Nr. 43.
Erstes Blatt.
bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährlich Mr. 1.50.
Gratisbellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Geifenblasen( wöchentlich).
Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Samstag, den 20. Februar 1904.
Gießener
13. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz O hefsen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 16 Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88 Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Der Herero- Aufstand. Verhältnismäßig spärlich sind die Nachrichten, die aus Deutsch- Südwestafrika weiterhin eingelaufen sind. Die amtlichen Telegramme des Gouverneurs Leutwein enthalten in der Hauptsache nur die offizielle Bestätigung früherer Meldungen. Neu ist in einer Depesche Leutweins die Nachricht von einem
Gefecht bei Grootfontein.
Die Nachricht, die dem Gouverneur zunächst nur aus privater Quelle zugegangen ist, besagt:
Etwa am 18. Januar habe bei Grootfontein ein Gefecht unter Oberleutnant Volkmann stattgefunden, bei welchem der Unteroffizier Stadler gefallen und die Kriegsfreiwilligen Maurer Halberstadt, Tischler Nitsche, Hartschmiedel aus Mittweida und ein Bur verwundet worden seien. Vom Feinde seien der Führer und 23 Mann gefallen. Die stark besetzte Station Grootfontein sei außer Gefahr.
Die Befreiung von Grootfontein war bereits bekannt. Weitere Privatmeldungen aus Grootfontein, die der Gouberneur bisher übermittelt, besagen:
Im Distrikt Grootfontein sind bei Ausbruch des Aufstandes die Reiter Colberg und Wittmer ermordet worden, die Ansiedler v. Hartmann, dessen Vater als Konsul in Hamburg lebt, Gottfried Güth, Walter Zipplit aus Rostock und Pie po werden vermißt. Der als Reichskommissar zum Studium der Verhältnisse in Deutsch- Südwestafrika dorthin entjandie bekannte Schriftsteller Dr. Paul Rohrbach, der im Bezirk Grootfontein vom Aufstand überrascht wurde, hat sich nach der Station retten können.
Der Krieg in Oftalien.
Was heut an beglaubigten neuen Nachrichten vom oftsiatischen Kriegsschauplatz vorliegt, beschränkt sich im wesentlichen auf den edlen Wettstreit zwischen den beiden Gegnern, die eigenen Verluste als möglichst gering, die des anderen ils möglichst bedeutend hinzustellen.
Die Russen behaupten, die Japaner hätten in dem ersten Treffen vor Port Arthur schwer zu leiden gehabt, was sich schon dadurch dokumentiert habe, daß sie trotz ihrer großen Ueberlegenheit den Kampf plötzlich abgebrochen hätten. Dem tritt ein amtliches Telegramm aus Tokio, das der Londoner japanische Gesandte Hayaschi veröffentlicht, mit einer energischen Ableugnung entgegen, die folgendermaßen lautet:
Von japanischer Seite ist kein Versuch gemacht worden, veder in der Taubenbai noch in deren Nachbarschaft zu lanben, so daß es unmöglich ist, daß ein Rekognoszierungskommando vernichtet oder 150 Japanér gefangen genommen seien. Auch ist ein solches japanisches Detachement von der Eisenbahn in der Nähe von Kitschau nicht vertrieben worden. Japanische Schiffe wurden nicht zerstört, und die Gefechtsflotte ist tatsächlich intakt.
Die gegenseitige Erbitterung steigt von Tag zu Tag in immer höherem Maße. Die Russen betrachten die Japaner als eine tief unter ihnen stehende Rasse und haben sich in Port Arthur, Niutschwang und meh reren anderen Orten schwere Belästigungen der dort wohnenden japanischen Untertanen zu schulden kommen lassen, die durch den angeblichen Verdacht der Spionage in feiner Weise gerechtfertigt sind. Auch gegen Frauen und Kinder wird von seiten der russischen Machthaber recht schonungslos vorgegangen. Die Japaner geben den Haß redlich zurück. Den russischen Einwohnern von Söul haben alle russischen Ansiedler in ganz Korea par ordre du Mikado folgen müssen. In der schärfsten Weise gehen die Komandanten der japanischen Kreuzer gegen die russische Handelsflotte vor und fast täglich werden von ihnen Prisen in japanische Häfen eingeschleppt. Daß es dabei ohne Grausamkeiten nicht ab= gehen wird, kann man sich nach dem Racheschwur, den die offizielle japanische Presse nach der Vernichtung eines ihrer Handelsschiffe durch die Wladiwostokflotte tat, ohne weiteres denken. Ist doch Sentimentalität bei den Japanern überhaupt eine unbekannte Sache. Auch deutsche Schiffe haben unter diesen gespannten Verhältnissen bereits leiden müssen: Sowie sie nur entfernt in den Verdacht kommen, Kriegskondrebande zu führen und diesen Begriff haben die Japaner so weit ausgedehnt, daß sogar alle Lebensmittel darunter verstanden werden gleich wurden sie von japanischen Kriegsschiffen in der rücksichtslosesten Weise angehalten und durchsucht. Ja, der Dampfer Emma" der deutschen Firma Jebsen wurde sogar mit Beschlag belegt, iſt aber auf Intervention des deutschen Konsuls wieder freigegeben worden. Der Kommandant des japanischen Kanonenbootes, der die„ Emma" kaperte, wurde seines Postens enthoben.
Die Neutralität“ Koreas.
Was die Russen ganz besonders erbittert, ist der Umstand, daß die Javaner in dem eigentlich neutralen Korea
als absolute Herren schalten und walten. Die Petersburger Presse schreit nicht mit Unrecht über diesen Punkt Zeter und Mordio. Wir stehen so wird von ihr deduziert vor einem Dilemma. Entweder Korea ist neutral, und dann ist die Handlungsweise Japans eine Herausforderung alles dessen, was Europa in Jahrhunderten ausgearbeitet hat, eine Herausforderung, gegen die alle europäischen Mächte solidarisch protestieren müßten, wenn sie es nicht wünschen, daß die russischen Repressalien den ohnehin schon schrecklichen Krieg noch furchtbarer machen. Oder aber Korea ist nicht neutral, und dann d. h. wenn sich der Kaiser von Korea auf die Seite der Japaner gestellt hat werden uns mit cinem Schlage nicht nur die militärischen Operationen, ſondern auch die Beratungen über die Bedingungen des Friedensvertrages erleichtert. Mit anderen Worten heißt das, wenn die koreanische Regierung die Japaner unterſtützt, so werden wir, wenn wir Sieger bleiben sollten, uns ihr Ländchen einverleiben, unbekümmert um den Einspruch der Großmächte, die gegenüber der jetzigen Neutralitätsverletzung ja auch still schweigen. Darauf zu rechnen, daß die Mächte dies aber auch später tun werden, scheint von seiten der russischen Regierungskreise doch eine etwas kühne Hypothese. Deutfcher Reichstag.
( 37. Sitzung.) CB. Berlin, 19. Februar. Das Haus bietet das gewöhnliche Bild: es ist faſt leer. Vor den unbesetzten Bänken wird
der Postetat
weiter beraten, und die Klagen und Beschwerden an die Adresse des„ Generalpostmeisters" werden weiter vorgetragen. Nachdem Abg. 3ubeil( Soz.) Beschwerden lokaler Natur borgebracht, veranlaßt Abg. v. Gerlach( freis. Vg.) eine lebhafte Szene dadurch, daß er vom dunkelsten Osten, da,
Hessiger Luno.ag. Darmstadt, 19. Februar 1903. Erster Präsident Haas eröffnet die Sigung um 9 Uhr 20 Min.
Bei
Die Spezialberatung des Hauptstaatsvoranschlags wird fortgesezt bei Ministerium des Innern, Kapitel 30, Provinzialdirektionen und Kreisämter. Das Kapitel wird bewilligt, nachdem man dahin übereingekommen ist, über die Institution des Kreisvermessungswesens heute nicht zu beraten. Kapitel 31, Gendarmerie, nimmt das Haus einen Antrag Ulrich an, die Kosten für die höheren Kommandostellen nur für den Inhaber zu bewilligen. Im übrigen wird das Kapitel bewilligt, ebenso die Kapitel 32, Polizei; 33, Polizeitassen; 34, Arbeitshaus in Dieburg; 35, Kirchen; 36, Landesuniversität; 37, Technische Hochschule.
Bei Kapitel 38, Gymnasien, Realgymnasium; OberRealschulen, sowie pädagogische Seminarien, fordert Abg. Dr. David die Beseitigung der Vorschulen und bespricht eingehend die Frage der Einheitsschule.
Abg. Noack bittet um Auskunft über die Stellung der Regierung zur Frage der Gleichstellung der höheren Lehranstalten in Bezug auf die Berechtigungsfrage.
Ministerialrat Dr. Eisenhuth legt in längeren Ausführungen Verwahrung gegen die scharfe Kritik ein, die Abg. Dr. David an den Schuleinrichtungen geübt habe. Hierüber enip nnt sich zwischen beiden eine längere Auseinandersetzung. Das Kapitel wird bewilligt. Ferner werden ohne größere Debatte bewilligt die Kapitel 42, Turn- und Zeichenunterricht; 43, Landes- Waisenanstalt; 44, Taubstummen- und Blindenanstalt: 45, Privat- Erziehungs- und Besserungsan=
Der echten ajuter dominieren", sprach. Man rief ihm kon ſtalien; 46, Hofbibliothet; 47, Landsmuseum; 48, Tentmal
lachend zu, daß er ja selber daher stamme. Allerdings, erwiderte er, aber ich habe mich längst davon emanzipiert! Gott sei Dant! scholl es von rechts zurück, welcher Buruf Heiterkeit erregte. Weiter bestreitet er, in einer öffentlichen Versammlung den anwesenden Postbeamten zugerufen zu haben: Eure Vorgesetzten taugen nichts; ihr müßt euch zusammenschließen!"
Staatssekretär Kraette sieht sich hierauf zu der bündigen Erklärung veranlaßt, er könne es nicht dulden, daß Beamte die Autorität untergraben. Die Bezahlung der Unterbeamten richte sich nach den allgemein üblichen Säßen. In Hunderten von Fällen bäten Entlassene um Wiederanstellung. Die Gehälter fönnten also nicht gar so unzureichend sein. Auf jeden Fall müsse den Unterbeamten die Teilnahme verboten sein an Vereinen, welche die Disziplin zu lockern bezwecken. Die von einigen Seiten geforderten Postanweisungs- Kuverts hätten viele Nachteile für den Postbetrieb, sie verhinderten schnelle und sichere Beförderung. Er könne also deren Einführung nicht in Aussicht stellen. Der Anregung, bei Submnissionen möglichst„ Meister" zu berücksichtigen, werde nach Möglichkeit stattgegeben werden.
Wie gestern, so ergoß sich auch heute über den Staatssekretär eine Flut von Vorschlägen, deren Aufzählung jedoch überflüssig ist.
Die Politik.
Große Redeschlachten werden jetzt in der Bayerischen Kammer der Abgeordneten geliefert. Die Kammer begann gestern mit der zweiten Beratung der Wahlreformvorlage. Liberale und Sozialdemokraten fordern, daß die Bestimmung des Entwurfs über den Wahlmodus, wonach eine Drittelmehrheit genügt, beseitigt und absolute Mehrheit vorgeschrieben werde. Das Zentrum ist dagegen. Der Minister des Innern Frhr. v. Feilißsch erklärte, die Staatsregierung erachte die Annahme der nach den vom Landtage einmütig beschlossenen Grundsäßen ausgearbeiteten Vorlage einschließlich der Wahlkreiseinteilung für dringend wünschenswert. Sie lehne jede Verantwortung für ein etwaiges Scheitern des Gesetzentwurfes ab.
In dem Leipziger Aerztestreik scheint es zu einer Verständigung zu kommen. Der Vorstand der Ortskrankenkasse hat sich grundsäßlich mit den den streitenden Teilen von der Kreishauptmannschaft neuerdings unterbreiteten Einigungsvorschlägen einverstanden erklärt. Der Vorstand bezeichnete sie als eine durchaus geeignete Grundlage für ein neues Vertragsverhältnis. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, daß die Kreishauptmannschaft damit einverstanden sei, daß die Verträge mit den inzwischen von aus= wärts herangezogenen Aerzten im vollen Umfange aufrecht erhalten werden und daß diesen Aerzten in keiner Weise ein Verzicht auf ihre Vertragsrechte zugemutet werden dürfe.
Mit der Ehe des Abg. Korfanty wird sich die zuständige kirchliche Oberbehörde in Rom zu befassen haben. Der Breslauer Fürstbischof Kardinal opp machte gegen den Krakauer Pfarrer Mistulsfi in Rom einen kanonischen Pro. zeß anhängig, weil Mikulski geçen das Verbot des Breslauer Ordinariats im Vorjahr den genannten Abgeordneten in der Krakauer Kreuzkirche illegal getraut hat. Kardinal Robb fordert auch die Annullierung der be
pflege; 49, Römisch- Germanisches Zentralmuseum; 50, Historischer Verein; 51, Zentralstelle für die Landesgewerbe; 52, Geologische Landesanstalt; 53, Aerztlicher Dienst; 54, Impfwesen; 55, Hebammen- Lehranstalt zu Mainz.
Vor Schluß der Sigung ereignete sich ein aufsehen erregender Zwischenfall den wir schon gestern dem größeren Teil unserer Leser mitteilen konnten. Der Vorsitzende Haas verlas folgende vom Abg. Reinhart( natl.) und 16 Genossen unterschriebene Interpellation: Für die Linie Buzbach- Lich ist seinerzeit ein Staatsbeitrag von 20 000 m. pro Kilometer bewilligt worden. Nach umlaufenden Gerüchten soll der Abgeordnete, der seinerzeit für diese Linte lebhaft eingetreten ist, für die Bari Unterbringung nicht börsengängiger Prioritäten bei den beteiligten Gemeinden eine Provision von 33000 m. von dem Betriebsunternehmer erhalten haben. Wäre das Gerücht wahr, so würde das zeigen, daß der Staatszuschlag ohne Notwendigkeit bewilligt worden wäre. Wir fragen daher an, was der Großh. Regierung über diese Angelegenheit bekannt ist." Die Interpellation richtet sich gegen den im Hause anwesenden Abg. Jouß( fiaftionslos), der bei ihrer Verlesung den Sigungssaal verließ.
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Wir fönnen aus einem Brief den der Abg. J.uk an den Butzbacher Stadtvorstand gerichtet in der fraglichen Angelegenheit noch mitteilen, daß der Abg. Jout bei der Unterbringung der Obligationen zum Bau der Bahn Buzbach- Lich tatsächlich 33 000 Mt. eingeheunst hat. Herr Jouß hat diese Snmme aus Obligationen die er mit 94% bekommen und die zum vollen Wert an den Mann gegangen sind, so daß ihm bei jeder Obligation de Differenz von 6% zufiel. Außerdem aber bezog der Abg. Jouz du ch 21 Monate bei Ausführung der Bahn 10 500 Mart so daß ihm der Bahnbau Buzbach- Lich 43 500 Mt. eingebracht hat.- Der geneigte Leser wird es nach dem begreiflch finden, warum der geschäftige Herr und Vottsvertreter auch den Bahnbau Grünberg Lich an fich reißen wollte. Tas Bahnbau Kem tee hat das Wohlwollen und die reichen Kenntnissen des Herrn Abgeordneten gleich m't dem richtigen Maß gemessen und ihm s. 3t. die Vollmacht zu den Vorarbeiten wieder abg nommen. Das be= irrte den Herrn aber feineswegs, die Vorarbeiten und seinen Plan aufzug ben, der„ Verdienst" war zu verlockend, er führte die Vo arbeiten trobem aus, ohne Auftrag der beteiligten Gemeinden und daran erkennt man den Herrn zur genügest Ülte die Kosten den Gem inden in Rechnung! Glücklicher Weise war das Kreisamt Gießen in der Ana legenbeit orientiert und legte sich, we aus nachstehendem Brief, der an die Burgermeister der beteiligten meinden unter 9 Fetr. grcht na, ersichtlich, ins Mittel und zeigte den Fürge mistern den Weg. Der Brief lautet:


