Nr. 107.
Erstes Blatt.
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Samstag, den 7. Mai 1904.
Gießener
13. Jahrgang.
Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Oberheffen, die Kretse Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Betreff: Freiwillige für den Dienst in Südwest
Afrifa.
Bekanntmachung.
Für den Dienst in Südwest- Afrika ist ein weiterer Bedarf an Mannschaften erforderlich geworden. Freiwillige der Reserve aller Waffengattungen, welche bereit sind, sich für ein Jahr zum Dienst dortselbst zu berpflichten, wollen sich bis spätestens 7. Mat behufs Vornahme einer ärztlichen Untersuchung auf dem Bezirkstommando, Seltersweg 55, persönlich anmelden. Auskunft über die Gebührnisse u. s. w. wird hier erteilt. Bezirkskommando Gießen.
Betreff: Wie oben.
Alsfeld, den 4. Mai 1904.
Das Großh. Kreisamt Alsfeld an die Großherzoglichen Bürgermeistereien. Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie ortsüblich bekannt machen lassen.
Dr. Melior.
Der Krieg in Oftalien.
Unsere Vermutung, daß die Japaner jetzt ernstlich gegen Port Arthur vorgehen würden, hat sich inzwischen schon bestätigt. Ihre Truppen bedrohen die Festung von der Landseite her, nachdem der neuliche Branderangriff der russischen Flotte einen unüberwindlichen Riegel vorgeschoben und sie zur Tatenlosigkeit im Hafen gezwungen hat.
Aus Tokio liegt bereits die amtliche Meldung über die Landung der Japaner auf der Liautung- Halbinsel bor. Wenn auch naturgemäß der Ort der Landung und die Truppenstärke von der japanischen Heeresleitung vorläufig verschwiegen wird, so liegt doch bereits von privater Seite eine Nachricht vor, die Schlüsse auf die Bewegungen der Japaner zuläßt. Aus Tschifu wird gemeldet:
Die Japaner begannen am 5. d. Mts. an der Ostküste der Halbinsel Liautung, gegenüber den Elliotinseln, Truppen zu landen. Eine Rekognoszierung zur See soll gezeigt haben, daß die Ostküste von Takushan gegen Süden hin Ende April von verhältnismäßig schwachen KavallerieAbteilungen bewacht war.
Die Japaner führen also wirklich den Plan aus, den unser Mitarbeiter entwickelte. Die landenden Truppen gehören sicherlich zur dritten japanischen Armee unter General Nogi, die Port Arthur abschneidet und zugleich der von Takushan aus vorrückenden zweiten Armee unter General Oku als Aufnahmepunkt dient. Da auf der Straße nach Tatuschan vorgenommene Rekognoszierungen ergeben haben, daß nur schwache russische Kavallerieabteilungen dort standen, so steht dem schleunigen Anmarsch General Okus nichts im Wege. Daß man bei der russischen Heeresleitung überzeugt ist, Port Arthur nicht halten zu können, geht daraus hervor, daß man eine ganze Anzahl von schweren Geschüßen nach der Hauptverteidigungslinie Kaiping- Liautschang- Mukden bringen ließ. Auch der bisherige Oberbefehlshaber der Feftung, Admiral Alexejew, und der Großfürst Boris Wladimirowitsch haben die Stadt verlassen, um sich ins Hauptquartier nach Liautschang zu begeben.
Höchstwahrscheinlich rechnet man auch in der russischen Heeresleitung mit dem Gedanken
die Position in Fönghwanghtscheng räumen zu müssen, da die Stellung durch die verfolgender Truppen des Generals Kuroki in der Front und zugleich in der linken Flanke von Süden her durch die zweite Armee unitler Oku bedroht wird. Dieser Uebermacht gegenüber tönnen die Russen nicht ernstlich stand haften, troßdem ihnen alles daran liegen mußte, den Ort zu halten. FönghwanghHcheng ist wichtig als Knotenpunkt von drei Straßen, von Nordwesten aus Mukden und Liautschang, von Besten aus der Halbinsel Liautung über Hsinyen und von Südosten aus Korea. Von der Straße nach Hsinyen trennt sich später der Weg nach Takuschan an der Küste der Mandschurei ab, bon der nach Liautschang der Weg nach Niutschwang über Haitschöng. So bildet Fönghwanghtscheng den Schlüssel für Operationen, sowohl gegen das furchtbare weite Tal des Liaoho, in welchem die mandschurische Bahn von der Küste bes Golfs von Liautung von Niutschwang über Liautschang nach Mukden läuft, wie gegen den Kern der Halbinsel Biautung.
Russen gegen Russen.
Der russische Rückzug vom Jalu muß teilweise in eine topflose Flucht ausgeartet sein, wie das nachfolgende Telegramm Kurotis beweist, das aus Tokio vom 6. d. Mts. übermittelt wird:
Während des russischen Rückzuges am Sonntag fam es zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen zwei russischen Abteilungen. Nach der Aussage von Eingeborenen hielt eine 2000 Mann starke russische Infanterie- Abteilung, die einen Hügel bei Tengschanghong besetzt hatte, eine andere russische Infanterie- Abteilung von 200 Mann, die auf dem Rückzug vor den andringenden Inpanern begriffen war, für eine japanische Truppe und eröffnete das Feuer auf dieselbe. Die fleinere Abteilung erwiderte das Feuer. Dabei wurden 11 Mann getötet und 70 verwundet. Der russische Train geriet in völlige Unordnung. Die Ladungen wurden im Stich gelassen.
Man sieht daraus, daß die Japaner trop mangelnder Kavallerie den Russen dicht auf den Fersen gewesen sein müssen, sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß diese auf ihre eigenen fliehenden Leute feuerten. Auch ein weiterer Bericht Kurokis beweist, daß
die japanische Verfolgung entgegen den anfänglichen Meldungen sehr hartnäckig war. Eine 14 Mann starke japanische Patrouille kam am 3. Mai nach Tengschanghong; sie wurde alsbald von einer russischen Patrouille angegriffen, die auf einem südlich des Dorfes gelegenen Hügel aufgestellt war. Die japanische Patrouille umging die Stussen und griff sie ihrerseits an. Nach einem erbitterten Handgemenge wurde der Feind in der Richtung auf Sönghwanghtscheng zurückgeworfen. Die Japaner verfolgten den Feind bis an den Strom zu einem drei Meilen südöstlich von Kaolimen gelegenen Punkte. Hier sahen sie, daß russische Schildwachen auf den Hügeln zu beiden Seiten der Straße standen, und, gaben die Verfolgung auf.
Wie sehr der russische Rückzug einer Flucht glich, geht aus der Aussage eines russischen Offiziers hervor, der in die Hände der Japaner fiel. cur 5 oder 6 Bataione Infanterie und 2 Batterien hätten einen geordneten Rückzug ausführen können. Die übrigen Truppen seien in äußerster Verwirrung geflohen.
Die Angaben über
die Verluste in den Jalukämpfen sind noch immer nicht spezifiziert genug, um als authentisch gelten zu können. Daß sie sich nach Tausenden belaufen missen, steht außer allem Zweifel. Wenn man einige Zahlen über Verluste in Kriegen der Neuzeit zum Vergleiche heranzieht, ersieht man, wie blutig die Schlacht am Jalu gewesen jein muß. Bei Langensalza verloren die Hannoveraner 103 Offiziere und 1333 Mann, ihre Gegner 44 beziehungsweise 788. Bei Spichern hatten die Franzosen 320 Tote, 1660 Verwundete und 2100 Gefangene, die Preußen verloren 830 Tote und 4000 Verwundete. Bei Wörth verloren die Franzosen 8000 Tote und Verwundete und 33 Geschütze. Gravelotte kostete den Deutschen 899 Offiziere und 19 260 Mann, den Franzosen 600 Offiziere und 11 700 Mann. Sedan kostete den Deutschen 460 Offiziere und 8500 Mann.
Die Kriegskasse der„ Petropawlowsk“.
Wie die Petersburger Nowoje Wremja" von zuberlässigster Seite erfährt, ist eine vom New York Herald" gebrachte Meldung, mit der„ Petropawlowsk" seien gegen 12 Millionen in barem Gelde untergegangen, ganz unbegründet. Nach Erkundigungen in Port Arthur befanden sich in der Kasse des Panzerschiffes nicht über 60 000 Rubel.
Die Politik.
Bei der letzten Reichstagswahl wurde bekanntlich festgestellt, daß hier und da das Wahlgeheimnis beeinträchtigt wurde, indem von den Wahlvorstehern die Wahlkouverts in der Urne sorgfältig aufeinander geschichtet wurden. Bei der Auszählung konnte dann nach einer besonders geführten Liste über die Reihenfolge der Abstimmung festgestellt werden, wie jeder einzelne Wähler gestimmt hatte. Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat jeẞt prinzipiell entschieden, daß ein solches Verfahren eine Verlegung des Wahlgeheimnisses darstellt, die die Wahlhandlung in dem betreffenden Wahlbezirk ungültig macht.
Neben Leutwein, der binnen kurzem ganz aus dem Kolonialdienst scheiden wird, tritt nun auch noch der leitende Kolonialbeamte zurück: Kolonialdirektor Dr. Stübel hat sein Entlassungsgesuch eingereicht. Die Gründe hierfür liegen in den jüngsten parlamentarischen Mißerfolgen des Kolonialdirektors und in dem Umstande, daß die Entsendung des Generalleutnants v. Trotha nach Südwestafrika gegen den Rat des Kolonialdirektors erfolgte. Generalleutnant b. Trotha wird die Ausreise nach der Kolonie am 20. Mai von Hamburg aus antreten. Oberst Dürr hat einen vom 10. Mai ab geltenden Vorurlaub von 45 Tagen erhalten. Am 11. Mai ist er zur Audienz beim Kaiser befohlen.
Die zweite sächsische Kammer hat jetzt die Vorlage über die Regelung des sächsischen Gemeindesteuerwesens verworfen und die Vorlegung eines neuen Entwurfs gefordert. Für diesen hat die Kammer folgende Forderungen
aufgestellt: Er soll nicht, wie der abgelehnte, die zwangsweise Einführung einer Gewerbesteuer enthalten, dagegen Bodenwert- Zuwachs- und Besizwechselabgaben. Ebenso soll er eine obligatorische Grundsteuer vorsehen und das Einkommen als das Hauptobjekt der Besteuerung betrachten. Die Regierung sagte die Vorlegung eines neuen Entwurfs zu mit dem Bemerken, daß sie bei dessen Ausarbeitung die Wünsche der Kammer als„ schätzbares Material" betrachten werde.
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Hof und Gesellschaft.
Zur Feier des 22. Geburtstages des deutschen Kronprinzen war die Kaiserin in Potsdam eingetrof fen, wo sie der Kronprinz vom Bahnhof abholte. Die hohe Frau bestieg den Wagen ihres Sohnes und machte mit diesem zunächst eine Spazierfahrt durch Potsdam, das aus Anlaß des Geburtstages des Kronprinzen feierlichen Schmuck angelegt hatte. Gegen 24 Uhr nahm die Kaiserin an dem Geburtstagsdiner im Kabinettshause teil.
Deutfcher Reichstag.
( 85. Sigung.)
CB. Berlin, 6. Mai. Nachdem die Kanalvorlage für mehrere Tage dem preußischen Abgeordnetenhause einen Vorsprung in der Gunst des Publikums gebracht hatte, trat heute wieder der Reichstag in die Stellung des Favoriten ein. Auf der Tagesordnung stand die aus den Debatten über den Fall Hüssener geborene Resolution betreffend die Aenderung des Militärstrafgesetzbuches, in der um Herabsetzung der Mindeststrafen für Verfehlungen Untergebener gegen Vorgesetzte ersucht wird. Der Staatssekretär des Reichsmarincamts v. Tirpitz wandte sich gegen den Antrag im Interesse der Disziplin und gab damit das Thema für die folgende Diskussion an, die zeitweise einen erregten rafter annahm. Die Disziplin will keine Partei antasten, und die Soldatenmißhandlungen wollen alle Parteien befämpfen; es hätte also eigentlich die schönste Harmonie herrschen können, aber die Geister platten wieder einmal heftig auf einander, weil die einen zur Zeit den Schutz der Ordnung, die anderen die Verhütung von Mißständen für wichtiger halten. Herr v. Normann stimmte namens der Konservativen dem Staatssekretär darin bei, daß die Resolution die Disziplin gefährde, die Reichspartei ließ durch Herrn v. Kardorff verkünden, daß sie angesichts der Bedenken der Regierung die Verantwortung für eine Aendeung des Gesetzes nicht übernehmen könne. Die Linke und das Zentrum hingegen traten entschieden für die Resolution ein; denn sie bekennen sich zu dem vom Abg. Dr. Spahn lehr energisch betonten Sage: Höher als die Disziplin steht die Gerechtigkeit! Rechts und links und namentlich in der Mitte wurde von anfang an hißig gestritten, aber die Temperatur steigerte sich zum Höhepunkt, während einer Nede des bayerischen Militärbevollmächtigten Generalleutnants von Endres, der heute zwar auch einige hübsche Bemerkungen machte, aber im ganzen nicht so glücklich sprach, wie sonst. Er nannte den Offizier den Anwalt der Soldaten und drückte sich des weiteren so aus, als hätte der Reichstag eigentlich fein Recht, an der Verwaltung des Heeres Kritik zu üben. Das erweckte lebhaften Widerspruch, aber ein wahrer Sturm brach los, als er von Verleumdungen sprach, denen der Offiziersstand hier ausgesezt sei. Und da geschah etwas, was noch nicht dagewesen ist. Präsident Graf Ballestrem erteilte ihm in aller Form eine Rüge:„ Herr Bevollmächtigter zum Bundesrat! Sie dürfen in diesem Hause nicht sagen, daß Mitglieder des Hauses Verleumdungen aussprechen. Das verstößt gegen die Ordnung des Hauses." In umschrei bender Form sind Regierungsvertreter schon öfter auf die Unzulässigkeit einzelner Aeußerungen aufmerksam gemacht worden. Hier machte zum erstenmal der Reichstagspräſident von seiner Diszplinarbefugnis ohne alle Umschweife einem Bundesratsmitgliede gegenüber Gebrauch. Graf Ballestrem hat damit einen Präzedenzfall geschaffen. Die Resolution fand schließlich gegen die Stimmen der Rechten Annahme. Danach wandte sich das Haus der Beratung von Petitionen zu, und über allen Wipfeln herrschte wieder Ruhe.
Preufsifcher Landtag.
Hans der Abgeordneten.
( 68. Sigung.) RK Berlin, 6. Mai. Immer flauer war die Kanaldebatte geworden, und es war wirklich höchste Zeit, daß die Vorlage heute endlich der Kommission überwiesen wurde, die die anderen wasserwirtschaftlichen Vorlagen zu beraten hat. Die Nationalliberalen bestritten die Kosten der Debatte fast allein. Dann kam die Dreimillionen vorlage für die Eisenbahner zir Erörterung. Offiziell heißt die Vorlage Nachtragsetat zur Unterſtüßung der Kranken- Zuschußkassen der innerhalb der Eisenbahn- Direktionsbezirke unter Beteiligung von Beamten und Arbeitern aller Dienstgruppen gebildeten Vereine der Eisenbahnverwaltung." Ein etwas langer Titel, hinter dem sich eine sozialpolitisch höchst dankenswerte Maßregel verbirgt. Abgesehen von den Vertretern der beiden freisinnigen Parteien, die in der Vorlage einen politischen Sonderzweck ver. muteten, traten sämtliche Redner für die Vorlage ein, die
fchmeckte ihn nicht recht ftilgemäß.
Im Hauptzimmer trant
es
ebenfalls Gewiffensbiffe. eine Gruppe wohlbeleibter älterer Herren Seft in erheblichen
Jeßt fühlte er sich zu Hause und unermeßFlasche kommen und trant fie ohne merkliche
ließ eine hat diesem unerhörten Getränk zu
Massen.Gotthold fühlte eine geheime Noterſuch er
mißgönnte er es ihr denn,
daß
fte
Eifersucht? Helene war bei seiner Frage offenbar sehr verlegen ge Mar das etwas anderes als der gemeine, niedrige Neid der hatte, vielmehr noch liebte? War das etwa eine anständige So fab er sie zum erstenmar der Heiligenschein Er begriff sich selbst nicht und schämte sich sehr Machte er ſelbſt denn etwa Ansprüche fenen Mann geliebt
Eitelkeit?
morden.
Macht kleinlaut und bescheidentlich, Wenn man's nur richtig brauchen tut, Ein Wörtlein zähmt jeben Uebermut,
Das Wort:„ Es geht auch ohne dich!"
und das
Afford zusammen und verschwanden in der Lautlosigkeit des
leise Pfeifen des enterbten Menschen flossen in einem
düsteren Waldes.
Es ist noch zu früh. Gehen wir? fragte Unverzagt.
lnberagat jeufzte auf und fing an zu husten.


