Ausgabe 
18.1.1873
 
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der Beamtenstellen gleicher Kategorie. Etatsmäßige Dienststellen dürfen aber nur dann auf Frauen übertragen werden, wenn qualificirte Militär⸗An⸗ wärter nicht vorhanden sind.

15. Jan. Das Abgeordnetenhaus beschloß

über den Antrag Wagner's, betreffend die Er⸗

richtung einer Universität in Posen, welchen der Cultusminister als unausführbar erklärte, den Uebergang zur Tagesordnung.

16. Jan. Das Haus der Abgeordneten trat heute in die erste Berathung der Gesetzes⸗ vorlage über die Vorbildung der Geistlichen ein. Neun Redner hatten sich gegen, 16 für die Vor lage eingeschrieben. Bennigsen wandte sich in längerer Rede gegen die beiden Reichensperger und gab zwar zu, daß die Vorlagen des Cultus⸗ ministers Falk Verfassungsänderungen involviren, hob aber deren Nothwendigkeit seit Herstellung des Nationalstaates und dem staatsfeindlichen Treiben der Klerikalen gegenüber hervor, welche auf Com- mando von außen conservativ oder liberal oder revolutionär seien, und mahnte alle Parteien, denen das Wohl des Vaterlandes über die Herr⸗ schaft einer einzelnen Partei gehe, zusammenzu⸗ stehen; einer solchen Haltung werde bei dem der deutschen Nation eigenen Wissensdurste und frommen Sinne der Sieg nicht fehlen. Redner sprach sich für Commissionsberathung aus. Nachdem noch die Abgeordneten Duncker, Bruel und Graf Limburg Styrum für die Vorlage gesprochen hatten, wurde die Debatte auf morgen vertagt.

Die Summe, welche die Regierung durch eine demnächstige Vorlage bezüglich der Bewil⸗ ligung außerordentlicher Mittel zur Abhülfe für den Nothstand der durch die Sturmfluthen Be⸗ schädigten verlangen wird, beträgt, wie aus sicherer Quelle verlautet, 3 bis 4 Millionen. Die Morgen ⸗Zeitungen veröffentlichen eine von zwölf Berliner Geistlichen unterzeichnete Eingabe an den O berkirchenrath, welche beantragt, die Amtsentsetzung Dr. Sydow's zu casstren; die Unterzeichner erklären ihre Uebereinstimmung mit Sydow in allen Stücken, welche dessen Absetzung begründen sollen.

Nach der Köln. Ztg. haben zwischen dem König und der Staatsregierung Erörterungen stattgefunden, bezüglich einer Hoftrauer in Folge des Ablebens Napoleons. Das auswärtige Amt soll sich für eine Hoftrauer ausgesprochen haben, während auf der anderen Seite auf die Volks- stimmung hingewiesen wird, welche sich einer an⸗ gesagten Hoftrauer entschieden antipathisch bezeigen wird.

Ausland.

Schweiz. Die Genfer Regierung erklärte dem Bundesrathe, die Intervention des päpstlichen Stuhles in die inneren Angelegenheiten Genfs erscheine ihr als ein Attentat auf seine Unab- hängigkeit und Stillschweigen die würdigste Ant⸗ wort, alle Proteste des Nuntius würden daher ad acta gelegt.

Frankreich. Vor der Dreißiger⸗Commission entwickelte Thiers ausführlich seine bereits der Subtommission dargelegten Ansichten und besteht sehr auf dem Verlangen nach einer Vereinigung. Eine Vereinigung sei im Interesse des Landes und um die Befreiung des Gebietes vollends zu erlangen, nöthig. Thiers nahm den eingebrachten Vorschlag an, aber mit einigen Vorbehalten, welche er der Subcommission unterbreitete. Thiers glaubt, daß die Frist für das Veto völlig unzureichend sei, und schlägt eine Frist von vier Monaten an- statt eines Monats vor, protestirt gegen die Förm⸗ lichkeit einer Botschaft bei jedem Falle, in dem er sprechen will, sowie gegen die Verpflichtung, die Versammlung nach gehaltener Rede zu verlassen, will die Ermächtigung zum Besuch der Versammlung im Falle der Stellung einer Interpellation, und verlangt, daß die zweite Kammer mindestens zwei Monate vor Auflösung der Nationalsersammlung constituirt, sowie der Exeeutivgewalt wenigstens auf sechs Wochen über die Dauer der jetzigen Nationalversammlung verlängert werde. Nach Thiers Rede wurde die Sitzung geschlossen.

In parlamentarischen Kreisen wird allseitig bestätigt, daß zwischen Thiers und dem Dreißiger⸗ Ausschuß eine vollständige Uebereinstimmung er⸗ zielt worden ist. Die Commission arbeitet an einem Bericht, welcher das Uebereinkommen in seinen Einzelheiten darlegt. Der Bericht wird am 17. d. zur Verlesung kommen. Die Reise Thiers nach Calais ist noch unbestimmt.

Die Frau des Marschalls Bazaine hatte kürzlich eine Audienz bei dem Präsidenten der Republik; sie bat dringend um Beschleunigung des gegen ihren Gatten eingeleiteten Prozesses. Herr Thiers empfing Frau Bazaine auf das Freund- lichste, aber er verhehlte ihr nicht, daß er den Augenblick, da die öffentlichen Verhandlungen be⸗ ginnen würden, selbst noch nicht vorhersehen könne.

In einem kürzlich verhandelten Civil⸗ Processe wurde in amtlichen Zeugnissen die That- sache erwähnt, daß nach der Einnahme von Paris durch die regulären Truppen der Commune⸗Oberst Bruncl in dem Wandschrank einer am Vendome⸗ Platze gelegenen Wohnung entdeckt und auf der Stelle füsilirt worden sei. Heute erhält nun die République francaise von dem Oberst Brunel aus London eine Zuschrift, aus welcher hervor- geht, daß derselbe niemals von den Versailler er- griffen, sondern im Kampfe am Chateau d'Cau verwundet und dann nach England entkommen sei, auch daß es in der Commune Acmee kein anderes Individuum seines Namens gegeben hätte. Es kam wieder ein trauriger Fall von Verwechs⸗ lung zu Tage, in Folge deren, Dank dem sum- marischen Verfahren der vordringenden Truppen, ein Unschuldiger zum Tode geführt worden ist.

Großbritannien. Die Königin empfing den Grafen Schuwaloff. Vor Ablauf der Woche wird, derDaily News zufolge, die englische Antworts⸗Erklärung auf die Eröffnungen des rus⸗ sischen Cabinets in einer besonderen Note nach Petersburg abgehen. Viscount Sydney vertritt die Königin bei dem Leichenbegängniß Napoleons. Zur Parade Ausstellung der Leiche hatten sich 25,000 bis 28,000 Besucher nach Chislehurst begeben.

Nachrichten aus Athen zufolge antwortete die griechische Regierung den Gesandten der be treffenden Mächte in Athen, daß sie bereit sei, ein Schiedsgericht in der Laurionfrage anzunehmen, wenn alle Großmächte dahin erkennen, daß die Laurionfrage eine internationale sei.

Die Leichenfeierlichkeiten in Chislehurst begannen am 15. d. um 11 Uhr, wo der Leichen⸗ zug das Sterbehaus(Napoleons) verließ. Um 11½ Uhr kam derselbe in der Mariakirche an. Die Haltung der Zuschauer, etwa 12,000 an der Zahl, war sehr ruhig und angemessen; es erfolgte keinerlei Kundgebung.

Wie aus Chislehurst gemeldet wird, haben alle Beamten und Bedienten des exkaiserlichen Hofes Befehl erhalten, denPrince impérial als Kaiser zu behandeln und mitMajestät anzu⸗ reden. Die Kaiserin selbst hat den Titel:Im- pératrice Regente angenommen. An die bona partistischen Blätter in Frankreich ist der Befehl ergangen, nicht mehr vomkaiserlichen Prinzen, sondern nur noch vonNapoleon IV. zu sprechen, und sie kommen demselben auch eifrig nach, da sie ihre Artikel mit:Der Kaiser ist todt! Es lebe der Kaiser! Napoleon III. ist todt, es lebe Napoleon IV.! beenden. Die Landestrauer, die von Chislehurst angeordnet wurde, wird eine Dauer von drei Monaten haben. DerOrdre kündigt dieses an der Spitze seiner Spalten in fetter Schrift an. Zugleich bringt dieses Blatt wieder einen Artikel zu Gunsten Napoleons IV., der ihm zufolge allein Aussicht hat, den franzö⸗ sischen Thron binnen Kurzem zu besteigen. Wie man jetzt berichtet, hinterläßt Napoleon III. kein politisches Testament; er hatte zwar eines vor dem italienischen Feldzuge, ein zweites vor seiner Reise nach Algier verfaßt, beide aber sind jetzt natürlich veraltet, weil sie nicht für die Familie des entthronten Kaisers bestimmt waren,

Nachrichten aus Zanzibar melden den Ein⸗ gang eines Briefes aus Unyauyembi vom 30. Nov., wonach die von Stanley ausgerüstete Expedition

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s. Z. wirklich bei Livingstone eingetroffen und Letzterer am 18. August nach dem Innern aufge⸗ brochen wäre. Von Livingstone selbst ist kein Brief eingegangen. Ein Telegramm derDailß News aus Newyork vom 15. d. meldet: Die Halbinsel und die Bucht von Samanar(Haiti) ist an eine amerikanische Gesellschaft auf 99 Jahre für eine Jahresrente von 150,000 Doll. verpachtet. Der Senat von Domingo hat den Vertrag ratificirt. Rußland. In Odessa brannte am Morgen des 14. d. das dortige Stadttheater ab. Das Gebäude war um 150,000, die Mobilien um N 15,000 Rubel bei der russischen Versicherungs⸗ i Gesellschaft versichert. 1

Friedberg. Wie riesig die Geschäfte des hiesigen Vorschuß⸗ und Creditvereins wachsen und welches Ver⸗ trauen berselbe in der Geschäftswelt genießt, geht aus 5 Nachstehendem hervor. Der Gesammtumschlag des Ver⸗ g eins betrug nach sicherer Miltheilung im Jahre 1872 oi ungefähr sech es Millionen Gulden. N Frankfurt. In der Nacht vom Sonntag zum Montag wurde vor Abgang des letzten Zuges von Frank⸗ furt nach Offenbach, um 11½ Uhr, quer über dem Bette Schienengeleise der Offenbacher Bahn, etwa 200 Schritte von dem Wärterhause am Speckweg bei Oberrad ent: fernt, eine Eisenbahnschiene gefunden. Der betr. Eisen⸗ babnwärter ist glücklicherweise von einem Vorübergehenden noch rechtzeitig benachrichtigt worden, um die Folgen dieser ruchlosen Handlung verhindern zu können. Hoffent⸗ lich wird es der schwebenden Untersuchung gelingen, die Anstifter zu ermitteln und zur Strafe zu bringen. Die Warnung der k. Polizeibehörde vor dem Genusse ausländischer Schweinewaaren war nicht unnöthig, denn nach einer bei der Polizei⸗ und Sanitätsbehörde erfolgten Anzeige sind fünf Personen in Folge des Genusses von rohem Schinken an der Trichinosis erkrankt. Frankfurt. Am Mitwoch Abend wurde aus dem um 8 Uhr 30 Minuten zur Abfahrt bereitstehenden Zuge 7 der Main⸗Weserbahn heraus ein Postconducteur verhaftet.. Darmstadt. Die Generalversammlung der hiesigen* Saalbau-Actien-Gesellschaft war zahlreich besucht. Zur 5 vollständigen Instandsetzung des Baues sind noch 125,000 fl. erforderlich, welcher Betrag wo möglich durch neue Actien⸗ Emission zu decken wäre. Ein nicht unbeträchtlicher Theil des fehlenden Capitals wurde sofort gezeichnet.

Mainz. In der Sitzung vom 14. d. hatte sich der Assisenhof mit einer Kindesmörderin zu befassen. Maria Hofmann aus Michelstadt, Dienstmagd dahier, hatte mit einem Soldaten des 118. Regiments ein Verhältniß, dessen 1 Folgen sie heute auf die Anklagebank führten. Nachdem sie im Accouchement einem Kinde das Leben gegeben, gab ung sie es in Kost und ging wieder als Magd in Diensten. 1

Sie war stets heiter, munter und vergnügt und selbst 8, an dem Abende es war im August v. J. an ei welchem sie das arme Würmchen von der Pflegefrau ab- holte und von der Brücke aus in den Rhein warf, will* ie i. Niemand eine Niedergeschlagenheit oder überhaupt irgend flute eine Veränderung an ihr wahrgenommen haben. Obwohl 10 sie nicht leugnet, ihr Kind in den Rhein geworsen zu i de haben, will sie sich des Vorganges gar nicht mehr b. 1 sinnen können, überhaupt nicht wissen, was sie damals osm gethan. Das Kind war bei der That etwa einen Monat fi alt und wurde die Leiche desselben in Bingen geländet. niz Das Urtheil lautete auf 7 Jahre Zuchthaus. Höch

Worms. Die beiden Kanonen, welche dem hiesigen heat Bataillon(von den durch eine Abtheilung desselben bei 0 uht Chambord eroberten 5 Stück) von dem Großherzoge ge- roy schenkt wurden, haben nunmehr auf dem Marktplatze in 0 orst der Hauptwache ihre Aufstellung gefunden, wo sie der Sit Gegenstand der Neugierde des großen und kleinen Publi⸗ e kums sind. et

Wiesbaden. Der Gesammt-Gewinn der Spielbank Im; in dem Jahre 1872 benägt 2,800,000 Gulden, der brach Winter⸗Gewinn 675,990 Gulden, die Winter-Dividende 20 pCt. N

Berlin. Die 25 größten Städte Europas haben nach den neuesten statistischen Erhebungen folgende Ein⸗ wohnerzahl: London 3,800,000, Paris 1,850,000, Kon⸗ stantinopel 1,075,000, Wien mit Vorstädten 900,000, Berlin 830,000, St. Petersburg 670000, Liverpool 520,000, Manchester mit Salford 500 000, Glasgow 470,000, Neapel 440,000, Moskau 400,000, Birming⸗ ham 370,000, Lyon 324,000, Dublin 320,000, Madrid 318,000, Brüssel mit Vorstädten 318,000, Marseille 312,000, Pest⸗Ofen 280,000, Amsterdam 280,000, Leeds 260,000, Lissabon 260,000, Warschau 250,000, Hamburg 236,000, Rom 226,000, Turin 210,000.

Productenbörse zu Friedberg

am 16. Januar. Heutiger Preis loco Waizen, gute Qualität, fl. 14. 50. Korn, fl. 9. 50. Gerste, fl. 9. 50fl. 10. Hafer, fl. 7. 15. Kartoffeln, fl. 2 3035. Alle Preise verstehen sich 200 Pfund= 100 Kilo.

Nächste Börse, Donnerstag den 23. Januar. in