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1874.
Samstag den 13. Juni.
69.
Oberhessischer Anzeig
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Die Petitzeile wird mit 4 Kreuzern berechnet.
Kreisblatt für den Kreis Friedberg.
Erscheint jeden Dienstag, Donnerslag und Samstag.
Diejenigen von Ihnen,
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Amtlicher Theil.
An die Ortsschulvorstände des Kreises Friedberg.
welche dem Auftrage in unserem an Sie erlassenen Ausschreiben vom 29. vorigen Monats noch nicht nachgekommen
ud, wollen solchen binnen 24 Stunden vollzieben. Die Sache wird sehr bedrängt.
Friedberg am 11. Juni 1874. Großherzogliche Kreisschulcommission Friedberg.
. E ö.* 7—— 2*— Deutsches Reich. Abhängigkeit des Processionswesens von der Er“ Meißen. Auf der evangelischen Kirchen-
Darmstadt, 9. Juni. Gelegentlich der geutigen Feier des Geburtstages des Großberzoge irklärte der Minister Hofmann, das Wohl des kandesherrn könne nicht von den öffentlichen, mit em deutschen Reiche innig verwachsenen In- eressen getrennt werden. Man dürfe die Opfer zicht vergessen, welche zur Begründung des Reiches sebracht seien. Strenge Arbeit sei noch die Auf— zabe der Einzelnen. Die Reformgesetze würden zächster Tage in Hessen verkündet werden, was um Wohle Hessens und des Reiches beitragen derde. Er hoffe, daß die starke und milde Hand dudwigs III. ferner in diesem Sinne fortwirke. 10. Juni. Abgeordnetenkammer. Auf Befragen Dumont's erklärt Ministerpräsident Hof— ann, daß die Regierung das Budget für die zaächste Periode nebst den erforderlich scheinenden Organisationsänderungen noch zeitig genug vor— gen werde, daß sie am 1. Januar 1876 in Kraft heten könnten. Der Antrag Schröder's wird mit schr großer Majorität abgelehnt, wodurch das Nachtragsbudget genebmigt ist.
— Nach dem„Reichsanzeiger“ wurden von trünneck, Maj. und Esc. Chef im Großh. 1(Garde) Dragoner⸗Rgt. Nr. 23. als etatsm. klabsossizier in das Husaren Regiment Nr. 11 id v. Westrell, Pr.-Lt. vom Hus.-Regt. Nr. 11, mier Beförderung zum Rittmeister und Esc.-Cbef das Großh. 1.(Garde-) Dragoner-Rgt. ver- lt. Frhr. von Weitershansen, Major aggr. zm 4. Großh. Inf.-Agt.(Prinz Carl) Nr. 118 zurde unter Verleihung eines Patents seiner arge in das Inf.-Regt. Nr. 25 einrangirt.
Berlin. Die„Provinzial-Correspondenz“ übt in einem Artikel„Die neuen Mai-Gesetze die Bischöse“ hervor, daß der bisherige Uiderstand der Bischöfe gegen diese Gesetze vor— ugsweise an die Forderung sich angeknüpft habe, I anzustellenden Geistlichen den resp. Oberpräsi- Unten naubaft zu machen. Diese Forderung wrde in antern Staaten obne Weigerung erfüllt und sei soeben noch in dem katholischen Oesterreich, glichfalls ohne vorherige Vereinbarung mit Rom, tiglich auf Grund der Souveränetät der staat— lden Gesetzgebung festgestellt. Der Artikel schließt: Te Führer der katholischen Bewegung können sa jetzt der Täuschung nicht mehr hingeben, daß en Zurückweichen der staatlichen Mächte von der mt innerer Nothwendigkeit betretenen Bahn lihendwie zu erwarten oder auch nur möglich sei. un so einfacher liegt jetzt die unausweichliche age, ob sie um eines nun völlig hoffnungslosen
uchtstrebens willen sich der inneren Zerrüttung n Kirche schuldig machen wollen.
— Die Nachricht, daß das Cultus ministerium i die nächste Landtagssession außer den Vorlagen cgeffend die Verwaltung des katholischen Kirchen- eint evermögens und das Ordens- und Kloster- bein auch noch eine solche über das Processtons- pin ausarbeite, dürfte etwas voreilig sein. Es hn sich in ditser Frage zwei Ansichten gegen i Die Einen verlangen nur eine ausgedehntere
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laubniß der Verwaltung, die Andern wollen, daß in Orten mit confessionell gemischter Bevölkerung öffentliche Processionen überbaupt verboten sein sollen. Bei dieser Differenz der Anschauungen ist es nicht wahrscheinlich, daß man im Cultus- ministerium die Frage zur legislativen Entscheidung bereits für reif hält.
Köln. Die„Köln. Ztg.“ erfährt aus London, zwischen der französischen und der englischen Re— gierung hätte betreffs Rochefort's und andtrer entflohener Deportirter ein Schriftwechsel statt— gefunden und sei die englische Regierung angeblich bereit, die Flüchtlinge im Falle einer Landung auszuliefern. Die Kron-Juristen hätten die An— sicht, daß Verbrechen vorlägen, welche die Aus— lieferung begründeten.
Paderborn, 10. Juni. Bischof Martin ist gestern Abend durch ein Schreiben des hiesigen Kreisgerichts vom 6. Juni aufgefordert worden, zur Verbüßung der gegen ihn wegen gesetzwidriger Besetzung der Pfarrstelle Alme erkannten 6wöchent— lichen Gefängnißbaft bei Vermeidung zwangsweiser Vorfübrung im hiesigen Inquisitoriat binnen spätestens acht Tagen sich einzufinden.
Posen. Der„Kuryer Poznanski“ meldet aus Gnesen die Beschlagnahme der Cassen des dortigen Consistoriums und des geistiichen Seminars. eL 10. Juni. Bei der gestrigen Beschlag— nahme des Vermögens des erzbischöflichen Stuhles wurden 123,000 Thlr. in Baarem und Werth— papieren mit Arrest belegt.
— 10. Juni.„Kuryer Poznanski“ meldet, das Gnesener Domkapitel sei gestern ebenfalls aufgefordert worden, einen Bisthumsverweser an Stelle des seines Amtes entsetzten Grafen Ledo— chowsfi innerhalb 10 Tagen zu wählen. [Wierschau, 9. Juni. Dem biesigen katho— lischen Pfarrer Vogel war der Aufenthalt hier nur bis zum Sonntag Mittag gestattet worden. Da er aber der Ausweisungs-Ordre nicht Folge leistete, so wurde er gestern um 3 Uhr Morgens hier verhaftet und abgeführt. In der Gemeinde berrscht große Bestürzung.
Eme, 11. Juni. Zu einem eintägigen Be— suche des Kaisers von Rußland trafen hierselbst von Wiesbaden der Prinz und die Prinzessin Karl von Preußen, sowie zwei Töchter des Prinzen Friedrich Karl ein. Dieselben wurden von dem Kaiser auf dem Bahnhofe empfangen.
Limburg, 6. Juni. Gestern erfolgte in der bischöflichen Wohnung eine abermalige Pfänd— ung für die ferneren im Betrag von 400 Thlr. gegen den Bischof verhängten Geldstrafen und Kosten. Es wurden u. A. 2 silberne Crucifixe und einige Bilder in Glas und Rahmen mit Beschlag belegt.
Diez, 8. Juni. Heute wurde Caplan Houben von Balduinstein in das hiesige Amtsgefängniß durch 2 Landjäger abgeführt, zur Verbüßung einer vierwöchigen Gefangnißstrefe, da er der Verfügung der k. Regierung entgegen den Regierungs-Bezirk
Wiesbaden nicht verließ.
Conferenz dahier wurden in Bezug auf die vom Reiche in Auesicht gestellte Einführung der Ver⸗ pflichtung zur bürgerlichen Eheschließung folgende allgemeine Sätze angenommen:„Die Einführung der obligatorischen Civilehe ist für die sächsische evangelische Landeskirche weder Bedürfniß noch Wunsch. Die Conferenz wünscht deren Nicht Einführung und Abwehr durch das Kirchen-Regi⸗ ment. Im Falle der Einführung durch das Reich wird sie sich derselben in der Hoffnung fügen, daß der Segen der kirchlichen Eheschließung nach wie vor begehrt werden wird. Sie wird Die— jenigen nicht als aus der Kirche ausgeschlossen betrachten, welche nur die Civilebe eingegangen sind, aber sie wird jede Einsegnung einer solchen Ehe als wider ihr Gewissen ablehnen. Eine kirchliche Einsegnung nach eingegangener Civilehe muß nothwendigerweise kostenfrei sein. Je mehr die Kirche sich von der äußeren Rechts-Formalität entkleidet fühlt, desto mehr hat sie auf die innere Weihe der Ehe zu achten.“ Die Verhandlungen über diese Sätze wurden zum Theil mit großer Bitterkeit geführt, namentlich zeichnete sich der frühere Cultus- und Unterrichts Minister Frhr. v. Falkenstein als ein eifriger Widersacher der Einführung der Verpflichtung zur bürgerlichen Eheschließung aus.
Meiningen, 8. Juni. Die zwischen Preußen und den thüringischen Staaten neuabgeschlossene Militär-Convention ist gestern hier publicirt worden. Dieselbe trütt mit dem nächsten 1. October in Wirlksamkeit und kann vor dem 1. October 1884 von keinem der beiden Theile gekündigt werden; geschieht dieses, so hört der Vertrag mit 1. Oc⸗ tober 1886 auf.
Ausland.
Frankreich. Versailles, 9. Juni. In der Nationalversammlung kam heute die Inter— pellation wegen des durch die Journale von Nevers veröffentlichten, von einem bonapartistischen Central— comite ausgegangenen Briefes, welcher ein Manöbver zu Gunsten der Wahl Bourgoing's darstelle, zur Verbandlung. Die Minister des Innern und der Justiz erklärten, daß sie gegen die Urbeber des Briefes vorgehen würden, falls sich das Comite als wirklich vorhanden erweise. Rouher bezeichnete das Document als unecht und verlangte eine strenge Untersuchung. Gambetta warf den Ministern der Finanzen und des Krieges vor, dag sie sich zu Mitschuldigen des Bonapatismus machten, und nannte die Bonapartisten„Elende“, wofür er zur Ordnung gerusen wurde.
Paris, 10. Junt. In der gestrigen Kammer- sigung geriethen Gambetta und Rouber aneinander und es kam zu heftigen Scenen. Gambetta datte die Bonapartisten„Elende“ genannt, und die ganze Linke und die Bonapartisten erhoben sich und drohten, sich gegenseitig gehörig durchzubläuen. Kein Ordnungsruf wurde mehr gehort und der Streit setzte sich bis in das Foper und auf die Straße sort. Als Herr Gambetta heute Mittag um ein Uhr auf dem Westbahnhofe erschien, um


