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N 96.
enz⸗
fuͤr die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
Mittwoch den 7. Dezember
1858.
Drei Splitter. Aus Joachim Muͤrat's Leben. Von Fr. Iſ. Proſchko.
Der Marqueur holte zum Stoße aus, ſpielte und der Gelbe rollte in's Eckloch.
„Bei meinem Säbel, der Stoß konnte nicht beſſer ſein!, rief der Reiterlieutenant;„das nenn' ich mir einen Marqueur, der ſeine Sache verſteht!“ Alles lachte. Der Marqueur aber wurde im Geſichte glühend roth, biß ſich in die Lippe— und ſchwieg. Die Partie begann von Neuem. Der Lieutenant, welcher mit dem Marqueur ab— ſichtlich Händel zu ſuchen ſchien, warf das Tago auf's Billard, und befahl ein Glas Limonade zu bringen. Der Marqueur nahm vom Kredenztiſche ein Glas und reichte es dem Lieutenant hin. Dieſer drehte ſich— als ſuche er etwas— ſchnell auf eine andere Seite, und ſtieß bei dieſer Wendung dem Marqueur das Glas aus der Hand, daß es augenblicklich in eine Menge Trümmer zerbarſt und die Limonade auf dem Fußboden dahin ſchwamm.
„Der Tropf beurkundet ſeine Qualität doch in jedem Stücke, bemerkte der Lieutenant höhniſch;„meine Uniform iſt verdorben.“.
„Signor,“ erwiderte Jener, Ihr habt den Stoß durch Eure raſche Wendung veranlaßt; und wenn ich auch keine Waffe an meiner Seite trage, ſo bin ich eben noch kein Tropf.“
Statt aller Autwort ergriff der Lientenant das auf dem Billard liegende Tago, ſchwang es über den Kopf des Marqueurs, und im Nu rann das Blut an der Stirn deſſelben herab, während die Billardſtange in drei Splitter auf dem Boden zerſprang und die anweſenden Gäſte ſich um die beiden Streitenden in einen Kreis ſtellten, in der ſicheren Erwartung, daß der Marqueur dieſe thätliche
Beleidigung nicht ungerächt hinnehmen werde. Selbſt der Lieutenant war etwas betroffen, lächelte verlegen und meinte dem Marqueur eine Lektion für ſeine ganze Zu⸗ kunft gegeben zu haben. Dieſer aber las die Splitter des zerbrochenen Tago's von dem Boden auf, nahm ſeine Brieftaſche, heraus, wickelte ſie ſorgfältig hinein, at en auf den mit jeder Secunde verlegener werdenden Lieute⸗ nant zu, maß ihn vom Kopfe bis zur Ferſe und ſagte mit kaltem Ernſte:„Sie haben da ein ſchlechtes Kunſt⸗ ſtückchen producirt, Herr Lieutenant, und wäre ich er Tropf, den Sie mich ſchelten, ſo würde ich auf der Stelle mit baarer Münze bezahlen. Allein die Beſonnenheit, die
Ihnen ſo ſehr mangelt, widerräth es mir.— Dieſe drei Splitter bewahre ich für eine gelegenere Zeit, und was den Schlag betrifft, den Sie mir verſetzten, ſo erhalten Sie denſelben ſo ſicher zurück, als eben die Sonne ſcheint. Mein Wort darauf, Herr Lieutenant!
Hiermit war der Marqueur aus der Gaſtſtuͤbe ver— ſchwunden, der Lieutenant aber trillerte ein Liedchen, als ob Nichts vorgefallen wäre.—
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Der Marqueur wußte gar wohl, woher der Haß des Reiterlieutenants gegen ihn ſtammte.— Der Mar⸗ queur war im ganzen Städtchen bisher als ein gebildeter, beſcheidener junger Mann bekannt, der ſowohl durch ſeine edlen Sitten, als durch ſeine täglich näher rückende Ver— bindung mit der Tochter des erſten Gaſthofsbeſitzers im nahen Städtchen Baſtide de la Frontera, der wunderlieb— lichen Lauretta, allgemeine Achtung genoß, und jeder der Gäſte betrachtete Joachim nicht als Diener, ſondern als Glied des Hauſes, in dem er diente. Ivachim be⸗ ſaß ein empfehlendes Aeußere, ſein Wuchs war hoch, und ſein Auge ſtrahlts mit einem Feuer, das manches Herz für ihn, obwohl vergebens, entflammte, denn ſeines ſchlug nur für ſeine Lauretta, und um die Schätze beider Indien wäre er ſeiner Erwählten nicht treulos geworden.
Das Gefühl einer öffentlichen Beſchämung iſt für eine zartfühlende Seele, das kränkendſte von Allem,— es erregt einen innerlichen Schmerz, für den es nur einen Balſam gibt— Theilnahme. Tief beſchämt ſchlich Joachim, nach jenem Vorfalle in dem Gaſtzimmer, uber den Korri— dor. Vergebens ſuchte er ſeinen Groll zu bemeiſtern. Lieu— tenant Bollieu dagegen war einer jener Menſchen, die, Egoiſten im höchſten Grade, Alles zur Erreichung ihrer Abſichten anwenden, denen kein Mittel zu bedenklich iſt,
um zu ihrem Zwecke zu gelangen.— Er liebte Lauretta — das war genug, um den armen Joachim mit einem tödtlichen Haſſe zu verfolgen. Er glaubte während der vier Wochen, welche er im Staͤdtchen mit ſeiner Eskadron zubrachte, bereits bemerkt zu haben, daß Lauretta an ſeiner knappen Uniform mehr Gefallen finde, als an dem Rocke des Marqueurs. Joachim dagegen baute Felſen auf die Treue ſeiner Lauretta, zu ihr wollte er eilen nach Baſtide de la Frontera hinüber, wo die Geliebte weilte, und ſich bei ihr beklagen über den Schimpf, der ihm widerfahren war. Er trat vor das Haus. Da ſchwaug ſich der Chaſſeur-Lieutenant eben auf ſeinen Rappen und flog, mit einem verächtlichen Blick auf den Marqueur,


