Ausgabe 
5.3.1904 Zweites Blatt
 
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mir ist die Arbeit keine Last, sondern eher ein Ver­gnügen-"

Aber du könntest deine Zeit nützlicher verwenden, wenn ich die Führung des Hauswesens wieder übernähme!" unter brach die Mutter sie. Und das soll geschehen, sobald ich meine Kräfte wieder habe, ich sehne mich ja selbst darnach."

,, Nur nicht unruhig werden!" riet Heinrich Schönbach, der an der anderen Seite des Sessels stand und mit liebe voller Teilnahme auf seine franke Frau blickte. Einstweilen kann davon noch keine Rede sein, und wenn der Herr Doktor uns die Versicherung gibt, daß du nach dem Winter deine Gesundheit wieder erhalten wirst, so wollen wir ja gerne uns gedulden."

Nach dem Winter!" seufzte die Kranke. Das ist noch eine lange Zeit. Und dann noch eine Badekur! Mann, woher sollen wir das Geld nehmen?"

Auch das wird sich finden, sobald die Zeit gekommen ist," tröstete Adolph.

Gewiß, Herr Doktor," sagte der Kustos. Ein kleines Sümmchen habe ich immer noch da liegen; was daran fehlt, schickt mir vielleicht mein Sohn, ich gebe gern das Leyte her, wenn nur meine arme Frau wieder gesund wird."

" Das Geld ist für unsere Kinder beſtimmt, Heinrich," sagte die Kranke mit leichtem Kopfschütteln, sie sollen etwas Tüchtiges lernen-"

" Mach' dir nur keine Sorgen, kommt Zeit, kommt Rat." Wenn nur alles Schwere überstanden wäre!" Außer deiner Krankheit sehe ich nichts, was noch über­standen werden müßte!"

Die Verhaftung deines Bruders-"

Peter ist unschuldig, Marie, und selbst, wenn er der Dieb wäre, was hätten wir damit zu schaffen?"

Du hast ihm erlaubt, im Museum zu arbeiten, der Herr Direktor drohte dir mit Entlassung

Es wird nichts so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt! Meinen Sie das nicht auch, Herr Doktor?"

Wie aus einem Traum erwachend, schaute Adolph auf, unverwandt hatte er Gabriele betrachtet, die mit einer Hand­arbeit am Fenſter ſaß.

Gewiß," sagte er, übrigens werde ich ein gutes Wort für Sie bei meinem Onkel einlegen."

Der dumpfe Klang der Hausglocke unterbrach das Ge­ſpräch, der Kuſtos ging hinaus.

Sie würden uns durch Ihre Fürsprache einen großen Dienst erweisen," nahm Gabriele das Wort, während der Doktor sich von seinem Siz erhob. Wieder sah er in die großen, schönen Augen, die flehend ihn anblickten. Der Herr Direktor ist so streng, er sieht alles nur von der schlimm ſten Seite. Ich glaube auch, daß der Vater sich gegen die Hausordnung vergangen hat, aber es geschah nur, um den armen Bruder zu unterſtüßen, und dem Museum ist gewiß kein Schaden dadurch geschehen. Onkel Peter ist als Kupfer­stecher berühmt, Sie sollten nur seine Zeichnungen sehen, er hätte gewiß ein Kunstwerk geliefert-

Mit dieser Hoffnung iſt es vorbei!" unterbrach die Mutter sie; ich habe deinen Vater gewarnt, er hätte ohne die Genehmigung des Herrn Direktors die Arbeit hier nicht erlauben dürfen. Dein Vater ist zu gutmütig, gib acht, er wird auch noch in die Diebstahlsgeschichte verwickelt!"

Wie wäre das möglich," erwiderte Adolph beruhigend, der jetzt neben dem Mädchen stand, das ebenfalls sich erhoben hatte. Machen Sie sich keine unnüßen Sorgen, Aufregungen schaden Ihnen, sie verzögern die Genesung. Befolgen Sie auch ferner meine Anordnungen so gewissenhaft wie bisher," fuhr er fort, indem er dem Mädchen die Hand reichte, dessen Wangen sich plötzlich wieder dunkler färbten, wir müssen Geduld haben, vergessen Sie das nicht, wenn Ihre Kraft er­lahmen will."

Ihre Hand ruhte noch in der seinigen, als der Kustos zurückkehrte, der rasch einen Schrank öffnete und ein Schlüſſel­bund daraus hervorholte.

Die Münzsammlung soll besichtigt werden," sagte er mit unverkennbarer Erregung, das ist lange nicht geschehen, der Herr Direktor ist selbst da"

" So kann ich vielleicht jetzt schon ihn um Nachsicht bitten," unterbrach Adolph ihn rasch, und dem Mädchen noch einmal zunickend, folgte er dem alten Manne, der mit den Schlüsseln in der Hand hastig die Steinstufen hinaufstieg.

Du hier?" fragte Joachim Spangenberg erstaunt, als er hinter dem Kustos das Gesicht seines Neffen auftauchen sah. Was führt dich denn hierher?"

Mein Beruf," antwortete Adolph ruhig. Frau Schön bach ist leidend; wußtest du das noch nicht?" " Jawohl, aber es war mir unbekannt, daß du der be­handelnde Arzt bist. Erlauben Sie, Herr Baron, mein Neffe, Doktor Spangenberg- Herr Baron v. Friedenstein! Interessierst du dich für alte Münzen, Adolph?"

Ein wenig allerdings," erwiderte Adolph, noch immer entschlossen, diese Gelegenheit zu einer Bitte für Gabrielens Vater zu benuken.

Nun, dann lade ich dich ein, mit uns zu gehen, du dürftest sobald nicht wieder Gelegenheit finden, unsere be­rühmte Sammlung zu sehen."

Baron v. Friedenstein achtete nicht auf das Gespräch, seine Blicke waren bei der Wanderung durch die Säle vollauf beschäftigt, dann und wann richtete er eine Frage an den Kustos, der ihm zur Seite ging.

Adolph zögerte nun nicht länger, die Bitte an seinen Onkel zu richten, Joachim Spangenberg aber schüttelte mit un­gnädiger Miene das Haupt.

Ein Beamter darf sich keiner Pflichtverleßung ſchuldig machen," erwiderte er so leise, daß der Kustos die Worte nicht verstehen konnte, wenn er das Vertrauen seiner Vor­tauglich." geſetzten verloren hat, so ist er für sein Amt nicht mehr

" Dem Museum ist ja kein Schaden geschehen."

" Die Erlaubnis, ein Bild kopieren zu dürfen, um es als Kupferſtich zu verbreiten, kostet Geld, das Recht der Ver­vielfältigung gehört uns, und nicht jedem, der damit Handel treiben will. Und ob dem Museum nicht auch in anderer Weise Schaden geschehen ist, weiß ich noch nicht, ich will hoffen, daß meine Befürchtungen sich als unbegründet erweisen. Uebrigens hängt das Urteil in dieser Angelegenheit von Seiner Durchlaucht ab, dem ich diese Pflichtverletzung zu be­richtet genötigt war."

" Du könntest doch ein Wort der Entschuldigung für den sonst ehrenhaften Mann einlegen," sagte Adolph bittend, ,, vielleicht wäre die Sache mit einer kleinen Ordnungsstrafé erledigt!"

" Hat er dich gebeten, mir das zu sagen?" Nein, seine Frau ängstigt sich

" Ich bin hier für alles verantwortlich, soll ich nun die Schuld auf mich nehmen? Das wirst du mir nicht zumuten wollen, um so weniger, als der Bruder des Kustos ein rich­tiger Lump ist."

Wie ich höre, ist seine Schuld noch nicht erwiesen!" " Daß seine Familie ihn in Schuß nimmt, wundert mich nicht," erwiderte der Direktor achselzuckend, an maßgeben­der Stelle aber zweifelt niemand an seiner Schuld. Ich könnte dir noch andere Aufschlüsse geben, aber du scheinst dich für diese Familie zu interessieren, da will ich lieber schweigen. Erinnere ich mich recht, so hat der Kustos eine schöne Tochter"

" Onkel!" unterbrach Adolph ihn entrüſtet.

Na, na, ich spreche ja keine Vermutung aus, ich möchte dich nur warnen."

Der Kustos hatte jetzt die Tür des Münzkabinetts ge­öffnet, er trat zuerst in den dunklen Raum, um die Rollläden emporzuziehen und Licht einzulassen.

In dem Kabinett standen mehrere lange Tische und auf diesen niedrige Glaskasten, in denen die Münzen sorgfältig geordnet lagen.

Ringsum an den Wänden befanden sich Schränke mit verschließbaren Schubladen, das Ganze machte einen kahlen, nüchternen Eindruck.

Der Baron ging an den Tischen entlang und warf nur einen flüchtigen Blick auf die Münzen.

Bronze und Silber," sagte er, dies ist der minder wert­volle Teil der Sammlung, den ich natürlich auch mitkaufe. Aber vor allen Dingen wünschte ich die Goldmünzen zu sehen."

" Sie wollen die Sammlung kaufen?" fragte Spangen­berg überrascht.

Sagte ich Ihnen das noch nicht?" " Nein, Herr Baron, ich glaube auch nicht, daß Durch­laucht auf diesen Wunsch eingehen werden."

" Dann sind Sie schlecht unterrichtet," erwiderte der Baron." Der Preis ist schon festgesetzt, aber ehe ich meinen Entschluß fasse, muß ich doch die Ware prüfen. Also, Herr Direktor, wenn ich bitten darf, vor allem die Goldmünzen!" ( Fortsetzung folgt.),

Nicht umsonst nennt der Volksmund das geliebte Wesen einen Schatz". Hegt man das Bewußtsein glückseliger Eini­gung mit einem Geliebten in der Brust, dann ist es, als ob man fortwährend in eine verborgene Schazkammer griffe, nm selbst der schwersten Lebensnot, jeder Bedrängnis etwas von ihrer Bitterfeit abzukaufen.

( Schluß.)

Darja.

Novellette von Clara Nast.

( Nachdruck berboten.) Zwei Jahre waren vergangen.- Darjas Stimme hatte sich prächtig entwickelt. Als die junge Künstlerin sich zum erstenmal in Petersburg hören ließ, huldigte man ihr in beinahe überschwenglicher Weise, und von diesem Augen blick an war sie von einem wahren Heer von Verehrern um­geben, die alle ohne Ausnahme Schukow für Darjas Lieb­haber hielten. Aber darin irrten sie. Die Sängerin dachte ebensowenig daran, Alexander Iwanowitsch ihre Gunst zu schenken, wir irgend einem anderen. Trotz all des Glanzes, der sie umgab, all der Huldigungen, die ihr zuteil wurden, 30g ihr Herz sie zur Heimat, zu Fedja hin.

Schukow knirschte zuweilen heimlich mit den Zähnen, wenn sie, den feuchten Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne ge­richtet, von dem Geliebten sprach. Er hatte nichts unver­sucht gelassen, Darja für sich zu gewinnen, aber vergebens.

,, Würdest du mich lieben können, wenn Fedja nicht wäre?" fragte er sie eines Abends.

Darja legte die Hände ineinander, sah vor sich hin und lächelte.

Es kann ja nicht sein, daß er nicht ist, flüsterte ſie.

" Wir sind alle sterblich."

Sie hob den Blick.

" Ja, aber er wird leben

zuversichtlich.

leben für mich, ſagte sie

Schukow nagte unmutig an der Unterlippe. ,, Und wenn er dich vergift?"

Darja stand auf. Ihr Antlitz war blaß und sie bebte

heftig.

" Laßt uns zu ihm reisen!" rang es sich dumpf um ihre Lippen. Ich bin schon so lange von Hauſe fort--- zu lange."

Auch Schukow erhob sich.

" Es ist auch mein Wunsch, daß du die Heimat wieder­siehst," sagte er.

" Gott, o Gott! Wie soll ich Euch nur danken! ſtam­melte Darja.

Er legte die Rechte mit festem Druck auf ihre Schulter. Und wenn er dich wirklich vergessen haben sollte, wo­hin würdest du dich dann wenden?" forschte er. Sie sah ihn ratlos an.

Kehrtest du zu mir zurück oder würdest du lieber zu einem der jungen Laffen laufen, die dir nachgehen?" fuhr er nach kurzer Pause fort.

Wie könnt Ihr nur so sprechen, gnädiger Herr! Euch allein verdanke ich ja alles, was ich kann und habe!" flüsterte sie, und berührte seine Hand mit den Lippen. Aber, nicht wahr, Fedja wird meiner noch gedenken?" fügte sie gleich darauf angsterfüllt hinzu.

" Ja, natürlich," erwiderte Schukow zerstreut und sein brennender Blick umfaßte ihre schlanke Gestalt.

Zwei Tage später verließen sie Petersburg. Sie reisten ohne Aufenthalt nach dem Süden herunter; Darja litt es nicht, daß irgendwo Rast gemacht wurde. Sie fieberte förm­lich vor Aufregung und dachte an nichts weiter, als an die geliebte Heimat und an Fedja.

Als sie auf dem letzten Teil ihres Weges, in einem flinken Gefährt sigend, die Steppe erreicht hatten, gebot Darja dem Kutscher, einen Augenblick zu halten.

Sie sprang aus dem Wagen, warf sich auf die Kniee nieder und küßte die Erde, dann lief sie eine Strecke weit lachend und jauchzend wie ein Kind durch das sich wellen­gleich bewegende hohe Gras.

Die Sonne war dem Sinken nahe, als sie den einsamen Hof erreicht hatten. Darja nahm sich faum Zeit, im Herren­hause Hut und Shawl abzulegen. Leichtfüßig eilte sie nach der Hütte, in welcher ihre Pflegeeltern wohnten.

Da bin ich!" schrie sie auf und warf sich der alten Frau an die Brust.

So bist du also doch wiedergekommen?" murmelte. Konnte ich denn anders?!" verfekte Darja und um­Greisin beinohe erschrocken. geblieben. Aber wo finde ich Fedja?" armte nun auch den Pflegevater." Mein Herz war ja hier

" Fedja? Ach Gott! Ja, siehst du, Fedja ist nicht mehr bei uns," stammelte die Frau und blickte unsicher zu Darja hinüber.

Des Mädchens Arme sanken schlaff herab.

Was willst du damit sagen?" rang es sich mühsam über ihre Lippen. Ist er- tot?"

Die Alte schüttelte den Kopf.

Ach, nein! Aber da er doch nicht bestimmt wußte, ob du wiederkommen würdest, so heiratete er vor anderthalb Jahren Akulina. Ja. Und seit zwei Monaten ist er fort­gezogen. Er hat sich etwas Land gekauft, denn seine Braut bekam eine schöne Aussteuer und viertausend Rubel mit. Du hättest ihm nur zwei- bis dreitausend ins Haus gebracht. Soso!" murmelte Darja und preßte beide Hände an die Stirn. Also deshalb-des- halb!"

Nun, das kann man doch nicht gerade sagen," meinte die Frau. Er heiratete doch wohl hauptsächlich, weil er nicht an dein Wiederkommen glaubte."

Ich aber habe an ihn geglaubt- an seine Liebe- jeine Treue," ſtöhnte Darja und sank neben der Ofenbank nieder, den Kopf in den Händen vergrabend.

Beruhige dich doch nur, mein Seelchen!" redete die Alte auf sie ein. Was geschehen ist, ist geschehen! Du hättest ja auch gar nicht mehr zu Jedja gepaßt. Deine Kleider sind seiden, deine Finger schmücken Ringe, und es geht ein süßer Tuft von dir aus, wie von einer Blume."

Aber das Herz ist dasselbe geblieben," flüsterte Darja. Ach, daß ich es mir aus der Brust reißen könnte!"

Die Tür öffnete sich und Schukow betrat das Gemach. Darja! ſagte er ſsanft und berührte leise des Mädchens Schulter.

Sie fuhr empor.

Wißt Ihr's schon? Wißt Ihr schon, daß Fedja mich verlassen hat?" schrie sie verzweifelt auf. Er nickte.

sch aber werde dich nie verlassen, Darja," kam es ruhig und fest über seine Lippen.

Der Blick war trostlos, mit dem sie ihn ansah. ,, Ach, was nüßt mir das!" klagte sie leise.

" Du wirst durch mich eine gefeierte Künstlerin werden stehen. Komm, draußen harrt unser bereits ein frisches und ich werde dir allezeit mit Rat und Tat zur Seite Gespann! Wir treten sofort die Rückreise an, wenn es dir recht ist!"

Ein Schauer durchflog ihren Leib und ihre Blicke ſuchten die Augen der Pflegeeltern; aber vergebens. Beide standen mit gesenkten Lidern da.

So muß ich denn wirklich fort?" kam es wie ein Hauch über Darjas Lippen.

Ach Gott!" seufzte die Frau und weinte vor sich hin. " Ja, wenn es der gnädige Herr doch nun einmal für gut hält!" murmelte der Greis.

Darja wandte sich ab und legte ihre Hand in Schukows

Rechte.

Laßt uns gehen!" sagte sie mit müder, gebrochener Stimme. Und sie verließen die Hütte.

Bimmerspruch.

Das neue Haus steht aufgericht', Auf festem Grunde, schmuck und schlicht; Aus derbem Stein, aus gutem Holz, Wie steht es da so stark und ſtolz!

Bald werden Nelken am Fenster blüh'n, Im Herde hell die Scheite glüh'n, Treppauf, treppab die Kindlein springen Und Heimchen zirpen und Schwalben singen:

,, Weh hinaus und Glück herein, Alles Licht und Sonnenschein! Eigen Heim ist köstlich Gut,

Nehme Gott das Haus in Hut!"

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