Ausgabe 
13.8.1853
 
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Intelligenz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

N 68.

Sonnabend den 13. Auguſt

Thereſe Aubert. Wahrheit und Dichtung in Form einer Memoiren-Novelle. Von Charles Nodier. (Fortſetzung.)

Die Stadt war mir gänzlich unbekannt, und ſo zing ich auf's Gerathewohl, um einen Ausgang nach der Seite hin zu ſuchen, wo ich vermuthete, daß meine Ka meraden hinausgezogen ſein möchten. Endlich ſah ich das freie Feld, und glaubte ſchon meine Freiheit geſichert, als ein Soldat gerade vor mir ſeine Muskete auf mich an ſchlug und mich nöthigte, einige Schritte zurückzutreten. Halt, junges Mädchen, rief er.Hier paſſirt man nicht ohne ſich auszuweiſen. Tritt hier herein in die Schreibſtube. Ich gehorchte. Dieſe Schreibſtube war ein großes Packhaus, in welchem bereits ein Haufen weh klagender Weiber, weinender Kinder beiſammen war, von denen einige von ihren Müttern, vielleicht für immer im Getümmel der Niederlage getrennt worden waren, und welche nun in furchtbarer Angſt abwarteten, was den Siegern über ſie zu verhängen gefallen möchte.Biſt Du auch eine Straßenräuberin? fragte mich ein Mann mit wilder Miene, dem ohne Zweifel das Herz vor Freude aufging, ein weiteres Opfer in ſeine Hände fallen zu ſehen.Nein, antwortete ich.Wo iſt Dein Paß? Ich habe keinen. Ich bin die Tochter des Müllers von P..., der bei der Vertheidigung der Republik gegen die Straßenräuber gefallen iſt, und da wir eine zahlreiche und arme Familie ſind, bin ich nach Mans gekommen, um hier Dienſte zu ſuchen. Ich bin geſtern gerade wäh rend der Ereigniſſe angekommen; die Angſt ergriff mich, ich verbarg mich daher bis zum Morgen, und ſuche nun wieder dahin zurückzukehren, woher ich gekommen bin, dieß iſt Alles.Von dem Müller von P.., er wiederte der Fragende,dieß iſt möglich. Man führe ſie zum Präſidenten Aubert, ſagte er, ſich umwendend;er iſt aus dieſem Dorfe; und wenn ſie uns nicht irre führt, ſo wird er ſie erkennen.

Der Präſident befand ſich am andern Ende des Saales und kehrte uns den Rücken. Von ſeinem Hute wallten dreifarbige Federn, ein dreifarbiges Band hing ſchräg über ſeine Schulter. Er ſprach mit lebhaften Ge berden und wie es mir ſchien ſehr heftig. Ich hatte das Gefühl eines nahen Todes. Mein Herz ſchloß ſich eine Secunde lang krampfhaft; auf meine Stirne trat Schweiß; mein Paket gleitete mir herab und fiel beinahe zu Boden,

druck ich nie vergeſſen werde.

als ich mich eben wieder gefaßt hatte. Im ſchlimmſten Falle handelte es ſich darum, zu ſterben, und welches In terreſſe, welche Liebe konnte mich am Leben feſthalten? Ich hörte mit ziemlicher Ruhe den Mann, der mich ge leitete, die Lüge wiederholen, die ich erfunden hatte; oder vielmehr, wenn ich einige Unruhe fühlte, ſo rührte ſie allein von der Scham her, gelogen zu haben, um einige Tage damit zu erkaufen, von welcher vielleicht der höchſte Richter bald Rechenſchaft fordern dürfte. Der Präſident Aubert hatte dieſelben Worte mit bewegter und unruhiger Stimme wiederholt. Er wandte ſich raſch nach mir um und fixirte mich mit einem traurigen Blicke, deſſen Aus Dieſer Zuſtand der Unge wißheit dauerte aber nicht lange. Seine edelu und weichen Züge, denen man die ſteten Sorgen wohl anſah, heiterten ſich plötzlich auf. Er lächelte mir ſanft zu, und mit einem Schlage der umgekehrten Hand auf meine Wange, ſagte er liebevoll:Du biſt es alſo, arme Antonie! Du mußt viele Angſt ausgeſtanden haben. Dieſe Hand, mit welchem Ausdrucke von Erkenntlichkeit und Achtung hätte ich ſie gern an meine Lippen gedrückt, wenn ich es hätte thun können, ohne meinen Wohlthäter zu verderben! Er mußte in meinen Blicken einen Theil deſſen leſen, was ich empfand. In dieſem Augenblicke keimten aber ſonderbare und neue Gedanken in mir; ich begriff zum erſten Male, daß es keine noch ſo abſolute Meinungsſchattirung gebe, welche Menſchlichkeit und Gerechtigkeit ganz ausſchließe. Ich tadelte mich innerlich über die allgemeine Strenge bei manchen Urtheilen, welche ich ſeither über die Aufrichtig keit der Anſichten und Leidenſchaften Anderer gefällt hatte; und, ich gelobte mir, fürderhin in meiner Handlungsweiſe, im Allgemeinen die Regeln des Wohlwollens und des Mitleidens zu meiner Richtſchnur zu nehmen, ehe ich mich von dem ungerechten Eindrücke des Parteihaſſes hinreißen ließe. Während ich mir dieſe Gedanken machte, hatte Herr Aubert ein kleines Billet geſchrieben und geſiegelt, welches er mir einhändigte.Ich dachte, ſagte er,weil Du in einen Dienſt zu treten wünſcheſt, es dürfte paſſen der ſein, daß es bei meiner Tochter, als irgendwo anders geſchehe. Der Tod ihrer Mutter hat in ihrem wie in meinem Herzen eine Leere zurückgelaſſen, welche nur ein freundſchaftlicher Verkehr auszufüllen vermag. Ihre Groß mutter iſt gebrechlich und krank. Eine gänzliche Vereinze lung macht mich um ihr Wohl beſorgt, und ſchon ſeit lange hatte ich mir vorgenommen, ihr eine Geſellſchafterin von ihrem Alter zu geben. Du haſt eine gute Erziehung, Sittlichkeit, die Empfehlung eines ehrlichen Namens für

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