Ausgabe 
16.7.1853
 
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8 Bindernagel.

ntelligenz-Vlatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

55.

Sonnabend den 16. Juli

1853.

Das öde Landhaus.

Ein Reiſeabenteuer.

Vor mehreren Jahren, als ich mit einer älteren Ver wandten im ſüudlichen Frankreich reiste, ward ich durch das unvermuthete Erkranken der letztern in der kleinen Stadt Beziers aufgehalten. Meine Tante erholte ſich nur langſam wieder, und in dieſer für mich ſehr langweiligen Zeit ſuchte ich mich ſoviel als möglich durch Spaziergänge zu entſchädigen, die ich in die nächſte Umgebung, auf eine oder zwei Lieues anſtellte, um das Thun und Treiben der ackerbauenden Bevölkerung zu beobachten und Bekannt ſchaften mit dem Landvolke anzuknüpfen. Auf einem meiner Ausflüge ſah ich eine hohe Mauer und ein eiſernes Thor in der Nähe der Straße, verließ daher dieſe und ging auf das Thor zu, um durch die Gitter einen Blick in's Innere zu werfen. Allein ich fand die Stäbe ſo mit Schling⸗ pflanzen aller Art überwachſen, daß ich nichts Anderes unterſcheiden konnte, als ein Haus, das etwa hundert Schritte vom Thore tief im Garten ſtund. Das Thor war übrigens nicht geſchloſſen, wie ich fand, ich gab ihm einen Stoß und es gelang mir, obſchon es ſich nur ſehr ſchwer in den verroſteten Angeln drehte und am Boden ſtreifte, es wenigſtens ſo weit zu öffnen, daß ich meinen Kopf hindurchſtrecken konnte. Welcher Anblick der Ver⸗ ödung bot ſich aber mir! das Haus, aus dunklen Back- ſteinen gebaut, ſah aus, als waͤre es ſeit einem Jahr hundert nicht mehr bewohnt; das Dach war ſehr zerfallen, der Mörtel des Bewurfs ganz geſchwärzt von Alter, die Steinſtufen der Vortreppe mit Flechten überwachſen und die Fenſter alle von verblichenen und zerſchlitzten venetia niſchen Blenden verſteckt. Der Garten war ein Dickicht von Unkraut und verwilderten Roſenbüſchen, und die Gar tenpfade gar nicht mehr zu erkennen mit Ausnahme eines einzigen breiten, welcher in gerader Richtung vom Gar tenthore auf die Hauptthüre des Hauſes führte. Nachdem ich dieſe Scene der Verwüſtung eine Weile angeblickt, verließ ich ſie mit einer ſonderbaren Regung von Neugier. Warum mag denn dieſer einſt ſo anmuthige Ort ver laſſen und vernachläſſigt worden ſein? fragte ich. Er war ja keine Burg, Schloß oder Abtei, welche man in

Trümmer fallen läßt, weil ſie keine für die heutigen Sitten

paſſenden Wohnplätze mehr ſind. Im Gegentheil war das Gebäude, welches ich geſehen, verhältnißmäßig modern und nur aus Mangel an den nothwendigen zeitigen Re paraturen und an genügendem Schutze vor der Witterung in Verfall gerathen. Vielleicht knüpft ſich irgend eine

wehmüthige Geſchichte an dieſe Oertlichkeit, dachte ich; oder vielleicht iſt das Geſchlecht aus geſtorben, dem es einſt gehörte; vielleicht iſt auch nur ein Proceß die Urſache ſeiner Zerſtörung, die minder tragiſcheſte von allen Mög- lichkeiten.

Auf dem Heimwege fragte ich eine Frau im nächſten Dorfe, ob ſie mir ſagen könne, wem jenes ode Landhaus gehöre.

Einem Spanier, war die Antwort; todt!

Und wem gehört es jetzt? forſchte ich weiter; warum läßt man es denn in Trümmer fallen?

Darüber kann ich keine Auskunft geben, erwiderte die Frau einſylbig und trat kopfſchüttelnd wieder in das Häuschen, unter deſſen Thüre ſie geſtanden hatte.

Noch am gleichen Tage fragte ich beim Mittagbrod unſern Wirth, ob er die Oertlichkeit kenne und meine Neugier zu befriedigen vermöge. Er bejahte Beides und gab mir einige Notizen. Der letzte Bewohner des Gutes war ein Graf Ruy Gonzalez, ein Spanier, geweſen, deſſen Frau unter einigen auffallenden und ſchmerzlichen Umſtän den geſtorben war, uͤber welche Niemand nähere Auskunft zu geben vermochte. Der Graf hatte ſie leidenſchaftlich geliebt und war kurz nach ihrem Tode nach Paris über ſiedelt, wo er bald darauf ebenfalls geſtorben war. Da das Gut einen Theil des Vermögens der Dame gebildet hatte, war es nach deren Tode einem entfernten Ver wandten von ihr zugefallen, welcher es vermiethete; allein der Miethsmann hatte es nach einem Aufenthalt von wenigen Monaten wieder verlaſſen und einen Theil des Miethzinſes zum Opfer gebracht. Andere Miethsleute, welche das Landhaus nach ihm bezogen, hatten es ſämmt⸗ lich unter irgend einem Vorwande bald wieder ver laſſen, und nun ſtand es ſeit geraumer Zeit in einem wahren Verrufe weit und breit, der ihm ſo hartnäckig an haftete, daß an ein ferneres Vermiethen gar nicht zu denken war.

Dieſe Nachrichten waren natürlich nur geeignet, mein Intereſſe für das verlaſſene Landhaus noch mehr zu ſteigern, und am folgenden Tage konnte ich es kaum erwarten, bis meine Kranke in ihren Mittagsſchlaf verſunken war, damit ich meinen Beſuch wiederholen und meine Nachfor⸗ ſchungen weiter ausdehnen könnte. Ich fand das Garten thor wieder angelehnt, und es gelang mir, mit Aufbietung

aber er iſt

aller meiner Kraft mir den Side Bwingen. Noch hatte ich keine d vor mir

eine Schlan Balte