Ausgabe 
12.2.1853
 
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Intelligenz-Blatt

A5 5. fur die . Provinz Oberheſſen 5 im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

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Sonnabend den 12. Februar 1853. a Aus den Annalen der geheimen Sicherheitspolizei zeigen. Ich dankte dem Briefträger und blieb weiter auf * in London. 5 Wache. Nach Mittag kommt das Mädchen aus dem

9 0 8 a Hauſe, und, wie ich ihr folge, ſehe ich ſie bei einem Pa⸗ Nach Dickens's Household Words. pierhändler eintreten. Durch das Ladenfenſter kann ich

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11 erkennen, wie ſie einige Bogen Poſtpapier, eine Feder

Thally⸗ho-Thompſon war ein berüchtigter Pferde⸗ dieb, ein Beutelſchneider erſten Ranges und ein handfeſter Geſelle, der ſich vor Gott und Teufel nicht fürchtete. Einmal hatte er bei hellem, lichtem Tage in Hertfordſhire ein Pferd geſtohlen. Die Geſchichte machte wegen der Kühnheit des Diebſtahls und der weit berühmten Schön⸗ heit des Pferdes viel Aufſehen. Ich wurde beauftragt, dem Thompſon nachzuſetzen. Aber, wie ihm auf die Fährte kommen? Ich wüßte, daß ſeine Frau mit einer kleinen Tochter in Chelſea wohute. Da auch kein Zweifel war, daß der Spitzbube London verlaſſen hatte, ſo mußte er irgend einmal an ſeine Familie ſchreiben. Die nächſte Aufgabe ſchien mir demnach, dieſer Korreſpondenz nach zuſpüren. Ich laure alſo zur Zeit der Briefabgabe um das Haus herum, und richtig ſehe ich eines ſchönen Mor⸗ gens den Briefträger an die Thür pochen und ein kleines Mädchen herauskommen, welches das Schreiben in Em pfang nimmt. Hier muß ich einſchalten, daß wir der Briefträger nie recht ſicher ſind, obwohl die Poſtverwal tung im Ganzen uns eine höfliche Bereitwilligkeit beweist. Ein Briefträger kann uns nützen und in die Irre führen, je nach Gefallen. Ich laufe nun dem oben erwähnten nach und ſage ohne viele UmſtändeGuten Morgen zu ihm undWie gehts?Wie's mir geht? fragt der Mann mit verwundertem Geſicht.Nun freilich, ſage ich,Ihr habt da eben einen Brief an Madame Thomp

ſon gebracht?Ja.Was war's doch für ein Poſtſtempel, beſinnt Ihr Euch noch 2,Wahrhaftig, nein.Nun, ich will offen ſein und Euch die Sache

Ich treibe einen kleinen Handel; Thompſon iſt mir Geld ſchuldig, und ich bin nicht ſo reich, daß ich die Summe verlieren kann. Ich weiß, daß et auf Reiſen und bei Gelde iſt, und muß herauskriegen, wo er ſich aufhält, verſteht Ihr?Vollkommen, antwortet der Briefträger,aber ich verſichere Euch, daß ich den Poſtſtempel des Briefes nicht mehr weiß. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß etwas Geld im Briefe war, ein Goldſtück, wenn ich mich recht beſinne.

Dieſe Auskunft genügte mir für den Augenblick. Thompſon hatte ſeiner Frau einen Sovereign geſchickt, und die Frau mußte ihm den Empfang des Geldes an⸗

aus einander ſetzen.

und Briefcouverts kauft. Das geht vortrefflich, denke ich und kehre zurück auf meinen Poſten. Eine Stunde drauf erſcheint das Kind mit einem Briefe. Ich trete zu ihr und fange ein Geſpräch mit ihr an. Leider aber konnte ich von der verdammten Adreſſe keinen Buchſtaben leſen und bekam nur die Seite mit dem Siegel zu Ge⸗ ſichte. Ich merkte mir jedoch, daß und wo neben dem Siegel ein Tropfen Lack aufgefallen war. Das Mädchen gibt den Brief ab, ich warte, bis ſie ſich entfernt hat, und trete nun ins Poſtbüreau.Mein Herr, ſage ich zu dem Direktor,ich bin Beamter der Entdeckungspolizei. Es iſt ſoeben ein Brief mit einem Lacktropfen neben dem Siegel in den Kaſten geworfen worden. Derſelbe muß an einen Menſchen gerichtet ſein, den ich verfolge; ich bitte Sie daher, mich die Adreſſe ſehen zu laſſeu. Nichts leichter, als dieß, erwidert mir der Poſtdirektor mit Höflichkeit und leert ſogleich den Kaſten auf den Tiſch aus. Ich erkenne alsbald den Brief wieder und leſe die Aufſchrift: An Herrn Thomas Pigeon, poste restante in K... Noch am ſelbigen Abend fahre ich nach B..., hundertzwanzig(engl.) Meilen von London. Nach meiner Ankunft gehe ich wieder auf das Poſtbüreau, nenne mich und erkläre, daß ich die Abſicht habe, die Perſon anzu halten, die nach Briefen für Herrn Pigeon fragen würde. Man bittet mich, im Bureau zu bleiben; zwei, drei Tage; ſchon fange ich an, am Gelingen zu verzweifeln, endlich ruft man mich:Geſchwind, hier iſt Jemand nach den Briefen.Haltet ihn einen Augenblick auf, ſage ich und eile aus der Thür. Ich ſehe am Poſtfenſter einen Burſchen von fünfzehn bis ſechszehn Jahren, einen Stall⸗ knecht, wie mir ſcheint, denn er hielt ein Pferd am Zaum, während er auf den Brief wartete Ich ſtreichle das Pferd.Das iſt Herrn Jones' Rappen, ſage ich. Nein, der iſt's nicht, meint der Burſche.Aber das Thier ſieht doch auf's Haar ſo aus, wie das von Mr. Jones.Mag ſein; aber es gehört Herrn A.. im Gaſthof zum Warwick-Wappen, und mit dieſen Wor ten reitet er davon. Ich ſehe einen Wagen, halte ihn an, ſteige ein und fahre ſo gut hinter dem Boten her, daß ich in derſelben Sekunde durch das eine Thor in den Gaſthof fahre, wie der Stallknecht durch das andere hineinreitet. Ich trete in das Gaſtzimmer und rufe die