Ausgabe 
16.11.1876
 
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Wiesbaden. Ein Ministerial-Erlaß ordnet die sofortige Vorbereitung der Reichstags⸗Wahlen und die Auslegung der Wähler Listen in der ersten Woche des Decembers an. Die Bestimm- ung des Wahltags wird vorbehalten.

Saarbrücken, 11. Nov. Vorgestern Abend wurden die drei Marpinger Kinder hierher gebracht, denen angeblich die Mutter Gottes erschienen sein soll. Die Kleinen haben nunmehr, wie man der N. A. Z. von hier schreibt, positiv eingestan⸗ den, daß sie gelogen haben und die ganze Ge; schichte erfunden sei. Das Vormundschaftsgericht in St. Wendel hat darauf verfügt, daß die Kin- der auf Grund des F. 55 des revidirten Straf gesetzes in eine Erziehungsanstalt zu verbringen seien. Da die Kinder in dem im Gange befind- lichen Strasprozeß gegen die Urheber des Mar- pinger Schwindels noch als Zeugen gebraucht werden könnten, ist ihre vorläufige Unterbringung in der hiesigen Waisenanstalt verfügt worden. Nachdem die Marpinger Geschichte diesen tragi komischen Ausgang genommen, hat es nicht ferner nötdig erschienen, die polizeilichen Maßnahmen noch weiterhin aufrecht zu halten, welche zur Er⸗ haltung der öffentlichen Ordnung haben getroffen werden müssen, und es ist daher auch die Polizei⸗ Verordnung gegen das Betreten der Walddistricte Härtelwald und Schwannheck wieder aufgehoben worden.

Stuttgart. DasRegierungsblatt, ent hält eine königliche Verordnung, die die Landtags- Wablen auf den 13. December ansetzt.

Ausland.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 13. Nov. Im Budget- Ausschusse des Abgeordneten ⸗Hauses nahm der Minister des Innern das Wort zur Vertheidigung des Stattbalters von Dalmatien, Feldzeugmeister v. Rodich's, gegenüber den wider Letzteren erhobenen Vorwürfen, und hob hierbei die vielfachen Verdienste Rodich's um den Staat hervor; er verdiene keine Vorwürfe, weil er als Slave slavische Sympathien hege; er(der Minister) könne nicht im Entferntesten glauben, daß Rodich Mitglied der Omladina sei.

14. Nov. Das Abgeordnetenhaus hat mit 108 gegen 73 Stimmen den Antrag abge⸗ lehnt, über die Antwort des Ministerpräsidenten bezüglich des Rundschreibens an den Statthalter über die Behandlung der Presse eine Debatte zu eröffnen.

Pest, 14. Nov. Eine Erklärung der unab- hängigen liberalen Partei spricht sich Angesichts der gegenwärtigen kritischen Lage gegen einen über⸗ stürzten Abschluß des wirthschaftlichen Ausgleiches aus. Die Erhaltung und Sicherung des mora lischen Ansehens und der Großmachtstellong der Monarchie sei für beide Theile derselben eine Lebensfrage. Keine constitutionelle Regierung, kein Abgeordnetenhaus werde in einem Augenblick, wo Krisen der auswärtigen Politik schweben, Ver⸗ handlungen über Verträge vornehmen, die ruhiges Abwägen und eingehende Kritik erfordern.

Ragusa, 14. November. Der österreichische Delegirte für die Feststellung der Demarcations- Linie, Alboni, ist an Ort und Stelle eingetroffen. Der deutsche Commissar, Oberstlieutenant v. Seebeck, wird am 17. erwartet.

Frankreich. Paris, 13. November. Die Deputirtenkammer verhandelte beute über das Budget des Ministeriums des Innern.

13. Nov. Die Abreise Bourgoing's und Chaudordy's nach Constantinopel ist auf nächsten Donnerstag angesetzt; der AvisodampferDesaix soll die beiden Diplomaten von Toulon nach dem Bosporus führen. Der deutsche Botschafter Fürst Hohenlohe, hat heute eine officielle Unter- redung mit dem Minister des Aeußern, Herzog Decazes, gehabt.

Großbritannien. London. Im Gericht for crown cases reserved erklärten sich betreffs des Appells des Capitäns Keyn von derFran⸗ conia sechs Richter für und sechs gegen die Com; petenz der englischen Gerichte. Aus den Erklärungen der Richter geht hervor, daß der Lord⸗Oberrichter, der sein Urtheil auf Moatag vertagt hat, sich gegen Compelenz eutschieden, und wäre somit die Freisprechung Keyns sicher zu erwarten.

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Die biesigen Blätter sehen die Rede des Zaren als eine Antwort auf die Rede Beacons

field's an. DieTimes hofft, die Türkei werde die Annahme der Conferenz nicht verzögern, solche Verschleppung sei nicht zum ersten Male den Feinden der Pforte zu Gute gelommen. Das Blatt gedenkt der Möglichkeit, Derby könnte durch solche Haltung der Pforte sich veranlaßt sehen, mit der Abberufung Elliot's zu drohen. Die Times regt in dem nämlichen Artikel den Ge⸗ danken an, Bosnien und die Herzegowina durch Frankreich besetzen zu lassen.

Spanien. Madrid, 12. Nov. Barzana⸗ lang erklärte, eine dahingehende Interpellation beantwortend, daß ein Viertel des Coupons der consolidirten Anleihe bezahlt werden würde und zwar, wie versprochen, zu den angezeigten Zeit⸗ Abschnitten.

Italien Rom, 12. Nov. Der Cardinal Simeoni, gegenwärtig Pro-Nuntius in Madrid, ist an Stelle Antonelli's zum Staats Secretär ernannt worden.

13. Nov. Nach dem nunmehr vorliegen- den Ergebniß der engeren Wahlen zur Deputirten⸗ Kammer sind 113 Anhänger der Fortschritts-Partei und 27 Gemäßigte gewählt.

DieKöln. Ztg. veröffentlicht einen von den Ministern Depretis, Mancini, Nicotera und Mezacapo unterzeichneten Bericht an den König, betreffend die bei und nach dem Ableben des Papstes zu ergreifenden Maßregeln: Die Umgebung des Vatikans wird sofort militärisch überwacht werden. Unmittelbar nach dem Tode des Papstes soll der Präfect von Rom den Majordomus und Maestro di Camera nebst zwei päpstlichen Aerzten und Secretären zur Assistenz bei der Todten- Be- schauung und den sonst nothwendigen Formalitäten auffordern. Wird dies verweigert, so soll der Präfect, begleitet vom Quästor, den Aerzten, zwei Notaren und vier sonstigen Zeugen, gewaltsam in den Vatican eindringen, um nach geschehener Todtenschau den Fischer Ring in Besitz zu nehmen, welcher sodann nebst dem Protokoll über die Todtenschau dem Cardinal-Decan übersendet wird. Alle Meubles in den Gemächern des Papstes werden und bleiben versiegelt, bis der Leichnam aus den Gemächern entfernt ist. Die nothwendigen Maßregeln für die innere Ordnung im Vatican werden vom Quästor ergriffen. Es wird auch ein genaues Verzeichniß aller Personen im Vatican sowie ein vollständiges Verzeichniß aller daselbst befindlichen Gegenstände aufgenommen. Nach Ver lauf von 24 Stunden steht der Leichnam dem Klerus der Basilika behufs Abhaltung des Leichenbegäng nisses zur Verfügung. DieAgentia Stefani bezeichnet von authentischer Seite diesen Bericht als erfunden. Ein solcher Bericht existire über- haupt nicht.

Türkei. Constantinopel, 12. Novbr. Vorgestern kehrten Mukhtar Pascha und Mustai Pascha mit 10 Bataillonen in erbärmlichem Zu⸗ stande von Zaslap nach Trebinje zurück, ein Bataillon verblieb in Zaslap. Der Muttessarif von Gacko und Trebinje, Kostan Pascha, ist in wichtiger politischer Mission nach Cettinje abge- gangen. Vorige Nacht erfroren in Trebinje 37 Soldaten und 20 Pferde.

13. Nov. Insurgenten aus der Herzego⸗ wina sind nach der Suttorina gezogen, um inner- halb der Demartations-Linie Stellung zu nehmen. Sämmtliche Insurgentenführer sind nach Cettinje berufen, um Rath zu halten.

13. Nov. Die Journale melden, die Pforte habe beschlossen, sich betreffs der Conferenz nicht früher auszusprechen, bevor ihr nicht die zu ver handelnden Punkte bekannt seien.

13. Nov. Eine türkische Panzer⸗Fregatte hat ihren bisherigen Ankerplatz am goldenen Horn verlassen und unweit der Buchten des nördlichen Bosporus Anker geworfen. Mehrere englische Genit-Ossiziere sind hier eingetroffen. Die türkische Panzer- Flotte wird in vier Geschwader getheilt, wovon eines im Bosporus bleibt, das zweite unter Hobart Pascha im Schwarzen Meer und die beiden übrigen im Mittel Meere kreuzen werden.

8 13. Nov.

cations Linie nunmehr beseitigt, indem Rußland die Forderung wegen Zurückverlegung der Linle und Räumung von Alexinatz fallen gelassen habe.

14. Nov. Die Pforte beschloß, nachdem sie zwei Millionen L. St. Papiergeld verbraucht, die Ausgabe der bisher reservirten dritten Million. Der deutsche Botschafter v. Werther überreichte gestern dem Sultan seine Accreditive

Die Pforte setzt trotz des Waffenstillstandes ihre Rüstungen begreiflicherweise in großartigem Maßstabe fort. Nach allen Provinzen ergingen aus Constantinopel dringende Weisungen, den Ab- marsch der einberufenen Reservisten zu beschleunigen. Die Truppen ⸗Contingente der Vilajets Bagdad, Diarbekir, Trapezunt, Sivas und Costambul haben nach Erzerum abzurücken. Die auf diesem Punkte gesammelten Streitkräfte werden 120,000 Mann zählen. Ein zweites Lager wird in Schumla errichtet. Ein Theil der bei Nisch stehenden Corps wird gleichfalls nach Schumla dirigirt. Ebenso wird die gegen Montenegro operirende Armee Derwisch Pascha's 15,000 Mann nach Schumla abgeben. Drei große Transporischiffe sind nach Antivari abgegangen, um die letztgenannten Truppen nach Varna zu transportiren. Die von Syrien in Constantinopel einlangenden Schiffe bringen täglich ganze Bataillone, welche von den Armee Corps in Yemen, Damascus und Aleppo abge⸗ geben wurden und sofort nach Schumla dirigirt werden. Alle Transportschiffe sind in Verwendung und befördern Munition, Kanonen und Waffen nach den verschiedenen Festungen des Reiches.

Serbien. Belgrad. Zu Ehren Tscher⸗ najeff's wurde am 11. Novbr. Abends hier ein Festmahl, und zwar im GasthofKönig von Serbien, veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit toastete Ristic's auf den Kaiser von Rußland und Tschernajeff auf den König von Serbien. Er erwähnte, daß Serbien noch nicht besiegt sei; wenn es nur noch aushielte für kurze Zeit, dann käme Hilfe u. s. w. Tschernajeff bleibt vor der Hand in Belgrad. An dem Mahle nahmen alle Minister außer Nicolics Theil. Bei der serbischen Bevölkerung herrscht angeblich große Erbitterung gegen die russischen Freiwilligen, welche gegen Tschernajeff's Aufforderung massenhaft aus Serbien abreisen.

Griechenland. Athen, 11. November. Komunduros erklärte in der Kammer, die Rüst⸗ ungen Griechenlands bedeuteten keine Aenderung in der Politik, sondern nur ein Festhalten an der Neutralität unter geänderten Verhältnissen, sowie einen Protest gegen einseitige Beschlüsse der euro⸗ päischen Diplomatie.

Rußland. wird authentisch gemeldet: Am 19. Nov. begibt sich Großfürst Nicolai Nikolajewitsch, General- Inspector des Ingenieur⸗Corps und der gesammten Cavalerie, zur Süd⸗Armee, um das Ober⸗Com- mando zu übernehmen. Sämmtliche Corps⸗Com⸗ mandeure sind bereits ernannt.

13. Nov. Der Kaiser ist heute Vormit⸗ tag in Zarskoje-Selo eingetroffen. Am 15. Nov. soll hier eine Truppen-Revue stattfinden. Die vom Kaiser in Moskau gehaltene Ansprache hat im

ganzen Reiche allgemeinen lebhaften Widerhall

gefunden. Zahlreiche Mitglieder von Städte-Ver⸗ tretungen, Gewerken, Landtagen, kaufmännischen Gilden, sowie auch Geistliche haben ihre vollste Bereitwilligkeit ecklärt, mit allen Kräften dazu beizutragen, daß die Anforderungen, welche Kaiser und Reich Behufs Wahrung der Interessen Ruß- lands stellen sollten, befriedigt würden.

14. Nov. Der heutigeRegierung-Anz. veröffentlicht eine Circular-Depesche des Fürsten Gortschakoff an die diplomatischen Vertreter Ruß⸗ lands im Auslande datirt vom 13. Nov.; danach findet es der Kaiser Angesichts der im osmanischen Reiche verübten Gewaltthaten, die ungeachtet aller Bestrebungen des kaiserlichen Cabinets fortdauern, da er fest entschlossen sei, das ins Auge gefaßte Ziel zu erreichen, für nothwendig, einen Theil der Armee zu mobilisiren. Der Kaiser wolle keinen Krieg und werde sein Möglichstes thun, um diesem

Wie dieN. fr. Pr. erfährt, wären die Schwierigkeiten bezüglich der Demar⸗

Petersburg. Von hier

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