Ausgabe 
24.9.1853
 
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triefe

ernagel

ob ſie Deiner unwerth iſt!

Intelligenz-VBlatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

M 75.

Sonnabend den 2. September

18533.

Thereſe Aubert. Wahrheit und Dichtung in Form einer Memoiren-Novelle. Von Charles Rodier. (Fortſetzung.)

Seit der Zeit, daß ich von meinen Handlungen mir Rechenſchaft abzulegen im Stande war, hatte ich nie zu beten verſäumt; es war indeſſen Nacht geworden. Man wußte, daß ich bei Thereſen wachen werde; man hatte daher die Nachtlampe und die nöthigen Arzneimittel her beigebracht. Ich wollte mich für mein Gebet ſammeln, aber ich war eine Zeitlang unruhig, weil ich neben einem weiblichen Weſen lag. Mein Herz ſchlug heftig und wies den Gedanken als entheiligend zurück. O Gott! ſprach ich zu mir ſelbſt, du lieſeſt in meiner Seele, und weißſt, Dieſe Worte beruhigten mich wunderbar, und verwandelten den Schauder, den das erſte Gefühl über dieſen Schein eines Fehlers in mir erweckt hatte, in Vertrauen. Ich rückte noch näher gegen The⸗ reſe. Ihre Füße waren kalt wie Eis; ich erwärmte ſie mit meiner Hand. Sie ſchlief ſehr unruhig und das leiſeſte Beben ihrer Glieder entging mir nicht. So war ich doch gleich bei der Hand, ihr Hülfe zu leiſten. Sie warf oft den Kopf mit Lebhaftigkeit hin und her, indem ſie jedes mal einen leichten Schrei ausſtieß, und einige undeutliche Sylben ausſprach. Mein rechter Arm lag ſeit mehreren Stunden unter ihrem Halſe. Anfangs hatte ich einige Unbequemlichkeit gefühlt, dann ſchlief er ein und zuletzt fühlte ich ihn gar nicht mehr. Dieß war eine Art Vor geſchmack des Todes; und der Tod iſt ſo wenig! Wenn er mich ſo ganz gefaßt hätte, wenn ich hätte aufhören können zu ſein, ohne dadurch aufhören zu müſſen in der Nähe von Thereſens Körper zu ſein, ſo würde mich die Vernichtung um dieſen Preis nicht erſchreckt haben. Als ich gewahr wurde, daß ſie allmälich erwache, entfernte ich mich behutſam von ihr, damit ſie nicht inne werde, wie nahe ich ihr geweſen ſei und ihre unſchuldige Seele nicht beunruhigt werde.Biſt Du es? fragte ſie.Ja, antwortete ich, ſie küſſend.Iſt es ſchon Tag? fuhr ſie fort. Auf dieſe Frage war ich nicht gefaßt, daher zer riß ſie mir das Herz.Noch nicht völlig, antwortete ich mit einer Verwirrung, deren Grund ſie wohl begriff. Ich will, ſagte ſie,daß Du Dich mit dieſem Ge danken vertraut machſt, und daß Du meine Irrthümer ebenſo mit kaltem Blute verbeſſerſt, als wenn ſie Dir keinen Zeitraum in's Gedächtniß riefen, der vorüber iſt und nie wiederkehren wird. Ich ſelbſt habe beim Er⸗ wachen beinahe dieſem Gedanken nachgegeben. Ich ſah

Dich nicht, aber Du berührteſt mich, Du warſt es, ja Du, und ſo habe ich jeden andern Gedanken, als fremdartig für mein Leben, vergeſſen. Unter den Geſchöpfen Gottes gibt es viele Weſen, welche fühlen und nichts ſehen; und doch beklagen wir ihr Unglück nicht, weil wir dieß als ihrer Gattung eigenthümlich betrachten. Würden wir aber ein Weſen, welches des Vortheiles des Geſichts be raubt wäre, dem es aber vergönnt wäre, durch die Augen eines Geſchöpfes ſeinesgleichen zu ſehen, welches es liebt und das ſich ſeiner annimmt, nicht für außerordentlich begünſtigt auf dieſer Erde halten? Was liegt überhaupt daran, daß ich ſehe, da Du, die ſtärkere und größere Hälfte meines Seins, ſiehſt, um uns Beide führen und uns das Leben erhalten zu können? Ich bemerkte an dieſer Ueberſpannung der Gefühle und Geſpräche, daß ſie eine Folge vom Fieber ſei, und drückte meine Lippen auf ihre Finger, um ihr zu verſtehen zu geben, daß ich ihr mit Vergnügen zuhöre, und daß das, was ſie ſage, ganz mit meinen Gedanken übereinſtimme.Es iſt doch ein ſonderbarer Handel um die Liebe, fuhr ſie fort,ein Handel, in dem der, welcher am meiſten gibt, ſtets der Begünſtigſte iſt; darum bewundere die Gnade, welche Dir das Glück gewährt hat, Du wirſt immer Alles unter uns Beiden ſein, und ich werde nichts, durchaus nichts ſein!Da täuſcheſt Du Dich, antwortete ich, indem ich ihr zu Liebe auf die Träume ihrer Phantaſie einging, denn Du wirſt doch ſtets der Gedanke ſein, der uns Beide beleben wird, und ich werde nichts als der Körper ſein, der gehorcht. Dieſer Gedanke gefiel ihr ſehr. Dieß iſt Deines Herzens würdig, ſagte ſie.Es wird nur eine Seele und ein Körper da ſein; aber die Seele biſt doch Du, denn ich fühle, daß die meine ganz in Deine übergegangen iſt, und daß ich außer Dir keine habe... Gott verzeihe mir es, mein Freund! aber nur er ver möchte es, uns Eines dem Andern wieder zu geben, wie wir waren. Es ſcheint allerdings, daß es hier aus iſt, und daß er uns, wie Du geſtern ſagteſt, für das zu künftige Leben aufſpart. Ich habe in dieſer Richtung einen merkwürdigen Traum dieſe Nacht gehabt. Sie be merkte, daß ich in Erwartung lauſchte und lächelte. Du hältſt nicht viel auf Träume, nicht wahr? Ich drückte ihre Finger wieder, die noch immer in die meini gen geſchlungen waren.Denke Dir, fuhr ſie fort, ich war wieder ſo, wie Du mich das erſte Mal geſehen haſt. Ich war mit Henrietten zu einem ſchönen Feſte ge laden(ich hatte ihr von Henrietten nichts geſagt), und in unſerer Geſellſchaft befanden ſich zwei Offiziere. Einer