Ausgabe 
20.2.1904 Zweites Blatt
 
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nach einigen vergeblichen Versuchen, durch geräuschvolles Räuspern seiner Stimme die gewohnte Unbefangenheit und Derbheit zu geben. Das Kind, dessen Leben du gerettet hast, ist unseren Herzen sehr teuer. Du wirst das Dasein, das durch dich bewahrt worden ist, nicht zu grunde richten wollen." Ich verwahrte mich nachdrücklich gegen solche Absicht. Dann höre mich an, mein guter Junge," fuhr er fort. Meine Frau und ich sind zu dem Schluſse gelangt, daß deine edle Tat auf die Seele unseres armen Kindes einen Eindruck gemacht hat, der stärker ist als bloße Dankbarkeit, der dem Leben verlöschen wird." Um Himmels willen, mein bester Herr!" stammelte ich. ,, Du brauchst nicht zu er­schrecken," fuhr der besorgte Vater fort. Es liegt in deiner Hand, der Sache die einfachste und für alle Teile befriedi­gendste Lösung zu geben. Du verstehst mich?" Ja, aber" versuchte ich einzuwenden. ,, Einen Augenblick, mein Sohn! Du wolltest an Hilda erinnern. Laß diese Sorge fahren. Sie ist ein seelengutes, gefühlvolles Mädchen und hat uns ich will dir das zu deiner Beruhigung gleich sagen bereits versichert, daß kein Anspruch, kein Vorrecht von ihrer Seite dir im Wege stände, wenn du du ver­stehst! Laß uns dich als den künftigen Gatten unseres lieben Gretchens, dem Licht und Sonnenschein unseres Hauses, begrüßen, und unser Glück ist vollkommen." Was sollte ich sagen? Meine Zuneigung wurde nun einmal für über­tragbar angesehen, und so übertrug sie sich denn auf der Stelle. Ich hatte noch an demselben Abend das Vergnügen, Frau von Gadow die Hand zu schütteln als der Verlobte ihres jüngsten Töchterchens. Hm," dachte ich, als ich mich etwas angegriffen zur Ruhe begab, fünf Verlobungen an zwei Tagen werden Onkel Rodrigo davon überzeugen, daß ich nicht müßig gewesen bin."

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Der nächste Morgen trieb uns alle schon früh aus den Federn zum Aufbruch zur Jagd, die meinen biederen Schwiegerpapa so in Anspruch nahm, daß ich kaum Gelegen­heit fand, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Für mich wurde das Jagdvergnügen etwas gemindert dadurch, daß ich beharrlich pudelte und nur mit genauer Not dem Schick= sal entging, einem Schüßen den Hut vom Kopfe und dem langen Forstlehrlinge in die Waden zu schießen. Ich fühlte mich erst wieder behaglich, als ich mich, ohne größeren Schaden angerichtet zu haben, nach Schluß der Jagd glücklich auf meinem Zimmer im Gutshause befand und mittelst Wasser und Seife die letzten Spuren des angreifenden Jagd­vergnügens beseitigt hatte.

Bei meinem späteren Eintritt ins Wohnzimmer fand ich Frau von Gadom mit einem auffallend bekümmerten Aus­druck im Gesicht auf ihrem Armstuhl sizen, während ihr wür­diger Eheherr anscheinend in lebhafter Erregung mit großen Schritten auf und abging. Da ist er," rief er bei meinem Anblick. Arthur, mein Sohn, du wirst es nicht für möglich halten! ich weiß wirklich kaum, wie ich es dir sagen soll! Hol' der Henker wie meine Frau immer sagt Aber, Heinrich, ich muß doch bitten!" schaltete Frau von Gadow ein. Hol' der Henker das ganze Weibervolk!" Mir ahnte Unheil. Die Frage nach dem, was geschehen, blieb mir in der Kehle stecken. Ja, erfahren mußt du es," beantwortete der wackere Schwiegerpapa meinen fragenden Blick. Also, um es kurz zu machen unser Gretchen ist fort!" Fort?" stammelte ich verwirrt.-" Höre nur! Meine Schwiegermutter du kennst doch meine Schwieger­mutter? nein? Na, dann muß ich dir zuerst sagen, daß sie eine sehr hm energische( hier verzog er hinter dem Rücken seiner Frau das Gesicht zu einer ausdrucksvollen Grimasse), sehr energische Dame ist, und daß wir gewöhnt sind, uns stets ihren Anordnungen zu fügen. Also meine Schwieger­mutter ist während unserer Abwesenheit zu einem Morgen­besuch hier gewesen, und als sie von deiner beabsichtigten Verbindung mit unserm Gretchen gehört, hat sie entschieden Protest dagegen eingelegt und erklärt, sie werde es nicht dulden, daß die Jüngste in der Familie sich zuerst verlobe. Außerdem ist sie der unerschütterlichen Ansicht gewesen, daß die zur Schau getragene Zuneigung des lieben Kindes zu dir nur auf einer Fieberphantasie beruht hat, und da die kleine Gretel nicht wagte, ihr zu widersprechen, hat sie sie gleich ein gepackt und mit zu sich in die Stadt genommen." ( Schluß folgt.)

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Sandessen und Verdauung. Ein altes Volkssprüchlein sagt: Sand reinigt den Magen" ung viele Eltern sehen es gar nicht ungern, wenn die Kinder das in den Sand gefallene Butterbrot ruhig verzehren. Ja, in St. Louis hat sich sogar kürzlich eine seltsame Gemeinschaft gebildet unter dem Namen: Die Erdesser. Ihr Vorsteher ist William Winsor, ein Advokat und wissenschaftlich gebildeter Mann. Er behauptet, daß die Theorie des Erdessens aus dem Studium der Tiere hervorginge; denn diese hätten alle eine instinktive Vorliebe für Erde und infolgedessen kein Magenleiden, während die menschlichen Wesen oft an Magenverstimmung und anderen Störungen leiden. Die Nachfolger Winsors behaupten, daß ihre Gesundheit sich durch das Erdessen wesentlich gebessert habe. Sie nehmen jeden Tag einen Theelöffel voll Erde in einem Glas Wasser. Die Erde, die sie genießen, ist feinkörniger Sand von den Ufern des Mississippi. Er wird von Winsor gesammelt, sterilisiert und von seinen Anhängern für einen Schilling pro Sack verkauft.

Zu dieser Mode ist warnend zu bemerken, daß man durch allzuviel Sandessen schwer erkranken kann; Magen und Darm können dadurch verstopft werden und sehr leiden. Ein mäßiger Sandgenuß dürfte allerdings nicht schaden, aber nüßen ebenfalls nicht. Um sich gesund zu erhalten, braucht man nicht Sand zu verschlucken, und wenn man krank ist, giebt es angenehmere und bessere Mittel als Sand.

Uebrigens ist das Erdessen ziemlich weit verbreitet, namentlich wenn die Erde tonhaltig ist. So verspeist die Assin- Frau, wenn sie in anderen Umständen ist, täglich zweimal gehäufte Theelöffel gelblichen Ton. Dieselbe Gewohnheit finden wir in Java, Siam, Peru, Chile, bei den Indianern am Amazonenfluß und Orinoko, bei vielen Mongolen. In Neukaledonien essen die Frauen im trankhaften Zustande eine dem Fettstein ähnliche grüne Erde. Die Japaner sind für das Tonessen sehr eingenommen, und= bare Erde gilt bei ihnen für einen Leckerbissen. Der genossene Ton ist rot und eisenhaltig und wird in dünnen Kuchen, etwa in der Größe eines halben Zwibacks geknetet, und über offenem Feuer getrocknet oder gebacken. Die Otomaken am Drinoko ge­nießen einen feinen schmierigen Ton von graugelber Farbe, der, etwas am Feuer geröstet, ein rötliches Aussehen gewinnt. Die Neger an der Küste von Guinea speisen eine gelbe Erde, Caouac genannt. Auf Java verkauft man kleine viereckige geröstete Tonbrötchen meist an Weiber, die dadurch mager bleiben wollen. Die Be wohner von Neukaledonien genießen den Topfstein; die Bewohner der peruanischen Anden genießen Kalt mit den Blättern der Kokapflanze. Selbst in Deutschland pflegen nach A. Humboldt die Arbeiter in den Sandsteingruben des Kyffhäuser sich einen feinen Thon, den sie Steinbutter nennen, auf das Brot zu streichen.

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Herztlicher Ratgeber.

Wie lange sollen wir schlafen? Nicht oft genug kann darauf hingewiesen werden, daß zuviel Schlaf den Menschen vorzeitig alt macht und das Leben verkürzt. Verkehrt sind aber die Lehren jener Schlafentziehungsapostel, die jetzt besonders in Amerika auf­tauchen. In Chicago z. B. hat sich eine Vereinigung gebildet, deren Zweck es ist, den Schlaf zu verkürzen. Die Mitglieder müssen sich verpflichten, täglich nicht mehr als vier Stunden zu schlafen und ihre Familienmitglieder zu dem gleichen Verhalten zu veran= Tassen. Sie behaupten, viel Schlaf schade der Entwickelung der Geisteskräfte, mache faul und träge; vier Stunden wären gerade genug, um die menschliche Arbeitskraft wieder herzustellen. Dem ist entgegenzuhalten, daß, wenn zu viel Schlaf schadet, zu wenig Schlaf erst recht den schädlichsten Einfluß auf die Gesundheit hat. Zu wenig Schlaf hat vor allen Dingen eine erhebliche Abmagerung zur Folge sowie eine Verschlechterung der Blutbeschaffenheit, sodas die normale Gesichtsfarbe einer mehr oder minder starken Blässe Platz macht. Das Schlafbedürfnis ist individuell sehr verschieden; es gibt erwachsene Menschen, die mit 6 Stunden Schlaf täglich auskommen, und andererseits solche, die 8 Stunden Schlaf haben müssen. Weniger als 6 Stunden und mehr als 8 Stunden Schlaf sind nur ausnahmsweise angebracht.

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1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

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Gießener Neueste Nachrichten.

Send and Berlag ber Chebener Berlagsbruderet, vorm. Wilh. Rellerſche Buchbruckerei( gegr. 1788); sanoi: Iba Tete

( 4. Fortsetzung.)

Der Goldmarder.

Original Roman von M. Behold.

( Nachdruck verboten.))

,, Hängt die Erlaubnis wirklich von Spangenberg ab?" laubnis, von der die Erfüllung deiner Hoffnungen abhängt, fragte der Kupferstecher in besorgtem Tone. ,, Gewiß, aber er wird sie dir geben!" ,, Niemals! Hast du schon vergessen, was der Vater des Direktors an uns verbrochen hat?"

,, Vergessen gerade nicht, aber wozu nüßt es daß wir uns daran erinnern? antwortete der Kustos mit einem forschenden Blick auf seine Tochter, die mit einer Häkelarbeit neben der Mutter saß. Wir erhalten unser väterliches Vermögen da­durch nicht zurück und dürfen nicht einmal öffentlich davon reden, denn ich hänge von der Gnade des Direktors ab."

Ich weiß das alles," bestätigte sein Bruder, zwischen dessen buschigen Brauen einen drohende Falte sich zeigte, ,, aber ich konnte gestern abend meinem Groll nicht gebieten. Ich war ziemlich spät angekommen und wollte euch nicht mehr belästigen. Da ging ich in eine Restauration, und mein gewohntes Bech führte mich an den Stammtisch, an dem einige ehrsame Biedermänner saßen. Die sangen nun ein Loblied auf die Familie Spangenberg und trieben's schließ­lich so arg, daß mir das Blut in den Adern kochte; ich konnte nicht mehr an mich halten und hab' ihnen meine Meinung gründlich gesagt."

Der Kustos war stehen geblieben, erschreckt blickte er den Bruder an, auch in den Zügen seiner Frau spiegelte sich Be­stürzung.

Nun?" fragte er. Die Herren haben dich hinausge­worfen?"

Nicht doch; später kam der Herr Direktor selbst, ich setzte mich an einen anderen Tisch, aber seine guten Freunde müssen ihm meine Aeußerungen hinterbracht haben, denn er fragte mich, wo ich wohne. Und heute morgen wurde ich richtig zur Polizei zitiert, der Rat Appel ist ja ein Schwiegersohn Spangenbergs. Es war alles nur Komödie, im ersten Augen­blick glaubte ich, der Herr Rat wolle mich mit Haut und Haar verspeisen, Gendarmen sollten mich über die Grenze bringen und so weiter. Als ich aber mit einer Beschwerde beim Fürsten und mit der Veröffentlichung alter Geschichten drohte, wurde der Wüterich zahm, ich konnte wieder gehen, nur die Warnung wurde mir auf den Weg mitgegeben, daß ich nun von der Polizei beobachtet werde."

Gütiger Himmel!" rief die kranke Frau. Reisen Sie nur sofort wieder ab!"

Weil die Polizei Angst vor mir hat?" spottete der Kupferstecher. Nein, Frau Schwägerin, nun bleibe ich erst recht. Ich bin kein Feigling, der sich vor Worten fürchtet. Könnte die Polizei mit mir verfahren, wie sie gerne möchte, dann wäre ich längst auf der Marschroute zur Grenze; schon dies allein mag Ihnen beweisen, wie wenig ich zu besorgen habe.'

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Du bist sehr unklug gewesen, Peter," meinte sein Bruder kopfschüttelnd. Du hättest schweigen sollen! Was gehen uns denn die Nachkommen des alten Spangenberg an? Sie haben Glück gehabt, sie sind vorwärts gekommen und werden voraussichtlich auch noch höher steigen, ist das ein vernünftiger Grund, daß wir uns mit ihnen verfeinden sollen? Die Er.

wirst du nun nicht erhalten, Joachim Spangenberg vergißt dir das nicht, und eine Bittschrift an den Fürsten würde dir auch nichts nüßen, denn in Museumsangelegenheiten trifft er keine Entscheidung, ohne zuvor den Rat des Direktors gehört zu haben.'

,, Aber ich muß die Gemälde kopieren!" sagte der Kupfer­stecher, seinen Bruder erwartungsvoll anblickend. Ich gebe ja zu, daß ich unklug gehandelt habe, werde auch fortan jedes Wort auf die Goldwage legen, so lange ich noch hier weile, leider kann das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden.'

,, Vielleicht verzeiht der Herr Direktor dir, wenn du ihn um Entschuldigung bittest," bemerkte Gabriele schüchtern. Er ist uns gegenüber immer sehr freundlich und liebens­würdig gewesen

,, Baue nur darauf keine Hoffnungen!" unterbrach der Kustos seine Tochter, während er die leeren Gläser wieder füllte. Wer den Herrn Direktor an seinem Stolz und seiner Ehre angreift, der hat's für immer mit ihm verdorben. Kannst es aber immerhin versuchen, Peter-

Um keinen Preis," fuhr der Kupferstecher auf. Den Rücken beugen und mich für einen Fußtritt bedanken, habe ich nie gelernt. Ich seize nun meine Hoffnungen auf dich, Heinrich, du mußt mir helfen."

" Ich? Wie kann ich das?"

,, Wann ist das Museum geöffnet?"

,, Nur Sonntags."

,, und an den Wochentagen kommt niemand?"

Dann und wann einige Fremde, die natürlich Eintritts­geld zahlen müssen.

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,, Und der Direktor?"

" Läßt sich selten hier blicken."

,, Also könnte ich ja an den Wochentagen hier arbeiten, ohne daß er Kenntnis davon erhält."

Der Kustos schüttelte bedenklich sein graues Haupt, der Blick seiner Frau ruhte voll Besorgnis auf ihm, er schien ihn warnen zu wollen vor dem gefährlichen Unternehmen.

Ich werde mich natürlich allen Anordnungen fügen, die du treffen zu müssen glaubst," fuhr Peter Schönbach fort, sobald Besuch kommt, kannst du mir ein Zeichen geben, ich werde dann augenblicklich den Saal verlassen, in dem ich arbeite. Es hängt zuviel für mich davon ab, Heinrich, viel­leicht die ganze Existenz meiner legten Lebensjahre, in einigen Wochen ist die Arbeit geschehen, und wenn wir Beide auf­passen, erfährt keine Seele etwas davon!"

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Wenn du von der Polizei beobachtet wirst--"

Ach was, die läßt mich gern in Ruhe. Mach' dir nur darüber keine Sorgen!"

,, Hm, es ginge schon Also geht's auch!"

" Heinrich!" warnte die Kranke.

" Hab' keine Angst, Marie, was ich tue, das bedenke ich vorher; mein Bruder wird nichts von mir verlangen, was uns in's Unglück bringen könnte."