uͤr die
Provinz Oberheſſen
Intelligenz-Blatt
im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke
im Beſonderen.
M 58.
Mittwoch den 27. Juli
1853.
Das öde Landhaus. Ein Reiſeabenteuer.
(Fortſetzung.)
Als mein Begleiter an dieſem Punkt ſeiner Erzäh⸗ ung angekommen war, befanden wir uns am Eingange des Dorfes, wo die Kirche ſtand, unweit von dem ſchmuck-⸗ loſen Häuschen, welches der Pfarrer bewohnte. Vor dem Häuschen war ein kleiner Garten, und unter dem Vor⸗ dache ſaß eine ſteinalte Frau und ſonnte ſich im warmen Abendlichte. Dem alten Mütterchen wackelte der Kopf vor Schwäche, ihre Geſtalt war ſehr gebeugt; in der Hand hatte ſie ein paar lange Stricknadeln und aus der Art und Weiſe, in welcher ſie dieſelben führte, ſchloß ich, ſie müſſe blind ſein. Der Prieſter lud mich ein, in ſeine beſcheidene Behauſung zu treten, erzählte mir, die Blinde ſei Roſine, die ehemalige Milchſchweſter und Zofe des Fräuleins Henriette v. Beaugency, und ſetzte hinzu, wenn ich mich ein halbes Stündlein bei ihm ausruhen wolle, werde er Roſine bitten, mir den Reſt der Geſchichte vol— lends zu erzählen. Da ich ahnte, daß ſich mir noch irgend eine ſchreckliche Kataſtrophe enthüllen würde, nahm ich das Anerbieten des guten Mannes gerne an. Er ſtellte mich Henriettens früherer Geſpielin vor, deren Gedächtniß ich trotz ihres hohen Alters noch gänzlich treu und unge⸗ trübt fand, und ich bat ſie um Verzeihung für meine Neugier, weil ihr die Wiedererzählung von ſo nahe an⸗ gehenden, wahrſcheinlich höchſt ſchmerzlichen Umſtänden ohne Zweifel Schmerz bereiten müſſe.
„Ach, Madame,“ ſagte ſie,„ich gebe nur Gedanken Worte, welche mich immer beſchäftigen! Ich werde dieſe Erinnerungen gar nicht los. Ich habe dieſe traurige Ge— ſchichte nur zweimal erzählt, denn ich wollte um meiner armen Herrin willen mit den Leuten ihrer frühern Um— gebung nicht über ſolche Gegenſtände ſprechen; aber jedes⸗ mal ſchlief ich darauf beſſer als ſonſt; es ſcheint die ſchwere Bürde meines eigenen Grams erleichtert zu haben, wenn ich Anderen das Geheimniß mittheilte.
„Sie liebten wohl Fräulein v. Beaugency ſehr?/ fragte ich.
„Meine Mutter war zwar nur ihre Amme, Madame, aber gleichwohl wuchſen wir wie zwei Schweſtern mit einander auf,, entgegnete Roſine;—„ſie hatte niemals das geringſte Hehl vor mir, und die heilige Jungfrau weiß, daß niemals einer ihrer Gedanken ſie auch nur eine Stunde außer dem Paradieſe halten wird, denn es war
nicht mehr Sünde in ihr, als ein Schmetterlingsflügel tragen könnte!“
„Sie hat wohl recht viel gelitten, als ſie den Tod ihres Vetters Eugen erfuhr?“ ſagte ich.„Und wie lange vorher war's, ehe ſie den Grafen heirathete? denn ſie heirathete ihn doch, nach Dem zu ſchließen, was ich ge— hört habe?“
„Ja, leider hat ſie ihn geheirathet, Madame, etwa ein Jahr nachdem die Todesbotſchaft gekommen war! die arme Frau! Nicht daß ſie mit ihm gerade unglücklich
war! Er behandelte ſie nicht ſchlecht, durchaus nicht, denn er liebte ſie leidenſchaftlich. Aber eiferſüchtig war er— der Himmel weiß auf Wen, denn er brauchte auf
Niemand eiferſüchtig zu ſein. Er liebte eben wie ein heißblütiger Spanier, der er war, und er fühlte vermuth— lich, daß ſie ſeine Liebe nicht auf die gleiche Weiſe er— widerte. Wie konnte ſie auch, nachdem ſie ihr ganzes Herz an den Vetter gehängt hatte! Sie mochte zwar den Grafen gut leiden, und ich könnte nicht ſagen, daß ſie miteinander unglücklich waren; aber ſie konnte Spanien nicht leiden und die Menſchen, unter welchen ſie dort zu verkehren hatte. Des Grafen Schloß war auch ein gar zu unheimlicher Ort, und ich für meinen Theil fürchtete mich immer, wenn ich Nachts beim Schlafengehen die ge⸗ wölbten Gänge und die weiten dunklen Treppen paſſiren mußte. Der Graf aber hing an ſeinem Wohnſitze, weil er ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten im Beſitz ſeiner Fa— milie geweſen war, und nur ſeiner Frau zu Liebe kam er nach ihrem väterlichen Gute.“
„Aber dieſer Wohnſitz iſt ja in der That ebenfalls ſehr unheimlich?“ wandte ich ein.
„Unheimlich?“ wiederholte ſie;—„jenun, heutzu— tage mag er es allerdigs ſein, weil ein Fluch darauf liegt; aber damals war er es nicht. O es war ein wunder— hübſcher Aufenthalt zur Zeit des alten Herrn v. Beau— geucy, und meine arme Herrin liebte denſelben um der ſchönen Tage willen, die ſie dort verlebt hatte, und als der Zeitpunkt ihrer erſten Entbindung herankam, drang ſie in ihren Gemahl, er moge ſie dahin bringen. Sie wollte meine Mutter um ſich haben, welche ihr beinahe Mutterſtelle vertreten hatte, und als ſie ihm ſagte, es würde ihr Tod ſein, wenn er ſie in Catalonien laſſe, gab er ihren Wünſchen nach und wir kamen hierher. Man berathſchlagte mit dem Arzte und richtete Alles her, und Henriette war ſo vergnügt bei dem Gedanken, daß ſie bald ein kleines Kind haben ſollte, daß, wenn wir ſo bei— ſammen ſaßen und Kleider für das zu erwartende kleine


