraße begibt, schon halb­megs eine soziale Stufe hinuntergeschritten ist, denn es bauert viel zu lange, wenn ihm der Zufall nicht günstig gesinnt ist, bis er eine neue Arbeitsgelegenheit gefunden hat, und in der Zwischenzeit muß er durch den Mangel an Bflege förperlich und durch die Berührung mit den sitt­lich verfallenden Elementen auch geistig herunterkommen. Auch er bedarf, wie jeder Beruf in der modernen Zeit überhaupt, des schnellsten Verkehrsmittels, das wir haben, der Eisenbahn. Hier muß der Hebel angesetzt werden, in­bern den arbeitswilligen Elementen bei der Aufsuchung einer neuen Arbeitsgelegenheit Jahrpreisermäßigungen, Fahr­preisstundungen, oder in dringenden Bedarfsfällen sogar bollständiger Fahrpreiserlaß zugestanden wird. Damit sich hierdurch nicht ein planloses Herumreisen durch die ganze Welt entwickelt, wird es allerdings notwendig sein, daß die Arbeitsnachweise staatlich organisiert werden, und zwar sind hierfür die Eisenbahnverwaltungen, denen zugleich die Regitimationsprüfung und die Fahrpreiskonzessionen zu übertragen sind, die berufenen Instanzen. Ein organisierter staatlicher Arbeitsnachweis mit telegraphischer Berichterstat­hung würde nicht nur die Zahl der Ritter der Landstraße auf ein Minimum zurückdrängen, sondern auch sehr viele Men­schen vor dem Hinabsinken in die Klasse des lichtscheuen und des verbrecherischen Gesindels bewahren. Da der Staat die Monopolherrschaft über die notwendigen technischen Betriebs­mittel besigt, so würden die Kosten nur eingebildeter Art sein und auf alle Fälle durch die sozialen Vorteile einer jolchen Wirksamkeit tausendfach, vieltausendfach aufgewogen berden.

Der Krieg in Oftalien.

Immer mehr gewinnt es den Anschein, als ob die Kämpfe jei Wafangou die völlige Vernichtung des russischen De tachements Stackelberg nach sich ziehen werden.

Die Kolonne Stackelberg schwer bedroht.

In Petersburg sind Depeschen eingelaufen, die in der höheren militärischen Kreisen die größten Befürchtungen hin ichtlich des Loses der Kolonne wachgerufen haben. Es liegt bearüber die folgende Meldung vor:

Die Verluste der Kolonne Stackelberg werden nac neueren Nachrichten auf nicht weniger als 14 000 Mann beziffert. Es laufen bereits Gerüchte um, die von einer Zersprengung während des Rückzuges wissen wollen. Sicher ist, daß der ganze linke Flügel durch die japanisch Artillerie niedergeworfen ist.

Stackelberg steht vor der dringenden Gefahr, durch die erdrückende japanische Uebermacht von drei Divisionen zer. schmettert oder von seiner Rückzugslinie abgeschnitten zu verden. Wie es heißt, soll Kuropatkin seinem bedrängten Unterführer mit zwei Divisionen zu Hilfe geeilt sein. Ueber den

Untergang der japanischen Transportschiffe, die durch das russische Wladiwostokgeschwader in den Grund gebohrt wurden, liegen jetzt nähere Nachrichten vor. Vom " Sado Maru" wurden 200 Mann gerettet, der Kapitän und ein Teil der Mannschaft wurden gefangen genommen. Vom ,, Hitachi Maru" wurden 150 Mann gerettet. Mehrere Offi ziere und viele Soldaten begingen Selbstmord, um der Ge­fangenschaft zu entgehen. Ein weiteres Telegramm meldet, daß auch das Transportschiff Nagato Maru" zum Sinken gebracht worden sei. Bei dem Torpedoangriff waren die russischen Kriegsschiffe Kurit"," Rissija und Gromoboi" in Tätigkeit. Auf den gesunkenen Schiffen befanden sich fieben europäische Offiziere, von denen nur ein einziger mil dem Leben davonkam.

Das Wladiwostokgeschwader

st entgegen den ursprünglichen Nachrichten der Japaner bei Tschuschima entwischt. Nach einer Meldung aus Tokio wurde sam 18. d. Mts. früh 26 Uhr am westlichen Eingang zur Tsugaru- Straße gesehen, welche Jesson, die nördlichste der japanischen Inseln, von der Hauptinsel trennt. Eine weitere Meldung besagt: Das Wladimostofgeschwader ist von der Westküste des Aomori- Bezirkes fortgefahren. Die Russen burchsuchten zwei Handelsschiffe, auf deren eines sie den weiten gefangen genommenen englischen Offizier von der Besazung der Sado Maru" brachten, und gestatteten den Handelsschiffen dann, unbehelligt abzufahren.

Die Politik.

Neue Polizeiberordnungen über das Meldewesen sollen auf ministerielle Anordnung von allen preußischen Regie: rungspräsidenten demnächst erlassen werden und am 1. Of. tober in Kraft treten. Es soll dadurch insbesondere eine bessere Kontrolle des Aufenthaltes der vorübergehend ab­wesenden Saisonarbeiter, die bisher der Meldepflicht nicht unterworfen waren, erreicht werden. Zwischen dem Abzugs. ort und dem Anmeldeort wird ein Nachrichtendienst einge­führt. Die Meldungen können schriftlich oder mündlich er­folgen. Die Meldebehörden sind angewiesen, dem Publikum die Meldepflichten nach Möglichkeit zu erleichtern, auch wenn dadurch eine Vermehrung der Beamtenkräfte bedingt wird. Den Beamten wird Höflichkeit im Verkehr mit dem Publikum zur Pflicht gemacht. Auch soll dafür gesorgt werden, daß Meldeformulare im Buchhandel vorrätig ge­halten werden.

Oefterreich- Ungarn.

Einen merkwürdigen Ausgang hat vorläufig das Straf berfahren gegen die Leiter des ungarischen Eisenbahnerstreifs genommen. Die angeklagten 13 Mitglieder des Ausstands. ausschusses der ungarischen Staatsbahnangestellten wurden freigesprochen. Das Gericht stellte sich auf den Standpunkt, die Eisenbahner seien keine öffentlichen Beamten. Die Frage ist, ob die höhere Instanz, die von der Regierung zweifels­ohne angerufen werden wird, diese Rechtsauffassung des Budapester Stuhlrichters sich zu eigen machen wird.

Italien.

Eine Regierung, die keine Heeresvermehrung will, auch wenn sie ihr von der Volksvertretung nahegelegt wird, ist die italienische. Im römischen Senat erklärte der frühere Kriegsminister Senator General Bellour unter großem Bei­fall der Versammlung, mit Rücksicht auf die veränderte Welt­lage sei eine Vermehrung der Militär- und Marineausgaben nötig. Wenn die übrigen Mächte neue und größere Rüstungen treffen, soll Italien deshalb allein ihrem Beispiel folgen?" Der Minister schloß, die Regierung werde unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf keinen Fall vom Parla­ment irgend eine Vermehrung der Ausgaben für das Kriegs­budget fordern. Herr Pedotti wird mit dieser Anschauung zweifelsohne beim italienischen Volke populärer werden als General Bellour mit den seinen. Aber wer von beiden mehr Recht hat, das wird erst die Zukunft entscheiden.

frankreich.

In der Angelegenheit der Karthäusermillionen hat der französische Justizminister die Einleitung eines Unter­juchungsverfahrens gegen den Ingenieur Cha= bert angeordnet, der bei dem Sohne Combes' den Be­stechungsversuch gemacht hatte. Bei Chabert ist bereits eine Haussuchung vorgenommen worden, um aus seinen Papieren zu ermitteln, wer ihn beauftragt habe, den Bestechungsver­juch bei der Regierung zu machen. Chabert hat freilich Zeit genug gehabt, alle ihn etwa kompromittierenden Schrift­stücke in aller Ruhe zu beseitigen. Die ganze bisherige Be­handlung der Karthäuserangelegenheit läßt als ziemlich gewiß erscheinen, daß die Sache im Sande verlaufen wird. Jedenfalls liegt bis jezt kein Material zu einem irgendwie erfolgreichen Feldzug gegen das Ministerium Combes vor.

Balkan- Staaten.

Die angekündigte Begegnung zwischen Peter von Ser bien und Ferdinand von Bulgarien ist Tatsache geworden: Sie fand auf dem Belgrader Bahnhof statt. König Peter, der vom Minister Pasitsch begleitet war, begrüßte den in. fognito reisenden Ferdinand im Eisenbahnkupee. König Peter und Pasitsch fuhren im Zuge des Fürsten ein Ende Weges mit: Jm Abteil des Fürsten blieb zuerst dieser und der König allein, dann wurde auch Pasitsch zur Konferenz berufen. Was die Drei da verhandelt haben, wird natürlich als großes Staatsgeheimnis behandelt.

Interessante Einzelheiten über den Verlauf des Jahres tages der Belgrader Königstragödie werden nachträglich be­fannt. Die Königsmörder, die einen Wutausbruch des Vol. fes befürchteten, zeigten sich in Gruppen von sechs und sieben in den Straßen, klirrten mit den Säbeln und lachten laut, um ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Die Festlichkeiten der Militärkasinos waren zwar abgesagt worden, aber der Haupt. mann Gromitsch veranstaltete ein Gelage, und früh morgens um 2 Uhr, zu der Stunde, wo vor Jahresfrist der Mord ge schehen war, tranken die Mörder gegenseitig auf ihre Ge sundheit. Auch am Grabe des Kriegsministers kam es bei einer Gedenkfeier zu einer peinlichen Szene, indem Haupt mann Gromitsch einen Verwandten der Königin Draga be schuldigte, er habe vor den Verschwörern ausgespieen. Das ist nicht meine Art, meine Gefühle zu äußern," erwiderte der Verwandte, ein Universitätsprofessor, zudem wird mein Gaumen trocken, wenn ich einen von Eurer Bande sehe." Gromitsch fuhr mit der Hand an den Säbel, wurde jedoch von seinen Kameraden umringt und fortgeführt.

Amerika.

Die Yankees, die sich überall in der Welt mausig machen, wollen nun auch dem so schon vielgeplagten Sultan das Leben sauer machen. Sie wollen ihm ein großes Schlachtschiffgeschwader auf den Hals schicken, um von ihm Vorteile für den amerikanischen Handel in der europäischen und asiatischen Türkei herauszuschlagen. Nach einer Mel­dung aus Washington ist das Schlachtschiffgeschwader der Vereinigten Staaten, das bisher in Lissabon lag, nach Griechenland und Desterreich in See gegangen. Das Ge schwader wird dort durch das europäische Geschwader der Vereinigten Staaten verstärkt werden und sich nach der Türkei begeben. Gleichzeitig wird der amerikanische Ge. sandte in Konstantinopel von neuem ,, nachdrückliche Verhand. lungen" mit der Pforte einleiten, um den Amerikanern die gleichen Rechte zu sichern, die einige bevorzugte europäische Nationen genießen. Anhaben können die Amerikaner dem Sultan nichts. Und wenn er flug ist, so läßt er die ,, nach. drücklichen Vorstellungen" ihres Gesandten zum einen Ohre hinein- und zum andern hinausgehen.

Hof und Gesellschaft.

Das Raiserpaar wohnte am 18. d. Mts. der Enthüllung eines Grabdenkmals mit dem Medaillonbild der Kaiserin Friedrich auf dem Friedhof an der Stadtkirche zu Tronberg bei. Dem Kaiser und der Kaiserin, die von Hom­berg aus zu Wagen gekommen waren, schlossen sich an Prinz Heinrich mit Gemahlin, die Erbprinzessin von Sachsen- Mei­ningen, Prinz Adolf von Schaumburg- Lippe mit Gemahlin, Prinz Friedrich Karl von Hessen mit Gemahlin, der Groß­herzog von Hessen und Prinz Friedrich Leopold von Preußen, der Minister des Innern, der Oberpräsident, der komman­bierende General, die Gefolge, der ehemalige Hofstaat der Kaiserin Friedrich und weitere geladene Gäste. Die 1. Kom­pagnie des Füsilierregiments v. Gersdorff Nr. 80 mit Hahne und Musik erwies die militärischen Honneurs. Aus der Kirche heraus erscholl Orgelflang, und der Chor sang unter Orgel­begleitung: Erkenne mich), mein Hüter"( Passion von Bach). Geheimer Regierungsrat v. Meister, vormals Landrat des Ober- Taunuskreises, hielt eine Gedächtnisrede, in der er die hohen Tugenden der Verstorbenen hervorhob, insonderheit die großen Verdienste, die sie sich durch Werke der Liebe als Schloßherrin auf Friedrichshof um Cronberg und Umgegend erworben habe. Nachdem der Kaiser Befehl gegeben, zu präsentieren, fiel die Hülle und die Sänger setzten mit dem Thoral ,, Lobe den Herrn" ein. Bürgermeister Jamin brachte das Hoch auf den Kaiser aus, die Musik intonierte die Na tionalhymne. Darauf nahm der Kaiser den Vorbeimarsch des gesamten Regiments v. Gersdorff ab und dann mili tärische Meldungen entgegen. Unter Hochrufen der zahl. ceichen Volksmenge fuhren die Majestäten nach Schiof Friedrichshof, wo Familientafel stattfand.

Heer und flotte.

Eine ausgedehnte Verwendung von Kriegshunden. im Heere wird beabsichtigt. Bisher haben nur die Jäger. bataillone Hunde gehalten, die zur Ueberbringung von Nach­richten dienen. Neuerdings ist ein Versuch zur Abrichtung oon Hunden für den Depeschendienst im Felde auch in Span bau beim Garde- Fußartillerieregiment gemacht worden; da er sich bewährt hat, so ist die Einführung von Kriegshunden auch noch in anderen Truppenteilen geplant.