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Nr. 7

Samstag, den 9. Januar

INC

1904

Nr. 8.

bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 fs, in'e Haus gebracht 00 Bfg., durch die Poft bejogen dicrtals fährlich Mr. 1.50.

Sratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbefficge Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Bartenban, sowie bie Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Mertingen na mitage.

Montag, den 11. Januar 1904.

Gießener

13. Ja rgang.

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ganz Oberheffen, bie Kreise Bebler und Marburg 10 Bfe. fofit 15 Pig.; Reflemien die Petitzetle 30 resp. 40 Bis.

Boftzeitungsliste No. 3000.

Rebeftien und Erpebition: Gießen Nenenweg 98. Feresprecherluf Rs. 308.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Raeßßängige Tageszeitung

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Esthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheſſen.

Ein deutfcher Diplomat

über die Lage in Oftafien.

Krieg oder Frieden in Ostasien? Seit Wochen schon wird biese Frage in allen möglichen Nuancen durch die Presse aller Nationen variiert, ohne daß bisher irgend ein greifbares Resultat zutage getreten wäre. Rosig gefärbte Botschaften wechseln mit düsteren in bunter Reihe ab und beleben oder jemmen den Pulsschlag des Welthandels und der Induſtrie. Nicht einmal die Ueberreichung der russischen Antwortnote an Japan hat an diesem Stand der Dinge etwas geändert. Denn ihr Wortlaut wird von beiden Seiten bisher streng ge­heimgehalten. Bei dieser Unsicherheit wird eine Unter­redung unseres Berliner CB.- Mitarbeiters mit einem durch langjährigen Aufenthalt in Oſtaſien über die einschlägigen Verhältnisse aufs beste unterrichteten de ut- ichen Diplomaten einen dankenswerten Ariadnefaden durch das Labyrinth von Kriegs- und Friedensgerüchten bieten. Der Gewährsmann unseres Mitarbeiters schneidet darin die Grundfrage an:

Wem nützt ein Krieg in Ostasien?

Wenn Japan die Hoffnung hegen könnte, Rußland dauernd aus Asien zu vertreiben und die gelbe Rasse dort zum alleinigen Herrn der Situation zu machen, dann wäre es nur vernunftgemäß, wenn es den Krieg mit aller Macht vorbereiten würde. So liegen aber die Verhältnisse bei weitem nicht. Japan kann höchstens Rußland zur Zeit an einem weiteren Vormarsch hindern und kann sonach Korea gegen eine Invasion der Russen schüßen. Ganz aussichtslos aber ist das Unterfangen, Rußland von jeglicher Mitwirkung bei der Aufteilung Chinas auszuschließen. Sowohl seine mili­tärischen, wie seine finanziellen Ifsmittel sind den Ja= panern weit überlegen. Rußland hat wegen seines reichen Domanialbesiges und wegen der Entwickelungsfähigkeit seines wirtschaftlichen Lebens bei allen europäischen Märkten ziemlichen Kredit. Japan aber hat nicht einmal annähernd so viel Aussichten für das Gelingen einer Anleihe, als sein Gegner. Schon in friedlichen Zeiten werden seine Anleihen weit unter Pari- meist zur Hälfte des Nominalkurſes aufgelegt. Es würde sich aber nicht ein einziger Staat finden, der eine Kriegsanleihe finanzieren wollte. Nicht einmal England wird dies tun. Unter diesen Umständen stehen die Verhältnisse für die Japaner folgendermaßen: Gelingt es ihnen wirklich, durch große militärische und finanzielle An­strengungen Rußland zurückzudrängen, dann ist nach Be= endigung des Krieges ihre Finanzkraft erschöpft und die ganze wirtschaftliche Entwickelung gehemmt.

In ähnlicher Weise aber hat auch Rußland ein Interesse an der Fortdauer des Friedens, einmal weil ein zu hohes Engagement im Osten seine Stellung im europäischen Orient und in Mittelasien ganz erheblich gefährdet, weiterhin aber, weil hierdurch die Umwandlung seines Geldwesens in die Goldwährung, sowie die innere Kultur und zwar die Ver­bollkommnung des landwirtschaftlichen Betriebs und die Her­anbildung einer leistungsfähigen Industrie um Jahrzehnte zurückgeworfen wird. Also nicht allein die Friedensliebe des Zaren, sondern auch ausgesprochene materielle Interessen bedingen notwendigerweise in Rußland eine friedliche Haltung.

Von den sonstigen Interessenten kämen noch England, der angebliche Bundesgenosse Japans, Amerika und China in Be­tracht. England ist erfahrungsgemäß stets mit seinen internationalen Plänen am besten gedeckt, so lange die Kriegs­rüstungen dauern. Ein wirklicher Krieg aber liegt nicht in seinem Interesse, weil dadurch wenigstens für eine ge­wisse Zeit hinaus die Vormachtstellung in Ostasien zu gunsten der einen oder der anderen Macht entschieden ist und weil die größere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß nicht Japan, sondern voraussichtlich Rußland, Englands ge­fährlichster Gegner, der obsiegende Teil sein würde. Für Amerika fallen hauptsächlich Handelsfragen entscheidend ins Gewicht. So lange Japan und Rußland einander kampf­bereit gegenüber stehen, wird jeder der beiden Staaten be­müht sein, durch entgegenkommendes Verhalten in Verkehrs­fragen moralische Eroberungen zu machen. Also auch Ame­rifa wird trotz der Sympathien der Bevölkerung für Japan feine zum Krieg treibende Macht sein, noch weniger aber dürfte dies bei China der Fall sein, denn das Reich der Mitte weiß, daß es selbst beim Friedensschluß den Hauptanteil an der Zeche zu tragen hat. So kommt man denn zu dem Er­gebnis, daß alle Interessenten an der Fortdauer des Frie­dens festhalten müssen, wenn sie nicht wichtige Dinge aufs Spiel setzen wollen.

Zu berkennen ist freilich nicht, daß die Volksstimmung in Japan der Regierung die Friedenspolitik außerordentlich schwer macht. Der rasche und verhältnismäßig billige Erfolg bei dem Kriege mit dem in den alten Kulturformen förm= lich erstarrten China hat den Nationalstolz und das Kraft­gefühl des Volkes in vielleicht übertriebener Weise gehoben. Aber in der Regieruna fiten kluge Rechner, die da wissen,

was bei dem blutigen Würfelspiel eingesetzt werden müßte und daß doch immer nur ein periodischer Erfolg zu erreichen ist. Die beiden Feinde begegnen sich also in dem Interesse, auf dem Wege einer friedlichen Verständigung die Macht­verteilung herbeizuführen, und darin liegt, wenn nicht die Kriegspartei in Japan übermächtig wird, selbst jetzt im fri­tischen Stadium des Konfliktes immerhin noch eine große Friedenssicherung.

Diese Auffassung des deutschen Diplomaten findet ihre Bestätigung in den neuerdings eingegangenen Mel dungen. Zunächst hat die japanische Regierung offiziell das Gerücht, daß eine Expedition nach Korea demnächst abgeher solle, für unbegründet erklärt. Dieses Dementi scheint an zudeuten, daß die russische Note das Uebergewicht Japans in Korea anerkennt. Damit wäre die Hauptforderung Japans erfüllt, und so ist es denn nur natürlich, daß das Tofioter Kabinett, wie eine weitere Meldung besagt, so gut mie beschlossen hat, die Verhandlungen mit Rußland fort zusetzen. Japan ist zwar mit den Bedingungen Rußlande nicht zufrieden, fühlt sich jedoch nicht berechtigt, ein Ultima­tum zu erlassen oder die Verhandlungen abzubrechen. Japan will nochmals versuchen, eine Abänderung der Vorschläge Rußlands zu erwirken. Die Verhandlungen dürften einige Wochen dauern; es gilt als sehr unwahrscheinlich, daß der Frieden in der Zwischenzeit gestört werden könnte.

Aussichten auf eine gütliche Lösung der Krise eröffnet auch eine offizielle Erklärung der japanischen Gesandtschaft in Paris, daß die japanische Regierung nach wie vor alle ihre Anstrengungen auf die Erhaltung des Friedens richtet.

Was indessen am sichersten dafür spricht, daß Japan mit der Aufrechterhaltung des Friedens rechnet, ist die Tat­sache, daß Japan bisher kein Ausfuhrverbot für Dampfkohle erlassen hat, obwohl diese russischerseits auch weiterhin in großen Mengen in Japan angetauft no. Auch in Eng­land, wo der Krieg noch vor wenigen Cunden als under­meidlich erklärt wurde, tritt man jetzt auma ich den Rückzug an. Nach neueren Reutermeldungen halten die englischen Regierungsfreise den Krieg nicht mehr für an ermeidlich, wenn sie auch den auf dem Festlande fortdau gezeigten Optimismus" in der Beurteilung, der Lage sit nicht zu eigen machen wollen. Die Sensationsblätter Old- nglands machen natürlich nach wie vor gruselig: Nach den Daily Expreß" sollte es schon zu einem Gefecht zwisa der russischen und der japanischen Flotte in der Meer ac von Asushima gekommen sein. Selbstverständlich ist day m fein wahres Wort. Das gleiche gilt von den fortgesetzi Verdächtigungen der Haltung Deutschlands, insbesondere vor der neuerdings in englischen Blättern auftauchenden Mel­dung, Deutschland habe mit Rußland über die ostasiatische Frage einen Vertrag abgeschlossen. Zwischen Deutſchland und Rußland ist nicht die geringste Vereinbarung getroffen.

Russisch- japanische Rüstungen.

Selbstverständlich sind beide gegnerischen Mächte nach dem Grundsat Toujours en vedette unablässig bestrebt, ihre Rüstungen zu vervollkommnen. Ueber die weiteren Rüstungen Rußlands wird gemeldet: In der Mandschurei sind jetzt wieder 6000 Koſafen angekommen; Rußland hat jetzt 100 000 Mann in der Mandschurei. Außerdem bemüht sich Ruß­land, von der Türkei die Erlaubnis zur Durchfahrt der russischen Schwarzmeerflotte durch die Dardanellen zu er­halten, die eventuell nach Ostasien abgehen soll. Der Sultan soll dazu geneigt sein, wenn Rußland ihm gewisse Garantien in der mazedonischen Frage und besonders die Gewähr gibt, daß es in einem türkisch- bulgarischen Kriege neutral bleiben werde. Rußland hat ferner in den Vereinigten Staaten zehn Wagenladungen Rindfleisch in Büchsen bestellt, die schleunigst geliefert werden sollen.

Japan macht 3. Zt. in den Vereinigten Staaten Be­stellungen auf Kavalleriepferde; mehrere Wagenladungen sind bereits gekauft. Auch auf einen türkischen Kreuzer hat Japan ein Gebot abgegeben.

Die Politik.

Der Gefeßentwurf wegen Entschädigung unschuldig Ver hafteter, der in der Thronrede angekündigt war, ist im Bundesrat noch nicht endgültig durchberaten. Die Ab­grenzung der Entschädigungsfälle verursacht ein ungewöhn­liches Maß von Schwierigkeiten, eine Einigkeit darüber war bisher im Bundesrat nicht zu erzielen. Der Bundesrat wird erst in der nächsten Woche sich über diesen Punkt schlüssig machen. Auch die finanzielle Tragweite des Gesetzes hat die Borarbeiten sehr erschwert.

Die Meldung, daß der Fürsterzbischof von Böhmen, Frhr. b. Skrbensky eine Audienz bei Kaiser Wilhelm nachgesucht hat, und von diesem empfangen worden ist, lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf die etwas verzwickten firchen­rechtlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Dester­reich. Kirchlich hängt, soweit die katholische Konfession in Frage kommt, die preußische Provinz Schlesien noch immer mit Desterreich zusammen. Wie dem Fürsterzbischof von Prag preußische, so sind dem Fürstbischof von Breslau öfter­

reichische Gebietsteile unterstellt geblieben. Alle Versuche, Siesen ,, kirchenpolitischen Zweiteilungen" etwa durch einen Austausch der beiden Diözesenanteile zu beseitigen, sind vornehmlich an finanziellen Gründen gescheitert, trotz der Mißstände, die diese Zweiteilung im Gefolge hat. Der An­laß der Reise des böhmischen Fürsterzbischofs nach Berlin ist die Erfüllung einer Pflicht, der Frhr. v. Skrbensky bis­her nicht nachgekommen ist: Während der Fürstbischof von Breslau sich regelmäßig nach seiner Bestellung und nach der Ablegung des Huldigungseides gegenüber dem König von Preußen nach Wien begibt und dort in gleicher Weise nac dem Huldigungseid die Bestätigung für den österreichischen Anteil seiner Diözese erhält, haben die Prager Erzbischöfe bisher sich nicht dazu verpflichtet geglaubt, auch dem König von Preußen den Huldigungseid zu leisten. Frhr. von Skrbensky will dies übrigens auch nicht tun, sondern sich dem preußischen Hofe nur vorstellen. Falls er bei dieser Ge­Legenheit nicht doch noch den Huldigungseid leiſtet, ist, wie in Hoffreisen verlautet, die preußische Regierung entschlossen, allen fünftigen Breslauer Erzbischöfen die Ableistung des Huldigungseides vor dem österreichischen Kaiser zu unter­

fagen.

Dieser Tage fand im Reichsschazamt eine Besprechung der Frage start, welche Maßregeln bei der Begebung vor Reichsanleihen im Interesse der Vermeidung von Störungen des Anleihemarktes zu ergreifen seien. An der Konferenz nahmen Vertreter des Reichsschazamts, der Reichsbank, des preußischen Finanzininister iums, der Seehandlung und meh­rere Großbanken teil. Die Besprechung, die einen streng bertraulichen Charakter trug, wird in mehreren Blättern als der Vorbote einer neuen Reichsanleihe angesehen. Dazu liegt, wie unser Berliner B.- Mitarbeiter aus zuverlässiger Quelle hört, gar keine Veranlassung vor. Vor der Hand ist eine solche Anleihe nicht erforderlich.

Eine neue Mittelstandsvereinigung ist unter dem Namen Allgemeiner Verein der Gewerbetreibenden Deutsch­lands" in Berlin ins Leben getreten. Ihr Zweck ist haupt­sächlich die Bekämpfung der Warenhäuser, der Konsum-, Beamteneinkaufs- und der Rabattsparvereine.

Die Eröffnung des preußischen Landtages wird am 16. d. M. im Weißen Saale des Berliner Schlosses durch den König persönlich vorgenommen werden.

Von einer entgegenkommenden Haltung des Bischofs Korum von Trier wird aus Neuwied berichtet. In der paritätischen städtischen Lehrerinnenbildungsanstalt wurde bisher von der katholischen Geistlichkeit die Erteilung des Religionsunterrichts an die Seminaristinnen verweigert, so daß die katholischen Schülerinnen genötigt waren, sich die zum Examen erforderlichen Kenntnisse durch Privatunter­richt zu erwerben und sie später durch ein besonderes Eramen nachzuweisen. Verhandlungen mit dem Bischof Korum haben jetzt zu dem Ergebnis geführt, daß vom nächsten Schuljahre ab die Erteilung des katholischen Religionsunterrichts in der Anstalt gestattet wird. Im Interesse des konfessionellen Friedens kann man dieses Entgegenkommen des Bischofs nur mit Genugtuung begrüßen.

A Nach einem Erlaß des preußischen Kultusministers ist, da bei der Prüfung von Lehrerinnen an mittleren und höheren Mädchenschulen die Anforderungen in Deutsch, Ge­schichte und Französisch höher sind, als bei der Prüfung von Lehrerinnen an Volksschulen, bei der nochmaligen Prüfung einer Volksschullehrerin für mittlere und höhere Mädchen­schulen( Ergänzungsprüfung) die Prüfung in sämtlichen Fächern abzu egen, in denen die Anforderungen höhere sind, also auch in Deutsch und Geschichte.

Amerika.

Von ganz merkwürdigen ,, Staatsausgaben" im doppel­ten Sinne des Wortes weiß der Bericht des Sekretärs des Washingtoner Senats zu berichten. Unter Nebenausgaben" wird da mitgeteilt, daß die Senatoren der Vereinigten Staaten im letzten Jahre 300 000 Dollars Staatsgelder zum Ankauf von Handschuhkästen, Pompadours, Taschenbüchern, Füll­federn, Manicure- Bestecken und ähnlichen zur Gesetzgebung unbedingt erforderlichen Dingen ausgegeben haben. Weiter berbrauchten die 90 Senatoren im abgelaufenen Jahr 25 000 Chinin- Pillen, hunderte von Paketen Kaugummi und ähn­liche Sachen. In einem Jahre hat der Senat dem Lande 500 000 Dollars Gehälter und Meilengelder für die Sena­toren, 500 000 Dollars für die Beamten des Hauses und 500 000 Dollars für Nebenausgaben" wie die obigen ge­toftet!

Nab und Fern.

Politisches Duell? In Hannover sind merkwürdige Ge­rüchte über ein politisches Duell im Umlauf. Ein Berliner Blatt, dem wir die Verantwortung für die Meldung über­lassen müssen, macht sich zum Sprachrohr der Hannoverschen Fama. Es berichtet, zwischen dem hannoverschen Stadt­direktor( d. h. Oberbürgermeister) Tramm und dem vor einigen Monaten plößlich unter aufsehenerregenden Um­ständen aus dem Amt geschiedenen bisherigen hannoverschen Regierungspräsidenten v. Brandenstein habe ein Pistolen­duell stattgefunden. Stadtdirektor Tramm soll dabei durch einen Schuß in den Unterleib schwer verwundet worden sein. Ueber die Voraeschichte des Duells erzählt das Blatt: Die