en da
endahn
zeigen. Feſt. tadtkirche
Sul
urgkirche:
Intelligenz-Vlatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke
im Beſonderen.
M 36.
Sonnabend den 7. Mai
1853.
Der alte Sergeant. Von Dr. Th. Meyer.
„Ei, ſagt mir, was ihr wollt! es iſt nichts mehr ſeit der Kaiſer todt; ſo wahr ich Sergeant bei ſeiner Garde war! Valée, Bugeaud, Lamoricière, Negrier, Cavaignac, es ſind wohl gute Soldaten, ſie wären in jedem Lande ausgezeichnet, aber die Helden der alten glor— reichen Zeit ſind es nicht. Ziehn da ſchon bei zehn Jahren in dem armſeligen Algier hin und her, und werden mit der Handvoll Beduinen nimmer fertig. In ſo viel Friſt hätte der Kaiſer die ganze Welt erobert. Freilich iſt es auch nicht ſeine alte Garde, die dort in Afrika ſteht.“
„Aber alter Lembert, ſeid doch nur billig! Ihr geltet ſonſt für einen ganz vernünftigen und geſcheidten Mann; darin aber habt Ihr euch einmal völlig verrannt, verzeiht mir's, daß ihr unſrer jungen Armee keine Gerechtigkeit widerfahren laßt. Denkt nur auch an die beſondere Kriegsart dieſer Beduinen: Ihr zieht ihnen mit einem tapfern Heere entgegen und meint, jetzt ſtehen ſie einmal, wir können ſie ſchlagen! Paff ſind ſie wie Spreu im Wind nach allen Himmelsgegenden auseinander geſtoben und ihr habt das Nachſehen. Sobald ihr wieder umkehrt, ſammeln ſie ſich, ſchwärmen wie die Heuſchrecken um Dörfer und Städte, treiben Vieh weg, wagen ſich an einzelne ſchwache Corps und ehe ihr ihnen ernſtlich Front machen könnt, ſind ſie abermals im Weiten. Was kann dabei herauskommen? Eure Garde hat auch nur in Schlachten geſiegt, dazu aber kommt's ja hier nie ordentlich.“
„Pah, pah! das iſt's eben,“ entgegnete der Andere, „ich ſage ja, der Kaiſer fehlt. Darin zeigt ſich juſt das Genie, jeden Feind auf ſeine Weiſe zu erwiſchen, die Preußen mit dem Bajonnet, die Beduinen im Flug und mit Liſt nach ihrer Art; aber daran fehlt's heut zu Tage, weil halt der Kaiſer todt iſt, ſeht, das mein' ich!“
Es gab hier eine Pauſe, die beiden Streitenden griffen nach ihren Gläſern und thaten einen langen Zug da— raus. Es waren zwei Männer, die unter der Reblaube einer Dorfſchenke in der Champagne ſaßen, umgeben von mehreren andern Landleuten, von denen ſich der ältere durch ſein militäriſches Ausſehen und das Ehrenkreuz aus— zeichnete, der andere jüngere durch eine ſorgfältigere, mehr ſtadtiſche Tracht. Letzterer war der gegenwartige Maire des Ortes, ſein Nachbar dagegen der alte Francois Lem— bert, Sergeant der ehemaligen Kaiſergarde, was den Angelpunkt ſeines ganzen Lebens ausmachte. Dieſer war ſeit einer langen Reihe von Jahren in dem Dorfe ange—
ſiedelt, nachdem er die Waffen mit der Pflugſchaar, das Feld der Ehre mit dem des Fleißes vertauſcht. Die Toch— ter des vormaligen Maire hatte ihn noch enger an die neue Lebensbahn gefeſſelt, beſonders als ſie ihm ein Mäd— chen geboren, und als auch das treue Weib bald nachher geſtorben, machte ſich die Sehnſucht nach den früheren glorreichen Tagen bei dem Veteranen doch nicht anders geltend, als daß er häufiger davon ſprach und ſeine Liebe zum Kaiſer nach deſſen Tode in eine faſt vergötternde Ehrfurcht überging, ja zu einer Art von Cultus ſich aus— bildete. Abgeſehen von dieſer Schwäche, wenn man un— begrenzte Verehrung und daraus entſpringende Ueber— ſchätzung ſo nennen kann, war Francsois ein ganz tüchtiger Menſch, der ſich allgemeine Anerkennung bei ſeinen neuen Mitbürgern erworben durch ſeinen Fleiß und jene rührige Anſchicklichkeit und geſunde Beurtheilung, wie ſie oft das Erbtheil alter Soldaten ſind, die ſich tüchtig in der Welt herumgetummelt. Das kleine wohlgeordnete Hausweſen beſorgte ihm jetzt Marie, die einzige Hinterlaſſenſchaft ſeines verſtorbenen Weibes, Marie, an der er mit aller Liebe und Anhänglichkeit hing, deren ein altes treues Soldatenherz nur fähig iſt. Während ſo au dem heitern Sommerabend der alte François bei einem Glaſe Weines in der Reblaube der Schenke ſich gütlich that und die er— loſchene Kaiſerzeit auf Koſten der Gegenwart ſo recht aus Herzensgrund emporhob, rüſtete Marie in einem kleinen, aber bequemen und äußerſt netten Häuschen für den Vater das Abendbrod. Indeß Francçois jeden Einlauf gegen ſeine Behauptungen leicht mit eigenen Erfahrungen und der Kenntniß von Krieg und Kriegesweiſe widerlegte und auf die Leute, die noch kein Pulver gerochen, faſt etwas geringſchätzig oder doch mitleidig herabſah, deckte Marie den Tiſch im Gärtchen und blickte mit eben ſo wichtiger und ſachverſtändiger Miene als ihr Vater auf ſeine Schlachten und Strapatzen, ſo auf die Fleiſchſtücke in ihrem Topfe, ob ſie auch ſchön gar würden? Gerade kehrte ſie wieder, leiſe vor ſich hin ein Lied auf den großen Kaiſer ſingend(andre Lieder kannte ſie beinahe keine), vom Herde nach dem Garten zurück, die letzte Hand an den reinlich gerüſteten Tiſch zu legen, da flog über die Terraſſe, auf der das Gärtlein nach der Straße zu ſtand, eine ſchöne volle Roſe herauf und gerade zu ihren Füßen. Das Mädchen erſchrack vor der Roſe mehr als ihr Vater weiland vor einem halben Dutzend Musketenkugeln, denn urplötzlich brach ſie mitten im Geſang ab, gerade an einer Stelle, wo von Ehre und unſterblichem Ruhm die Rede war, was dem alten Francois nimmer begegnet wäre.


