Ausgabe 
5.9.1874
 
Einzelbild herunterladen

indetnagel

den

0 * 1

l.

1874.

Samstag den 5. September.

12 1055

Oberhessischer Anzeiger.

Die Petitzeile wird mit 4 Kreuzern berechnet.

Kreisblatt für den Kreis Friedberg.

Erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag.

Deutsches Reich.

Friedberg. Unsere Regierung zieht den Antrag der Abgg. Schaub und Landmann auf Erhebung der hiesigen Blinden-Anstalt zu einer Staats- Anstalt, bezw. auf Unterstützung aus Staats- mitteln in Erwägung, nachdem die von den Lokal dehörden aufgestellten Uebersichten über die Zahl und Bildungsfähigkeit der Blinden es nachgewiesen zaben, welche segens reiche Folgen eine angemessene Interstützung jener bewährten Anstalt haben würde. S. Bad⸗Nauheim. Die gegenwärtige Zeit

st reich an Genüssen und Erregungen Kirchen zemeindewahl, Sedanfeier, Einquartierung, dem nächst große Manöver mit Kaiser und Kronprinz, Wettrennen, Festball, dazu immer noch frequente Nachsaison, und vor Allem neue Gemeinderaths- wahl! Die letztere beschäftigt jetzt die Gemüther unserer Einwohnerschaft am meisten und der, künf igen Montag den 7. d. M. stattfindende Wahl akt wird hoffentlich die heftig schlagenden Wellen wieder mehr glätten. Der Kur- und Verschöner ingsverein, welcher vornehmlich den Bade⸗-Industrie treibenden Theil der Berölkerung vertritt und deshalb an der Art der Zusammensetzung des zu ünstigen Gemeinderaths im höchsten Grade in eressirt ist, hielt am 31. v. M., Abends, eine Wahlversammlung, und war dieselbe von so vielen Männern besucht, daß sie der große und kleine Saal im Hotel Iburg kaum zu fassen vermochte. Der Vorstand des Vereins wurde von der Ver⸗ ammlung beauftragt, drei Mitglieder aus seiner Mitte zu wählen, und sollen sich diese 3 durch 5 Männer aus der Bürgerschaft zu einem Wahl⸗ nusschuß ergänzen, und einen Wahlzettel von 9 Hemeinderäthen aufstellen, die sich vorher ver- lichten, für Oeffentlichkeit der Gemeinderaths- igzungen einzutreten. Der Wahlausschuß hat sich nuch als bald constituirt, und wird es an Gemeinde athscandidaten nicht fehlen, da deren verschiedene Dutzende vorhanden sein sollen. Die Aufgabe es Wahlausschusses ist keine leichte, denn unsere Stadt befindet sich in der eigenthümlichen Lage, sehr Viele der Landbau treibenden Bevölker- ung und der Arbeiterklasse, durch einzelne wenige Darteiführer geleitet, die, soweit die Erinnerung urückreicht, stets zur Opposition gehörten, dem eueren Stadttheil oder der Bade⸗Industrie trei- zenden Bevölkerung, den sog. Vorstädtern niehr oder weniger schroff gegenüberstehen, obgleich eder Unpartheiische sich sagen muß, daß das Bad mit seinen 45000 Kurgästen und einem Jahres- imsatz von 4 500,000 fl. die pulsirende Ader zer Stadt ist, ohne die jetzt nur wenige Familien ben könnten. Jeder Grundbesitzer hat, abgesehen non dem s. Z. eingestrichenen hohen Verkaufspreise eines in den Park gefallenen Eigenthums, in der nurch das Bad ermöglichten besseren Verwerthung aämmtlicher Bodenerzeugnisse nicht blos directen Nutzen in seinem Einkommen, sondern auch in ner Größe seines Vermögens; denn der Werth her Grundstücke wird überall nach dem Reinertrag ser auf ihnen gebauten Produkte berechnet, und beispiele weise ist der Preis von einem an die Furgäste verkauften Glas frischer Milch ein sebr ober, die Kuhhaltung und der Futterbau geben dso durch das Bad enorm hohe Erträge. Zu- em sind unter den Landbau Treibenden keine 12 Familien, welche ihre jetzigen Bedürfnisse nur aus rem Uckerbau bestreiten könnten, und wenn Urbeiter, deten Weiber als Badewärterinnen mit um im Bade allein erworbenen Verdienste die

ganze Familie ernähren können, sich trotzdem zu Agitatoren gegen die Bade⸗Industrie-⸗Bevölkerung, gegendie Fremden werben lassen, so ist deren Ge⸗ bahren einfach unverständlich. Die Bade⸗Industrie hatte bei der letzten(und hiesigen 1. nach Großh Hess. Klassenwahlcensus vorgenommenen) Gemeinde-

Gemeinderath gefunden, und wird sie hoffentlich auch jetzt wieder nach neuem Gesetz und allge⸗ gemeinem Wahlrecht vorzunehmender Wahl finden; sie hat doch schon zu feste Wurzeln im Boden der Stadt Nauheim geschlagen, um sich durch bloses numerisches Uebergewicht der übrigen Wähler unterdrücken zu lassen, und die Parteiführer mögen wohl bedenken, daß sie durch eine solche Unter- drückung den Zank und Unfrieden in die Gemeinde hereinbringen. Denn die Bade- Industrie treibende Bevölkerung würde sich ganz gewiß nicht beding: ungslos unterwerfen, vielmehr in allen Fällen, in welchen sie sich, ihren Erwerb, die Existenz ihrer Familien geschädigt oder nur gefährdet sähe, bei den oberen Instanzen, wie Kreistag, Pro- vinzialtag und Ministerium Hülfe suchen und ge wiß auch nden. Schon deshalb möchte es klug sein, daß die Wähler in ihren Stimmzetteln Männer aus allen Klassen der Bevölkerung nehmen, und zudem sollten Bürger, welche ihre eigenen Söhne so erziehen lassen, daß sie als Gymnasiallehrer, Kaufleute, Bautechnicker 17. sich ihre Lebensstellungen außerhalb der Gemarkungsgrenzen unserer Stadt suchen müssen und auch finden, so politisch reif sein, daß sie ihre Mitbürger, auch wenn sie nicht mit Nauheimer Brunnenwasser getauft, sondern später zugegangen sind, hier aber Haus und Hof haben und Leid und Freud mit der Gemeinde tragen, nicht mehr als Fremde oder gar Ein dringlinge betrachten. Die Gemeinderaths- Candidaten selbst fördern sich zum Theil mit merkwürdigen Programms zu Tag. So soll ein Solcher den um ihn versammelten Wählern gesagt haben, er werde nicht nur die Communalsteuern wieder abschaffen, sondern auch dafür sorgen, daß die Gemeindeschulden getilgt und jedenfalls wieder Gemeindenutzen vertheilt würden. Schade, daß dies Talent nicht jetzt in Spanien seine Verwerthung sucht, wo es viel Chancen zu hohen Würden hätte, wir aber verweilen noch einen Augenblick bei einigen Zahlen. Bis zur Wahl des letzten, jetzt abtretendin Gemeinderathe im Jahre 1870, befanden sich die Bewohner Nauheims in der beneidenswerthen Lage, keine städtischen Abgaben zahlen zu müssen; von da an suchte der Stadt- säckel Hülfe bei den Steuerzahlern und verlangte im Jahre 1870 fl. 1413, in 1871 fl. 3110, in 1872 fl. 6017, in 1873 fl. 7189 und in 1874 fl. 7154 in Form von Communalsteuern. Daraus wird bei der gegenwärtigen Wahlbeweg- ung Kapital zu schlagen gesucht, und man hört es offen aussprechen, daß dieVorstädter und ihre resp. Vertreter im Gemeinderath die Com- munalsteuern verursacht hätten. Betrachten wir zehn vordere Jahre, 1860 1869, so war die Gesammteinnahme in diesen 10 Jahren 342,513 fl., im Durchschnitt also 34,000 fl. jährlich. Es wurden in dieser Zeit neue Schulden contrahirt, 63,100 fl., und alte Schulden abgetragen, 18,900 fl., sonach die Stadt mit wirklichen neuen Schulden belastet, 44,200 fl., und wenn der vom früheren Gemeinderath bewilligte Schulhausbau mit 30,000 fl. abgerechnet wird, bleiben immer noch 14,000 fl. neue Schulden. In denselben 10

rathswahl im Jahre 1870 ihre Vertretung im

Jahren wurden für verkaufte Gemeindegrundstücke vereinnahmt 21,800 fl.; dazu obige 14,000 fl. neuere Schulden, macht zusammen eine Verringerung des Gemeindevermögens von 35,800 fl., also pre Jahr 3580 fl. Wie lange, fragt sich jeder Ver⸗ nünftige, wird eine Gemeinde so wirthschaften können, daß sie alljährlich 3500 fl. von ihrem Vermögen zu laufenden Gemeindeausgaben ver⸗ braucht, anstatt diese Summe in Form von Com- munalsteuern von ihren Bürgern zu fordern? Nach. Großh. Hess. Gesetzgebung war ein solcher Emeindehaushalt alsbald unmöglich, weil un- gesetzlich, und der neue Gemeinderath mußte von 1870 an Hülfe in der Steuerkraft der Einwohner- schaft suchen; er tritt nunmehr von dem Platz seiner seitherigen Thätigkeit gewiß mit dem vollen Bewußtsein treuer und gewissenhafter Pflicht- erfüllung zurück, und wir Alle wünschen aus aufrichtigem Herzen eine gedeihliche Weiterentwick lung der Kurstadt, ihrer Bade-Industrie, ihres Acker baues!

Darmstadt. Wie dieDarmst. Ztg. ofst⸗ tiell meldet, wird vom 1. Januar 1875 an die Markrechnung im Großherzogthum Hessen eingeführt.

Nach F. 141 der deutschen Gewerbe⸗ Ordnung bleiben bis zum Erlaß eines Reichsge⸗ setzes die Anordnungen der Landesgesetze über die Kranken ⸗Hülfs⸗ und Sterbe⸗Cassen für Gesellen, Fabrikarbeiter und Gehulfen in Kraft. Die Re- gelung dieser wichtigen Materie durch ein Reichs gesetz scheint Seitens des Reichskanzleramtes beabsichtigt, und die Verwaltungsbehörden sind angewiesen, über den Stand der Hülfs-Cassen der einzelnen Bezirke, Zabl der Mitglieder, Höhe der Beiträge u. s. w. statistische Uebersichten einzusenden.

Berlin. Einem längeren Artikel derKreuz⸗ Zig. über das Taubstummen Wesen entnehmen wir die Angabe, daß es in Preußen 19 20,000 Taubstumme, in Berlin 654 gibt. Die Provinz Brandendurg hat eine(in Berlin) k. Taubstummen⸗ Schule, welche 120 Zöglinge aufnehmen kann, dei 800 taubstummen Kindern im unterrichtsfähigen Alter. Welch eine Arbeit bleibt hier noch zu thun.

Posen, 2. Sept. DiePos. Ztg. meldet: Sämmtliche acht inhaftirte Einwohner von ions wurden nach Schrimm abgeführt. Probst Kubeczak nahm heute ohne Störung die erste geistliche Function vor, derselbe segnete mit Erlaubniß der Eltern die Leiche eines Kindes ein.

Fulda. Trotzdem die amtliche Verschließung und Versiegelung des Dipperzer Pfarrhauses nun eine vollendete Thatsache ist, hat der ausgewiesene Pfarrer dieser widerspenstigen Gemeinde Dipperz immer noch nicht verlassen, sondern halt noch täg⸗ lich öffentlichen Gottes dienst. Der Bürgermeister, welcher deshalb vor dem biesigen Landrathsamte darüber verhört wurde, weigerte sich hartnäckig, speciellere Angaben über den zeitweiligen Aufent⸗ haltsort Helfrich's zu machen. Es ist deshalb Seitens der Regierung die Anordnung getroffen worden, daß derselbe nunmehr vor dem biesigen Polizeigerichte eidlich abgebört werden soll.

Chemnitz. DieChemn. Nachr. melden: Der Bäcker Boster aus Mittweida, der in den Verdacht eines Attentatsversuches gekommen und in Kissingen verhaftet worden war, ist nach zehn Tage langer Haft als völlig unschuldig entlassen worden.

München. In Passau ist kürzlich das Denk- mal für gesallene Krieger in vandalischer Weise verstümmelt worden. Dieser Verstümmelung hat