Ausgabe 
3.9.1853
 
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tbriefe

rnagel

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Intelligenz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M 69.

Sonnabend den 3. September

1838.

Thereſe Aubert.

Wahrheit und Dichtung in Form einer Memoiren-Novelle. Von Charles Nodier. (Fortſetzung.)

Wir ſtiegen alſo den Fußpfad zum Kreuze hinauf, oberhalb welchem wir übereingekommen waren, uns zu trennen, weil ſie ſich ſeit zwei Tagen über Unwohlſein beklagte, und ich fürchtete, daß ſie ſich ermüden möchte; aber das Wetter war ſo mild, die Luft ſo rein, die Natur erglänzte in ihrem ſchönſten Grun und Blumenflor, daß ich nicht zu widerſtehen vermochte, ſie einen weitern Spa ziergang, bis zu einem maleriſchen Hügel machen zu laſſen, auf welchem ſich Staudengewächſe aller Art befanden, die wir zuſammen unterſuchten. Auf der höchſten Spitze eines ziemlich beſchwerlichen Weges, der zu alten, ſeit Jahr- hunderten verfallenen Mauern führte, von welchen aus eine Menge Fußpfade durch die Gebüſche führten, wo dieſe gerade zufälligerweiſe ausgehauen worden waren, und welche ſämmtlich in eine Kreuzſtraße einmündeten, befand ſich, unter einigen wilden Roſenſtöcken, ein Halt und Ruheplätzchen, an dem wir uns oft zuvor niederge laſſen hatten, ehe ſie mich als Adolph gekannt batte, und wo wir mehrmals ſo ſüße Augenblicke, im Geſpräche über alles Mögliche, was ſie intereſſirte, über ihren Vater, ihre Mutter, die Vergangenheit, die Zukunft hingebracht hatten. Der Ort war, wie ich bereits geſagt habe, von wilden Roſenſträuchen umgeben, von welchen wir ver⸗ ſprochen hatten, uns die erſten Blumen zu pflücken, und wohin wir von Zeit zu Zeit kamen, um nach ihrem Auf blühen zu ſehen, ich für ſie, ſie für mich, weil mir in Ungeduld wetteiferten, wer dem Andern den erſten Tribut der friſchen Blüthen brächte. Seit der Aufklärung, welche ich Thereſen hatte geben müſſen, machten wir dieſe Spa⸗ ziergänge nicht mehr, und es war ſchon lange her, daß wir dieſe Roſenſträuche nicht mehr beſucht hatten. Als Thereſe den Punkt erreicht hatte, zeigte ſie eine gewiſſe Verwirrung und trat einen Schritt zurück. Ich verſtand ihr Erſtaunen, oder beſſer geſagt ihren Schrecken, und war nahe daran, ihm gleich ihr Ausdruck zu verleihen; doch ergriff ich ihre Hand, führte ſie an die Stelle, wo ſie zu ſitzen gewohnt war, und über welche der junge Trieb der Hecke bereits in langen Gewinden herabhing. Ich blieb ſtehen, und als ich bemerkte, daß ſie zögere, ſagte ich:ſiehſt Du, die Roſen ſind aufgegangen; ich war der Erſte, der ſie bemerkte.Der Erſte! ſprach ſie. Ich wußte wohl, daß unſere Stellung ſich geändert

hatte, aber dieſes Wort erinnerte mich auf faſt ſchmerz hafte Art daran; wir waren im Begriffe, uns bald zu trennen, und es war grauſam von ihrer Seite, mir ein Glück vorzuwerfen, welches ich ihrem Vertrauen abgelockt hatte. Mein Geſicht muß dieſe Empfindung ausgedrückt haben, denn ſie antwortete mir lächelnd:Da Du ſie zuerſt erblickt haſt, ſo gib mir eine dieſer wilden Roſen, ich werde ſie mein ganzes Leben lang aufbewahren.

Ich pfluͤckte einige dieſer Noſen, ſetzte mich neben ſie, und ſtreute ſie auf ihren Knieen, ihrem Sacktuche, ihren Haaren umher. Sie ergriff eine, betrachtete ſie lange, ſah mich darauf mit düſteren Blicken an, und entblätterte ſie in der Zerſtreuung. Ich bot ihr eine andere dar, ſammelte aber die Blätter, welche unter ihren Fingern abfielen, führte jedes derſelben an ihre Lippen, nahm es dann wieder und drückte es an der Stelle, die von ihrer Berührung noch feucht war, auf die meinigen. Einige Minuten lang erfreute ich mich dieſes Kunſtſtückes, ohne daß ſie es bemerkte; aber als ſie es gewahr wurde, ſchien ſie darüber zu erſchrecken; ſie machte mir das Blatt ſtreitig, welches ich ihr geraubt hatte, und verweigerte die An nahme deſſen, welches ich ihr darbot.Wie? ſagte ich,im Augenblicke, wo wir, Gott weiß für wie viele Tage, Monate oder Jahre, uns zu trennen im Begriffe ſind, willſt Du Deinem Adolph, den Du vielleicht nie wieder ſehen wirſt, nicht einmal erlauben, den Eindruck Deines Mundes auf einem Roſenblatte ſuchen! O! ich glaube gewiß, daß mein Herz ſo unſchuldig iſt, wie das Deine, aber ich ſehe nicht ein, wie nach den Anſichten der Menſchen ein Verbrechen darin liegen kann, wenn ein Kuß von Thereſens Munde auf den Adolphs durch ein Roſenblatt übergeht. Uebrigens, vergiß es ja nicht, ich werde es Deinem Vater ſagen, und ich bin überzeugt, daß ich dabei nicht erröthen werde; denn der Tag wird kommen.... wenn ich nicht im Kriege bleibe, an dem Du mir ſüßere Küſſe gewähren wirſt....

Ich glaube Dir gern, antwortete ſie;aber es iſt doch möglich, daß es heute ein Unrecht iſt; es iſt ſo gar wahrſcheinlich, weil es mich verſtimmt, weil ich da rüber erzittere und eine gewiſſe Angſt mich anwandelt. Ich würde viel ruhiger ſein, wenn ich mir nicht bereits ſchon Vorwürfe zu machen hätte.Und glaubſt Du etwa, daß mein Herz ruhiger dabei ſei? erwiderte ich. Dieß iſt eben die Folge, zweifle nicht daran, jenes unbekannten Gefühls, von dem uns Henriette vor zwer Monaten erzählt hat, und welches wir nun gerade fuͤhlen wie ſie. Henriette verſteht aber zu lieben! Sie würde