Ausgabe 
7.9.1853
 
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genz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

M 70.

Mittwoch den 7. September

1853.

Thereſe Aubert.

Wahrheit und Dichtung in Form einer Memoiren-Novelle. Von Charles Nodier. (Fortſetzung.)

Je weiter ich mich von Sancy entfernte, um ſo mehr glaubte ich zu fühlen, wie die Bande meines Lebens erſchlafften, wie eines nach dem andern zerriß, und daß nichts vorhanden ſei, was mich an daſſelbe feſſelte; die Welt, welche ich einige Augenblicke zuvor für mein Herz zu eng gefunden hatte, war zur grenzenloſen Einöde ge worden, in der ich, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, überall nur Einſamkeit und Nichtigkeit erblickte, und ich vermochte es gar nicht zu faſſen, daß ich dieſen Punkt, auf welchen alle meine Wünſche, alle meine Hoffnungen, alle Kräfte meiner Seele zurückliefen, zu verlaſſen genö thigt ſei, um einer unglücklichen Convenienz zu gehorchen, welche ohne mein Zuthun unter den Menſchen beſtand. Ich richtete meine Blicke, alle meine Gedanken auf den ſelben, und verwünſchte die Pflichten, die mir die traurige Nothwendigkeit auferlegten, mich vielleicht fuͤr immer da von zu entfernen, und deſſen die menſchliche Geſellſchaft, wer weiß aus welchem Grunde, der aber weder zu meinem Glücke, noch zu dem Anderer diente, mich beraubte. Die menſchliche Geſellſchaft!... Wie bitter fühlte ich, daß man ſie zu haſſen vermöge, und daß die Ausſchweifungen dieſer ungeſtümen Seelen, welche ihre Auflöſung, ohne es zu wiſſen, vorbereiteten, vielleicht nichts Anderes waren, als der verſpätete Ausbruch der Gefühle des natürlichen Menſchen, die ſchon ſeit ſo vielen Jahrhunderten unter drückt worden waren! Wie geizte ich manchmal dauach, bei der Ausführung ihres verderblichen Geſchäftes mitzu wirken! Konnte die menſchliche Geſellſchaft einen Werth haben, da ſie es war, die mich von Thereſen trennte, da ſie mich hinderte, mich in ihren Beſitz zu ſetzen durch das Recht der Gewalt und der Liebe, und ſie in meinen Armen, bebend vor Schrecken und Freude, wegzutragen bis in den Schooß irgend eines gaſtfreundlichen Thales, welches unter einem glücklicheren Himmelsſtriche, von klaren Quellen erfriſcht und von Fruchtbäumen jeder Jahreszeit beſchattet, lag. Mein Vater hatte mir oft von den ſchönen Ländereien der neuen Welt erzählt, und mein Blut wallte bei dem Gedanken, wenn ich dort in ihrer Nähe geboren worden wäre, dort als ihr Bruder, ihr Freund, ihr Ge liebter, ihr Mann hätte leben können, mitten unter den Gaben, welche eine wilde und freie Natur an ihre Be wohner verſchwendet, und daß ich dort ungetrübt die

Jahre, welche mir beſtimmt ſind, befreit von dem Tribute, welchen die Launen des Wohlanſtandes, die angenommenen Gewohnheiten oder die Tyrannei der Geſetze dem civili ſirten Menſchen auflegen, hatte hinbringen dürfen. Was kümmerte mich Verwaisten, ohne Familie, ohne Namen, das künftige Schickſal der Staaten, der glückliche oder unglückliche Ausgang eines krampfhaften Kampfes, der in augenſcheinlich ohnmächtigen Anſtrengungen die letzten Kräfte einer, wahrſcheinlich nur zum Unglück beſtimmten Generation aufzehrte? Mich ging alles dieß nichts an. Welche gebieteriſche Nothwendigkeit trieb mich an, von Neuem mich den Wechſelfällen eines unnützen und blutigen Krieges auszuſetzen, und nöthigte mich immer tiefer in eine Laufbahn mich zu ſtürzen, in der ich keinen Schritt weiter vorwärts machen konnte, ohne mich immer weiter von dem einzigen lebenden Weſen zu entfernen, welchem allein mein Leben eine Nothwendigkeit war, und welches mir das ſeine aufgeopfert hätte! Wußte ich überhaupt nur, ob dieſe unglaubliche Aufopferung aller Intereſſen, aller Empfindungen, der ganzen Exiſtenz, ob dieſe tauſend mal peinlichere Aufopferung eines Engels, deſſen Wohl ergehen nur von mir abhang, eines Tages mich vor der vornehmen Geringſchätzung des Hofadels, vor der Un dankbarkeit und den Zurückſetzungen ihrer Gebieter ſchützen werde; ob ſie nicht eine Veranlaſſung zu Vorwürfen gegen die Unglücklichen, welche mein Loos theilten, abgeben werden, und ob die Geſchichte, an die triumphirende Parthei verkauft, nicht bis an das Grab uns mit dem Namen Straßenräuber, dem barbariſchen Spotte des Siegers, verfolgen werde? Ich erbebte über dieſe Aus ſicht, dann lächelte ich darüber, denn die Gründe, welche ich in meinem Entſchluſſe unterſtellte, mußten gerade ihn begründen und befeſtigen. Nie wird ein edles Gemüth tiefer in ein Unternehmen ſich einlaſſen, in welchem es nichts gewinnen kann, als wenn es Alles zu verlieren hat; man würde ſich ſeiner Gewohnheiten, ſeiner Nei gungen, ſeiner Anſprüche auf Glück oder Nachruhm nicht entſchlagen, wenn es ſich niche um Leben und Tod handelte.

Im Allgemeinen, und ich ſpreche hier die tiefſten Geheimniſſe meiner Seele aus, wenn ich auch hie und da die Schwachheit hatte zu wanken, wie ich ſo eben erzählt habe, ſo dauerte dieſe nur einen Augenblick, und ich ſchmeichle mir, daß es nur eines Augenblicks bedurfte, um ſie zu ſühnen.

Als ich in die Nähe von Mans kam, war es noch nicht völlig dunkel geworden. Da ich zu meinem Be ſchützer ging und Alles vermeiden mußte, was ihn bloß

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