Ausgabe 
21.5.1874
 
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hat. Die gewaltigen Massen schieben und drücken noch sortwäbrend, jedoch mit solcher Präcision, daß für Menschen keine Gefahr zu befürchten war, noch ist. Wann und wo die riesige Masse sich zur Ruhe begeben wird, bleibt abzu⸗ warten. Nach derMainz. Zeitung sind oben in den Weinbergen gähnende Abgründe und Risse entstanden, die noch fortwäbrend größer werden.

Allerlei.

Frankfurt, 19. Mai. Die Zucht- und Fettvieh⸗ Ausstellung mit dem Maschinen Markte wurde gestern Abend durch eine Verloosung im Saalbau geschlossen. Ueber 16.000 Menschen besuchten im Ganzen den großen Bleichgarten und die Landwirthschaftliche Halle, wo heute schon alle Hände sich rühren, das Werk zu zerstören. Die Halle muß wieder anderen Zwecken dienstbar gemacht werden, nämlich dem Wollmarkie, von dem man sich heuer viel verspricht.

Köln, 18. Mai. In der heutigen Versammlung des Dombau⸗Vereins wurde die Mittheilung gemacht, daß in dem eben abgelaufenen Vereinsjahr 190,000 Thlr. zum Fortbau des Domes verwendet worden sind. Die Ein⸗ nahmen umfassen die Gesammtsumme von 198,352 Thlr., darunter 174,235 Thlr. aus der Dombau Lotterie. Dis⸗ ponibel zum Fortbau sind noch aus den vier letzien Zieh ungen der Lotterie 526.200 Thlr. nebst den Zinsen.

Köln. Nach einer Mittheilung des Dombaumeisters Voigtel ist die Kaiserglocke in keiner Beziehung gelungen und die betreffende Commission nicht in der Lage, dieselbe anzunehmen. Es schweben zwischen hier und Frankenthal Verhandlungen, um einen neuen Guß zu bewirken.

München. Der Verleger der allbekanntenGöthe Gallerie von Wilh. v. Kaulbach, Friedr. Bruckmann in. München, hat von den Erben des verewigten Meisters das Vervielfältigungsrecht aller hinterlassenen und noch nicht veröffentlichten Zeichnungen, Cartons, Gemälde ꝛc. erworben. Dieser künstlerische Nachlaß soll gegen 200 Nummern umfassen und Vieles von großer Bedeutung enthalten, unter anderem eine größere Serie zeitgenössischer Portraits, Entwürfe zurSündfluth, Federzeichnungen und Skizzen zu Shakespeare, Heine, Homer ꝛc.; der baldigen Veröffentlichung darf man wohl mit Spannung entgegen seben.

New- Mork. Die Breite des Mississippi betrug beim neulichen Austreten desselben zwischen Cairo und seiner Mündung vierzig bis sechszig englische, also acht bis zwölf deutsche Meilen.

Ueber Stottern.

Von A. E. Gerdts, Spracharzt in Friedberg.

Die große Verschiedenheit der Ansichten, welche in der medicinischen Welt über die Ursachen des Stotterns herrscht, veranlaßt mich, da ich in der That glaube, tiefer ale bisher geschehen, in das Wesen des Stotterns eingedrungen zu sein, meine An- sicht über diese Krankheitserscheinung auszusprechen.

Diese meine Ansicht ist gestützt auf 14jähriges Studium an mir selbst, und auf beinahe vier jährige praktische Erfahrung.

Stottern ist das Unvermögen hinter- einander zu sprechen, erzeugt durch mangelbafte Athmungs bewegungen.

In der normalen Athmung erweitert sich der Brustkorb sowohl nach vorne und aufwärts durch Erhebung der Rippen, als auch nach unten durch Herabsteigen des Zwerchfells. Das Athmen, zu welchem nur die Rippen oder die Zwerchfells⸗ bewegungen für sich allein mitwirken, ist ein un vollständiges. Das Zwerchfellathmen wird auch Bauchathmen genannt; indem die Brust still stebt, wird bei jedem Athemzuge durch das herab- steigende Zwerchfell der Bauch hervorgetrieben. In jeder Athmungsnoth beobachtet man dieses un vollkommene Athmen, ohne das man aus diesem Zeichen etwas anderes als gerade die Gegenwart irgend eines Hindernisses der Respi⸗ ration folgern lönnte. Die Bewegung der 9 bis 12(Zwerchfell⸗) Rippen, die in normalem Zu- stande am deutlichsten ist, wird aufgehoben bei peritonitis(Bauchfellentzündung) und anderen Hindernissen der Action des Zwerchfells(Krampf).

Die Hauptfunction des Zwerchfells ist das Athmen; seine Zusammenziehung, durch welche es sich abplattet, erzeugt in der Brusthbble jenes Vacuum, welchem der Strom der Inspirations luft folgt. Bei erschwertem Ausathmen können auch die Bauchwandmuskeln mitwirken. Dagegen kann man durch Druck auf den Unterleib die unwillkürlichen Actionen der Athmungs-Muskeln verstärken.

Das Zwerchfell(qiaphragma) ist ein glocken⸗ sörmiger Muskel, der die Bauchhöhle von der Brusthöhle trennt und seine convexe Seite der Letzteren zukehrt. Dasselbe hat nicht nur Spalten nad kleinere Oeffnungen zum Durchgang der

Speiseröhre, verschiedener Adern und Nerven ꝛc., sondern nimmt auch verschiedene Nervenfäden in sich auf, welche ich später anführen werde.

Aus Obigem ist es sehr begreiflich, daß Athmungsübungen, welche nicht darauf gerichtet sind, eine normale Einathmung zu erlangen, keinen vortheilhaften Einfluß haben können, und kann ein Stotterheilverfahren, das nicht hierauf sein Augenmerk richtet, von keinem bleibenden Erfolge gekrönt werden. 5

Meistens entsteht in der Jugend durch Schreck sowie Krankheit, namentlich Krämpfe, Nervenfieber, häufig aber auch durch Kitzeln, eine starke und anhaltende Erschütterung des Zwerchfells und in Folge dessen eine Mangelhaftigkeit an ausgiebigen Athmungsbewegungen, eine kaum merkliche Aus dehnung der unteren(912) Rippen und eine nicht hinreichende Ausdehnung des Brustkorbs, während der Unterleib in ungewöhnlicher Weise beim Athemholen hervortritt.

Diese mangelhaften Athmungsbewegungen wer den habituell, und kommt dann das System der respiratorischen Nerven hauptsächlich mit zur Be theiligung.

Diese sind: Der Nervus vagus(10 Paar Lungenmagennerven), der Beinerv(manche Ana tomen halten den Beinerv für die motorische Wurzel des Vagus) und N. phrenicus s. respi- ratorius internus(Zwerchfellnerv); Letzterer ent steht mit einer schwächeren Wurzel vom dritten und einer stärkeren vom vierten Halsnerven, wie er dann auch noch Fäden vom fünften und sechssen aufnimmt, und Verbindungen mit dem mittlerem sympathischen Halsganglion, dem Vagus und dem Ramus descendens hypoglossi eingeht. Der N. phrenicus der rechten Seite spaltet sich vor dem Eintritt ins Zwerchfell in 67 Fäden, welche in gesonderten Zügen theils auf der Ober fläche dieses Muskels sich ausbreiten, theils durch die Oeffnung der vena cara zur unteren Flache gehen. Der linke phrenicus, der tiefer liegt, ist länger als der rechte, gibt Ramificationen an die convexe Zwerchfellfläche, durchbohrt das Zwerch fell mit mehreren Fäden, die an der concaven Fläche sich verästeln, und versieht auch die Schenkel des Zwerchfells und die Nebennieren mit Ausläufern.

Das psychische Bewußtsein des Stotterns wirkt derartig auf die angeführten Nerven, daß durch den Gedanken: du stotterst, das Zwerchfell krampfhaft in die Höhe gezogen wird, und dadurch Angstgefühl und beschleunigtes Herzklopfen entstebt; eine Krankheitserscheinung, die bei jedem Stottern den sichtbar und fühlbar ist. Dies Angstgefühl, an dem jeder Stotternde leidet, setzt ihn außer Stand, eine normale Einathmung zu machen und die eingeathmete Luft zum Sprechen zu verwenden.

Der gesunde Mensch spricht aus der Brust, indem er erst Athem holt, diesen zum Aussprechen eines Satzes oder Satztheils aufbraucht und dann mit neu geschöpftem weiter spricht.

Der Stotternde hingegen athmet einerseits nicht normal, anderseits ist er auch nicht im Stande, den geschöpften Athem zum Sprechen zu verwenden. Er läßt sofort wieder die Brust sinken, die eingeathmete Luft entströmen, und preßt dann die Worte gewaltsam hervor.

Eine Bestätigung erhält man noch durch Messung des Brustkorbs im Zustande der Ruhe (nach vollendeter Exspiration), aber auch durch Messung seiner Erweiterung während der In spiration, und beträgt die Differenz bei einem Stotternden kaum 12 Centimeter, bei normaler Inspiration indessen 4 bis 5 Centimeter. Eine andere Art der Untersuchung besteht in der Messung der ein⸗ und ausgeathmeten Luft. Nach meinem Athmungsmesser, der die eingeathmete Luft genau, kontrollirt, nimmt eine kräftig arbeitende Brust eines erwachsenden Menschen(ca. 30 Jahre alt) mit einem tiefen Athemzuge wenigstens 3276 Ku- bikcentimeter Luft in die Lungen; ein Kind von 10 Jahren mit jedem tiefen Athemzuge 936 Kubik centimeter Luft.

Ich lege mehr Werth auf das Inspiriren, als auf das Exspiriren, weil die meisten der Stottern deu nicht fähig sind tief einzuathmen.

Gleichwie ein anhaltender, unvollkommener f

16 L. Athmungsprozeß in Verbindung mit zu großer 0 1 Anstrengung der Bauchmuskeln beim Sprechen 9047 einen nachtheiligen Einfluß ausübt, so wirken 1 65

anderseits die gleichmäßigen, regelmäßigen Ath. mungen außerordentlich günstig auf den Organss⸗ mus, und findet man daher sehr oft unter den Stotternden Patienten, die an Congestionen, Kopfschmerzen und Schwindel leiden. Diese Krankheitserscheinungen verschwanden regelmäßig während der Kur.

Die Aussicht auf Heilung ist im Allgemeinen günstig, indem jeder Stotternde, der beim Singen nicht anstößt, und den ernstlichen Willen hat, Helen geheilt zu werden, durch das von mir erfundene, rationelle Heilverfahren dauernd eine gute, natür⸗ liche Sprache erlangen kann.

Die Behandlung eines Stotternden zerfällt in zwei Abtheilungen. Erstens: Die medieinische Be⸗ handlung besteht in Beseitigung des Zwerchfell⸗ krampfs(Stotterkrampf) und Entfernung des 1 resp. mangelhaften Athmungsprocesses, o daß der Patient im Stande ist, ohne An-

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strengung eine normale Inspiration zu machen. Diese normale Inspiration bezeichne ich mit dem 0 J a 2 u Alle Di NamenBillet. Vermag nun der Patient ein et babe Billet zu nehmen, so beginnt zweitens, die bei I dn de deen weitem schwierigere physische Behandlungsweise. 2 Diese erfordert von Seiten des Arztes oder Heil e Shulbele ö 0 7 N. erichtsmarn! lehrers eine unermüdliche Geduld, Ausdauer und zun an. fortwährend gespannte Aufmerksamkeit. Dabei ist gnicht schriftl. es von außerordentlichem Vortheile, wenn man, 9 roßde

wie dies bei mir der Fall, das Uebel aus Er-. fahrung an seinem eigenen Leibe kennen gelernt Zinnt hat, weil man sonst kein Ohr dafür hat, wenn Landgericht Einer der Patienten Worte oder Sätze auf gelinde

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Art herauspreßt. g Verst Die Bemühungen des Arztes oder Heillehrers e müssen von Seiten des Patienten durch Folgsam⸗ Fun 5

keit, Aufmerksamkeit und Fleiß unterstützt werden. Wunder geschehen nicht. Es wird Jeder geheilt,

Wehausung g Bürgschaft ve

der mit ernstlichem Willen den Anordnungen Lues Folge leisset.*

Die Dauer der Kur, um eine gute, natürliche] P t Sprache zu erhalten, ist verschieden, je nach der elf Individualität des Stotternden. Bei sehr vielen Peel genügt eine vierwöchentliche Behandlung um gut. sprechen zu können. 200 0.

Der Geheilte spricht wie jeder gesunde Mensch Lachen

aus der Brust, und zwar stets klar und deutlich, sein Organ hat sich bedeutend gekräftigt. Die Sprache ist ihm keine Anstrengung mehr, er athmet jetzt tief und mit kräftig auseinandergehender Brust;

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diese hat sich bedeutend entwickelt, und der hervor- getriebene Leib ist wieder normal geworden. In Die a Dies ist im Wesentlichen meine Ansicht über 1 in Stunmrtif die Krankheitserscheinung des Stotterns, sowie die nit 1 Grundlage meines Heilverfahrens, die praktische 4 Erfahrung hat dieselbe befestigt; und bezweifle I ea ick nicht, daß jeder denkende Arzt mit mir über⸗ idda am einstimmen wird. N Stottern ist eine Krankheit, mögen die Ursachen nun Nachahmung, Schreck, Krämpfe oder Folgen 3 einer Krankheit in der Jugend sein. 1 18 Vom pädagogischen Standpunkte nicht nur, I sondern auch vom medieinischen verdient das Stottern eine Beachtung, die ihm bis heute leiden 2 noch nicht in dem richtigen Maaße zu Theil ge F worden ist, obgleich ein nicht unbelrächtlicher Theil 2 6 der Menschheit daran leidet. E . Die so Handel und Verkehr. u grüne

Friedberg, 20. Mai. Waizen 16 fl. 50 kr.; Korn 9 13 Cl. 45 kr.; Gerste 13 fl. 10 kr.; Hafer 9 fl. 30 kr. 5. D. Alle Preise verstehen sich per 100 Kild. 4 Nm e Frankfurt, 18. Mai. Fruchtbericht. Mehl Nr. 1 den Dan u 27 fl., Nr. 2 25 ½ fl., Nr. 3 22½ fl., Nr. 4 18 ½ bis um

19 fl., Nr. 5 16⅝%17 fl., Roggenmehl/(Berliner Marke) 18½ fl., do II.(Berliner Marke) 12¾ fl. Waizen

effectiv hies. 17½ fl., Korn 11½133¼ fl., Gerste 13½ da dienen. bis 14 fl., Hafer 11½11¾ fl., Kehlsamen 16 fl., rde 1 Grbsen 42 14 fl., Wicen 10 fl. Linen 1217 fl. g len Rüböl 38 fl. Alle Preise versteben sich auf 100 Klo. Ju Veseg Frankfurt, 18. Mai. Der heutige Viehmarkt war W gut defahren. Angetrieben waren: 360 Ochsen, 200 Kühe, 7 212 Kälber und 300 Hämmel. Die Presse stellten sich: Ein

Ochsen 1. Qual. 42 fl., 2. Qual. 40 fl., Kühe 1. Qual. 38 12 2. Qual. 36 fl., Kälber 3830 fl., Häurmel 38 fl. per Eir.