Ausgabe 
5.10.1853
 
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Intelligenz-Blatt

ur die

Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M 78.

Mittwoch den 3. Oktober

1833.

Die Geſchwiſterkinder. Eine Geſchichte von W. O. von Horn.

(Fortſetzung.)

Alle Tage kamen boshafte Streiche zu Tage. Alle Kinder ſeines Alters beklagten ſich über ihn und über das Nachhalten ſeines Zorns und feines Haſſes bis zur ge legenen Stunde, wo er ſich rächen konnte.

Auch ſein Aeußeres hatte nichts, was ihn angenehm hätte machen können. Dennoch wußte er, wo es galt, ſich durch eine kriechende Schmeichelhaftigkeit beliebt zu machen.

Erſt in den letzten Schuljahren arbeitete er aus Ehrgeiz ſich Fritz nach.

Was aus ihm werden ſollte, war des alten Wilken nicht geringe Sorge. Eines Tages ging er am Hauſe des Poſthalters vorüber, der auch zugleich die Ausgabe der Briefe beſorgte.

Der Poſthalter hatte ſeinen Secretär verloren, der Soldat hatte werden müſſen, und war nun in Verlegen heit, weil er eines guten Schreibers und Rechners be durfte. Der Rector der lateiniſchen Schule, den er um Rath gefragt, hatte ihn auf Wilken's beide Enkel, beſon ders auf Fritz aufmerkſam gemacht.

Herr Kanzeliſt, rief der Poſthalter aus dem Fenſter, haben Sie nicht einen Augenblick für mich?

Der alte Wilken entblößte höflich ſein ſchneeweißes Haupt und trat herein.

Da rückte denn der Poſthalter mit der Bitte hervor, ihm den Fritz zum Schreiber zu geben; ſagte ihm, daß er ſogleich eine anſtändige Vergütung erhalte, zumal, wenn er im Hauſe des Gcoßvaters ſchlafen und eſſen könne, und zeigte ihm noch größere Vortheile, in der Zukunft ſelbſt ein ſicheres Fortkommen im Poſtfache.

Wilken mußte ihm ſagen, daß er in dieſen Tagen Fritz in die Lehre zu Kaufmann Lorenz gethan habe; daß aber Franz dazu noch beſſer zu gebrauchen ſein möchte, weil er eine weit ſchönere Hand, als Fritz ſchreibe und ein ſehr guter Rechner ſei.

Wenn auch der Junge dem Poſthalter nicht gefiel, ſo biß er doch in den ſauern Apfel, weil er eben keinen ſüßen hatte, und nahm ihn an. Ausgemacht wurde aber, daß der Lohn in des Großvaters Hand fließe und der Junge gar nichts davon wiſſen dürfe, weil es ſonſt Ver⸗ anlaſſung zu böſen Wegen werden könne.

Als der Großvater heim kam und die Nachricht dem Franz mittheilte, hüpfte ſein Herz vor Freude. Er wurde

ſchon Schreiber und der verhaßte Fritz war Lehrjunge! Das kitzelte ſeinen Hochmuth. Der Großvater empfahl ihm, ſich durch Fleiß, Treue und Zuvorkommenheit des Poſthalters Zuneigung zu erwerben, und ſchon am andern Tage ging er hin, und nach einem Monat erklärte der Poſthalter, er ſei mit dem jungen Menſchen vollkommen zufrieden.

Durch ſeine Augendienerei wußte er ſich bei dem ſchwachen Manne ſo einzuſchmeicheln, daß er ihn bei ſeinen Vorgeſetzten dringendſt empfahl und Franz die ſchönſten Ausſichten fur die Zukunft gewann.

Im Hauſe der Großeltern dauerte aber der Hader beider Enkel fort, ſelbſt als ſie zu reiferen Jahren ge langten. Außer der natürlichen Verſchiedenheit ihrer Gemüthsart lag noch ein anderer Grund dieſes Haders, dieſer tiefgewurzelten Abneigung im Geheimen, und darum wußten nur Drei Fritz, Franz und Rickchen.

Sie waren von früheſter Jugend Geſpielen, faſt einzige Geſpielen, denn ſie waren ja Nachbarskinder, und in des Herrn Lorenz Hofe hinter dem Hauſe, in den Schuppen und Ueberdächern waren Spielplätze, wie ſie die Welt nicht ſchöner hatte.

Aber ſchon in den Tagen der Kindheit entſchied ſich die Zukunft. Rickchen und Fritz waren Ein Herz und Eine Seele, und Franz war überall der neidiſche Spiel- brecher, Störefried und Streithahn; dennoch ſpielten ſie zuſammen. Ueber nichts aber ärgerte ſich Franz mehr, als über die Vertraulichkeit, Einigkeit und Liebe Rickchen's mit Fritz.

Was ein Dörnchen werden will, das ſpitzt ſich frühe, ſagt das Sprüchwort, und das fand nun auch hier ſeine vollſte Anwendung, theils auf die Gemüthsart des Franz, theils auf die Verbindung der Herzen Rickchen's und Fritz's; aber das war das Sonderbare, daß, je mehr ſich Rickchen von Franz abwandte, deſto mehr ſein Herz zu ihr neigte.

Das blühendſchöne Kind wurde eine überall bewun derte Jungfrau. Nicht blos ihre Schönheit; ihre Sitt ſamkeit, Demuth, Häuslichkeit erwarben ihr Liebe und Werthſchätzung.

Was im Herzen der Kinder als ſtiller Keim ge ſchlummert hatte, das bildete ſich in reiferen Jahren zu heißer und inniger Liebe aus.

Lorenz hatte nichts dagegen. Zwar ſagte er nichts, aber er liebte Fritz wie ſeinen Sohn; lobte ihn nach Ver dienſt und ſtand mit den Großeltern ſeines zum Gehülfen aufgeſtiegenen Lehrlings in den vertrauteſten Verhältniſſen Wenn auch Fritz kein Vermögen hat, ſagte er zu ſich, ſo

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