Ausgabe 
4.6.1904 Zweites Blatt
 
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5, Gießen.

Den Samstag

Mucki lächelte verzückt. Wie ein leibhaftiger Engel stand er da. ,, Mich wünsch' dem lieben, jungen Paare- schtatt Schlitterwochen, Schlitterjahre," sagte er mit seiner hellen, durchdringenden Stimme.

herum lachten, lachte sie selber mit. Mama wollte zuerst böse werden. Als aber alle um sie

Und Tante Mieze riß den kleinen Burschen sogar so vorkam. jubelnd in ihre Arme, daß sich Mucki wirklich sehr geehrt

Tante, des Vaters und der Braut sechzehnjähriger Schwester, Bei der Tafel saß der Blondkopf zwischen seiner jüngsten und einem Kadetten, dem langaufgeschossenen Walter Bau­mann. Zuerst kümmerte sich Mucki nicht viel um seine Nach= barschaft. Er Suppe, Gemüse, Braten und lauter andere schöne Sachen bunt durcheinander. Ein Glas Wein hatte Hoch auf das Brautpaar leer geworden. Papa für ihn bewilligt, und das war schon bei dem ersten

,, Mich will noch mehr Wein!" erklärte er jegt bestimmt. Geben Sie ihm ruhig, Fräulein Gretchen," meinte der nischt!" Kadett großmütig. Solcher freschen Range schadet das

Gretchen lächelte.

,, Meinen Sie, Herr Baumann?"

" Na ob, immer feste! Wir Männer können nicht früh ge­

nug das Trinken lernen.'

Aber mein Bruder wird böse sein, wenn der Wein viel­leicht Mucki schlecht bekommt."

Der Kadett neigte sich ganz ungeniert über Mucki hinweg zu der reizenden Blondine.

" Na, dann erst recht! Dann werden wir den Drängelfrike hier zwischen uns vielleicht auf anständige Weise los. Meinen Sie nicht auch, Fräulein Gretchen, daß die Gelegenheit günstig

wäre?"

ihren. Sie wurde rot und duldete die Jünglingshand auf der

,, Aua, Tante Trete! Mich fall' warraftig untern Tisch! Warum kneift dir denn der olle Soldat immer ſo?" brüllte Mucki plötzlich wütend.

auseinander. Ganz verstört fuhren die beiden jungen Menschenkinder

Den Jungen schlag' ich tot!" murmelte der Kadett zwischen den Zähnen, als streng mahnende Blicke zu der ju­gendlichen Ecke hinüberkamen.

Gretchen schänkte dem ungebärdigen Nachbar rasch zur Versöhnung das zweite Glas Wein ein, das sie mit Selter­wasser verdünnt hatte.

Mucki kostete, verzog den Mund und schüttelte den Kopf. Wein hab'n!" Da schind lauter so'n ollen Blasens drin, mich will andern

Auf keinen Fall," erklärte Mama, die gerade noch die Worte gehört hatte, als sie nach ihrem Sprößling sehen wollte. ,, Du gibst ihm nichts mehr, Gretchen!"

" Dann will mich Schukolade ham," verlangte Mucki, ,, Knallbonbons un'' ne janze Menge Torte!"

Ich hab' für dich schon den halben Tisch geplündert," Junge?" meinte der Kadett." Wo hast du denn das alles gelassen,

Mucki klopfte sehr vergnügt auf die Seiten.

In meine Hosentaschen! Krischt Friße aus en Keller drüben! Mich will nu was selber hab'n!"

Mama griff verlegen nach ihres Sohnes bedenklich ange­zurückgleiten. schwollener Seitenfront und ließ mit einem Schrei die Hand

Aber das ist ja gräßlich, Junge! Das klitscht ja alles! Was hast du denn da hineingesteckt?" Mucki schnalzte mit der Zunge.

Na, von alles, was mich gegessen habe. Der arme Frite hot doch nie sowas Feines, Mammi!"

Mama zog ihren hoffnungsvollen Sohn vom Stuhle, um geben. ihn irgend einem dienstbaren Geist zur Reinigung zu über­

Als Mucki wieder sichtbar wurde, drängte er sich schmei­chelnd gegen Tante Mieze und wollte durchaus neben der Braut sitzen.

Sie hielt den Meinen Blumenstreuer ein Weilchen fest und plauderte mit ihm.

Wirst du uns denn auch bald besuchen, Mucki?" Der überlegte.

Huscht du auch so'n flein' Jungen, mit dem ich schpielen

fann?"

Nein," sagte Tante Mieze nur und drückte die Wange noch dichter gegen das heiße Kindergesicht. Na, denn wer' ich dir man besuchen," meinte Mucki gnädig.

Und dann sagte Muci eine ganze Weile gar nichts. Es war so süß und schön, den Kopf gegen das Spitzengerieſel von Tante Mieze zu drücken.

Die war auch ganz seltsam stumm. Behutsam, ein Lä­cheln um die Lippen, hielt sie den Kleinen im Arm, dessen Augen schwerer und schwerer wurden. Sie sahen gerade noch, wie Onkel Freds Finger zärtlich und leise die seiner jungen Frau suchten. Dann verschwamm alles, Lichter, Menschen und weiße Schleierwolfe, zu einem großen, bunten Traumbild für das müde Kind, das lächelnd und fest die Augen zudrückte.

Als Mucki am nächsten Morgen daheim in seinen Federn erwachte, blickte er sich sehr erstaunt im Zimmer um.

Mich weiß warraftig nicht, wie mich die Eklipasche wieder in mein Bett gefahr'n hat," meinte er sehr gedankenvoll.

Dage

Far Hausdoctor

Die Erkältungsschablone. Es gab eine Zeit, da man bei der Forschung nach den Krank­heitsursachen sich fast stets damit begnügte, eine Erkältung, wohl auch Verschlag" genannt, für alle Krankheiten verantwortlich zu machen. Befördert wurde diese Ansicht von der Erkältung noch da­durch, daß der Ausbruch sehr vieler Krankheiten durch einen Frost­schauer oder gar durch einen Schüttelfroſt eingeleitet wird. Hier­mit schien der Beweis für die Erkältung als Krankheitsursache über allen Zweifel erhaben zu sein. Die neueren Entdeckungen haben freilich die frühere Alleinherrschaft der Erkältungstheorie gewaltig erschüttert. Seit man als Ursache vieler Krankheiten mikroskopische Keime, welche, in den Körper gelangt, sich daselbst ins Unendliche vervielfältigen und auf Kosten der Körperfäfte leben, verantwortlich zu machen gelernt hat, ist die altehrwürdige Erkältung bei den Aerzten immer mehr in Mißkredit gekommen, während der einfache Mann freilich noch lange an der Furcht vor den Verschlägen" und vor dem Zuge" festhalten und glauben wird, daß seine Krankheiten wegen ihrer Entstehung durch Er­kältung am besten durch Schwitzen zu beseitigen seien. Wir aber wissen, daß der Frost, mit welchem die Krankheit eingeleitet wird, nicht der eigentliche Beginn ist, sondern daß die Krankheitskeime sich schon länger im Körper befinden müssen. Die Lehre von der Erkältung hat unberechenbaren Schaden getan dadurch, daß sie lange Zeit eine eingehendere Forschung über die Entstehung, das Wesen der Krankheiten hinderte. Es war ja ganz bequem, bei der Frage nach der Ursache eines Leidens sich mit dem Hinweis auf eine Erkältung aus der Schlinge ziehen zu können. Es war Sache des Patienten, sich an seine Erkältung zu erinnern, die schon irgend einmal stattgefunden haben würde. Andernteils aber schadete die Erkältungstheorie dadurch, daß man zur Austreibung des durch den Frost entstandenen Schadens die Wärme für das beste Mittel be= trachtete, die Kranken nicht heiß genug halten konnte und die ge= ringste Erneuerung der Luft im Krankenzimmer auf das eifrigste berpönte. Der ohnehin fiebernde Kranke, dessen Haut brennend heiß ist, wird durch die ihn umgebende Hize nur noch kränker ge= macht, sein Fieber, seine Unruhe, sein Durst vermehren sich. Die schlechte, verdorbene Luft, die er fortwährend zu atmen gezwungen ist, vergrößern seine Leiden, und er geht oft genug nicht an der Krankheit, sondern an den unnatürlichen, widersinnigen Verhält­nissen, denen man ihn aussetzt, zu Grunde. Darum fort mit der Erkältungsschablone! Sie genügt nur in den seltensten Fällen, um die Entstehung einer Krankheit zu erklären.

Absterben und Steifwerden der Hände ist häufig ein nervöses Symptom, gegen das man mit Erfolg heiße Sandbäder anwendet. Zu diesem Zweck besorgt man sich seinen weißen Sand( am besten Seeſand), erwärmt ihn und steckt die Hände hinein. Das kan man mehrmals( etwa dreinial) täglich wiederholen bis zu der Dauer einer Stunde Wicham ist auch das Bei veinenlassen der Hände von der Sonne.

Nr. 124

Samstag, den 4 Junt.

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

(( 13. Fortsetzung.)

Die Rache ist mein.

Originalroman von Ottomar Beta.

denn Moritz auf weitere Nachgibigkeit von ihrer Seite. Er Und Franziska hatte damals nachgegeben. So hoffte wollte Franziska Zeit lassen, zu erkennen, wie willkommen ihrem Vater ein solches Arrangement" sein müßte. Ich habe den Augenblick verpaßt," sagte er sich nun ,,, das hätte ein paar Wochen früher geschehen müssen, diese Pression und meine generöse Abwehr derselben. Ein Vorwand hätte sich finden lassen!" Er schlug sich unwirsch gegen die Stirn. Er klangen ihm auch jetzt noch so hohl und leer wie ihre früheren glaubte fest an Mammons Herrschaft. Franziskas Worte Abweisungen. Wenn die unsichtbare Macht, welche ihm alle Wege während der letzten Tage verlegt hatte, so dachte er sich, nicht auch hier durch Deckung der Hypothekenschuld seine Pläne durchkreuzt hätte, wie ganz anders... wie ganz nicht alles käuflich wäre und vor dem Gotte Mammon anders würde Franziska vor ihm gestanden haben. Daß begreifen. kriechę, froh, mit Golde sich zu mästen, das konnte er nicht

So fanatisch vernarrt war er in seine Doktrin und lediglich mechanische Weltanschauung, daß er, als er den Salon verließ, und die Stufen vom Balkon hinabstieg, nicht einmal Anton Köberlein bemerkte, der dort, wie ein Wächter des Hauses gegen die Balustrade gelehnt, Posten gefaßt hatte. Geschweige denn gedachte er der Lehre, die ihm selbst aus Teil geworden war. dem Munde eines so einfältigen Menschen noch soeben zu

Es bewahrheitete sich an ihm das alte Wort: Wer eine Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit". Grube gräbt, der fällt hinein", und noch ein anderes: Wen

Fünfzehntes Kapitel.

Der Herbst vergeht. Papa Fiebiger ist wieder ein Jüng­ling geworden, und es ist unbeschreiblich, was er alles zu tun hat. Auch geht alles nach Wunsch. Im großen ganzen wenigstens. Reibereien, Friktionen im Stadtrat namentlich, bleiben nicht aus; aber Papa Fiebiger hat das linde Del der Suade und des Wohlwollens. Er ist stets bereit zu Kompromissen, Vergleichen, Konzes sionen. Er schwelgt in Tätigkeit und Fördersamkeit. Noch seltsamer ist die Veränderung, die mit seinem Malefiziarius vor sich ging. Stöberer ist plößlich ein anderer Mann ge­worden, förmlich gelenfig. Er schleift nicht einmal die Füße mehr hinter sich her; im Gegenteil, diese Anhängsel zeigen eine Neigung, förmlich mit ihm davon zu laufen, gegen seine bessere Ueberzeugung. Er sieht einen neuen hellen Stern am Himmel aufsteigen und zieht ihm nach mit der Behendigkeit der Weisen aus dem Morgenlande. Zuweilen, wenn selbst ihm das Gewühl in den unzählig sich vor ihm auftürmenden Kontrakten zu viel wird, klappt er sich zusammen und stellt sich in die Ecke wie einen Regenschirm, dann faßt er sich mit der Riesenhand an den quadratisch geformten Schädel und reißt die Wieselaugen weit auf. Himmel, ruft er, mer hätte das gedacht!" Aber dann blitzschnell wie ein Otter stürzt er sich wieder in das Aktenaemoae und treibt

"

( Nachdruck verboten.)

juridische Verwüstung rings umher, nach römisch rechtlichen Normen, und Papa Fiebiger muß dann alles wieder auf die Wege der Aequitas und Menschenmöglichkeit bringen. Auf solche Weise ergänzen sie einander.

Er ist ja nun auch Verwaltungsrat bei zweien Riesen­unternehmungen auf Aktien, dem Vulkan" und dem Lloyd".

den.

Nur für Herrn Moritz hat eine furchtbare Zeit begonnen, während welcher er alle Kraft zusammen nehmen mußte, um mit dem unsichtbaren Feinde zu ringen, der sich plötzlich erhoben hatte, mit keiner andern Absicht, wie es schien, als um ihn zu vernichten. Freilich, die Welt wollte das nicht einsehen, und nachdem Herr Stöberer ihn größenwahnsinnig genannt hatte, lief er Gefahr, von seinen Kollegen der Han­delsbeflissenheit für verfolgungswahnsinnig erklärt zu wer­Der große finanzielle Apparat, den die Amerikaner aufbauten, mit Riet als vorgeschobener Person und mit dem Justizrat an allen Ecken und Enden, konnte unmöglich auf eine bloße Animosität gegen Herrn Moriz zurückgeführt wer­den, und noch weniger auf einen Erich Staudius, den Ozean bummler und Lagermeisic welcher im Speicher jenseit des Flusses, der sogenannten alten Siederei, sich einige Bretter­verschläge zur Behausung ausersehen hatte. Einsichtsvolle Leute erblickten in den Unternehmungen der Firma Rieß vielmehr eine kommerzielle Flankenbewegung der Ameri­faner gegen ihre Erbfeinde, die Briten, und sie bereiteten sich auf eine Hauptbewegung von Newyork aus vor. Wenn unternehinende Leute sich in den Dienst dieser großartigen Strategie stellten, so konnte das dem heimischen Handel nicht schaden, im Gegenteil, es wies nur darauf hin, daß die bal­tischen Häsen ebenso wie die amerikanischen gemeinsam unter dem Banne der britischen Kapitalshoheit und allumfassenden Schiffahrt litten und daß beide Teile das gleiche Interesse hatten, sich auf die eigenen Füße zu stellen.

So war noch keine Bevölkerung im alten Rande in clean yankee- fashion überrascht und überrumpelt worden. Schließlich aber, wenn man sich die Vorgänge ruhig im Rats­feller überlegte und vergegenwärtigte, erschien alles so ein­fach wie das berühmte Ei des Kolumbus. Es entstanden unter der Aegide der Firma Niet zwei Aktiengesellschaftcut Vulkan und Lloyd", an denen sich jedermann enthu siastisch beteiligte; auch Moritz hätte es tun können. Warum tat er es nicht? Warum ließ er sich beim Justizrat Fiebiger, der mit seinem Namen und Einfluß für diese Unternehmungen eintrat, nicht mehr sehen? Warum durchirrt er Stadt, Hafen und Börse wie ein Halbwahnsinniger und schreit über den Verrat!

Man erklärte sich dies daraus, daß die beiden Gesell­schaften Herrn Moritz überhaupt nicht haben wollten. Herr Moritz war durchaus mit den englischen Interessen verwachsen und hatte sich dem System der Briten gefügt. Dieses System sollte ja eben durchbrochen werden. Der Lloyd" sollte in großen Schifen den direkten Verkehr zwischen Newyork und den baltischen Häfen übernehmen. Und der Vulkan" sollte diese großen Schiffe auch sogleich bauen. Auch die Englän­der, so hieß es, rüsteten sich ia zum kommerziellen Kampfe.

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