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Nr. 14.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50.

Gratisbetlagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Geifenblasen( wöchentlich).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Montag, den 18. Januar 1904

Gießener

13. Ja rgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober heffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 83 Fernsprechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Eine Diobspoft aus Südweftafrika! Schmerzliche Kunde kommt aus unserer südwestafrika­nischen Kolonie: Schwere Verluste hat die Schutz­truppe im Kampfe mit den Hereros erlitten, und es ist nicht abzusehen, was noch folgt. Die gesamte Schutz­truppe ist aufs äußerste gefährdet, zumal da ein unglück­licher Zufall es will, daß sie ohne Artillerie ist: alle Ge schütze sind zur Zeit zur Reparatur in Deutschland!

Selbst der Sitz der Regierung, Windhuk, ist schwer be droht! Wie groß die Gefahr ist, geht daraus hervor, daß der Gouverneur in einem Telegramm an das Kolonialami fofortige Hilfe erbittet! Die Depesche des Gouver­neurs, die all diese Unglücksbotschaften bringt, wird amit­lich in folgender Fassung veröffentlicht:

Nach soeben eingetroffenen Nachrichten ans Windhuk, 14. Januar, war Okahandja schwer bedrängt. Entsatz versuche von Windhut aus waren gescheitert. Windhuk selbst sehr bedroht. Zahlreiche Verlust c. Landsturm ein­gezogen. Sofortige Hilfe erbeten. Hereros durch Plünderung gut beritten und bewaffnet. Aus Swakopmund wird von heute morgen gemeldet, daß ein Angriff auf Stjim­bingwe noch nicht stattgefunden habe, daß aber ein Trupp Eingeborener von Okanjowa und Johann Albrechtshöhe auf Karibib in Anmarsch sei und daß weitere 25 Mann Reser­ven zur Verstärkung der Bahnstationen und Karibibs ent­fandt seien. Die Expedition Laubschats sei gestern abend wohlbehalten in Karibib angekommen, die Expedition Zülow mit 120 Gewehren jedoch anscheinend bei Waldau gefährdet.

Die hier erwähnte Kolonne unter Führung des Leut­nants d. R. Laubschat, die mit der Bahn nach Karibib ab gegangen ist, besteht aus 31 unverheirateten Freiwilligen, denen weitere 30 Mann folgen sollen. In Karibib befinden fich unter Stabsarzt Kuhn 58 Reservisten und 30 Pferde. Nach Eintreffen Laubschats soll von Karibib aus der Ent= fab Otjimbing wes, das bedroht ist und dessen deutsche Ansiedler um Hilfe gebeten haben, versucht werden. Die zweite Kolonne, die Leutnant v. Zülow führt und die 100 Mann stark ist, ist bekanntlich nach Okahandja auf dem Marsch.

Die angesichts dieser Vorgänge doppelt notwendige Ver­stärkung unserer Streitmacht in Südwestafrika, die sofort bom Reichstage gefordert werden soll, soll so beschleunigt werden, daß mit dem nächsten, am 30. d. M. von Hamburg abgehenden Dampfer eine größere Truppenabteilung nach der Kolonie befördert werden kann. Der am 6. d. M. aus Cuxhaven abgegangene Transport umfaßt 4 Offiziere, 1 Stabsarzt, 7 Unteroffiziere und 219 Mann.

Jungfernreden.

( Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Noch keine Parlamentsperiode war in ihrem Anfang so reich an Jungfernreden, wie die gegenwärtige. Den Reigen eröffnete der elsässische Demokrat Blumenthal mit einer rich­tigen Programmrede und der letzte in der Abteilung der Neu­linge war bisher der Abgeordnete von Gerlach, der in der Freitagssitzung zu dem Zeugniszwangsverfahren gegen Re­dakteure Stellung nahm. Das Auftreten eines Novizen macht sich stets schon in der äußeren Szenerie des Reichs­tags bemerkbar. Die altgedienten Soldaten des Parla­ments friechen dann, wie der Kunstausdruck lautet, aus ihren Höhlen, d. h. aus dem Restaurationsraum, den Schlafkabinen, Sen Wandelgängen, den Schreibstuben oder Fraktions­zimmern heraus und nehmen direkt unter der Rednertribüne Plaz, um genauer zu hören. Meist entscheidet sich das Schick­

sal der Abgeordneten, bezw. die Frage ihres Ansehens be­reits bei ihrem ersten Auftreten. So hat sich z. B. der Sozialdemokrat Sabor seiner Zeit niemals davon erholen fönnen, daß er in seiner Jungfernrede unfreiwillig die Rolle des lustigen Rates gespielt hatte. Einer seiner Aussprüche: Es geht etwas vor, nur weiß man nicht was," ist geradezu ein geflügeltes Wort geworden und sein Entrüstungsruf: Meine Herren, Sie lachen. Das läßt tief blicken!" purde sogar der Name für eine Kleidermode: Die Damen­taillen mit tiefem Ausschnitt wurden à la Sabor genannt. Ebenso hat sich der Abgeordnete von Frege, obgleich er durch den Einfluß seiner Partei zum Vizepräsidentenposten gelangt war, durch seine erste Rede in diesem Amt als Parlamentarier unmöglich gemacht. Das charakteristische Gesicht Freges mit dem stark ausgezogenen Schnurrbart, seine haſtigen Bewe­gungen, wenn er einen falschen Zungenschlag gehabt hatte, gaben ihm auf dem Präsidiumsthron ein so groteskes Aus­sehen, daß auf der Preßtribüne meist schon ein schallendes Gelächter angeſtimmt wurde, wenn er zur Wahrung der Geschäftsordnung überhaupt etwas sprach.

Den diesmaligen Neulingen des Parlaments kann man hinsichtlich ihrer rednerischen Leistungen eine gute Zensur erteilen. Man merkt einigen die oratorische Wirksamkeit in Bolfsversammlungen sehr deutlich an, vielleicht etwas zu deutlich sogar. So hat insbesondere der Abgeordnete Böck­ler im Verlauf seiner Rede das hohe Haus mit verehrte Anwesende" angeredet, was den Mitgliedern des Hauses ein Schmunzeln und den Preßmenschen hier oben eine

schallende Heiterfeit abnötigte. Der Schluß seiner im ubri­gen nicht ungewandten Rede schwächte dadurch im Effekt ab, daß er in den Volksversammlungston verfiel und mit einem im Reichstage vollständig verklingenden Pathos aus­rief: Deutsches Reich, gute Nacht!" Als er nachher, um­ringt von seinen Parteigenossen, nach seinem Plaze zurück­ging, erhob sich ein konservativer Abgeordneter und rief ihm mit einer artigen Verbeugung zu: Gute Nacht!"

Von großem Einfluß ist der erste Erfolg der Jungfern­rede auf die Haltung der Parlamentsberichterstatter, von deren Urteil ja im wesentlichen die Wertschäzung des Barla­mentariers beſtimmt wird. In der Beurteilung eines sol­chen Neulings spricht nur der logische Inhalt und die for­male Gewandtheit, nicht aber das Parteibekenntnis ent­scheidend mit. Das Federvolk der Presse ist eine in sich geschlossene Zunft, die zur persönlichen Bewertung eines Redners keinen anderen Maßstab kennt, als denjenigen des Intellekts. Die diesmaligen Neulinge sind zum weitaus größten Teile agitatorisch geschulte Männer und daraus er­klärt es sich, daß sie so früh schon sich flügge fühlen zum Flug in das Märchenland der Tagesberühmtheit.

Die Politik.

Wie unser Berliner CB.- Mitarbeiter aus guter Quelle erfährt, steht der Abschluß der Verhandlungen zwischen Preußen und Bayern, über die Fortführung der Main­fanalisation von Offenbach aufwärts, nahe bevor. Die Nach­richt wird formell in Preußen wie in Bayern mit Befriedi­gung begrüßt werden.

Der braunschweigische Landtag wählte an Stelle des Präsidenten Dr. Pockel den Geheimnen Justiz­

betzenen zum Präsidenten. Dann wurde der Landtag

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durch ein Resfript des Regenten bis zum 25. Februar vertagt.

Der bayerische Reichsrat Graf Moy hat bei der Kam­mer der Reichsräte den Antrag gestellt: Die Kammer wolle der Staatsregierung zur Erwägung geben, ob nicht im In­teresse des religiösen und politischen Friedens eine Aende­rung des dem Landtage vorgelegten Wahlgefeßentwurfes dahin vorzunehmen sei, daß das Wahlrecht der Geistlichen aller Konfessionen ausgeschlossen oder beschränkt werde. Offenbar will Graf Moy den Geistlichen nicht nur das passive, sondern auch das aktive Wahlrecht nehmen. Oefterreich- Ungarn.

+ zur Prüfung der Angelegenheit des Erzbischofs Kohn, der gegenwärtig in Rom weilt, ist eine Kommission von fünf Kardinälen eingesetzt worden. Die Entscheidung soll in nächster Woche erfolgen. Der Erzbischof hat von Rom aus die Leitung des Olmüßer Dominikanerordens aufgefordert, den Pater Stonad, den Beichtvater des Verfassers der Kohn angreifenden Rektusartikel, in eine andere Stadt zu ver­feßen. Die Ordensleitung hat das indessen abgelehnt, und in einer Form, die für den Erzbischof keineswegs schmeichelhaft ist. In müß wie in ganz Desterreich sieht man dem Aus­gang der Affaire mit begreiflicher Spannung entgegen.

Italien.

Eine große Komödie haben in Rom die beiden Freiheitshelden" Boris Sarafow und Ricciotti Garibaldi aufgeführt. Es wird darüber aus Rom berichtet: Zunächst umarmten und füßten sich die beiden Heroen lange und innig. Dann feierten" sie gegenseitig ihre Verdienste und begannen alsdann über ihr gemeinsames Balkan- Programm" zu ,, konferieren", wobei sie Oesterreich und Rußland ihre allerhöchste Mißbilligung aussprachen. Nach­dem sie endlich die Grundzüge für eine Einigung aller italienischen, kroatischen, mazedonischen und griechischen Elemente gegen das Deutschtum und das Russentum festgelegt hatten, nahmen die beiden Volkshelden rührenden Abschied von einander. In einer demnächst stattfindenden Versamm­lung von Anhängern Garibaldis soll darüber beschlossen wer­den, was zu tun ist. Einstweilen soll die Teilnahme italie­nischer Freischärler an der mazedonischen Erhebung ausge­schlossen sein. Im anderen Falle könnten die Garibaldinner sich auch gratulieren; Rußland und Desterreich würden ihnen wohl gehörig auf die Finger klopfen, wenn sie sich in die Sache einmischen wollten.

frankreich.

Ein Ultimatum an den Papst ist das neueste Ereignis in dem Kampfe zwischen der römischen Kurie und dem Kabi­nett Combes. Drei französische Bischofssite sind zur Zeit frei, und die französische Regierung präsentierte dem Vatikan ihre Kandidaten für diese Bistümer- Vannes, Nevers und Ajaccio. Der Papst verweigerte seine Zustimmung zu der Ernennung dieser Bistumskandidaten und erklärte, diese Kandidaten seien Priester, die er von rechtswegen ihres Amtes entkleiden müßte. Daraufhin hat die Pariser Re­gierung dem Papste durch den eben in Rom eingetroffenen Erzbischof von Rouen ein Ultimatum behändigen lassen, in dem es hieß: Entweder die Kandidaten werden unverzüg­lich vom Papst angenommen, oder die französische Regie­rung stellt dem päpstlichen Nuntius seine Pässe zu und ver­öffentlicht auch ohne die Zustimmung des Papstes die Er­nennung der Bischöfe. Angesichts einer so peremptorischen

Forderung hat Bapst Pius jetzt nachgegeben und seine Zu­stimmung zu der Ernennung erteilt.

Afien.

Nichts neues in Ostasien! Das bleibt auch heute der Kern aller Nachrichten, die fast ausschließlich in Stim­mungsmache bestehen. Ueberwiegend sprechen sich alle Mel­dungen aus Tokio und Petersburg, soweit sie nicht über England kommen, für die Wahrscheinlich feit einer Verständigung aus. Man glaubt in den Kreisen der internationalen Diplomatie, die friedlichen Erklärungen des Zaren zum diplomatischen Korps in Petersburg seien die Vorläufer einer freundschaftlichen Beilegung der Krisis. In deutschen politischen Kreisen glaubt man, daß Rußland be­reit sei, in wesentlichen Fragen nachzugeben, sobald eine diplomatische Form gefunden ist, welche ihm das erlaubt, ohne daß es den Schein erweckt, als weiche es dem Zwange. Zum Glück für die Sache des Friedens hat Japans gleich­förmig höflicher diplomatischer Ton die Möglichkeit einer sol­chen Verständigung leicht gemacht.

Amerika.

Hundertfältig sind die Methoden der Annexionsprayis der Union. Neuerdings wird in Amerika auf dem bisher etwas ungewöhnlichen Wege der Hafenausbagge= rung annektiert. Nach einer Meldung aus Washington hat der Senatsausschuß, der zur Zeit den Panamakanalvertrag berät, einen Abänderungsantrag angenommen, demzufolge den Vereinigten Staaten das Recht zugestanden werden soll, die Häfen von Panama und Colon auszubaggern und zu verbessern. Dafür sou die Union berechtigt sein, eine Kontrolle über diese Häfen auszuüben. Kontrolle aus­üben" heißt in diesem Falle nicht mehr und nicht weniger, als die volle Verfügung über den Hafen haben. Die Amerikaner verstehen sich auf ihr Geschäft, das muß man ihnen lassen!

Eröffnung des preussischen Landtages.

Genau fünf Jahre nach dem Beginn der vorigen Legis­laturperiode ist der preußische Landtag zu neuer Parla­mentsarbeit zusammengetreten. Wie immer, ging dem Be­ginn der Sizungen die feierliche Landtagseröffnung im föniglichen Schlosse voraus. Gegen 11 Uhr versammelten sich etwa 400 Mitglieder der beiden Kammern im Weißen Saale des Schlosses. Unter den üblichen Formalitäten vollzog sich die feierliche Handlung: die Minister nahmen links, die hohen Militärs rechts vom Throne Aufstellung, vor dem Throne gruppierten sich die Abgeordneten. Der König, der von dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Friedrich begleitet war und die Uniform der Gardes du Corps mit dem Adlerhelm trug, nahm vor dem Throne Aufstellung. In diesem Augenblick brachte der Vizepräsi dent des Herrenhauses, Freiherr v. Manteuffel, das Hoch auf den König aus. Graf Bülow überreichte dem Herr­scher unter tiefer Verbeugung die

Thronrede,

die der König mit klarer, deutlicher Stimme verlas. Sie hat folgenden Wortlaut:

Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags! Indem ich Sie am Beginn eines neuen Abschnitts der parlamentarischen Arbeiten begrüße, ist es meinem Herzen Bedürfnis, zunächst meinem tiefempfundenen Dank Ausdruck zu verleihen: dem Dank gegen die göttliche Vorsehung, die mir eine schnelle Genesung schenkte, und dem Dant gegen mein Volk, das in allen seiner Schichten voll inniger Teilnahme seinem Landesherrn die Treue bewährte, die in guten und bösen Tagen Preußens König und Voll untrennbar verbindet. Zahlreich und schwerwiegend sind die Auf­gaben, für deren gedeihliche Lösung ich auf Ihre einſichtsvolle Mit­

arbeit rechne.

Die Finanzlage des Staates hat sich nach einer kurzen Zeit des Rückganges wieder günstiger gestaltet. Ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung zeigt sich in der Wiederbelebung des Verkehrs bei den Staatsbahnen und in der Hebung der Staats­einnahmen. Die Rechnung des Jahres 1902 bat günstig ab­geschlossen. Im Rechnungsjahr 1903 wird voraussichtlich der zur Verfügung gestente Staatskredit von 70 Millionen nicht in Anspruch genommen werden. Es wird sich vielmehr noch ein Ueberschuß ergeben. Auch im Entwurf des Staatshaushalts- Etats für 1904 war es möglich, das Gleichgewicht zwischen den Einnahmen und Ausgaben herzustellen. Ohne außerordentliche Mittel zu Hilfe zu nehmen, ist den wachsenden Anforderungen einer fortschreitenden Kulturentwicklung Rechnung getragen worden. Für die Ausgestaltung der Anlagen und die Vermehrung der Betriebsmittel der Staats­eisenbahnen find reichliche Beträge vorgesehen. Der geringst besoldeten Klasse ihrer Angestell en, den Bahnwärtern, ist eine Gehaltsaufbesserung zugedacht. Zur Erweiterung des Vahnueyes und zur Unterstützung von Kleinbahnunternehmungen, die der wirtschaft ichen Förderung des Landes dienen werden wieder erhebliche Mistel von Ihnen erbeten werden. Ebenso wird der bereits in den Vorjahren beschrittene Weg einer Verbesse rung der Wohnungsverhältnisse der in Staats­betrieben beschäftigten Arbeiter und der gering bejoldeten Beamten in einer neuen Ge eyesvorlage weiter verfolui.

Zu meiner lebhaften Befriedigung hat die vorjährige große Ausstellung der deutschen Landwirtsgesellschaft meine Ueberzeugung gefestigt, daß die landwirtschaftliche Bevölkerung aller