dem bereits verkauften Häuschen und erwartete nur noch die beiden Eigenthümer. Von den Aelteſten und Bekannten im Dorfe verabſchiedete ſich eben zum letzten Male vor der Thürſchwelle der alte Frangois, da eilte Marie flüch⸗ tigen Schrittes noch durch das Gärtchen nach der Maul⸗ beerhecke. Nachdenklich blickte ſie eine Weile in das grüne ſaftige Laub, dann brach ſie raſch ein Zweiglein daraus und verſteckte es, wie etwas Heimliches, in ihrem Buſen⸗ tuche: eine Erinnerung, nicht allein an das beſcheidene, ſtille Gärtlein, ſondern beſonders auch an gewiſſe unver⸗ geßliche Augenblicke, die nur ihr bekannt waren, und viel⸗ leicht, aber ach, nur vielleicht noch einem Menſchen auf dieſer Erde. Wenige Minuten ſpäter wankte der beladene Wagen aus dem Dorfe, auf der Straße nach Paris zu.
In Paris miethete ſich die kleine Familie eine ganz beſcheidene Wohnung und trotz dem ſie in der großen und lebhaften Weltſtadt lebte, zeigte ſich zwiſchen ihrer bis— herigen Zurückgezogenheit und dieſer neuen Laufbahn kein großer Unterſchied. Marie ſtand in Paris ſo gut als im Dorfe**elles dem Hausweſen fleißig und geräuſchlos vor und wußte ſo viel wie nichts von dem, was um ſie in der Welt draußen geſchah. Francois freilich konnte hier nicht mehr nach ſeinen Aeckern und Fluren gehen, höchſtens die elyſäiſchen Felder ſahen ihn von Zeit zu Zeit; ſein regelmäßiger Beſuch aber galt der Aſche ſeines Kaiſers im Dom der Invaliden. Keine Unbill der Witterung, nicht Froſt noch Hitze, kein Regen und kein Sturm hielt ihn von dieſem Gange je ab, er war ſeine Erholung, ſein Spaziergang, ſein Cultus, ſein Alles. In ſolch gleichför— miger Weiſe verfloſſen den beiden Provinzialen mehrere Jahre. Von Emil hatte Marie bisher eine andere Nach⸗ richt vernommen als diejenige, welche einſt ein Lands⸗ mann gebracht, der mit ihm als Recrut nach Afrika mar⸗ ſchirt war und in Folge einer ſchweren Verwundung nun nach Frankreich zurückkehrte. Er war nach Paris gereist, hier ein Unterkommen zu finden. Dieſer Landsmann traf den alten François zufällig beim Haus der Invaliden, er begrüßte ihn überraſcht über ſeine Anweſenheit und theilte ihm nun ſeinerſeits im Geſpräche mit, wie er in der Schlacht von Isly ſeine Wunde erhalten; es ſei auch noch ein Anderer aus ihrem Dorfe mit dabei geweſen, Emil, der ſich brav gehalten, ſo daß er noch auf dem Felde decorirt worden. Soviel erzählte Francois ſeiner Tochter von der Unterredung, aber auch kein Wort mehr auf all ihre häufigen und verſchieden ausgeholten Fragen; ſei es, daß er bei ſeiner geringen Theilnahme, ja ſeinem Vorurtheil gegen die neuen franzöſiſchen Waffenthaten ſelber nicht mehr erfragt und erfahren, ſei es, daß er eine, wie er meinte, eingeſchlummerte Neigung nicht wieder auf— wecken wollte. Dieſe etwas dürftige Kunde aber war gleichwohl eine Erquickung für das arme Mädchen, eine wohlthuende Unterbrechung der gleichförmigen Tage, da— ran ihre ermattende Hoffnung ſich aufrichtete und Heiter⸗ keit und Lebensmuth auf eine geraume Zeit wenigſtens die ſtille Ergebung und heimliche Traurigkeit verdrängten. Freilich folgten darauf auch Jahre, in denen die Wirkſam⸗ keit dieſer Nachricht, durch die Macht des Alltäglichen, der Gewohnheit und ihres erdrückenden Einerlei völlig abge— ſtumpft ward und Marie ſelber allmählig zu dem niedern Grade von Hoffnung zurückſank, den ſie vor der unerwar⸗ teten Botſchaft eingenommen: wie manche Kugel war ſeitdem geflogen! wie manches Franzoſenherz in den Laza— rethen elendiglich gebrochen!
Unberührt, wie von allen Ereigniſſen, blieben die
Beiden auch von den politiſchen Gewitterwolken und Stürmen, welche im Beginn des Jahres 1848 an Frank⸗
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reichs Himmel heraufzogen. Frangois lebte zu ſehr in den vergangenen Tagen, zu wenig in der Gegenwart, um daran irgendwie Theil zu nehmen. Sein Kaiſer war ja ſchon lange todt und der bürgerliche König Louis Philipp beſaß zu wenig Eigenſchaften, die nur eine ferne Ver— gleichung mit einem Kriegsfürſten zuließen, zu viele, welche den ritterlichen Sinn abſtießen, als daß das Veteranen⸗ gemüth durch irgend einen Faden an ihn hätte gebunden ſein können. Ließ er auch der Klugheit des Königs ihr Recht widerfahren, in ihrer kleinlichen, faſt ſchmutzigen Anwendung ward ſie ihm nur um ſo mehr zuwider und ſeinem Napoleon gegenüber wog Louis Philipp wenig mehr als ein Krämer mit einem Helden verglichen. Die Miniſter, die ganze Diplomatie mit ihrer Vielrednerei und feigen Friedensliebe, hinter der Frangois' geſunder Sinn doch Verweſungsgeruch witterte, waren dem Soldaten ver— ächtlich, wenn er der tapfern Marſchälle und Feldherrn des Kaiſerreichs gedachte, und die hochnäſige geldſtolze Bürgerſchaft verdankte es lediglich der Entartung des Heeres, daß ſie ſo ungeahndet über den Soldaten ſich er— heben und nach ihrem anmaßenden Dünkel über ihn ver⸗ fügen durfte!— Bei einer ſolchen Anſchauung war es natürlich, daß François Lembert ruhig und theilnahmlos blieb, als die Revolution plötzlich dem Bürgerkönigthum und all dem, was daran hing, ein jähes Ende bereitete. Doch auch die proviſoriſche Regierung der Republik ver- mochte nicht lange, es ihm zu Dank zu machen. Halbe, unentſchiedene Maßregeln, Scheu, Uneinigkeit und Rück⸗ ſichten jeder Art, die ſie in ihrem Auftreten lähmten, ließen den ehemaligen Sergeanten der Garde nur zu bald wieder auf ſeinen alten Grundſatz zurückkommen, der Kaiſer fehle eben überall, der Kaiſer mit ſeinem Adlerblicke, ſeiner Energie und— ſeiner Garde. Der Kaiſer, meinte er, würde in dem Wirrwarr bald Ordnung geſchafft und die Ruhe, all den Gelüſten gegenüber, bald hergeſtellt haben!
Je weniger ihm die Lage der Dinge, die politiſchen Ereigniſſe in ihrer gährenden Entwicklung zuſagten und er ſich immer mehr davon zurückzog, um ſo häufiger wurden ſeine Beſuche am Grabe des Einzigen, der hätte helfen können— wenn er nur eben mehr als bloßer Staub ge— weſen wäre.
Da ertönten die Sturmglocken des 23. Juni; Trom⸗ meln und Trompeten riefen, was Waffen tragen konnte, in's Gefecht gegen die blutrothe Anarchie, Kanonen raſſel— ten über's Pflaſter, Reiter ſprengten an den Häuſerreihen vorbei, Geſchrei ertönte überall und Verwirrung, zwiſchenein knatterten Flintenſalven, Kartätſchenſchüſſe donnerten furcht— bar durch die hohen Gaſſen hin und Balken, Gemäuer, Fenſter praſſelten in den allgemeinen betäubenden Lärm. Und dieß Alles in dem überfeinerten, genußſüchtigen, ver— weichlichten Paris, der europäiſchen Metropole des Ge— ſchmackes und der Mode, der Hochſchule aller geſellſchaft— lichen Sitte und Durchbildung.
(Fortſetzung folgt.)
Kirchenbuchsauszug von Butzbach. Monat Mai.
Getraute:
29. Wilhelm Zutt, Bürger und Wittwer dahier, und Eli⸗ ſabethe Berg, des verlebten Bürgers und Schneiders Johann Georg Berg dahier nachgelaſſene erſte eheliche
ledige Tochter.


