Ausgabe 
6.8.1853
 
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wahres Bedürfniß fühlen, ſich durch die Leiden Anderer, in ruhigen Augenblicken, in welchem ſie ihre eigenen Schmerzen zu vergeſſen vermögen, weicher zu ſtimmen; eben dieſen widme ich dieſe Erzählung. Was die Schriftſteller anbelangt, welche auf dieſem Felde ihre Erfolge ſuchen, ſo glaubte ich, daß ſie nicht immer die freie Wahl ihres Stoffes hatten. ** *

Ich heiße Adolph v. S..., und bin den 19. Ja⸗ nuar 1777 in Straßburg als der letzte Sprößling einer adeligen Famlie geboren. Meinen Vater verlor ich in der Emigration. Meine Mutter ſtarb während der Re volution in einem Gefängniſſe für Verdächtige; ich beſitze weder Brüder noch Schweſtern, noch Verwandte unſeres Namens. Ich bin ſeit einigen Tagen ſiebzehn und ein halbes Jahr alt, und nichts zeigt darauf hin, daß dieſe kurze Exiſtenz ſich verlängern werde. Ich werde ſogar den Grund davon ſpäter ſagen, obgleich meine Lage Nie mand mehr intereſſirt. Ueberdieß ſchreibe ich dieſe unnützen Zeilen nicht für die Welt, ſondern für mich; allein für mich, um eine traurige und verzweiflungsvolle Muße aus zufüllen, welche hoffentlich nur noch ſehr kurze Zeit dauern wird; und um den Gefühlen, die mich drücken, einen leich⸗ tern Weg zu eröffnen, um mein Herz zu erleichtern, wenn Rückerinnerung eine Erleichterung genannt werden kann, oder um es vollends zu brechen.

Ich zählte vierzehn Jahre, als ich meinem Vater in die Verbannung folgte; als ich ihn verlor, war ich ſechs zehn alt. Ich war nach Straßburg zurückgekehrt, ohne etwas Anderes mit zu bringen, als ſein letztes Lebewohl, ſeine letzten Ermahnungen, Rathſchläge, das Beiſpiel ſeiner Aufopferung, ſeines Muthes, ſeiner Tugenden und jene Nacheiferung im Unglücke, welche die Seele erhebt. Unſere Güter gehörten uns nicht mehr; unſere Verwandten irrten entweder in der Fremde umher oder waren todt, unſere ehemaligen Freunde hätten ſich gefürchtet, mich wieder zu erkennen, und wahrſcheinlich gab es welche unter ihnen, die mich nicht einmal mehr geliebt hätten; ich war ſehr zu beklagen! Zum Lehrer im Griechiſchen hatte ich einen Mönch gehabt, welcher ſich Pater Schnei der nannte; und mein Muſikmeiſter war ein Virtuoſe, Herr Edelmann, geweſen. Beide hatten ſich leidenſchaft lich der Revolutionspartei ergeben; ich erkundigte mich dennoch nach ihnen, weil ich wußte, daß ſie ſich von der Freundſchaft meines Vaters geehrt gefühlt hatten, und weil ihr Mitleiden mein einziger Hoffnungsanker war. Der erſtere war bei einem Volksauflaufe an die Pfoſten des Schaffots gebunden worden, gerade in dem Augen- blicke, als ich über den Paradeplatz ging; ich erkannte ihn aber ſogleich wieder, obgleich er blaß, entſtellt ausſah und voll Blut war. Das allgemeine Geſchrei klagte ihn der ſcheußlichſten Schandthaten an; er war aber mein Lehrer geweſen, hatte mich vielleicht geliebt, und ſo wäre ich dennoch auf ihn zugeeilt, wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß eine Zärtlichkeit von meiner Seite ihn mit einem weiteren Verbrechen belaſten würde. Ich weinte bitter und verhüllte mein Geſicht. Herr Edelmann war denſelben Tag verhaftet worden. Einige Monate ſpäter ſind Beide, wie man mir ſagte, in Paris unter der furcht baren Senſe gefallen, die nicht einmal das Kindesalter verſchonte.

Meine letzte Aſſignate war gegen einen Biſſen Brod umgetauſcht worden; es war ſehr kalt, der Tag neigte ſich zu Ende und ich wußte nicht, wo ich mein Haupt niederlegen ſollte. Ich erinnerte mich, daß ich in einer kleinen benachbarten Stadt einige Tage meiner Kindheit bei der hübſchen Wirthin zur... zugebracht hatte. Ach!

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meine Dankbarkeit erlaubt mir nicht, ſie zu nennen. Da ſie wegen ihrer Anhänglichkeit an die, welche man Ar iſto⸗ kraten nannte, bekannt war, ſo hatten mein Vater und ich die Nacht vor unſerer Auswanderung in ihrem Hauſe geſchlafen. Ich nahm meine letzte Kraft zuſammen, um den Ort, wo ſie wohnte, zu errreichen. Es war ſchon ſpät in der Nacht, als ich ankam; ich eilte haſtig in das Cabinet der Frau T... und warf mich, oder beſſer ge ſagt, ich fiel ihr zu Füßen, denn ich war außer Stande, mich länger aufrecht zu halten.Aus Barmherzigkeit, ſagte ich,geben Sie mir ein wenig Wein zur Erfriſchung, ein Bischen Stroh zum Nachtlager für Ihren armen, kleinen Adolph! Ich ſterbe, wenn ich auch dieſe Nacht noch auf dem Schnee zubringen muß! weinend; ach, wie verſchönerten ſie dieſe Thränen! Dann ermahnte ſie mich zur Klugheit, führte mich in ein abge legenes Zimmer, in dem drei Betten ſtanden, und bemerkte dabei nur, daß ich von meinen Nachbarn nichts zu be fürchten habe. Es waren Unglücksgenoſſen, welche ich aber bis auf dieſen Tag nicht gekannt hatte. Kaum hatte ich mein leichtes Mahl vollendet, als auch ſchon meine Sinne vom Schlafe umfangen wurden; als ich die Augen wieder öffnete, war es Tag.

Meine Genoſſen begrüßten mich als Brüder; der Name meines Vaters war ihnen nicht fremd. Unſere Ge ſinnungen waren dieſelben; unſer Glück, unſer Geſchick waren gemeinſchaftlich; übrigens boten ſie mir etwas mehr, als nur leere Tröſtungen, denn ſie ſprachen von großen Gefahren, welche zu beſtehen ſeien, und von Ruhm, wel cher erworben werden könnte. Sie wollten mein Loos verbeſſern, und ich war bereits erpicht darauf, das ihrige zu theilen, welches es auch ſein möchte. Die Freundſchaft muß in allen Epochen und unter allen Verhältniſſen des Lebens ein köſtliches Gefühl ſein, aber unter jungen, durch unverdiente Unglücksfälle geprüften Seelen wird ſie ſo zu ſagen zu einer Art Religion.

Einer dieſer Herren war achtzehn bis zwanzig Jahre alt; er war ein junger Mann von einnehmenden, aber ernſten Geſichtszügen, aus welchen eben ſo ſehr Ruhe und Entſchloſſenheit, als Energie und Geiſtesgegenwart ſprach. Er hieß Foreſtier, und ich glaube, er war der Sohn eines Schuſters aus Saumur oder Chollet, ich erinnere mich nicht mehr genau. Der Andere, welcher ihm die höchſte Ehrerbietung erwies, war zwei oder drei Jahre jünger und nannte ſich Chevalier de Mondyon. Obgleich er aller höchſtens mein Alter hatte, ſo war er mir doch körperlich weit voran. Mein kleiner Wuchs, meine blauen Augen, die etwas röthliche Farbe meiner lockigen Haare, die Friſche einer belebten Geſichtsfarbe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte und welche unſere Elſäßerinnen aus zeichnet, verliehen mir, zu meinem großen Bedauern, einen weiblichen und ſchüchternen Anſtrich, welcher mich mehr mals unter Wegs dem Verdachte und den Späſſen unge zogener Reiſenden ausgeſetzt hatte.In der That, ſagte Mondyon, im Tone herzlicher Luſtigkeit, die ihn nie ver ließ,wir werden Mühe haben, den General zu über zeugen, daß unſer neuer Kamerad kein verkleidetes Mäd chen ſei.Ich werde ihm dieſen Irrthum benehmen, antwortete ich,auf dem erſten Schlachtfelde, auf welchem es Gelegenheit gibt, ſein Blut für die Sache des Königs zu vergießen! Foreſtier lächelte und drückte mir kräftig die Hand; Mondyon, welcher fürchtete, mich ſchwer belei digt zu haben, fiel mir um den Hals.

(Fortſetzung folgt.)

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