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Dienstag, den 19. Januar 1904.
Gießener
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Bostzeitungsliste No. 3269.
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Unfer Kolonialbefitz.
Die bedrohlichen Nachrichten vom Aufstand der Hereros in unserem südwestafrikanischen Schutzgebiet haben in ängstlichen oder pessimistischen Seelen wieder einmal die Doppelfrage ausgelöst:„ Haben wir denn überhaupt nötig, uns in foloniale Unternehmungen einzulassen, und wird unser jetziger Rolonialbesitz wohl jemals irgend wertvolle Früchte für uns tragen?" Unser Berliner CB.- Mitarbeiter hat es angesichts dieser im jezigen kritischen Moment nicht unbedenklichen Regungen kolonialer Verdrossenheit für angebracht erachtet, die Ansicht einer der angesehensten Kapazitäten auf dem Gebiete der Kolonisationstätigkeit über die beiden beregten Punkte einzuholen.
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Auf die Frage
Haben wir Kolonien nötig?
Graf Bülow über den Herero- Hufftand.
Zu Beginn der gestrigen Reichstagssitung hat der ver antwortliche Leiter der Reichsgeschäfte, Graf Bülow, Ver anlassung genommen, dem deutschen Volke alle zur Zei: möglichen Aufschlüsse über die Lage in Südwest afrikc und die von der Regierung getroffenen Maßregeln zu geben. Der Kanzler gab vor Eintritt in die Tagesordnung eine Er klärung ab, in der er die Ereignisse in der Kolonie e r n st" nannte und u. a. ausführte:
äußerte der Gewährsmann unseres Mitarbeiters folgendes: Die Frage, ob ein Volf Kolonien notwendig hat, wird grundsätzlich mit Ja zu beantworten sein, denn der Charakter eines Volkes als Kulturnation wird im wesentlichen nur dadurch erwiesen, daß es tieferstehenden Völkern seinen Stempel aufzudrücken vermag. Im gewissen Sinne ist die Weltgeschichte eine Geschichte der Kolonisiertätigkeit der Kulturnationen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich allerdings der Begriff der Kolonie wesentlich verändert. Heute versteht man darunter lediglich den außereuropäischen Besitz der Festlandstaaten. Von den Großmächten ist keine mit Ausnahme von Desterreich- Ungarn ohne Solonialbesitz. Deutschland ist allerdings ziemlich spät in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten, was einerseits durch die staatlichen Verhältnisse des Reiches, zum zweiten aber auch durch seine geographische Lage zu erklären ist. Das Deutschland des selig entschlummerten Bundestages war infolge seiner inneren Zerflüftung, infolge des Mangels an jeder Organisation und des Nationalbewußtseins selbstverständlich außer Stande, sich Kolonialbesitz anzueignen. Nur das Herrscherhaus, das uns die Kaiser der neuen Zeit gegeben hat, die Hohenzollern, hatten ein lebhaftes Verständnis für den Wert eigenen Kolonialbefizes. große Kurfürst hat nach mehrfachen anderen Versuchen die Kolonie Neuwilhelmsburg und Neuguinea in Afrika errichtet, aber der kleine Staat in der sogenannten Streusandbüchse des Deutschen Reiches vermochte froß der friegerischen Tüchtigkeit seiner Bevölkerung seinen Besitz nicht gegen die Intriguen der Kolonialmächte England und Holland zu behaupten. So schlief denn im Deutschen Reiche das Interesse für Kolonialbesit vollständig ein und die Bevölkerung war derartig gegen jede koloniale Tätigkeit eingenommen, daß sie sogar die Veräußerung der Flotte mit Jubel begrüßte. Das Interesse für die Kolonisation ist erst wieder durch die Rheinische Mission in Südwestafrika geweckt worden, die im Jahr 1868, allerdings vergeblich, den Schuh Preußens erbat.
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Die Aussichten unserer Kolonien.
Der
Generalstab kommandiert. Am 10. September 1898 wurde er zum Major befördert und nach Ablauf eines Jahres in den Generalstab der Armee versezt. Glasenapp war auch im Auslande mit Erfolg. tätig. Drei Jahre war er Instruk teur in Tientsin, 1900 begleitete er das ostasiatische Expedi. tionsforps unter Generalmajor v. Höpfner als Chef des Stabes nach China. Dort hat er seine Tüchtigkeit als Führer solcher Expeditionen erwiesen. Nach der Heimkehr v. Höpfners trat Glasenapp zm Stabe der ostasiatischen Infanteriebrigade, bis er 1901 als Bataillonskommandeur im Infanterieregiment Nr. 66 in die Heimat zurückgerufen wurde. Vor kaum zwei Jahren schied er aus dem Landheer aus und trat zur Marineinfanterie über.
Der Aufstand der Hereros, der in wenigen Tagen einen bedrohlichen Umfang angenommen hat, ist ohne sicht baren Anlaß auch für genaue Kenner des Schutzgebiets zum Ausbruch gekommen. Der Aufstand hat in wenigen Tagen den von der Eisenbahn durchzogenen und von Weißen am dichtesten besiedelten Teil der Kolonie ergriffen. Die Früchte des Fleißes und der Ausdauer eines Jahrzehnts sind im Aufstandsgebiet vernichtet worden. Ein großer Teil der Ansiedler hat sein Eigentum an Haus und Hof, an Land und Vieh verloren. Schwerer noch ist die Sorge um das Schicksal der von den Farmen nach den Stationen geflüchteten Weißen, die jetzt einen Verzweiflungskampf gegen eine Uebermacht von Eingeborenen führen. Es läßt sich heute noch nicht übersehen, wie viele von den in weiten Entfernungen zerstreut über das Land wohnenden Farmerfamilien nicht rechtzeitig die schützenden Mauern der Station zu erreichen vermochten. Der Aufstand ist in einem Zeitpunkt losgebrochen, als der Gouverneur mit dem Gros der Schußtruppen infolge der Erhebung der Bondelzwarts im Süden sich befand, mehr als 20 Tagemärsche vom Schauplatz der gegenwärtigen Katastrophe entfernt. Dadurch sind die Zufluchtsorte in der Mitte der Kolonie nur mit sehr schwachen und über weite Gebiete zersplitterten Streitfräfte versehen. Gleich die erften Nachrichten zeigten die Notwendigkeit einer ansehnlichen Verstärkung der Schußtruppe. Infolgedessen wurde die Entsendung von 500 Mann mit 6 Maschinengewehren und 6 Maschinenkanonen vorbereitet. Die erbetenen Truppen fönnen jedoch nicht vor dem 30. Januar und dem 6. Februar die Abreise antreten. Die am Sonnabend eingetroffenen Nachrichten indessen, die das Schlimmste befürchten lassen, machen weitere Maßnahmen notwendig. Es sind deshalb noch gestern alle Vorbereitungen getroffen worden, um ein zusammengestelltes Bataillon Marineinfanterie in einer Stärke von 500 Mann nebst einigen Geschüßen und einem Detachement Eisenbahnpioniere mil der größten Beschleunigung nach Swakopmund zu expedieren. Diese Truppen werden am Donnerstag nachmittag in See gehen können auf einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd, dessen Eintreffen in Swakopmund am 8. Februar erwartet werden kann. Bis zum Eintreffen der Marineinfanterie wird ein jetzt noch unterwegs befindlicher Ablösungstransport van 135 Mann, der am 3. Februar in Swakopmund fällig ist, bereits einige Unterstützung gebracht haben. Außerdem hat das in Kapstadt stationierte Kanonenboot ,, Habicht" den Befehl erhalten, nach Swatopmund in See zu gehen. Das Schiff wird dort vorausfichtlich bereits heute eintreffen.
Die Kolonialtätigkeit Deutschlands aber begann erst durch den Samoavertrag mit England und Amerika im Jahre 1879. Dann fam in rascher Folge die Erwerbung von Besitz in Togo mit 60 000 qkm, in Kamerum 493 000, DeutschSüdwestafrika 831 000, Ostafrifa 941 000 und in der Südsee 252 000 qkm und einer Bevölkerung von etwa 8 Millionen Eingeborenen und etwa 4000 Europäern. Die Ausfuhr aus unseren Kolonien beziffert sich auf 11 Millionen Mark und die Einfuhr etwa auf 15 Millionen, wofür etwa 4000 Schiffe pro Jahr in dauerndem Dienste tätig sind. Das Klima ist in einzelnen Gegenden allerdings nicht besonders günstig für die Europäer. Erst in letzter Zeit ist es der Wissenschaft gelungen, einen systematischen Schutz gegen die Hauptinfektionsträger, die verschiedenen Fliegen, durchzuführen, die Hygiene hat ebenfalls Fortschritte gemacht und ebenso die Kenntnis der Schutz- und Heilmittel gegen die spezifischen Kolonialfrankheiten. Die Bedingungen zur Aufrechterhaltung unseres Kolonialbesizes sind also wesentlich günstiger geworden, und damit wächst natürlich auch die Aussicht auf lufrative Verwertung unseres Kolonialbefizes. Allerdings ist es nicht besonders leicht, die einheimische Nomaden- und Jägerbevölkerung zu einer geordneten Tätigfeit zu erziehen, und aus dem Widerstand gegen die mit einer regelmäßigen Pflichtarbeit sich ergebenden Unbequemlichfeiten erklären sich die vielfachen Unruhen, die zum Teil auch fünstlich durch unsere Neider herbeigeführt werden. Immerhin aber hat die Kolonialverwaltung in der Erziehung zum Kulturleben bereits große Fortschritte gemacht und zwar durch ein flug ausgedachtes System. Die Steuerleistungen der Einwohnerschaft werden nur noch zum Teil in Naturalien oder Geld eingefordert, sondern meist in Form von Arbeiten, die auf den Pflanzungsanlagen der Verwaltung zu leisten sind. Hier entwickelt sich auch bereits ein gewisses gesellschaftliches Leben, indem die Gouvernements aus den Eingeborenen Musikkorps bilden, die von Zeit zu Zeit ihre Weisen aufspielen. Dadurch gewinnen viele Eingeborenen Gefallen an dem Leben auf den Stationen und bleiben dori als Ansiedler zurück. Das erforderliche Land wird ihnen gratis zur Verfügung gestellt. Die zeitweiligen Aufstände müssen bei jedem Kolonialbesig mit in den Kauf genommen werden, und es wäre ein übertriebener Pessimismus, wenn man die Flinte ins Korn werfen und die bereits errungenen Erfolge den anderen Nationen in den Schoß werfen wollte. Dann hätten wir nur für lachende Erben gearbeitet.
Unmittelbar nach dieser Erklärung verließ der Kanzler ben Saal, um sich zu einer Beratung über die Lage in Südafrika, an der a. Verireter des Reichsmarineamts und des Generalstabs teilnahmen, ins Auswärtige Amt zu begeben. Das erste Hilfskorps
Gleichzeitig mit der Mobilisierungsorder ist auch der Kaiserliche Befehl ergangen, sofort Kreuzer auszurüsten und schleunigst nach Südafrika zu entsenden. Welche Kreuzer abgehen sollen, ist einstweilen allerdings noch nicht bestimmt. Im Reichsmarineamt und im Generalstab finden täglich eingehende Beratungen stati; am Tage des Ordensfestes verhandelte der Kaiser persönlich mit dem Chef des Generalstabes, Graf v. Schlieffen, längere Zeit über die Lage in Deutsch- Südwestafrika.
Das nach Swakopmund berufene Kanonenboot ,, Habicht", das einzige Stationsschiff in Westafrika, hat eine Besatzung von 130 Mann. Die Geschützbewaffnung besteht aus 5 × 12,5 Zentimeter- Schnellfeuer- und 5X3,7 3entimeter- Revolverfanonen. Torpedo- Ausrüstung und Panzerung fehlen gänzlich, die Geschwindigkeit ist gering, 11,4 Seemeilen. Weiter steht das Schiff„ Wolf" zur Verfügung, das in der Mündung des Kamerunflusses anfert. Das Schiff hat 85 Mann Besatzung, ein gewöhnliches 8,7 Zentimeter-, ein 5 Zenti meter- Schnellfeuergeschütz und drei 3,7 Zentimeter- RevolverDie kleine Seemacht verfügt demnach insgesamt über 220 Mann, darunter 10 See-, 2 Sanitäts- und 12 Deck. offiziere, und über 15 Geschüße.
wird schon diesen Donnerstag Nachmittag und zwar von Wilhelmshaven aus in See gehen. Zu seinem Transport ist von der Regierung der Lloyddampfer„ Darmstadt" gechartert worden. Die Expedition besteht aus je 250 Mann der Marineinfanteriebataillone in Kiel und Wilhelmshaven und einem Detachement der zweiten Matrosendivision mit vier Maschinenkanonen, ferner einer Eisenbahnpionier- Abteilung.
fanonen.
Deutfcher Reichstag.
( 30. Sigung.)
CB. Berlin, 18. Januar. Das Haus war wieder gut besetzt, einmal mit Rücksicht auf die zu erwartenden Verhandlungen über die künftige Gestaltung unserer kommerziellen Beziehungen zum Auslande und deren Rückwirkung auf unser inneres Wirtschaftsleben, zum andern aber auch, weil bekannt geworden war, daß der Reichskanzler gleich zu Anfang der Sizung eine Erklärung über die
Noch keine Stunde war die neue Hiobspost aus Südwestafrika im Besitz des Auswärtigen Amts, da war der kaiserliche Befehl schon ergangen, der die Entsendung eines Hilfsforps nach der Kolonie anordnete. Und noch keine Stunde war nach der Erteilung dieses Befehls verflossen, da waren die zuständigen Kommandostellen in Kiel und Wilhelmshaven bereits mit der Mobilmachung der Expedition beschäftigt. Und noch am selben Tage war die Hilfstruppe, die sich durchweg aus Freiwilligen der Marineinfanterie und der zweiten Matrosendivision zusammensetzt, schon gebildet. Die Mannschaften, die sich gemeldet hatten, waren schon auf ihre Tropendienstfähigkeit hin untersucht, und mit der Ausrüstung des Hilfskorps war bereits der Anfang gemacht worden. Es sind unter den vielen Freiwilligen, die sich gemeldet haben, durchweg ältere Leute und nur sehr wenige Refruten ausgewählt worden.
Führer des Expeditionskorps
ist Major v. Glasenapp, seit März 1902 Kommandeur des zweiten Seebataillons. Er gehört dem Heer seit 1874 an, wurde 1877 Leutnant, ist außerordentlich schnell befördert worden und hatte als Hauptmann bereits vier Fahrgänge übersprungen. Als Hauptmann à la suite des Infanterieregiments Nr. 94 wurde er 1895 zum großen
Ereignisse in Deutsch- Südwestafrika
und über die zum Schuße der dortigen Ansiedler unverzüglich ins Werf gesezten Maßnahmen abgeben würde. Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff denn auch Graf Bülow das Wort und gab die an anderer Stelle abgedruckte Erklärung ab.
Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten. Abg. Graf Kanib( kons.) begründete eingehend die Interpellation betr.
Kündigung der bestehenden Handelsverträge.
Zur Begründung der Notwendigkeit der Kündigung der Verträge bemerkt Graf Kaniz u. a., die Regierung habe sich mit dem Abschluß des Saratoga- Vertrages-- mit der Union geradezu vor dem Auslande lächerlich gemacht - eine Aeußerung, welche Präs. Graf Ballestrem für parlamentarisch unzulässig bezeichnete. Redner schildert weiter die Notlage der deutschen Landwirtschaft, vor allem im Osten. Die Vernachlässigung der Landwirtschaft in der Zollpolitik verschulde auch, daß die Tätigkeit der AnsiedlungsKommission erfolglos bleibe und die Ansiedlungsgelder schließlich nicht der Germanisation, sondern nur den Polen zu gute kämen. Für den Getreidebau müsse mindestens der bescheidene Schutz wiederhergestellt werden, den der alte Generaltarif gewährt habe. Die ländliche Bevölkerung mache die Kraft des Landes aus und müsse daher um so mehr erhalten und in ihrem Bestehen geschützt werden, je mehr die Sozialdemokratie um sich greife. Die Kündigung sei wohl unterblieben weniger aus politischen Rücksichten, als aus Rücksicht auf die Industrie. Und darunter sollen wir Bauern ( Lachen links) leiden! Die Kündigung der Handelsverträge, chloß Redner, ist eine politische, wirtschaftliche und finanzielle Notwendigkeit, eine Lebensfrage für die Landwirtschaft. An ihr ist schwer gesündigt worden, jetzt kann sie Gerechtigkeit verlangen.( Beifall rechts.)
Staatssekretär Graf Posadow sfy erblickte in der Interpellation einen leisen Vorwurf gegen die Regierung ( Heiterkeit). Ein politischer Mann, der die Vorgänge verfolgt habe, werde kaum begreifen können, wie ein solcher Vorvurf gegen eine Regierung gerichtet werden könne, die den Bolltarif in so harten Kämpfen durchgebracht habe. Es ist, jagte der Staatssekretär, fein Zweifel daran möglich, daß die Regierung die ernste Lage der Landwirtschaft jederzeit anerkannt hat. Der Unterschied zwischen uns und dem Vertreter der Interpellation besteht auch nur in der einzuschlajenden Taktik. Sie bewundern es, wenn ein Arbeiter kühn die Hand in die weißglühende Masse legt. Das geringste Versehen würde ihm seine Aktionsfähigkeit kosten. Ebenso würde es uns gehen, wenn wir hier ein Versehen begingen. Wir haben stets an die alten Verträge die neuen zu knüpfen gesucht, um nicht unser Wirtschaftsleben schweren Schädigungen auszufeten. Daraus folat allerdings nicht, daß wir


