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1882, mos

eine Laune befriedigt zu sehen, kann es nicht treu und ehr­lich mit Ihnen meinen!"

Wieder verließ den Schwerverwundeten, der vom Blut­verlust geschwächt war, das Bewußtsein. Christoph Werner stand ratlos da. Dann aber Gile tat not, wenn der Verwundete gerettet werden sollte schnitt er auch seine Jacke in Streifen, knüpfte dieselbe zusammen und umwand damit den Baron, und die Enden des aus den Tuchstreifen gewonnenen Strickes sich um Hals, Brust und Schultern legend und fest zusammenknüpfend, nahm er den Verwun deten behutsam auf den Rücken und trat, den kleinen, fest gebundenen Bären vor sich in der Hand tragend, in grim­miger Kälte ohne Hemd und Jacke, den Rückweg an.

Graf Alexandrowitsch und die inzwischen zu ihm gesto­Benen Forstbeamten waren sehr betroffen, als sie den Baron so schrecklich zugerichtet sahen, und der Graf rief in seiner rohen Weise:

Siehst du, Balduin, das hast du davon, wenn du dich einem unerfahrenen Bauerntölpel anvertraust, statt mit mir und diesen erfahrenen Forstleuten auf die Jagd zu gehen. Nun, in deinem Zustande kannst du heute nicht weiter be­fördert werden. Ich aber muß fort, ich fann es hier unter diesem Bauernvolk nicht länger aushalten. Ich werde dir einen Arzt schicken, und sobald es geht, kommst du mir nach zum Schloß."

Bemühe dich nicht," sagte der Baron mit schwacher Stimme, aus der aber dennoch tiefe Entrüstung über den hochmütigen Grafen heraustönte, der ihn treulos im Stich ließ und seinen Lebensretter mit Verachtung behandelte, ,, ich bin bei diesen braven Leuten hier gut aufgehoben, und mein guter Freund und Lebensretter Christoph hat bereits einen reitenden Boten abgeschickt, um einen guten Arzt zu holen. Lebe wohl!"

Der Graf entfernte sich in Begleitung der Forstbeamten, die den kleinen Bären mitnahmen, um ihn an seinen Be­stimmungsort zu führen. In der Nacht erschien der Arzt, legte einen ordentlichen Verband an und versicherte, daß bei guter Pflege und ungestörter Ruhe keine Lebensgefahr für den Verwundeten vorhanden sei. Petromna und Christoph teilten sich in die Pflege, und nach wenigen Wochen war der Baron wieder hergestellt, wenn auch noch schwach.

Eines Tages erschien Graf Alexandrowitsch, um seine Einladung zu wiederholen, zugleich verheißungsvolle Grüße seiner Schwester überbringend, die über das Schoßtierchen nicht wenig erfreut gewesen sei.

Sag ihr," entgegnete der Baron trocken, es möge ihr künftig an meiner Stelle Gesellschaft leisten!"

Wie soll ich das verstehen?" fragte der Graf gereizt. " Laß mich ruhig hier, auf mich braucht ihr nicht weiter zu rechnen!" entgegnete der Baron finster.

Also, das ist deine Liebe zu meiner Schwester, die-" ..... Die mich in die Bärenhöhle jagte und mein Leben aufs Spiel sette um einer flüchtigen Laune willen!" er­gänzte der Baron bitter.

Mit wütenden Blicken und ohne Gruß entfernte sich der Graf. Niemand hatte die Unterredung gehört, aber Mienen und Gebärden des Davoneilenden sagten dem klugen Christoph, daß ein endgültiger Bruch zwischen dem Baron und der Familie des Grafen eingetreten war. Schleunigst eilte er ins Haus, um nachzusehen, ob die Aufregung dem Kranken nicht geschadet habe, fand diesen aber recht wohl­gemut.

,, Nun," meinte er pfiffig, was wird wohl die Gräfin sagen, wenn Euer Gnaden zurückkehren, frank und schwach und mit knapper Not dem Tode entronnen?"

Sei ohne Sorge," lachte der Baron, ich sehe sie nie wieder. Du hast mir mit deiner treuherzigen Offenheit droben im Walde klar gemacht, was mir in meiner Tor­heit entgangen war. Wer mit meinem Leben so frevent­lich spielen konnte, meinte es sicher nicht gut mit mir. Aber etwas anderes. Ich kehre jetzt auf meine Güter zurück; willst du mit mir kommen und bei mir bleiben? Du sollit gut belohnt und gut gehalten sein!"

Ja, ob ich will? Wenn der Herr Baron mich nehmen wollen, will ich Euer Gnaden mit Freuden bis an mein Lebensende tren dienen."

,, Gut, das ist also abgemacht. In drei Tagen brechen wir auf und treten die Reise nach den Ostseeprovinzen an. Du hast mir nicht nur das Leben gerettet, sondern auch vor Weiberlaunen und vor künftigem Unglück mich be­wahrt."

EINST UND JETZT

Das Fechtbrüder- Alphabet.

Die Bewohner der Londoner Vorstädte merken zur Winters­zeit in unliebsamer Weise die Anwesenheit von Landstreichern, die im Frühling und Sommer draußen im Lande umherstreifen und auf Kosten der Farmer und Bauern leben. Es gibt in England nach ungefährer Abschätzung etwa 80 000 Landstreicher. Man kann nun behaupten, daß wohl jedes Mitglied dieſer Brüder­schaft eine besondere und einzig dastehende Kenntnis von den per­sönlichen Eigentümlichkeiten der Hausbesitzer der Straßen hat, die es besucht. Die Landstreicher erwerben sich diese erstaunliche Kenntnis durch ein System von Zeichen, die sie an die Türpfosten und Tore der Häuser anfreiden, die sie aufsuchen. Diese Zeichen offenbaren dem Eingeweihten den Charakter des Hausherrn und die Art des Empfanges, die er voraussichtlich denen zuteil werden läßt, die um Almosen bitten. Danach können sich Mitglieder der Vagabundenbrüderschaft auf ihren Wanderungen richten. Es iſt dabei bemerkenswert, daß Landstreicher aller Nationalitäten, Fran­zcsen, Italiener und Russen, dasselbe Zeichensystem benutzen. Man hat die Behauptung aufgestellt, daß dies durch die Zigeuner kommt, die durch ganz Europa wandern. Der Mitarbeiter eines englischen Blattes traf nun einen Landstreicher, der seinen Weg nach London nach längerem Aufenthalt im Lande durcharbei­tete". Es war erstaunlich zu sehen, wieviel Zeit und Kraft er durch die Vorsorglichkeit seiner Vorgänger beim Absuchen der Vor­ſtadtstraßen ersparte. Statt die Vorgärten zu durchschreiten, um auf gut Glück an die Tür zu klopfen, warf er nur einen Blick auf bestimmte Kleine Kreidezeichen auf den Toren oder Zäunen und wußte sofort, ob es der Mühe wert war, zur Tür zu gehen und um Unterstüßung zu bitten, ebenso, in welcher Art er etwas borerzählen mußte, um Erfolg zu haben. Die Zeichnung einer rohen Sichel veranlaßt den Landstreicher, seine Taschen zu durch= suchen und einige Streichholzschachteln und Stiefelschnüre hervor= zuholen, denn dieses Zeichen bedeutet, daß die Hausbewohner wohl Kleinigkeiten kaufen, aber nicht Geld geben. Wenn der Land­streicher eine rohe Zeichnung einer zweizinkigen Gabel auf einem Wegweiser findet, so geht er in der Richtung weiter, wohin die Gabel zeigt, denn es bedeutet, daß die Leute an jenem Wege gutmütig und mildtätig sind. Die mathematische Figur

einer

Raute( Rombus) bedeutet, daß das Haus gefährlich ist, d. H., daß die Leute dort imstande sind, Bettler verhaften zu lassen, und ein Dreieck zeigt an, daß das Haus durch das Vorsprechen von allzu vielen Vagabunden schon verdorben" ist. Ein Quadrat bedeutet, daß die Menschen wirklich nett", also Goldeswert sind. Ein Kreis, der ein Kreuz enthält, macht den Vagabunden nach denklich. Es bedeutet, daß der Inhaber in Fällen wirklicher Be­dürftigkeit reichlich gibt, Bettler aber, die für ihre Geschichten nicht Belege haben, ins Gefängnis schickt.

Bunte Blätter.

Zweiden tiges Kompliment. Als der berühmte englische Tier­maler, Sir Edwin Landseer, sich in Lissabon aufhielt, zog man ihn auch an den Hof, und der König drückte ihm seine Bewunderung mit den Worten aus: Sir Edwin, es macht mir eine große Freude, Sie kennen zu lernen; ich bin ein so außerordentlicher Tierfreund."

Der treue Schäfer. Markgraf Hans war der Bruder des brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. Hektor( 1535-1571). Einst fuhr er als Metzger verkleidet im Lande umher und traf einen Schäfer bei seiner Herde. Er wollte den Knecht erproben und redete ihm zu, ihm einen Hammel zu verkaufen ohne Wissen seines Herrn. Das Geld könne er ja für sich behalten. Der Schäfer sprach: Mann, hört, Ihr seid ein Schelm. Ihr seid an den Falschen gekommen.". Markgraf Hans aber fuhr fort zuzureden, und bald kam es zu schlimmen Worten, zu Zank und Streit. Wie der Markgraf aber nach einem Hammel griff, schlug der Knecht so gewaltig mit seiner Hellebarde auf ihn los, daz er sich schleunigst davon machte auf seinem Rosse. Der Schäfer warf ihm noch die Hellebarde nach, welche am Sattelzeug hänge'i blieb. Wegen der bewiesenen Treue wurde der Schäfer reich be= lohnt.

Nr. 28.

Freitag, den 5. Februar

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Pad& Berlag bar Stabener Berlagsbruderet, vorm. Bilh. Reller'sche Bushbruderet( gegs. 17a); wor

( 25. Fortseßung.)

Der Zeuge.

Roman von Marie Bernhard.

Sie hatte lebhaft gesprochen, anfangs nur, um von dem Thema, das sie erregt und geängstigt hatte, fortzukommen, dann aber fortgerissen von ihrer seelischen Empfindung, die so lange ihr selbst ein unbekanntes Reich gewesen war.. Und ich, mein Kleinod, liebe auf der weiten Welt nie­mand so, wie dich, nicht wahr, du weißt es?"

Sie nichte stumm. Gleich blassen Rosen schwamm der Abglanz des verlöschenden Abendrotes auf den Wellen, das Meer dehnte sich hin wie schlummermüde, am Himmel starb die Farbenpracht langsam hin, und auf dem schneeigen Haupt des heiligen Berges brannte kein Purpurfeuer mehr, gleichförmiges Weiß dämmerte gespenstisch herüber. Unten vom Belvedere erscholl Lachen und Sprechen herauf, japa­nische Stuber in europäischer Tracht, mit hohen Hüten, feinen Stiefeln und Halsbinden, klappten die Sonnenschirme zu, die sie den englischen Damen und sich selbst zum Schutz über den Kopf gehalten hatten, ein paar hübsche, vornehme Japanerinnen hörten fichernd die Komplimente der neu an­gekommenen Amerikaner an, die aufs angenehmste davon überrascht waren, solch anmutige Vertreterinnen des Ewig­weiblichen in Yokohama zu finden, englische und franzö­sische Antworten kreuzten sich in rascher Folge. Die Ja= paner ſind äußerſt ſprachbegabt und lieben es, sich hiermit zu zeigen, sie eignen sich alles und jedes rasch und leicht an, und machen durch ihre Fortschritte in der Kultur, durch ihr_höflich- verbindliches Wesen auf fremde den allerbesten Eindruck. Hilda und Hellmut tauschten ihre Bemerkungen darüber aus, wie sie die Treppe hinabstiegen, das Braut­paar erhielt viele Grüße, Norden junior eine Menge Hände­drücke, denn er ſtand mit einer ganzen Anzahl von Japa nern auf dem besten Fuß, ohne doch mit einem einzigen vertraut oder befreundet zu sein. Man sah von Belvedere aus dem schönen Paar nach, wie es eng aneinander ge= schmiegt, den Rückweg nach der Stadt antrat. Man tauschte bewundernde Bemerkungen aus und sprach von einem voll­fommenen Glück.

Aber die Sonne war nun ganz ins Meer gesunken, eine fahle, graue Dämmerung schlich über Land und See, und hinter den beiden stiegen lange, dunkle Schatten auf, die sich an ihre Fersen hefteten.

Achtes Kapitel.

Der Reverend Mr. James Howard, ein stattlicher Fünf­ziger mit einen milden intelligenten Gesicht, trat, bereits in seine Amtstracht gekleidet, vor den festlich geschmückten Altar der kleinen englischen Missionskirche, die damals in der Unterstadt von Yokohama stand, um mit eigenen Augen die Vorbereitungen zur heute stattfindenden Trauung zu überwachen, da der Engländer, welcher Küsterdienste bei ihm versah, erkrankt war und er den japanischen Stellvertreter desselben nicht traute.

Eine erstaunliche Blumenfülle, dicke Wachskerzen in schweren Silberkandelabern auf dem Altar, zwischen Chor und Kruzifiy die gehörige Anzahl von Stühlen rund herum,

( Nachdrud verboten.) ein dicker persischer Teppich, es war alles in Ordnung, der Reverend war zufrieden.

1

Durch die Abendstille kam ein zitternder Glockenton, der Brautzug hatte sich in Bewegung gesetzt und kam auf die Kirche zu. Es war strenger Befehl erteilt worden, die Kirche nicht vor dem Eintreffen des Zuges zu öffnen, aber vor ihren Pforten warteten bereits viele Vertreter der ver­schiedensten Nationen, um teils ihn", teils sie", teils auch alle beide" zu sehen. Als daher die zahlreiche Festversamm­lung denn alle zur Firma gehörigen, sowie viele Freunde aus Yokohama und Tokio waren geladen worden Kirche betrat, wogte und strömte eine dichtgedrängte Menge hinter dem Brautzuge her, und die englische Kirche erwies sich als viel zu klein, um den Andrang zu fassen.

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Als der Reverend Mr. Howard die liebreizende Braut in ihrem langwallenden weißen Brokatkleide, auf Hellmuts Arm gestützt, herankommen sah, als er diesen selbst, blaß und ergriffen, aber schöner und einnehmender denn je, vor sich stehen und die ernsten Augen auf das Kruzifir am Altar richten sah, da wurde ihm die Seele weit, und nicht nur aus seinem Gedächtnis suchte er das hervor, was er für diese Ge­legenheit sich ausgedacht hatte, nein, auch sein Herz sprach mit und verlieh seinen Worten Kraft und Wärme.

Flüchtig fuhr es ihm durch den Sinn, wie der erzentrische ungarische Magnat, Demetrius Vanescu, das schöne Mäd­chen, das jetzt als Braut in der Kirche stand, so leiden­schaftlich geliebt hatte, daß er um ihretwillen die weite Reise über das Meer bis nach Japan unternommen hatte, und es war dennoch umsonst gewesen! Die Geschichte hatte sich wie ein Lauffeuer in Yokohama herumgesprochen, die Ge­sellschaft, welche damals während der kurzen Anwesenheit des Ungarn den Tempel zu Ossakusa besucht hatte, war weder tauh noch blind gewesen, und die Schilderung von der Niederlage des Barons und dem Sieg Hellmut Nordens war auch bis zu dem englischen Geistlichen gedrungen. An­gesichts einer so reizvollen Schönheit, wie Hilda sie repräsen­tierte, begriff der Geistliche ganz wohl die kopfloſe Leiden­schaft des verwöhnten Lebemannes; nun, man hatte kürzlich von ihm die Kunde bekommen, daß er, in Begleitung seines englischen Freundes, in Bengalen Tiger jage, und diese auf­regende Beschäftigung, bei welcher es sich oft genug um Leben oder Tod handelte, war sicher ganz dazu angetan, ihn die schöne Hilda Ermshagen und die Beleidigung, die sie ihm zugefügt hatte, vergessen zu lassen!

Jetzt nicht Hilda Ermshagen mehr... Hilda Norden fortan, die gelobt hatte, ihrem Gatten in Liebe und Treue anzugehören, bis daß der Tod sie von einander scheide. Der Geistliche ließ das Paar die Ringe wechseln und sprach den Segen, aber unwillkürlich verzögerte er seine Worte, und seine Augen, die über die beiden andächtig gesenkten Häup­ter hinweggingen, nahmen einen besorgten Ausdruck an. Der ältere Norden wurde wie von einem inneren Krampf geschüttelt, seine Hände hielten sich an der Rücklehne des Stubles fest, neben dem er stand, und ein kurzes, tränen­loses Schluchzen hob seine breite Brust. Der deutsche Arzt

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