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Sie schufen gerade damals den„ Leviathan", und es gab manche superflugen Leute, welche sogar den Aufstand in n dien mit der Weltbewegung in Verbindung brachten, die sich gegen Alt- Albion richtete und deren Ausläufer bis in die baltischen Gewässer bemerkbar wurden.
Wer glaubte angesichts solcher Ereignisse an Herrn Morit Klagen! Allerdings war eine Wut wohl erklärlich, da auch sein Monopol dabei in die Brüche ging, aber Sympathien für ihn wurden durch seine Verwünschungen nicht wachgerufen.
Er war wie Antäus vom Herkules gleichsam von seiner Bafis abgehoben worden. Dieser Rietz stand fest und zahlte bar. Die Landleute atmeten auf und verkauften der neu emporstrebenden Firma ihr Getreide zum üblichen Marktpreise. Sie hätten sich vielleicht sogar einen kleinen Diskont gefallen Lassen, so schr identifizierten sie ihre eigenen und die Nietzschen Interessen. Ihre steten Klagen bezogen sich ja keineswegs auf die Preise, sondern auf die Usancen und wucherischen Gepflogenheiten des Markts, welche nun die neue Firma durchbrach, indem sie den Ausfall auf andere Weise wett machte. Wunder wurden erzählt von den Neuerungen, welche auf den Speichern und Böden der Firma eingeführt worden waren; dies Verdienst allerdings fiel Erich Staudius zu. Die Kornträger und Schipper hatten, so ging die Rede, in ihrer Boutique bereits sein Wohl in wirklichem gepaschtem Wein getrunken. Sie erzählten von Maschinen, welche Herr Staudius konstruierte, um das feuchte russische Korn von Steinen, Erdklößen und allerlei Unkrautsamen zu befreien, von Rade, Mutterkorn, Tollweizen, Roſt und Brand, und es dann durch Mischung mit heimischem Weizen und durch eine fast verschwenderische Bearbeitung zu guter baltischer Ware zu veredeln. Der riesige„ Wladimir", das größte KronStädter Dampfschiff jener Zeit, war von der Firma gechartert worden und brachte Ladung auf Ladung russischen Erntesegens den Fluß hinauf in die Niegeschen Speicher. Zu Mark- Lane wurden die Rietzschen Abladungen einen Schilling höher notiert als sämtliche anderen baltischen Provenienzien. Und das war, so sagte man, nicht anders als gerecht. Die Herren Engländer zahlten notgedrungen der Rießschen Firma eben nur zurück, was diese an Arbeitslohn für die Läuterung der Ware über das Uebliche ausgelegt hatte. Moritsche Ware wurde gar nicht mehr gefragt" und die Abnehmer schimpften und drückten ihm die Preise.
Zu dem Wandel auf diesem speziellen Gebiete hatte allerdings niemand anders den Hauptanlaß gegeben, als Erich Staudius. Auch fiel es niemandem auf, daß er, obwohl er seine bescheidene Wohnung im Speicher beibehielt, sich nach und nach in einen Gentleman verwandelte und von dem Habitus des Dzeanbummlers nicht viel übrig behielt als die furz angebundene, aber kordiale Art, mit den Leuten zu verfehren. Das machte ihn der Firma und bald der ganzen Geschäftswelt besonders wertvoll, denn er verstand es wie niemand sonst die keineswegs leicht zu behandelnden, aber vielfach verdorbenen Arbeiter jener Hafenstadt in Ordnung zu halten und zur Raison zu bringen, vornehmlich die an anderen Orten sogenannten„ Boofkes", die schwere Lasten wie Federbetten schleppenden Kornträger.
Ohne Konflikte auch für ihn ging das nicht ab. Bei dem erhöhten Bedarf an Arbeitern, der infolge der Gründungen des Vulkan" und des„ Lloyd" sich bald bemerkbar machte, wurde diese ohnehin trußige Schar vollends übermütig, und Erich fand es zuweilen nötig, zwischen sie zu fahren, wie Zeus mit dem Donnerfeil. Er merzte einige der Unverschämteren und im Trunk Verkommenen aus und schuf sich dadurch vielleicht einzelne Feinde. Aber sein Motto war ja:„ Ohne Feind kein Sieg!"
Er bewies auf andere Weise, daß er ein Herz für seine Arbeiter besaß. Er hatte bereits in den ersten Tagen seiner Wirksamkeit in der Handelsstadt einige Terrains auf dem Gebiet der abgetragenen Festungswälle erwerben lassen, und während des Herbstes stiegen dort eine Reihe von Arbeiterhäusern empor, die er den Kornträgern billig zur Verfügung stellte, und durch einige intelligente Leute ließ er den Gedan fen an einen Konsumberein in ihrer Mitte anregen. Da soll ten sie ihren Korporationsgeist einmal in einer fruchtbrin genden Weise betätigen. Nur schade, daß solche Förderungen den Schankwirten nicht gefielen, zu deren Bereicherung die guten Löhne dieser Leute wesentlich beitrugen.
Aber man fann es nicht allen recht machen, dachte sich Erich und schritt allen Querelen zum Troße ruhig seines Weges voran. Nur zuweilen kam ein Geist über ihn, der ihn in die
Dede triek. Dann ging er still und in sich gekehrt über die lange Brücke und in die Anlagen, wo der Kirchhof lag, auf dem seine Eltern den ewigen Schlaf schliefen. An dieser Stelle rastete er und suchte Ruhe. Ob er sie fand? Er saß und sann. Das Leben bietet Rätsel, unlösbare, und wenn wir ihnen nachsinnen, zu gierig nach Wahrheit, dann verzweifeln wir.
Mancher Seufzer aus Erichs Brust stieg dort am einsamen Grabe empor zu den frühen Sternen des Winterabends. Er war so reich so reich; aber Ruhe, zufriedenheit konnte auch er sich nicht erkaufen.
Sechzehntes Rapitel.
Erich war ein selbstverständlicher Hausfreund bei Fiebigers, ebenso selbstverständlich wie es ehedem Moritz gewesen. Nach des Tages Last stellte er sich oft im Gesellschaftsanzuge im alten Hause in der Domstraße ein, und doch vermied er eine Familiarität im eigentlichen Sinne des Wortes; das war nun wieder ein vielbesuchtes Haus geworden. Die Garnison entsandte ihre Leutenants, die Kaufherren ihre Söhne und Erben, das Gericht sämtliche Assesforen, um den Fiebigerschen Penaten zu huldigen. Da es dergleichen heidnische Fetische in unserer aufgeklärten Zeit aber nicht mehr gibt, so wurden die schönen Augen, mit welchen die Tochter des Hauses die Gäste anstrahlte und besonnte, als solche eingesetzt. Mancher unternehmende junge Mann dachte vielleicht auch an die sich häufenden Geldsäcke, in deren Besitz sie dereinst als einzige Erbin eines nun wieder beispiellos prosperierenden Rechtsanwalts und Notars würde gelangen müssen.
Zu diesen leichteren Truppengattungen unter den Gästen gesellten sich dann als schwere Reiterei und Artillerie die und des„ Lloyd". Sie kamen von München daher und von Interessenten an den beiden Unternehmungen des„ Vulkan" Breslau und von Frankfurt am Main und lobten Eisenbahn, Dampf, Telegraphie und das neue Handelsrecht.
Erich hielt sich meist zu diesen Herrschaften. Papa Fiebiger duldete es nicht, daß er sich isolierte und zurückzog, so viel Neigung der seltsame Yankee auch dazu an den Tag legte. Herr Riez war da und wandte sich immer wieder an Erich um Rat, wenn irgend eine Konferenz und Generalversammlung zu Entschlüssen Anlaß gab.
Auch war Erich weit entfernt davon, sich arm stellen zu wollen. Allmählich wurde es stadt-, ja landkundig, daß er die Seele der erstaunlichen Unternehmungen war, mit welchen die so lange in ihrem Festungsgürtel halb schlummernde Herzogs- und Hafenstadt die Augen der Handelswelt beider Hemisphären auf sich zog. Er wurde in einem Toast gelegentlich eines Diners von Aktionären sogar gefeiert als der Königssohn von St. Franzisko", der gekommen war, das Dornröschen hinter Wällen und Schanzen aufzusuchen und wach zu küssen. Erich zögerte nicht, alle Ehren auf Papa Fiebiger abzuwälzen, der mit geduldiger jahrelanger Mühe am meisten dazu beigetragen, daß die Stadt aus dem Festungsbanne befreit würde und dessen Pläne dem„ Vulkan" zu Grunde lagen.
Man kann sich denken, welcher Beifall das alte Staudiussche Haus durchdröhnte ob solcher schönen und gerechten Bescheidenheit und wie herzlich Papa Fiebiger auf seinen Siegfried, den Drachentöter, zueilte und ihn angesichts des versammelten Kriegsvolks umarmte unter Tränen und Weinen, beide echt aus dem Herzen und aus dem Lande Burgund.
Aber nach solchen tosenden Szenen kamen wieder verhältnismäßig stillere Tage, denn die Aktionäre dinieren zwar und zahlen auch, aber sie arbeiten nicht. Die Arbeit überblieb den Einheimischen, und Erich, obwohl er sich im wesentlichen auf das Korngeschäft zurückzog, half dann dem Papa Fiebiger bei den Verhandlungen mit Beamten und Technikern aller Art, und er lernte Herrn Stöberer allmählich als eine tüchtige Kraft schätzen, als einen Mann von Mut, der sich in Hemdärmeln, auch in metaphorisch sogenannten, in die rauhe Arbeit des Lebens stürzte und nach wie vor seiner Devise treu blieb, alles im rechten Geleise zu erhalten. ( Fortsetzung folgt.))
Es ist wohl nie ein Tal so tief, Hinein kann doch ein Sternlein schauen. Es ist wohl keine Qual so tief- Der Himmel kann sie überblauen.
Mucki.
Humoreske von GIse Krafft.
( Nachdruck verboten.) Er kam aus der Erregung gar nicht mehr heraus, seit die Hochzeitseinladung von Onkel Fred und Tante Mieze gekom
men war.
Papa hatte den großen Brief seinem Vierjährigen dreimal vorlesen müssen, und die Worte„ nebst Herrn Sohn Mucki" sogar sechsmal.
Mama hatte den Kopf geschüttelt.
Aber nein, das geht nicht! Kinder gehören nicht auf eine Hochzeit. Den Jungen lassen wir zu Hause."
Mucki war darauf sehr blaß geworden.
„ Mich is die Hauptperßon, hat Tante Mieze scheẞagt. Ohne mich hätt' Onkel Fred seine Braut nich gefrischt."
Und da lachte Papa und zog seinen Buben auf die Knie: Natürlich, Junge! Hast ja das ganze Unglück damals durch deine fürchterliche Frechheit angestiftet. Geht zur Schwiegermama und erzählt laut mitten in großer Geſellſchaft,„ dasch der olle fremde Onkel im Garten immer und immer Tante Mieze ihren Mund mit sein ollen krazschigen Schnurrbart zuhält. Ganisch schprechen könnt' die arme Tante!" Na, Frauchen, da gehts doch gar nicht anders! Da muß der Uebeltäter doch dabei sein, wenns los geht!"
Warraftig, Mammi," sagte er ernsthaft.„ Mich muß bei schein. Meine neuen Zammthosen zieh' mich an, un mein' Schäbel schnall' mich um. Un dann fahren wir alle in' ne Eklipasche, un mich ruft Hurra, wenn Tante Mieze kommt."
,, Den Mund wirst du halten," sagte Mama darauf sehr streng. Kein Wörtchen ungefragt sprechen, hörst du? Und in die Kirche darfst du überhaupt nicht mitfahren!"
Das war Mucki denn doch zu viel! Mit beiden Fäusten rumorte er in den Augen herum.
Mich scholl aber mit in die Kirche fahren, mich scholl Blumen schtreuen, hat Tante Mieze geschagt!"
Papa mußte wirklich von neuem Frieden stiften und seinem Sohne die kühnsten Versprechungen machen, ehe der junge Mann befriedigt war.
Als der große Tag anbrach, war über Nacht der erste Reif gefallen.
Mudi preßte ganz entzückt das Näschen gegen die Fensterscheiben. Den Vormittag über blickte er gespannt die Straße entlang, ob die„ Eklipasche" noch immer nicht sichtbar wäre.
Hinter ihm nur Eifer und Ordnen von Spizen und Festgewändern, das nur dadurch alle halbe Stunde unterbrochen wurde, daß Mama in heller Aufregung zu den Knaben sagte: „ Kannst du auch dein Verslein, Mucki? Sag'' s noch rasch mal her, mein Junge!"
Und jedesmal faltete der Kleine die Hände, blickte in großer Andacht zum Himmel hinauf und begann:
Mich wünsch' dem lieben, jungen Paa--re- schtatt" - und dann stockte er regelmäßig.
Flitterwochen, Flitterjahre!" vollendete Mama ärgerlich. Aber, Junge, jetzt endlich mußt du' s doch können!" Mich kanns ja," triumphierte Mucki strahlenden Angesichts, wenn ihm Mama geholfen. Und fehlerlos kam das Verschen zum zweitenmal von seinen Lippen.
Am Nachmittag, beim Anziehen, ging es ohne Brüllerei nicht ab.
Emilie wollte dem Kleinen einen neuen, weißen Spitzenfragen über die braune Sammetbluse legen, als Mucki sich mit Armen und Beinen dagegen sträubte.
Mich is ein Junge, will kein' Mächenskragen auf mein Anschug hab'n!"
Erst nach der fürchterlichen Drohung, zu Hause bleiben zu müssen, wenn er sich nicht folgsam ankleiden lasse, ließ Mucki mit wütendem Augenaufschlag gegen das Kindermädchen den weißen Schmuck um seine Schultern legen. Und dann verlangte er nach seinem Säbel. Als ihm auch dieser Wunsch schnöde versagt blieb, konnte ihn nur das Blumenkörbchen, das ihm Mama über den Arm gehängt, so einigermaßen von einem erneuten Tränenausbruch zurückhalten.
Er sah sehr niedlich aus, der fleine Bursche. Als die ,, Eklipasche" vor der Tür des Hauses hielt, wollte er durchaus vor dem Wagenschlag noch eine Weile stehen bleiben, um sich von den Nachbarskindern bewundern zu lassen.
Frize," schrie er mit hocherhobenen Armen über die Straße, wo sein bester Freund, der Portierjunge Krawatschy, an der Kellertreppe lehnte. Mich fahr' zur Hochzeit von meine Tante Miezi! Mich schtreue Blumens!"
Alle Passanten auf dem Bürgerstieg wandten die Köpfe. Als Papa den Schreihals mit einem Ruck in den Wagen hineinschob, sträubte sich Mucki mit der flehenden Bitte ,,, auf en Bock schu sitzen, un die Pferde zu hau'n".
Die Eltern schienen aber taub zu sein, und fort gings in die Kirche.
Hier sah Muci zuerst weiter nichts als Lichter, seidene Gewänder, und fühlte eine paar Küsse, von denen er nicht wußte, wer sie ihm gespendet. Ungewohnt befangen stand er neben der Mutter und umklammerte das Blumenkörbchen mit beiden Händen.
Nur als sich die Kirchentüren öffneten und das Brautpaar in den Gottesraum trat, machte er eine Bewegung, als wollte er seiner geliebten Tante Mieze mit lautem Freudengebrüll entgegenstürzen.
Zum guten Glück ergriffen aber Mama und drei neben ihm stehende Tanten einen Blusenzipfel, so daß Mucki ganz erschreckt den Mund hielt.
und behutsam eine feine Mädchenhand seine Locken streifte, Als er vor den Brautzug gestellt wurde und ganz leise
lächelte er.
nau so, wie Mama ihm vorher eingeschärft. Nur dicht vor Die Orgel sette ein, und Mucki streute seine Blumen gedem Altar drehte er sich einmal um, eine letzte, große, weiße Blüte in der Hand.
„ Die geb' mich meine Großmama, die schmeiß mich nich auf die Erde," meinte er flüsternd zu dem Brautpaar, indem sein suchender Blick weiter, bis zu einem lieben, gütigen Frauenantlik drang.
Und nun benahm sich Mucki wirklich sehr musterhaft. Er saß auf seinem Stuhl, mäuschenstill, mit großen, ganz großen Augen.
Wie schön das alles war! Lauter Englein an den Wänden ringsum, und der liebe Gott war sogar mitten in einen Wolkenthron hineingemalt.
Oben, von der Orgelbrüstung herab, wurde gesungen. Mucki lauschte mit gefalteten Händen. Nur nachher, als oben alles wieder still geworden und der Prediger immerzu und immerzu mit sich allein redete, begann es für den kleinen Mann langweilig zu werden. Er verstand das gar nicht, was der schwarze Mann da alles erzählte. Die eine Beobachtung stimmte ihn zwar gnädiger, daß der auch so ein weißes Ding um den Hals trug, wie ihm Emilie heute auf die Bluse geheftet.
Einmal, als es plößlich ganz sonderbar still um ihn war und nur leise, ganz leise die Orgel spielte, drehte sich Mucki um und sagte ganz laut zu dem hinter ihm stehenden Herrn: Mich kann auch Bingen, Onkel! Scholl mich das mal von die Windmühle?"
Aber der Herr war gewiß gar kein Onkel. Der schüttelte nur sehr grimmig den Kopf, und alle anderen Verwandten blickten halb lachend, halb vorwurfsvoll zu ihm hinüber. Da schwieg Mucki lieber.
Er atmete erst auf, als er wieder in seiner„ Eklipasche" saß. Mama schalt freilich, daß er gerade während des Ringewechselns, im aller feierlichsten Augenblick, gesprochen habe. Aber es war nur eine ganz kurze Zeit, da standen alle zusammen in einem großen, prächtigen Saal, wo die Musik spielte und lauter Stühle an eine lange Tafel gestellt waren.
Jezt, Muci, jetzt sage deinen Vers!" drängte Mama, ihm noch einmal den Spitzenkragen über der Sammetbluſe zurechtzupfend.„ Kannst du ihn auch?"
Mucki nickte stolz. Er stand vor dem Brautpaar, und alle anderen Gäste umringten ihn.
„ Nun, was wünscht mir denn mein kleiner Glücksstifter heute?" lächelte die bräutlicTante ihm zu.
Mucki blickte starr über die bereiften, großen Fenster, die vor ihm lagen. Ihm fiel gerade ein, daß nun ja bald wieder Schlittenbahn auf der Straße sein müßte. Heidi, würde das schön werden!
" Nun," ermunterte jetzt auch Papa,„ schieß' doch los, Junge. Ich wünsch'-"


