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Intelligenz- Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke
im Beſonderen.
N 16.
Mittwoch den 13. Juni
1853.
Der alte Sergeant. Von Dr. Th. Meyer.
(Fortſetzung.)
„Auf mühſamem Marſche waren wir bis in die Nähe von Krasuoi gekommen, da ward Halt gemacht, es war bei einem finſtern Föhrenwald, tief vom Schnee be⸗ deckt, in einem von ſteilen Höhen eingeſchloſſenen Thale. Rings auf den Anhöhen ſtanden die Ruſſen, wir ſahen uns von ihrem ganzen Heere umzingelt. Es ſah ver⸗ zweifelt aus und war auch das erſte Mal, daß ich zitterte, während des ganzen Feldzugs. Nur Ney erſchrack vor dieſem Anblick nicht; ja, als ein feindlicher Oberſt heran⸗ kam und uns die Capitulation antrug, ſchlug er ſie ſtolz aus und machte den Parlamentär zu ſeinem Gefangenen. Sofort wurde Sturmſchritt angeſchlagen und mit dem Bajonnet ging's gerade auf die Feinde los, durch ihre Mitte ſollten wir uns eine Bahn brechen. Ein fürchter⸗ liches Feuer empfing uns, Granaten und Kartätſchen, Stückkugeln und zerſchmetterte Baumäſte fuhren hageldicht in unſer Häuflein. So wild und verzweifelt wir drein⸗ ſchlugen, ſchoſſen, drängten und mordeten, ſo groß war die Uebermacht. Der Troß war ſchon mit Geſchrei zerſchmet⸗ tert aus einander geſtoben, und als nun noch mit Sonnen⸗ untergang die ruſſiſchen Uhlanen und Grenadiere in unſere Flanke brachen, zerriß gräßliche Verzweiflung alle Ord⸗ nung, laut heulend rannten hier und dort die Tapferſten in den Tod hinein, Viele, indem ſie die Waffen raſend wegwarfen und die Fäuſte krampfhaft gegen die Feinde ballten. Mit Mühe gelang es dem Anſehen Ney's, 1500 Mann beiſammen zu halten, die riß er aus dem Höllen⸗ ſchlund des ruſſiſchen Feuers zurück und führte ſie, etwa eine Stunde weit, wieder gegen Smolensk zu. Ich war bei dieſen mit meiner verwundeten Schulter, Louiſe hatte immer treulich an meiner Seite ausgehalten. Erſchöpft, blutend und grimmig wie ein angeſchoſſenes Tigerthier lagerten wir auf der hartgefrornen Erde, abgeſchnitten, ohne Lebensmittel, vom Tode überall bedroht, umzingelt in einer öden Schneewüſte ohne Leben und menſchliche Wohnung. Das Blut wollte uns in den Adern erſtarren; Ney allein, der eiſerne, unerſchütterliche, hielt den Muth der Wenigen noch aufrecht, wie er ſo ruhig, als wär's mitten in Paris, auf der beſchneiten Erde ſaß und eine
Landkarte auf den Knieen hielt, darin er einen Rettungs⸗
pfad für ſeine Getreuen aufſuchte. Wir hielten eine traurige Raſt, kein Schwatzen, kein Lärm und Gewühle,
Alle wortkarg und unbeweglich. Neben Louiſen, die mir meine Schulter verband, ſaß ich am Saum des Waldes, etwas ſeitab von der Menge. Das arme Mädchen war todtmüde und doch ließ ſie in ihrer Sorge nicht nach, düſter blickte ich auf ſie hin, während wir in der Ferne aus dem Dickicht die Wölfe heulen hörten, die unſerm Zuge nachzogen. Ueber unſern Häuptern kreisten mit wüſtem unheilvollem Geſchrei große Schaaren von Raben, als könnten ſie nicht erwarten bis wir todt, um unſere Leiber anzuhacken; ein ſchauriger naßkalter Wind trieb den letzten warmen Blutstropfen erſtarrt nach dem Herzen zu— rück. Schweigend bot mir Louiſe ein hartes Stück Brod, ich ſchüttelte den Kopf, denn es war mir unmöglich, ein Wort zu ſprechen, und ich ſchob es ihr wieder zurück. Sie wollte es auch nicht, und ſo lag eine Brodrinde zwiſchen zwei vom Hunger faſt Verzehrten. Da nahm ich ſie, brach ſie entzwei und bot ihr die eine Hälfte. Sie nahm ſie lächelnd als ich ſagte: Wir wollen theilen!„Alles,“ er⸗ widerte ſie bloß und dieſes„Alles,“ ſchien mir, könne einzig nur den Tod bedeuten. Seitab von uns kauerte eine Gruppe Soldaten um ein friſch gefallenes Pferd; es war noch nicht völlig todt und zuckte noch, als ſie das zähe abgedorrte Fleiſch in Fetzen herunterriſſen und es noch blutig mit thieriſcher Gier verſchlangen. Später hab' ich wohl Gräßlicheres geſehen, aber ich ſchauerte nicht ſo davor wie hier an der Seite Louiſens, wo ich noch menſch⸗ lich fühlte, wo nur Schmerz mein Herz quälte, aber kein Starrkrampf es unempfindlich gemacht.
„Wir blieben ſo bis es Nacht geworden, da ſtand der Marſchall ruhig auf und gab Befehl zum Aufbruch: dem Dniepr zu, ſeitab von der Heerſtraße nach Norden! Wir erhoben uns, Louiſe und ich, und warfen noch einen Blick auf unſere troſtloſe Ruheſtätte, es war das letzte Mal, daß wir beiſammen geſeſſen; auf meinem Todbette werde ich noch an dieſen ſchauerlichen Abend denken! Stille ging es durch die Nacht über den hartgefrornen Schnee. Ein tiefes Seufzen, ein Stöhnen, das Knarren der Fußtritte, das Anſchlagen und Klirren einer Waffe war Alles, was die todte Einförmigkeit von Zeit zu Zeit unterbrach. Durch die Sümpfe, Schneefelder, Tannen— wälder und Geſtrüppe hindurch, welche ſich unabſehbar vor uns ausdehnten, waren die Sterne unſre einzigen Führer, Koſacken, die uns hier und da umſchwärten, unſre einzigen Begleiter. Mit Tagesanbruch begann der Ueber— gang über den Fluß, voran Ney. Er hieß uns in Ent⸗ fernung von einander über das gefrorne Waſſer marſchiren. Am Anfang ging's gut, aber bald war keine Ordnung


